Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

„Wo sind wir gerade?“ „Keine Ahnung, schau doch mal auf die Karte.“ Sei es nun ein Bodenplan oder eine Landkarte des Reiches: Karten sind fester Bestandteil fast aller Rollenspiele. Das Tool Inkarnate verspricht, dass es jedem ermöglicht in kurzer Zeit professionelle Karten zu erstellen. Ob das stimmt, zeigt unser Tooltest.

Karten waren schon immer der Versuch, etwas ungeheuer Großes und Komplexes so herunterzubrechen und zu abstrahieren, dass es (in der Regel) auf einem großen Stück Papier Platz finden kann. Deswegen verwundert es nicht, dass diese uralte Kulturtechnik sich auch im Rollenspiel einen festen Platz erobert hat. Es gibt viele Beispiele wunderschön gestalteter Karten, Galaxien oder Städte, denen man das Talent und die unzähligen Arbeitsstunden des Künstlers förmlich ansieht. Guckt man hingegen auf seinen eigenen Spieltisch, findet sich dort – zumindest beim Autor – oft eine improvisierte Skizze auf Karopapier, für die sich ein mittelmäßig begabter Grundschüler schon eher schämen würde. Damit nun nicht der große Frust ausbricht, verspricht Inkarnate Abhilfe. Das Tool soll selbst unbegabte Pixelkleckser zu kompetenten Kartografen machen. Grund genug, sich das Programm einmal anzusehen.

Grundlegendes

Fangen wir bei der Betrachtung erst einmal allgemein an. Bei Inkarnate handelt es sich um ein webbasiertes Zeichentool. Die Anmeldung ist grundsätzlich kostenlos, allerdings werden Gebühren fällig, wenn man die erstellten Karten kommerziell nutzen möchte. Sollte das jemand in Erwägung ziehen, so wird er direkt auf der Startseite an die entsprechende Stelle verwiesen. Für den Hausgebrauch fallen aber keine Gebühren an, was vielen Rollenspielern entgegenkommen dürfte.

Zuerst muss jedoch die wichtigste Einschränkung des Tools benannt werden. Inkarnate ist von Haus aus lediglich dazu geeignet Fantasy-Landkarten zu erstellen. Hintergründe, Vorlagen oder Objekte, um Pläne einer Stadt, moderne Karten oder Bodenpläne zu erstellen, fehlen leider komplett. Die Funktionalität des Tools ist also sehr stark auf eine bestimmte Art von Karte fokussiert und man sollte kein Allheilmittel erwarten.

Wichtig zu wissen ist allerdings ebenfalls, dass es sich bei dem Tool offiziell noch immer um eine Betaversion handelt und damit das Produkt nicht als fertig entwickelt angesehen werden darf, auch wenn die Beta seit fast drei Jahren läuft. Der Launch datiert auf den Juli 2015 und seitdem melden sich die Entwickler in unregelmäßigen Abständen alle paar Monate zu Wort. Die letzte Meldung ist knapp ein Jahr alt. Alle weiteren Ausführungen sollten also unter dieser Einschränkung gelesen werden.

Die Inkarnate-Startseite
Die Inkarnate-Startseite

 

Funktionsumfang

Der erste Eindruck

Nachdem man sich einen Account erstellt hat, was man entweder per Mail oder per Facebook Connector machen kann, landet man auf der Übersichtsseite seiner Karten. Diese Übersicht ist relativ neutral und funktional gehalten. Während der Anmeldebildschirm noch mit einem großen Artwork aufwartete, dominieren hier nüchterne Grau- und Schwarztöne. Das ist natürlich nicht unbedingt schlecht, da es die Übersichtlichkeit erhöht, aber der Stilbruch ist eindeutig nicht zu übersehen.

Sollte man schon mehrere Karten erstellt haben, so kann man sie hier bearbeiten oder löschen. Natürlich kann man aber auch eine komplett neue erstellen. Es ist außerdem möglich von der Startseite aus auf seine Notizen zuzugreifen, die man auf verschiedenen Karten hinterlegt hat, wenn man direkt zu einer springen möchte. Weitere Funktionen sind auf der Startseite nicht zu finden. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn schließlich meldet man sich ja aus einem ganz bestimmten Grund bei einem Kartenerstellungsprogramm an. Da stört es also nicht, wenn der Funktionsumfang auf den ersten Blick etwas dürftig wirkt.

