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Rollenspiel, wenn keine Gruppe da ist? Ganz klar, da muss ein Spielbuch her! Zwei neue Soloabenteuer sind 2023 im Ueberreuter Verlag erschienen: Eins davon ein Klassiker des Dungeon-Crawls, das andere ein magisches Abenteuer für Kinder ab acht. Wir haben beide für euch durchgespielt.

Kinder- und Jugendliteratur mit einem Schwerpunkt auf Fantasy ist das Profil des Ueberreuter Verlags aus Berlin. Neben Bilderbüchern und Romanen für verschiedene Altersstufen finden sich hier auch Soloabenteuerbücher. Zwei davon sind in diesem Jahr erscheinen: Die Übersetzung eines Dungeon-Klassikers aus dem Jahr 1982 für Lesende ab zehn und ein phantastisches Abenteuer an einer Zauberschule für Kinder und Jugendliche ab acht Jahren.

Triggerwarnungen

Gewaltdarstellungen, klaustrophobische Dungeon-Beschreibung

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Der Hexenmeister vom Flammenden Berg

Handlung

Was die abenteuerwilligen Lesenden mit Der Hexenmeister vom Flammenden Berg in Händen halten, ist nichts weniger als ein Klassiker des Spielbuch-Genres. Seine Originalversion wurde bereits 1982 als The Warlock of Firetop Mountain erstveröffentlicht – als erstes Buch in der Fighting Fantasy-Reihe. Nun ist es im Ueberreuter Verlag in deutscher Neuübersetzung erschienen.

Die Handlung ist im besten Sinne ein klassischer Dungeon-Crawl: Der Charakter, in den die Lesenden schlüpfen, hat es sich zum Ziel gesetzt, den Schatz des Hexenmeisters Zagor aus dessen Unterschlupf tief im Innern eines Berges zu erobern. Auf dem Weg dorthin muss er Informationen und nützliche Gegenstände sammeln, kann Hilfe von freundlichen Wesen erhalten, aber auch Orks, Kobolde und allerlei untote Kreaturen bekämpfen, und darf sich vor allem nicht im Labyrinth verlaufen. Sollte er all das halbwegs schadlos überstehen und dabei nicht vom Weg abkommen, steht er schließlich dem Hexenmeister selbst gegenüber und muss diesen besiegen, um an seinen Schatz zu kommen.

Der Endgegner ist natürlich der namensgebende Hexenmeister.
Der Endgegner ist natürlich der namensgebende Hexenmeister.

So weit, so gewöhnlich. Was das Spielbuch außer der Fighting Fantasy-Spielmechanik reizvoll macht, ist, dass man tatsächlich stets mitzeichnen sollte, wo man sich befindet und wie man dorthin gekommen ist: Die Abschnitte bauen so sinnvoll aufeinander auf, dass mit der Zeit ein echtes Labyrinth entsteht, durch dessen Windungen der Charakter schließlich, wenn er die Gefahren in den Höhlengängen überlebt, bis zur Schatzkammer vordringen kann. Ohne Notizen zu machen, ist das allerdings schier unmöglich zu schaffen – Stift und Papier sind also ein Muss.

Regeln

Das Fighting Fantasy-System, auf dem Der Hexenmeister vom Flammenden Berg basiert, fügt der klassischen „Choose-your-own-adventure“-Spielbuchmechanik etwas mehr Zufälligkeit hinzu. Konkret bedeutet das, dass zuerst drei Attribute des Spielendencharakters ausgewürfelt werden: Geschick (1W6 + 6), Ausdauer (2W6 + 12) und Glück (1W6 + 6). Die ersten beiden werden im weiteren Verlauf besonders bei Kämpfen wichtig: Auch die feindlichen Kreaturen haben einen Geschick- und einen Ausdauerwert. Der*die Lesende würfelt für beide Parteien abwechselnd 2W6 und addiert das Ergebnis zum jeweiligen Geschickwert. Der Seite mit der niedrigeren Summe werden dann zwei Punkte Ausdauer abgezogen. Wer am Ende noch steht, hat gewonnen, aber der Charakter muss, wenn er im Kampf Schaden genommen hat, bisweilen mit einem niedrigeren Ausdauerwert weitergehen.

