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Science-Fantasy: eine Gattung der Phantastik, die nicht mehr allzu häufig zu finden ist. Kritika H. Rao legt mit The Surviving Sky einen Roman vor, der einen für das Genre ungewöhnlichen Konflikt beinhaltet: den einer zerrütteten Ehe. Schafft es diese besondere Thematik, Lesende in ihren Bann zu ziehen?

Im deutschsprachigen Buchmarkt ist Science-Fantasy sehr selten zu finden. Dieser Genremix aus Fantasy und Science-Fiction kann daher für Lesende eher ungewohnt anmuten.

Verortet in einem Zukunftsszenario, aber ausgestattet mit typischen Fantasyelementen wie einem ausgefeilten Magiesystem kann Science-Fantasy die eingeübten Lesemechanismen herausfordern. Ein bekanntes Beispiel für Science-Fantasy aus jüngster Zeit ist Ich bin Gideon von Tamsyn Muir, das sowohl hierzulande als auch international einiges an Aufmerksamkeit erlangt hat.

The Surviving Sky ist ein Paradebeispiel für das Genre, denn es bedient sich genau des für diese Sparte typischen durchdachten Magiesystems. Zudem stehen fantasy-typische Held*innen eindeutig im Mittelpunkt des Geschehens, während die Geschichte gleichzeitig in ferner Zukunft spielt und futuristische Technologien dementsprechend genutzt werden.

Die gesamte gesellschaftliche Struktur und Lebensweise des Romans ist der Indiens nachempfunden, eine zusätzliche Besonderheit für das hiesige lesende Publikum, das üblicherweise klassische Science-Fiction oder ein Setting erwartet, das an das europäische Mittelalter erinnert.

Die Protagonist*innen und deren Ehekrise, die Kritika H. Rao in den Fokus ihres Romans setzt, tun ihr Übriges, um aus der Flut an Neuerscheinungen im phantastischen Bereich herauszustechen.

Kann The Surviving Sky mit seinem innovativen Setting überzeugen?

Triggerwarnungen

Tod von Nebenfiguren, schwere Verwundungen, Klimakatastrophe

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Story

Iravan und Ahilya stehen vor den Trümmern ihrer Ehe: Seit einigen Monaten herrscht Funkstille zwischen ihnen, vordergründig bedingt durch Iravans Beruf als leitender Architekt von Nakshar, einer Stadt, die hoch über einem Dschungelplaneten thront und imstande ist, zu fliegen, um den vernichtenden Erdstürmen zu entgehen.

Architekt*innen haben die Fähigkeit, die Geschicke der Stadt durch die sogenannte Trajektion, der immerwährenden Neuorganisation der Architektur, zu lenken, wodurch sie zu Alleinherrschenden werden. Mittels eines Rates, der fast ausschließlich aus diesen Magiewirkenden besteht, werden Wohl und Wehe der gesamten Gesellschaft organisiert. Der Dschungel selbst ist zu gefährlich, weshalb sich das Leben fast aller ausschließlich in Nakshar abspielt. Die magiebegabten Architekt*innen sind hierbei klar von den Bürger*innen abgegrenzt. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass ihr Machtzentrum, der Aschram, ähnlich dem Vatikan eine Sonderstellung innerhalb der Stadt einnimmt.

Als sich Ahilya und Iravan nach einem siebenmonatigen Flug, während dem sich der Architekt von seiner Frau absichtlich fernhielt, wiedersehen, schwelt ein alter Streit zwischen ihnen auf. Für Iravan ist dieser besonders bedrohend, ist es doch Regel für Architekten, über geordnete Familienverhältnisse zu verfügen. Ansonsten laufen sie Gefahr, in Ekstase zu geraten, ein Zustand, der Architekt*innen dazu bringen kann, alles zu zerstören.

Ahilya hat als Archäologin eine Sonderstellung unter den Bürger*innen, denn sie darf den Dschungel betreten, um Forschung zu betreiben. Natürlich darf sie dies nur, wenn sie von Architekt*innen begleitet wird. Doch der Forschungsausflug endet in einer Katastrophe, und nichts ist danach, wie es vorher war.

Die zwei Protagonist*innen erscheinen reizvoll, und das sind sie auch, mit Abstrichen. Obwohl die Gesellschaft erfreulich divers ist, erscheint sie in ihrer Struktur doch patriarchal, und die Beziehung zwischen Ahilya und Iravan bildet da keine Ausnahme. Ahilya ist als Archäologin durchaus ambitioniert, kann aber aufgrund ihrer nicht-magischen Fähigkeiten nur durch Iravan in das Allerheiligste vordringen. Der Mann fungiert als Schlüsselfigur für den weiblichen Aufstieg. Die Klassenunterschiede werden kaum thematisiert, die gesamte Handlung präsentiert die obere Klasse, zu der auch Ahilya gehört. Wie es den gewöhnlichen Bürger*innen ergeht, die sicherlich auch von den Katastrophen, die drohen, allen die Lebensgrundlage zu nehmen, betroffen sind, wird nicht thematisiert.

Diese Grundthematiken trüben das Leseerlebnis dieser ansonsten von Wendungen und Überraschungen strotzenden Handlung. Es fasziniert, das Eheleben der Protagonist*innen zu begleiten, und es gelingt Kritika H. Rao, dass sich die Lesenden niemals auf eine Seite schlagen, obwohl gerade Iravan als ein sehr zerrissener Charakter geschildert wird. Die große Stärke des Romans ist die differenzierte Schilderung dieses Konfliktes, in Anbetracht dessen, was über die beiden hereinbricht, sowohl mit persönlichen Folgen als auch mit gesellschaftlichen.