Die sehr aufgeräumte Übersicht
Die sehr aufgeräumte Übersicht

Die erste eigene Karte

Der neue Nutzer wird also frohen Mutes auf den „Create“ Button drücken und seit neustem dann wählen müssen, ob er eine Standard- oder eine Premiumkarte erstellen möchte. Der Unterschied liegt in der Auflösung und den verfügbaren Assets, also den Icons, Bildern etc., die dem Benutzer zur Verfügung stehen. Alle weiteren Ausführungen beziehen sich auf die Standardversion, da die Premiumversion erst vor Kurzem online gestellt wurde und deswegen noch nicht ausreichend getestet werden konnte.

Gehen wir also davon aus, dass der geneigte SL den „Create“ Button gedrückt und sich für die Standardversion entschieden hat. Dann wird er nach einer kurzen Wartezeit von einem Fenster mit einem endlosen blauen Ozean begrüßt. An der linken Seite und am oberen Rand finden sich Schaltflächen. Das war es dann auch erst einmal. Ein Tutorial oder eine Einführung in die Funktionen sucht der neue Nutzer vergebens. Also muss man sich allein damit auseinandersetzen. Die Funktionsvielfalt ist ohnehin überschaubar und jedem Nutzer einsichtig, der sich schon einmal grundlegend mit Bildbearbeitung beschäftigt hat. Also kann man sich direkt ins Vergnügen stürzen.

Die Basisfunktionen

Man kann nun die verschiedenen grundlegenden Funktionen nutzen. Um Landmassen hinzuzufügen, steht das „Sculpt-Tool“ zur Verfügung, bei dem man die Art des Landes (Wüste, Ebene etc.) und die Form, in der man es hinzufügen will (Hexagon, Kreis oder Block), auswählen kann. Will man Flüsse, Seen oder ähnliches haben, so muss man die Bereiche entweder direkt frei lassen oder das Land später wieder entfernen. Eine Funktion, mit der man verschiedene Ebenen anlegen kann, fehlt, ebenso wie ein „Undo“ Button, mit dem man eine ausgerutschte Maus schnell korrigieren könnte. In der Praxis bedeutet das, dass man relativ viel hinzufügen und löschen wird, ehe man die Landmasse nach seinen Vorstellungen gestaltet hat. Wie bei allem kommt es in diesem Schritt auch darauf an, wie genau die eigene Vorstellung ist und wie detailverliebt man an die Sache herangehen will.

Die Benutzung zeigt sich nicht in allen Stellen intuitiv.

Jemand, der nur einen gleichfarbigen Hintergrund will, der aber trotzdem eine gewisse optische Textur aufweist, ist hier hervorragend bedient und muss nicht in kleinteiliger Arbeit einen solchen Hintergrund selbst erstellen. Vorausgesetzt natürlich man weiß, dass man den Hintergrund selbst mithilfe des „Brush“ auswählen muss. Außerdem wird man mit einiger Zoomarbeit konfrontiert, wenn man Details in die Karte einbringen möchte.

Das funktioniert leider nicht mit dem Mausrad, sondern muss manuell mit einem Schieberegler und dem „Zoom-Tool“ bewerkstelligt werden, genau wie die Einstellung der Pinselgröße. Man gewöhnt sich zwar relativ schnell daran, aber ein Paradebeispiel für einfache und intuitive Bedienung ist das Programm hier leider nicht. Man fühlt sich vielmehr etwas in der Zeit zurückversetzt.

Nun hat man also Land und Wasser gestaltet und seiner Karte die grobe Form gegeben. Aber das allein hilft ja noch nicht weiter. Man will ja auch besondere Orte anzeigen, wegen derer man die Karte in erster Linie begonnen hat. „Object“ und „Pattern“ helfen einem hier weiter. Mit ersterem lassen sich menschengemachte Objekte wie Städte, Brücken, Tempel, Türme etc. hinzufügen, mit dem zweiten natürliche Objekte wie Bäume, Berge oder Hügel. Je nachdem, ob ich eine Welt- oder Regionskarte erstellen will, kann ich mir die entsprechenden Objekte heraussuchen, die sich auch in ihrer Größe anpassen lassen. „Object“ bietet mir eine angenehme Varianz in den Dingen, oftmals sogar in einer naturalistischen und einer stilisierten Form. „Pattern“ hingegen ist mit gerade mal fünf verschiedenen Objekten wirklich etwas dünn aufgestellt, auch wenn man bedenkt, dass die Premiumvariante hier vermutlich mehr zu bieten haben wird.

Damit die hinzugefügten Städte und Türme nicht namenlos bleiben müssen, kann ich mittels des „Text-Tools“ nun noch Beschreibungen hinzufügen, bei denen ich Schriftgröße und -art in gewissem Rahmen ändern kann. Flugs noch eine Notiz mittels „Note-Tool“ hinzugefügt und man ist fertig. Wer mag, der kann noch ein Block- oder Hexgrid über das Bild legen, um die Karte für einen Crawl oder den taktischen Kampf zu nutzen. Dann aber hat man jede grundlegende Funktion benutzt, wenn man Funktionen wie Speichern und Export nicht eigens erwähnt.

