Eastern trifft Western: In Wild Wild East für New Hong Kong Story prügeln sich die Hauptcharaktere durch den Wilden Westen, wie es sich für einen Hong Kong-Actionfilm gehört. Dabei treffen klassische Westernmotive auf Martial Arts und spektakuläre Stunts, bei denen Actionfanherzen höherschlagen.
Ein Cowboy, der einsam durch die Wüste reitet, ein schäbiger Saloon oder die Schießerei am Bahnhof – all das klingt nach einem klassischen Western. Der Western gilt als ein ur-amerikanisches Filmgenre. Kein Wunder: Angesiedelt ist er im „Wilden Westen“, dem westlichen Teil der USA, der vor allem im 19. Jahrhundert von weißen Immigrant*innen besiedelt wurde; im Zentrum der Handlung steht oft der Kampf eines Einzelnen gegen eine Welt voller Gesetzloser und Gefahren. Das Genre erfreut sich, obwohl es seine Hochphase in den 1940ern und 50ern Jahren hatte, auch heute noch großer Beliebtheit, wie Filme wie The Power of the Dog oder Serien wie Westworld beweisen.

Das Genre hat sich immer wieder gewandelt und wurde auch außerhalb der USA aufgegriffen. Besonders prägend für den Western war das italienische Kino. Mit Spiel mir das Lied vom Tod schuf Regisseur Sergio Leone einen der bis heute bekanntesten Westernfilme. Weniger bekannt in Deutschland als der Italowestern ist der Hong Kong-Western: Westernfilme, die in Hong Kong produziert werden. Das Hong Kong-Kino ist vor allem für seine Actionfilme bekannt und darunter finden sich auch einige, die klassische Western-Motive nach China verlagern oder solche, die in den USA spielen wie Once Upon A Time in China and America.

Mit Wild Wild East hat Black Mask ein Abenteuer für das hauseigene System New Hong Kong Story veröffentlicht, das einen solchen Hong Kong-Western spielbar macht. Das Szenario verfrachtet die Spieler*innen, die im System Schauspieler*innen genannt werden, in die USA in die Zeit kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Mit einer Saloon-Schlägerei, einer Zugverfolgungsjagd und einem skrupellosen Minenbesitzer als Antagonisten wird Wild Wild East dabei zum waschechten Westernabenteuer, in dem die Schauspieler*innen ihr ganzes Können zur Schau stellen dürfen.
Ausbeutung, Rassismus
Inhaltsverzeichnis
Die Glorreichen Fünf – Die Charaktere
Die Schauspieler*innen schlüpfen in die Rollen von fünf chinesischen Immigranten, die unter schlimmsten Arbeitsbedingungen in einer Silbermine in Nevada schuften müssen. Der skrupellose Minenbesitzer Ted Carson stellt viele Migranten ein, die er mit Knebelverträgen betrügt. Die fünf spielbaren Rollen werden eher in groben Zügen charakterisiert. Allerdings ist das New Hong Kong Story-System passend zum Setting weniger auf Charakterentwicklung, sondern vor allem auf Action ausgelegt. Dementsprechend sind die grob gezeichneten, etwas klischeehaften Charaktere wie der Freiheitskämpfer Wong, der liebende Bruder Chin oder der Bauer Hom kein Manko des Abenteuers, sondern passen gut in das Spielkonzept.

Auch die Nicht-Schauspieler-Charaktere (NSCs) bedienen natürlich diverse Western-Klischees, wie der korrupte Sheriff oder die skrupellosen Kopfgeldjäger*innen. Wo man sich jedoch etwas weniger Klischees gewünscht hätte, sind die weiblichen Charaktere. Die Hauptrollen sind im Heft alle als männliche Rollen angelegt. Zwar sind die weiblichen Versionen auf der Rückseite der Charakterbögen zu finden, jedoch ändert das nichts daran, dass im Regelwerk die männliche Version als der Standard präsentiert wird. Hinzu kommt, dass der wichtigste weibliche NSC Chin Fan, die Schwester von Hauptrolle Chin, größtenteils die Dame in Not ist, die es zu retten gilt.
Once Upon a Time in the West – Die Story
Das Abenteuer, beziehungsweise der Film, startet in medias res: Die Schauspieler*innen planen ihre Flucht aus der Silbermine, die Tag und Nacht von Aufsehern bewacht wird. Die Flucht bietet natürlich einige gute Möglichkeiten für spektakuläre Actionszenen, zumal den Charakteren gänzlich offensteht, wie sie ihre Flucht durchführen wollen. Danach bewegt sich das Szenario konsequent auf den Showdown zu, lässt dabei aber auch Spielraum für Nebenhandlungen.
Die Charaktere bewegen sich von einem Schauplatz zum nächsten, die Spielleitung kann aber immer wieder Begegnungen einstreuen, wie ein Rudel Kojoten, einen Überfall, den die Charaktere vereiteln können oder eine brennende Scheune. Damit lässt sich zeitlich auch einiges mehr aus dem Abenteuer herausholen, als man es bei dem eher schmalen Heft erwarten würde. Auf der Website wird die Spieldauer mit etwa sechs bis acht Stunden angegeben. Durch diverse Zufallsbegegnung zwischen den Schauplätzen lässt sich das theoretisch aber noch strecken.
Wie bereits erwähnt, ist das Abenteuer rein von den Seiten her nicht besonders umfangreich. Das liegt unter anderem daran, dass in New Hong Kong Story weder NSCs noch die Rollen, die Schauspieler*innen in einem bestimmten Abenteuer spielen, besonders umfangreiche Charakterbögen brauchen. Gleichzeitig sind die Beschreibungen der einzelnen Schauplätze und Handlungen sehr dicht. Das ist toll, denn so gibt es viele Informationen auf wenigen Seiten.

Im Zentrum des Abenteuers stehen zwei große Action-Sequenzen: eine Zugverfolgungsjagd und der Showdown auf einem Schaufelraddampfer. Beide sind sehr schön inszeniert und die größte Stärke des Abenteuers. Besonders Western-Fans werden ihre Freude an diesen bekannten Schauplätzen haben. Insbesondere das Finale wird noch einmal dadurch aufgewertet, dass ein bestimmter Umstand, der außerhalb der Kontrolle der Charaktere liegt, die Spieler*innen unter Zeitdruck setzt. Dieser Zeitdruck ist allerdings rein narrativ und wird im Abenteuer spielmechanisch nicht aufgegriffen.
Das Abenteuer erzählt eine klassische Westerngeschichte: Gut gegen Böse; eine Stadt muss von einem Bösewicht befreit werden. Allerdings verleiht Wild Wild East trotzdem noch einen Spin, der ihn von klassischen Western absetzt. Der Western ist ein Genre, das, auch wenn es in letzten Jahren durchaus Gegenbeispiele gibt, geprägt ist von weißen, männlichen (Anti-)Helden.

Das Western-Kino ist außerdem ist seiner Darstellung von marginalisierten Gruppen wie Indigenen oder eben auch chinesischen Immigrant*innen immer wieder sehr problematisch, indem es diese Gruppen entweder als böse oder seltsam und dumm stigmatisiert. Deshalb ist es sehr schön, dass gerade eine solche marginalisierte Gruppe im Zentrum von Wild Wild East steht.
Spielbarkeit aus Spielleitungssicht
Die Informationsdichte des Texts führt dazu, dass vor allem die Spielleitung sich gut auf das Leiten vorbereiten sollte und am besten schon ein bisschen Spielleitungserfahrung mit an den Spieltisch bringt. Das ist auch wichtig, weil das Abenteuer nur wenige spielmechanische Hinweise gibt. Es gibt also keine Hinweise darauf, wann die Spieler*innen einen Fertigkeits- oder Attributswurf machen sollen oder wann es in die Kampfinitiative geht. Der Text beinhaltet wirklich nur das Story-Grundgerüst. Für erfahrene Spielleitungen stellt das kein Problem dar, für Anfänger*innen könnte das jedoch etwas schwierig sein.

Hinzu kommt, dass an manchen Stellen, die Strukturierung des Abenteuers etwas unübersichtlich ist. Schauplatzkarten werden nicht im Heft selbst abgedruckt, was durchaus praktisch für die Vorbereitung wäre, sondern liegen dem Heft gesondert bei.
Spielbarkeit aus Spieler*innensicht
Für Spieler*innen macht das Abenteuer viel Spaß, insbesondere natürlich, wenn man etwas mit dem Western-Genre anfangen kann. In die Rollen kann man sich schnell hineinfinden, da keine davon besonders komplex ist und gerne einige Klischees bedient. Es gibt genug Möglichkeiten, in den die Rollen scheinen können und in den Actionszenen ihr Können unter Beweis stellen können.
Auch wenn die Story an sich recht linear ist, kommt dadurch, dass die Hauptschauplätze zumindest bis zu einem gewissen Grad frei erkundbar sind, nicht das Gefühl von Railroading auf (nicht mal, als das Abenteuer tatsächlich in einem Zug spielt).
Erscheinungsbild
Wie man es von New Hong Kong-Abenteuern gewohnt ist, ist Wild Wild East ein Softcover-Ringbuch im DIN A5-Format. Das ist praktisch zum Mitnehmen und hat den Vorteil, dass kein Buchrücken zerknicken kann. Das Layout der Seiten ist ebenfalls gelungen. Leider gibt es weder ein Inhaltverzeichnis noch ein Glossar, was bei dem dünnen Heft aber nicht allzu schlimm ist.
Zu dem Abenteuer gehören neben dem Heft noch einige Karten, Charakterporträts und Tokens. Diese Materialien werden in einer kleinen Mappe aufbewahrt, die passend zum Setting designt ist. Schade ist, dass die Karten, die gefaltet sind, auch nach dem Ausklappen noch einige Zeit ihre Knicke beibehalten, was natürlich, falls man die Karten beim Spielen verwendet, nicht besonders schön aussieht. Die Tokens muss man außerdem noch selbst ausschneiden. Diese sind zudem ziemlich klein.
Die harten Fakten:
- Verlag: Black Mask Verlag
- Autor*in(nen): Christian Blaßmann
- Illustrator*in(nen): Bradley Deng
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Deutsch
- Format: Softcover
- Seitenanzahl: 38
- ISBN: /
- Preis: 15,50 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel
Fazit
Wild Wild East ist eine Hommage an Hong Kong Western und punktet mit schön inszenierten Action-Sequenzen, die die Herzen von Westernfans höherschlagen lassen. Zwischen diesen zwei Highlights gibt es genug weiteren Stoff, der für Spielspaß sorgen kann. Die spielbaren Charaktere sowie vor allem die Antagonisten sind dem Setting angemessen klischeebehaftet und funktionieren damit gut im Spielkonzept von New Hong Kong Story, da auch das Hong Kong-Kino gerne Klischees bedient. In diesem Fall passt das sogar doppelt gut, denn auch das Westernkino ist bekannt für seine klischeehaften Figuren. Lediglich die weiblichen Charaktere hätte man gerne etwas mehr ausfeilen können, denn auch wenn Klischees Spaß machen können, ist vor allem die Dame in Nöten als Handlungsinitiator etwas abgedroschen.
Insgesamt hat das Abenteuer einiges zu bieten, ist allerdings eher für erfahrenere Spielleitungen geeignet, da das Abenteuer die Spielleitung nicht besonders an die Hand nimmt.

- Spannende Westerngeschichte
- Großartige Action-Sequenzen
- Viel Inhalt auf wenig Seiten
- Nicht für unerfahrene Spielleitungen geeignet
- Blasse weibliche Nebencharaktere
Artikelbilder: © Black Mask Verlag
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Nina Horbelt
Fotografien: Rebecca Haardt
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.



