Das Magiesystem erscheint ausgereift und in sich kohärent. Innovationen, die so in diesem Genre bisher nicht vorkamen, setzt die Autorin klug ein und weckt damit die Neugier auf den Folgeband, der für Ende dieses Jahres ebenfalls bei Cross Cult angekündigt ist.

Schreibstil

Kritika H. Rao erzählt diese Geschichte aus zwei Perspektiven: Abwechselnd wird der Fokus auf Ahilya und auf Iravan gesetzt. Und dies erweist sich sowohl angesichts des persönlichen Konfliktes als auch der Rahmenhandlung als goldrichtig, denn es sorgt dafür, dass die Lesenden sich sowohl mit dem leitenden Architekten, der auch mit seiner Rolle hadert, als auch der Bürgerin, die nach höherem strebt, identifizieren können. Aufgrund der Fremdartigkeit der Welt, mit der The Surviving Sky aufwartet, ist das ein kluger Kniff.

Die Welt unterscheidet sich grundlegend von der Bekannten, denn sie ist ihrem Wesen nach flüchtig: Nicht nur die Mauern und Pflanzen können verändert werden, auch die Lokalisation im Weltraum ist nicht statisch. Zudem ist da die Bedrohung im Dschungel, zu dessen Herz niemand vordringen kann und ein Betreten lebensgefährlich sein könnte.

Dass es der Autorin gelingt, die Wissenschaft dermaßen in den Fokus zu rücken und Rückschlüsse auf das heutige Leben durchscheinen zu lassen, ohne dass die Protagonist*innen etwas davon mitbekommen, ist ein Qualitätsmerkmal des Werkes, das sich aufgrund dessen durchaus auch in das Genre des Öko-Futurismus einordnen lassen könnte. Die Übersetzung von Anne Bergen tut ihr Übriges, die Faszination der Thematik in Verbindung mit dem emotionalen Erleben von Iravan und Ahilya dem deutschen Publikum zugänglich zu machen.

Die Autorin

Die Science-Fiction- und Fantasyautorin Kritika H. Rao lebte bereits in Indien, Australien, Kanada und dem Sultanat Oman. Sie lässt in ihre Geschichten immer eigene Erfahrungen einfließen und befasst sich in ihren Büchern gerne mit den Themen Selbstverständnis und Identität. The Surviving Sky ist ihr erster Roman, der in deutscher Sprache erscheint. Zwei weitere Bücher der Rages-Trilogie sollen folgen, der zweite ist auf Englisch bereits erschienen und bei Cross Cult in deutscher Übersetzung angekündigt. Auf ihrer Homepage können die weiteren, in englischer Sprache verfassten, Romane angesehen werden.

Erscheinungsbild

Das von Leo Nickolls illustrierte Cover bietet einen ersten Eindruck des Weltenbaus, der die Lesenden erwartet: eine Stadt, die sich inmitten eines schwebenden Dschungelplaneten erhebt, während unter ihr eine Bedrohung lauert. Auch auf der Meta-Ebene fängt das Bild den schon schwelenden Konflikt zwischen den Eheleuten ein.

Die Inhaltsangabe auf der Rückseite des Buches vermittelt einen guten Eindruck dessen, was die Lesenden erwartet.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Cross Cult
  • Autorin: Kritika H. Rao
  • Erscheinungsdatum: 18.12.2024
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Anne Bergen)
  • Format: Softcover
  • Seitenanzahl: 592
  • ISBN: 978-3-98666-455-8
  • Preis: 20 EUR (Print), 12,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (deutsch und englisch)

 

Bonus/Downloadcontent

Aufgrund der Vielzahl der technischen Errungenschaften, die handlungsrelevant sind, ist dem Buch glücklicherweise ein Glossar hinzugefügt, das alle grundlegenden Begriffe erläutert.

Im Verlauf des Buches findet sich noch ein illustratorischer Kniff. Welcher Art dieser ist, soll eine Überraschung bleiben.

Fazit

In The Surviving Sky müssen die Eheleute Ahilya und Iravan sich über ihre Ehekrise klarwerden, denn eine Bedrohung könnte den Fortbestand von Nakshar, einer Stadt, die auf einem Dschungelplaneten liegt, und all ihrer Bewohner*innen zunichtemachen. Iravan als leitender Architekt, der die Geschicke des Planeten lenkt und dementsprechend über eine enorme Macht verfügt, und die Archäologin Ahilya werden zu Schlüsselfiguren in den enormen Veränderungen, die den Planeten heimsuchen.

Kritika H. Rao legt mit dem Science-Fantasy-Roman eine interessante Perspektive sowohl auf das Zusammenleben in einer langjährigen Paarbeziehung als auch in den Ränkespielen derer, die den Fortbestand und die Organisation von Gesellschaften zu verantworten haben. Leider bleibt es bei der Perspektive auf die obere Schicht der Gesellschaft.

Trotz dieses Wermutstropfens besticht The Surviving Sky mit einem wohldurchdachten Weltenbau und einem ungewöhnlichen Magiesystem, und es gelingt Rao ausgesprochen gut, Fantasy und Science-Fiction in Einklang zu bringen. Mit Spannung kann der für Dezember angekündigte, zweite Band der Trilogie erwartet werden.

  • Ungewöhnliches Magiesystem
  • Für das Genre nicht alltägliche Protagonist*innen

 

  • Fehlender Blick auf die nicht-Privilegierten

 

Artikelbilder: © Cross Cult
Layout und Satz: Konstantin Paessler
Lektorat: Saskia Harendt
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