Die Umgebung des Dörfchens Freisass
Die Umgebung des Dörfchens Freisass

Stärken und Schwächen des Tools

Nachdem wir jetzt die Funktionen des Tools betrachtet haben, wird es Zeit einen Kassensturz zu machen. Wo sind die Stärken des Tools? Was sind seine Einschränkungen? Worauf lasse ich mich ein, wenn ich mit Inkarnate eine Karte erstelle?

Vorteile

Der größte Vorteil von Inkarnate ist sicherlich, dass ich ohne große Vorkenntnisse vernünftig aussehende Karten erstellen und ausdrucken kann. Wenn mir die Zeit oder die Kenntnisse fehlen, mich mit GIMP oder Photoshop dem Problem zu nähern, dann bietet Inkarnate mir eine Alternative mit niedriger Einstiegshürde. Bei grundlegenden Kenntnissen von Bildbearbeitungsprogrammen kann ich mit einer Stunde Zeit brauchbare Karten erstellen.

Auch für Abwechslung ist gesorgt. Es sind genug verschiedene vorgefertigte Assets vorhanden, um eine abwechslungsreiche und interessante Karte zu gestalten. Durch die Reduzierung der Funktionen verliert auch ein Anfänger nicht den Überblick und kann mit moderatem Zeiteinsatz die Funktionen meistern.

Einschränkungen

Wie schon weiter oben erwähnt, muss man sich darüber klar sein, dass man lediglich Welt- und Regionskarten für grob mittelalterliche Fantasywelten erstellen kann. Szenarien für die Gegenwart, Science-Fiction, die Antike oder andere werden von den mitgelieferten Assets nicht abgedeckt. Auch Stadtpläne oder Bodenpläne sind nicht möglich. Insgesamt sind die Einsatzmöglichkeiten also begrenzt.

Auch die Bedienung des Tools ist mitunter seltsam funktionsarm. Basale Funktionen wie „Undo“, Zoom mit Mausrad oder die Anlage verschiedener Ebenen fehlt vollkommen. Für Anfänger mag das vollkommen in Ordnung sein. Für Nutzer die etwas Vorerfahrung mitbringen, bedeutet es allerdings eine längere Umstellung.

My map-making process in Inkarnate

Fazit – Für wen lohnt sich Inkarnate?

Für wen lohnt es sich nun, sich mit dem Tool auseinanderzusetzen? Erfahrene Bildbearbeiter werden voraussichtlich weiterhin zu Funktionsmonstern wie GIMP und Photoshop greifen, die dem Eingeweihten zahllose Möglichkeiten zur Individualisierung und Gestaltung liefern, bei denen Inkarnate nicht mithalten kann. Komplette Neulinge müssen einige Zeit aufwenden, um sich mit den verschiedenen Tools zu befassen und die Logik hinter der Benutzeroberfläche zu verstehen, die den Neunutzer nicht gerade mit mustergültiger intuitiver Bedienung beeindruckt. Es bleibt eine relativ schmale Schicht übrig.

Leidlich erfahrene Bildbearbeiter, die entweder über wenig Zeit verfügen oder keine Muße für aufwendige Bearbeitungen haben, werden hier auf jeden Fall fündig werden. Man kann mit wenig Aufwand recht brauchbare Karten herstellen, die der normalen Handzeichnung definitiv überlegen sind. Auf den ersten Blick ist eine gute Inkarnate-Karte für das Auge eines durchschnittlichen Betrachters auch nicht von einer Photoshop-Karte zu unterscheiden. Allerdings erkennt man den Inkarnate-Stil, aufgrund der eingeschränkten Auswahl, relativ schnell wieder. Inkarnate bietet eine sanfte Lernkurve, die dann relativ schnell ein Plateau erreicht.

Auf Reddit unterhält Inkarnate eine Diskussionsplattform, auf welcher Nutzer ihre Karten vorstellen

Wenn man mal eben schnell eine Fantasy-Karte braucht, dann erledigt Inkarnate den Job zuverlässig. Bei anderen Ansprüchen oder Anforderungen aber geht das Programm schnell in die Knie, was seine Nützlichkeit schon stark einschränkt. Einige dieser Punkte werden sicherlich durch die Premiumversion abgestellt, aber mit der freien Version muss man sich damit abfinden, dass man – positiv ausgedrückt – ein sehr spezialisiertes Tool bekommt. Dafür aber muss man auch kein Vermögen an Geld oder Zeit investieren, ehe man Resultate sieht.

Artikelbilder: inkarnate.com

 

3 Kommentare

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein