Ist Japan wirklich so wie im Anime? Was steckt hinter den Kuriositäten, die westliche Medien immer wieder auf den Straßen von Tokyo finden? Um ein genaueres Bild der japanischen Gesellschaft zu präsentieren, hat die Connichi 2018 wissenschaftliche Vorträge zu Japan zu einem Hauptprogrammpunkt der Convention gemacht.
Ein Artikel von Stephanie Winkler und Johannes Weyrauch
Eine Anime-Convention und wissenschaftliche Forschung scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben. Zwar sind viele Con-Besucher im Schüler- oder Studentenalter, gehen aber vorwiegend auf die Veranstaltung, um Serien, Videospiele, Comics und Cosplay zu feiern – also Unterhaltung statt Theorien oder Statistiken. Doch auch zur Populärkultur gibt es schon seit Jahrzehnten in vielen Themengebieten intensive Forschung. Der Anime-Boom der letzten 20-30 Jahre ist an den Japanwissenschaftlern nicht unbemerkt vorübergegangen, denn die Begeisterung vieler junger Leute im Westen für Manga und Anime hat der Japanologie viele neue Studenten beschert.
Trotzdem ist hierzulande für viele Fans japanischer Unterhaltung das Land immer noch ein Rätsel. Welche religiös-philosophischen Ideen stecken hinter einer fantastischen Geschichte wie Prinzessin Mononoke? Geben Yaoi- oder Yuri-Manga ein realistisches Bild homosexueller Japaner wieder? Um den Besuchern solche Fragen zu beantworten, bot die Connichi in diesem Jahr erstmals wissenschaftliche Vorträge als eigenen Programmpunkt an.
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Raus aus dem Elfenbeinturm
Dieser Punkt schaffte es letztlich sogar ins Motto der Connichi 2018: „Japan im Wandel“. Michael Drewing, Projektleiter auf der Connichi, promoviert selbst im Fach Japanologie. Er hatte schon länger die Idee, akademische Vorträge mehr in den Fokus zu rücken. Zwar gab es schon in den Vorjahren immer wieder mal Präsentationen von Referenten mit Uni-Hintergrund. Einen eigenen Themenbereich mit zwölf Vorträgen über drei Tage gab es aber bislang noch nicht. Schon 2017 wollte Drewing diesen Programmpunkt einführen, was jedoch am bereits vollen Eventplan scheiterte. Dieses Jahr wurden die Räume von Anfang an dafür eingeplant.
Seine Motivation ist klar: „Wir Wissenschaftler sind oft auf Konferenzen unter uns“, so der Projektleiter. Die Japanologie müsse den Elfenbeinturm verlassen, gerade auch, um mehr Menschen für ihre Forschung zu interessieren. Drewing war kürzlich auf einer Konferenz in Kanazawa, in denen die Deutsch-Japanischen Gesellschaften mit ihren japanischen Gegenstücken über die gemeinsame Zukunft und vor allem auch über die Nachwuchsgewinnung getagt haben. Dort stellte er die Connichi als eine Möglichkeit vor, um junge Menschen für das Thema zu gewinnen. „Es heißt oft, Jugendliche wollten nur Mangas lesen und würden sich nicht für das echte Japan dahinter interessieren.“
Das sei falsch, denn auch schon früher hätte es großes Interesse auf der Connichi für solche Vorträge gegeben. Die Besucher wollten mehr wissen über die Ursprünge der Stories. Natürlich müsse man den Zuschauer abholen und Forschungsthemen für Laien verständlich präsentieren. Dann würden die Themen „Säle füllen“, so Drewing.
Und das war keine Untertreibung: Die meisten der Vorträge am Connichi-Wochenende waren bereits 30 Minuten vor Beginn restlos ausgefüllt. Conhelfer limitierten die Teilnehmerzahlen im Vorfeld mithilfe von Markierungen auf dem Boden – wer nicht mehr ins Rechteck hineinpasste, wurde nicht mehr in den Saal gelassen. Eine für Spätkommer zwar frustrierende, aber verständliche Maßnahme angesichts der Sicherheitsbestimmungen. Bei Cosplay-Tutorials oder Stargästen ist ein solcher Andrang durchaus üblich, bei akademischer Forschung war dieses Interesse überraschend. Das lag nicht zuletzt auch an den Themen, die nah an bekannten Animes oder Videospielen lagen.

Superhelden und Sexualität, Inklusion und Pazifismus
Zum Beispiel sind viele Anime-Protagonisten Jugendliche, die zur Schule gehen. Doch neben coolen Schuluniformen und Club-Aktivitäten am Nachmittag erfährt man nicht allzu viel über das Schulsystem in Japan. Pädagogin Sabine Meise (Uni Oldenburg) verschaffte Abhilfe: In ihrem Vortrag über „Schule in Japan“ setzte sie sich kritisch mit dem Vorurteil auseinander, das japanische Bildungssystem bestehe nur aus sturem Pauken und Drill. Meises Hauptfokus lag bei der Inklusion und Integration von Schülern mit besonderen Bedürfnissen. Seit dem Inkrafttreten des UN-Abkommens über die Rechte behinderter Menschen im Jahr 2008 habe sich einiges in Japan verändert, erklärte die Referentin.
Zwar ist gemäß dem japanischen Sprichwort „Der herausstehende Nagel wird eingeschlagen“ immer noch eine Anpassung des Individuums an die Gesellschaft erwünscht, dies geschehe aber mittlerweile im Schulbetrieb eher durch Förderung statt Zwang. Dennoch gebe es immer noch Problemfelder durch den stark ausgeprägten Leistungsgedanken, die Stressbelastung sei nicht nur bei Schülern, sondern mittlerweile auch bei Lehrern sehr hoch.
Mit einem völlig anderen Thema, nämlich der Dekonstruktion etablierter Anime-Genres, befasste sich Violetta Janzen von der Uni Heidelberg. Anhand der Superheldenparodie One Punch Man zeigte Janzen, wie manche Anime versuchten, die Genrekonventionen der Shounen-Anime (Serien, die für männliche Jugendliche gedacht sind) gezielt zu brechen. Traditionell ist der Held gutaussehend, jung, hat hehre Ideale und wenig Erfahrung, dafür ein klares Ziel, das er eisern verfolgt und damit nach und nach stärker wird. In One Punch Man ist der Protagonist Saitama bereits der stärkste Held überhaupt, gelangweilt von seiner Rolle, hat keinen Antrieb im Leben und sieht eher aus wie eine Witzfigur.
Hier wird das klassische Superheldentum gezielt hinterfragt und zerlegt, was Janzen als eine literarische Dekonstruktion sieht. Auf diese Weise kann ein Genre auch neu interpretiert werden.
Dr. Verena Maser, freiberufliche Übersetzerin, erklärte den Zuschauern die Fallstricke des Manga-Übersetzens. Die japanische Grammatik, die auf die Reihenfolge Subjekt-Objekt-Verb setzt und manchmal sogar das Subjekt oder das Verb weglässt, macht es deutschen Lokalisatoren nämlich nicht einfach. Hinzu kommen unübersetzbare Sprichwörter und Metaphern sowie die Tatsache, dass japanische Schriftzeichen weniger Platz in der Sprechblase benötigen als deutsche Begriffe. Besonders spannend waren Praxisübungen, in denen Maser mit dem Publikum einige einfache Testsätze übersetzte und nach der möglichst passenden Übertragung suchte, denn eine wortwörtliche Übersetzung würde im Deutschen oftmals gestelzt oder unvollständig klingen. Schließlich machte die Referentin auch Schluss mit der romantischen Vorstellung, Übersetzer hätten ein tolles Leben, da sie die neuesten Manga sofort lesen könnten.

Tatsächlich bedeute freiberufliche Arbeit oft, dass man sich seine Texte nicht aussuchen könne, eher wenig verdient und die Freizeit knapp ausfällt. Dennoch betonte Verena Maser, dass ihr der Job großen Spaß mache.
Am Freitagnachmittag im Vortrag von Regine Dieth zu Diversität und Rechten sexueller Minderheiten in Japan stellte die Referentin einem voll besetzten Raum die verschiedenen Entwicklungsphasen der japanischen LGBT-Szene seit den 90er Jahren vor. In Japan begann damals erstmals eine in die Öffentlichkeit gehende Bewegung, die einen Platz in der Gesellschaft für Lesben und Schwule einforderte. Nach einigen Jahren des „Gay-Booms“ flaute alles zur Jahrtausendwende zunächst ab und das Thema verschwand fast vollständig aus der öffentlichen Debatte. Erst seit ca. 2010 ist wieder Bewegung da, viel angestoßen durch die Errungenschaften und Themen ausländischer LGBT-Bewegungen. Der Erfolg ist aber weiterhin überschaubar gering.
Heute werden offen homofeindliche Äußerungen von Mitgliedern der regierenden LDP zwar medial aufgegriffen und teilweise auch öffentlich verurteilt, bleiben aber politisch ohne Konsequenzen.

Die „Vorstöße“ einiger japanischer Kommunalverwaltungen, „Bestätigungen“ der Partnerschaft für homosexuelle Paare auszustellen, ist zwar symbolisch nett gemeint, hat aber kaum rechtliche Relevanz. Doch sowohl japanische Unternehmen, die internationale Standards erfüllen wollen, als auch eine stetig wachsende Zahl von Japanern sehen das Thema als relevant an, sodass es zwar kleine, aber doch sichtbare Schritte in die richtige Richtung gibt. Das Publikum war durchweg am Thema interessiert, stellte durchaus informiert Fragen und ließ sich von der ob des voll besetzten Raumes begeisterten Referentin noch kurz fotografieren, damit sie ein Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen kann.
Am Sonntagnachmittag berichtete Seiji Hattori von der Entwicklung der japanischen Anti-Atom-Bewegung in der Vergangenheit und seit der Atomreaktor-Katastrophe in Fukushima 2011.
Nach den Atombombenabwürfen im 2. Weltkrieg waren Anti-Atom-Bewegung und japanischer Pazifismus eng verknüpft. 1968 gab es große und teils gewaltsame Proteste gegen den Vietnamkrieg, der auch von japanischen US-Basen aus geführt wurde. Die zivile Atomnutzung wurde erst später, etwa ab den 80er-Jahren, von einer kleinen, von Hausfrauen dominierten umweltaktivistischen Bewegung kritisiert. Erst mit der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 rückte die Gefahr durch zivile Atomnutzung mitten in die gesellschaftliche und politische Debatte. Der moderne Protest bedient sich dabei auch neuer Formen, es wird mit Musikern zusammengearbeitet, Demos mit Hip Hop kombiniert. Referent Hattori zeigte Aufnahmen von den Ausschreitungen von 1968 sowie von modernen Anti-Atom-Demos aus den letzten Jahren, die den großen Unterschied im Stil zeigten. Leider reichte die Zeit – auch ob technischer Probleme beim Filmmaterial – nicht aus, um alle Themen aufzugreifen, die Referent Hattori vorbereitet hatte. Der Vortrag gab einen Einblick darin, zu welchen Themen und wie sich die Bürgerbewegung in Japan entwickelt hat.
Generell waren die Vorträge, die das TZH-Team besuchte, gut strukturiert, für ein Laienpublikum verständlich aufbereitet und unterhaltsam präsentiert. Die Vorträge wurden mit informativen Powerpoint-Folien illustriert, was den Zuschauern eine zusätzliche Hilfe beim Verstehen der Forschungsgegenstände bot. Natürlich konnten bei einigen sehr umfangreichen Themen nicht alle interessanten Punkte behandelt werden. So war der Vortrag über Schule in Japan sehr fokussiert auf die Bereiche Inklusion und Stressbelastung, was natürlich auch der Spezialisierung der Referentin geschuldet war. Andere Felder des japanischen Bildungssystems rückten dabei eher in den Hintergrund. Die meisten Vorträge waren allerdings auch nicht als allgemeiner Überblick, sondern als Betrachtung eines sehr spezifischen Subjekts gedacht.

Dennoch waren vertiefte Vorkenntnisse nicht notwendig, und in den Fragerunden am Ende der Vorträge konnten interessierte Besucher weiterführende Fragen stellen. Das Publikum setzte sich auch überwiegend aus Studenten oder fachlich Interessierten zusammen, sodass der akademische Vortragsstil den meisten Zuschauern bekannt war. Eine Besonderheit stellten jedoch die Präsentationen zweier japanischer Referenten dar, Shun Yoshie und Seiji Hattori. Diese hielten ihre Vorträge im japanischen Stil, wobei der Redetext identisch war mit dem Text auf der Leinwand. Zudem wurden die Forschungsergebnisse nicht wertend eingeordnet und kommentiert, sondern wertneutral dargestellt. Das mag für europäische Zuschauer befremdlich gewirkt haben, es ist jedoch eine Eigenschaft universitärer Forschung in Japan. Auch das ist eine Erkenntnis, die die Besucher mitnehmen konnten.
Konfrontation mit gesellschaftlichen Themen
Zum Abschluss der Connichi am Sonntagnachmittag gab es noch eine Diskussion mit Violetta Janzen, Dr. Verena Maser und Seiji Hattori auf der Connichi-Couch. Dieser Programmpunkt wurde ebenfalls unter der Leitung von Michael Drewing 2017 eingeführt und präsentiert Gespräche zu diversen Themen aus der Szene in einer lockeren Wohnzimmeratmosphäre, live gestreamt über den offiziellen Twitch-Kanal der Connichi. Die drei Akademiker sprachen mit Moderatorin und Cosplayerin Dr. Karen Heinrich über ihre Erfahrungen auf der Con und ihre Forschung. Dabei waren sich alle drei Wissenschaftler einig, dass der direkte Kontakt zu Japanfans vor Ort fast eine Art Feldforschung darstellt. Die Reaktionen der Zuschauer, so Violetta Janzen, hätten bewiesen, dass Popkultur nicht nur Unterhaltung sei, sondern auch zum Nachdenken anrege. Verena Maser freute sich über den großen Andrang und die Aufmerksamkeit des Publikums. Die Vorträge auf der Connichi hätten bewiesen, dass Forschung und Popkultur harmonierten.

Insgesamt hatten die zwölf Vorträge sehr vielfältige Themengebiete abgedeckt. Michael Drewing konnte jedoch nicht alle Referenten bzw. Themen, die er sich gewünscht hatte, für die Connichi gewinnen. Von den Wissenschaftlern, die er auf Konferenzen oder über Mailinglisten kontaktiert hatte, zeigten vor allem diejenigen Interesse, deren Forschung einen Popkulturbezug hat. Vor allem ForscherInnen aus vermeintlich anspruchsvollen oder von der Populärkultur weit entfernten Bereichen wie Geschichte, Politik, Wirtschaft oder auch die naturwissenschaftlichen Fächer seien schwer zu begeistern gewesen, würden aber eine Bereicherung für das Themenspektrum sein.
Das ungewöhnliche Konzept, auf einer Popkulturmesse akademische Forschung zu präsentieren, solle man aber nicht missverstehen, so Drewing. „Der Programmpunkt ist nicht nur als Unterhaltung gedacht, wir wollen die Besucher mit gesellschaftlichen Realitäten in Japan konfrontieren. Das darf auch kontrovers sein“, so der Projektleiter.
2019 wird Drewing Teil der neuen Con-Orga sein, denn das bisherige Team tritt nach vielen Jahren zurück. Er ist dann zuständig für die Gesamtkoordination der Connichi. Ambitionierte Pläne hat er dennoch: Ein breiteres Spektrum an Themen anzubieten, wenn möglich auch mit größeren Räumlichkeiten. Es sollen jedoch keine anderen Programmpunkte dadurch verdrängt oder eingeschränkt werden, betont Drewing. Er möchte „nicht den Bogen überspannen“ und eine Übersättigung der Conbesucher hinsichtlich Vorträgen vermeiden. Ob er sich das Konzept auch auf anderen Conventions wünscht, eventuell auch ohne Japanbezug? Drewing fände es interessant, sofern es zur jeweiligen Veranstaltung passt. Für die Connichi will er beobachten, wie das Thema ab nächstem Jahr von der Szene aufgenommen wird.
In den Diskussionsforen und sozialen Medien debattieren eifrige Serienfans schon seit Jahren auf teilweise hohem Niveau über die realen Hintergründe ihrer Lieblingsstories. Insofern ist es ein cleverer Zug der Connichi, der Popkulturforschung eine Bühne zu bieten. Die zwölf Vorträge auf der Connichi 2018 waren allesamt gut geeignet, um den eigenen Horizont über Japan zu erweitern und Neugierde zu wecken, sich selbst intensiver mit diesen Themen zu befassen. Und Neugierde ist immerhin die Basis der Wissenschaft. Wir dürfen gespannt sein, wie die Reaktionen in der Anime-Szene, aber auch in der Japanforschung ausfallen. Vielleicht trauen sich 2019 dann noch mehr Akademiker mit spannenden Vorträgen raus aus dem Elfenbeinturm.
Fotografien: Johannes Weyrauch, Connichi



















Eigentlich muss man sogar mehr wie 45 Minuten den Vorträgen geben. Beim Thema Inklusion in Schulen musste die Dozentin auch abbrechen. Das Thema war dann doch eher auf 90Minuten ausgelegt.