Der Glückswert kommt zum Einsatz, wenn der Charakter Prüfungen zu bestehen hat, die mit dem Dungeon selbst zu tun haben: Türen, die sich nicht gleich öffnen lassen, oder Fallen, denen es auszuweichen gilt. Auch hier werden oft bei Nichtbestehen Ausdauer-Punkte abgezogen, die, wenn man auf dem Weg durch das Labyrinth Proviant gefunden hat, durch eine Essenspause wiederhergestellt werden können. Die Spielmechanik ist also denkbar einfach.

Natürlich hat der*die Abenteuerlustige bessere Chancen, wenn die gewürfelten Attribute eher hoch sind. Sollte man allerdings auf dem Weg im Kampf gegen ein Monster sterben, kann man sich einen neuen Charakter auswürfeln und von vorne loslegen. Trotzdem entscheidet das Würfelglück nur zum Teil das Schicksal des Charakters, in der Hauptsache hängt der Erfolg von den Entscheidungen und der Qualität der Notizen ab.

Von der Schwierigkeitsstufe her ist das Abenteuer zwar anspruchsvoll, aber mindestens für ältere Jugendliche und Erwachsene durchaus zu bewältigen. Wer keine zwei sechsseitigen Würfel zur Hand hat, kann auf das Buch zurückgreifen: Hier befinden sich unten an der Seite die Abbildungen von je 2W6 mit zufällig angeordneten Augenzahlen, sodass man durch das Aufschlagen einer zufälligen Seite einen Würfelwurf simulieren kann.

Schreibstil

Das Werk entspricht im Schreibstil ebenso wie in der Thematik frühen Dungeons & Dragons-Abenteuern: Der Charakter ist ein*e Abenteurer*in auf der Suche nach Gold und Ruhm. Im finsteren Dungeon gibt es Orks, Zwerge und allerlei andere mehr oder weniger klassische Fantasywesen sowie natürlich den bösen Hexenmeister. Wesentlich mehr Weltenbau findet nicht statt, auch wenn sich am Ende eine hübsche Karten-Illustration befindet.

Das Buch ist vom Verlag zwar als „ab 10“ ausgezeichnet, eignet sich aber auch für Erwachsene. Allzu spezifische Rollenspielbegriffe werden allerdings nicht benutzt, was das Spielbuch zugänglich für Neulingen macht.

Durch die neue deutsche Übersetzung wird ein Genre-Klassiker auch dem nicht Englisch sprechenden Publikum und damit auch jüngeren Soloabenteuerlustigen zugänglich gemacht. Irene Rumlers Übersetzung liest sich flüssig und trifft den Stil des Originals.

Die Autoren

Das Autorenduo Ian Livingstone und Steve Jackson hat 1982 gemeinsam die Fighting Fantasy-Spielmechanik entworfen und damit eine Serie von Spielbüchern begründet, die besonders in den 1980er und 1990er Jahren beliebt waren.

Erscheinungsbild

Die Coverillustration von Robert Ball stammt von der letzten Auflage der Originalausgabe von 2017 und zeigt die Rückansicht einer Person unbestimmten Alters und Geschlechts in abenteuergerechter Kleidung, die sich allerlei Fantasykreaturen gegenübersieht. Damit ist der Rahmen für das Publikum gesetzt, das sich in diesen Charakter hineinversetzen soll. Warum sich über alldem eine Art Oger auftürmt anstelle des namensgebenden Hexenmeisters, bleibt unklar. Immerhin ist es genregerecht.

Die Illustrationen im Buch sind durchgehend schwarzweiß und stammen von Vlado Krizan. Einige sind rein dekorativ, andere illustrieren wichtige Punkte auf der Reise durch das Labyrinth des Zagor. Am Ende des Buches finden sich zudem mehrere Abenteuer-Blätter, auf denen Fähigkeiten und Inventar eingetragen werden können.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Ueberreuter
  • Autor*in(nen): Steve Jackson, Ian Livingstone
  • Erscheinungsdatum: 2023
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Irene Rumler)
  • Format: Taschenbuch, E-Book
  • Seitenanzahl: 224
  • ISBN: 978-3-7641-5253-6
  • Preis: 16 EUR Print, 12,99 EUR E-Book
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo

 

  • Gut durchdachtes Labyrinth
  • Anspruchsvoll, aber schaffbar
  • Deutsche Erstausgabe eines Klassikers
 

  • Mitschreiben/-zeichnen unerlässlich

Zauberakademie Siebenstern

Dies ist ein Spielbuch für jüngere Abenteurer*innen ab acht Jahren.

Handlung

Eine Einladung an die berühmte Zauberakademie Siebenstern! Für den Charakter, in den die Lesenden dieses Soloabenteuers schlüpfen, eine Traumgelegenheit. In der phantastischen Welt Ananta lebt eine große Zahl an Völkern, deren Mitglieder magische Begabungen entwickeln können. So ist es auch kein Wunder, dass an der berühmtesten Zauberschule dieser Welt ganz unterschiedliche Wesen wie etwa Dunkelelfen, Gnomen und Drachlinge studieren und der Charakter sich schnell mit einigen davon anfreundet. Dann allerdings gibt es nicht nur weitere magische Fähigkeiten zu erlernen, sondern auch noch gefährlichere Abenteuer zu bestehen. An der Akademie gehen nämlich seltsame Schattenwesen um, die sich schnell als Bedrohung für die Lernenden herausstellen. Es liegt dann natürlich am Spielendencharakter und seiner Clique, der Sache auf den Grund zu gehen und sich dabei auch noch gegen die Schikanen des Schulfieslings zu wehren. Die Handlung des Spielbuches ist gut auf junge Lesende zugeschnitten und trifft wohl auch von der Thematik her das Interesse seiner Zielgruppe.

Regeln

An der Akademie freundet sich der Charakter mit unterschiedlichen Fantasywesen an.
An der Akademie freundet sich der Charakter mit unterschiedlichen Fantasywesen an.

Die Spielmechanik des Buches sieht keine Charakterwerte oder Würfelwürfe vor. Vielmehr entscheiden die Spielenden selbst, welche magischen Fähigkeiten ihr Charakter erlernen soll. Unterschiedliche Fähigkeiten können in unterschiedlichen Situationen auf verschiedene Weise hilfreich sein. Manchmal hat man aber keine der passenden Magiefähigkeiten bereit, dann ergeben sich andere Konsequenzen. In den meisten Fällen gibt es auch eine Alternativlösung für die Zauberlehrlinge. Auch wenn die Handlung in der Hauptsache von den Entscheidungen der Lesenden getragen wird, gibt es stets noch ein kleines Zufallselement.

Auf der Orakeltafel, die im Einband des Buches zu finden ist, tippt man blind auf einen der bunten Steine und liest dann nach, was die Konsequenzen sind. Zusätzlich dazu müssen, um die wichtigeren Aufgaben am Höhepunkt der Handlung zu erfüllen, kleine Rätsel bzw. Rechenaufgaben gelöst werden, die allerdings altersgerecht einfach sind.

Schreibstil

Der Schreibstil von Hendrik Lambertus ist deutlich auf eine Zielgruppe von jungen Lesenden gerichtet. In einfachen Sätzen, jedoch ohne gewollt „jugendlich“ zu klingen, führt der Autor sein Publikum in eine magische Welt. „Fachausdrücke“ des Rollenspiels wie etwa „Charakterbogen“ werden vermieden, dafür wird etwa der Begriff „Zauberschriftrolle“ verwendet. Damit eignet sich das Spielbuch auch, um neugierige Kinder an das Thema Fantasy-Rollenspiel heranzuführen.

Der Autor

Der studierte Literaturwissenschaftler und Schreibcoach Hendrik Lambertus wurde 1979 in Hannover geboren. Er hat mehrere Fantasy-Romane für Kinder und Jugendliche im Ueberreuter Verlag veröffentlicht, darunter auch bereits den Folgeband zu Zauberakademie Siebenstern: Zauberakademie Siebenstern – Finde DEINEN magischen Tiergefährten!

Erscheinungsbild

Die durchgehend farbigen Illustrationen von Philipp Ach setzen das Spielbuch nicht nur gekonnt in Szene, sondern geben auch den diversen Charakteren ein Gesicht. Sie passen wunderbar zum Stil des Buches und sind durch die deutlichen Farbunterschiede der Orakelsteine auch bei den Proben hilfreich.

Die Schrift ist groß und gut leserlich, magische Fähigkeiten und wichtige Gegenstände sind farblich gekennzeichnet, was jungen Lesenden ebenfalls helfen kann. Die Verarbeitung des Hardcover-Buches ist hochwertig genug, um das Abenteuer mehrfach durchzuspielen. So ist es etwa auch möglich, die „Zauberschriftrolle“ im hinteren Einband des Buches mehrfach mit Bleistift zu beschreiben, da das bedruckte Papier auch dem Radiergummi standhält.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Ueberreuter
  • Autor*in(nen): Hendrik Lambertus
  • Erscheinungsdatum: 2023
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 160
  • ISBN: 978-3-7641-5254-3
  • Preis: 14 EUR
  • Bezugsquelle Fachhandel, (Link zum rezensierten Exemplar und Originalversion in Originalsprache): Amazon, idealo

 

Bonus/Downloadcontent

Auf der Website des Ueberreuter Verlags kann man die Orakeltafel, die für das Zufallselement im Spielbuch sorgt, und die Zauberschriftrolle, den Charakterbogen, als farbige PDFs herunterladen.

  • Spielbuch für Kinder/Jugendliche
  • Einfache Rätsel
  • Charmante, inklusive Welt
 

  • keine

Fazit

Der Berliner Ueberreuter Verlag ist spezialisiert auf Kinder- und Jugendliteratur, mit einem deutlichen Fokus auf Fantasy. Dass dort auch Spielbücher für verschiedene Altersgruppen zu finden sind, überrascht daher nicht. Die zwei hier vorgestellten Neuerscheinungen decken in dieser Sparte ein recht breites Spektrum ab: Zum einen wird ein Genre-Klassiker aus der Frühzeit der Rollenspiele und Spielbücher in einer neuen deutschen Übersetzung  vorgestellt. Der Hexenmeister vom Flammenden Berg begründete 1982 die beliebte Fighting Fantasy-Reihe und ist auch heute noch ein spannendes und gut durchdachtes Soloabenteuerbuch.

Zum anderen stellt der Verlag mit Zauberakademie Siebenstern von Hendrik Lambertus ein charmantes Soloabenteuer für jüngere Lesende vor, in dem sich ein junger Zauberlehrling (egal welchen Geschlechts) an einer Schule für arkane Künste nicht nur magisch beweisen muss, sondern auch Freund*innen findet und den Schulalltag meistert.

Beide Spielbücher finden eine gute Balance zwischen Glückselementen und den Entscheidungen der Lesenden und sind anspruchsvoll, aber nicht zu anspruchsvoll für die entsprechenden Altersstufen. Zauberakademie Siebenstern ist eine Geschenkidee für jüngere Abenteurer*innen, Der Hexenmeister vom Flammenden Berg auch für ältere Jugendliche sowie Erwachsene, die mal wieder einen guten, altmodischen Dungeon-Crawl erleben wollen.

Artikelbilder : © Ueberreuter Verlag
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Simon Burandt
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