Was passiert, wenn man Monkey Island und den Lovecraft-Mythos kreuzt? Publisher Stuck In Attic aus Rumänien hat den Versuch gewagt, und das Ergebnis ist ein humorvolles Adventure auf Basis des Mythos, welches per Kickstarter finanziert wurde. Haben sich die Jahre der Entwicklung gelohnt? Henning hat das Adventure für euch gespielt.
Wenn man den Angaben der Entwickler glauben darf, beleidigt das Spiel keine Großen Alten. Stuck In Attic haben in ihrem Adventure rumänische Folklore, Lovecrafts Mythos, den Humor klassischer Adventures und ihre Erfahrung als professionelle Animatoren in einem Adventure kombiniert, welches sie selbst dem „Cartoon Cosmic Horror“ zuordnen.
Inhaltsverzeichnis
Genaueres Setting/Geschichte
Der Aufhänger der Story ist einfach zusammengefasst: Bibliothekar Buzz findet ein gewisses Buch, dessen Worte er laut vorliest und damit seine Katze Kitteh in ein sprechendes Wesen verwandelt. Mit dieser Vermenschlichung sind weder Buzz noch Kitteh besonders glücklich, weswegen Buzz auf Kittehs Antreiben einen Weg sucht, die Veränderung rückgängig zu machen. Dabei werden sie in allerlei Wirrungen rund um das Buch hineingezogen, bei denen auch seltsame Kulte und der angeheuerte Privatdetektiv Don R. Ketype eine Rolle spielen.

Der Spieler übernimmt dabei hauptsächlich die Rolle von Buzz, spielt aber gelegentlich auch als R. Ketype oder sogar als Kitteh.
Die Geschichte ist in mehrere Kapitel unterteilt, die in sich abgeschlossen sind. Dadurch ist es möglich, schöne Punkte zum Unterbrechen zu finden, wenn man das Spiel nicht am Stück durchspielen möchte.
Stuck In Attic ist es dabei gelungen, eine humorvolle Cartoon-Geschichte zu entwickeln, die jedoch den Cthulhu-Mythos, an den sie angelehnt ist, nicht lächerlich macht. Gibbous wird von den Entwicklern gelegentlich als „Cartoon Cosmic Horror“ bezeichnet, und das trifft es ganz gut. Es existiert ein solides Bedrohungsszenario, welches die Hauptcharaktere nicht vollständig verstehen.
Gibbous bietet ca. 10 Stunden reine Spielzeit. Diese kann allerdings stark variieren. Adventure-erfahrene Spieler sind vielleicht bei einigen Rätseln schneller, und wenn man alle Beschreibungen liest, alle Dialogoptionen ausprobiert und bei einigen Rätseln etwas länger denken muss, kann sich die Spielzeit auch leicht verdoppeln.
Apropos Rätsel: Die Rätsel im Spiel sind solide designt. Es gibt keine exotischen Lösungen, alles ist logisch kombinierbar. Ein Gespräch mit Kitteh hier und da gibt Buzz den richtigen Hinweis, und Don kann in seinen Notizblock schauen. Ich habe auch keine Lösungen gefunden, die nur auf Wortwitzen beruhen und deshalb in lokalisierten Fassungen unnötig kompliziert werden könnten.
Die Rätsel sind jedoch nicht sehr anspruchsvoll. Für erfahrene Adventure-Spieler bewegen sie sich auf mittlerem Niveau. Gibbous verzichtet zwar auf ein Tutorial, führt aber alle zum Lösen der Rätsel nötigen Techniken (Kombinieren von Gegenständen, Kitteh befragen etc.) langsam nacheinander ein. Die Rätsel bieten daher einen leichten Einstieg und werden erst im Verlauf des Spiels komplexer. Wer allerdings wirklich harte Rätsel-Nüsse sucht, wird bei Gibbous nicht fündig.
Es gibt ein sprachabhängiges Rätsel, welches nicht lokalisiert werden konnte und auf Englisch geblieben ist. Das Spiel blendet hier einen Hinweis ein und bietet die Möglichkeit, das Rätsel zu probieren, aber jederzeit zu überspringen und in der Geschichte fortzufahren.

Features
Grafik und Soundtrack
Gibbous ist schön. Anders kann man das nicht ausdrücken. Man merkt, dass die beiden Animatoren das Spiel Frame für Frame von Hand animiert haben. Das Spiel ist komplett im Comic-Stil gehalten, allerdings sind die Bilder nicht übertrieben albern wie bei vielen anderen Comic-Adventures. Dazu kommen dann noch Spielereien moderner Spielengines, beispielsweise dynamische Schatten oder volumetrisches Licht.
Die Grafik ist aber nicht nur gut, sie funktioniert auch. Die Hintergründe sind stimmungsvoll und unterstützen die jeweilige Situation. Dabei schaffen sie den Spagat zwischen Hotspot-Fülle und klassischem Humor auf der einen sowie Stimmung und Übersichtlichkeit auf der anderen Seite.

Der Soundtrack ist eine schöne Mischung aus stimmungsvoller Musik und Anleihen bei alten Adventures. Er hat keine störenden „Spitzen“ und drängt sich generell nicht in den Vordergrund.
Sowohl der Soundtrack als auch die Grafik sind von der Heimat der Entwickler inspiriert. Folkloristische Themen und Live-Musiker hauchen dem Soundtrack Leben ein, während der Stil der Hintergründe, gerade bei Gebäuden, eine eigene Note mitbringen, die sie aus der Masse der Standard-Hintergründe deutlich heraushebt.
Spielgefühl
Die Entwickler haben sich bei Gibbous an klassischen Adventures orientiert. Die Steuerung erfolgt über das Anklicken von Hotspots, worauf zwei bis drei Icons erscheinen, mit denen man den Hotspot untersuchen, manipulieren oder benutzen kann.
Die klassischen Wurzeln zeigen sich nicht nur in der Bedienung, sondern auch in den Texten. Die meisten Gegenstände kann man mehrfach betrachten und bekommt jedes Mal eine andere Beschreibung. Das Augen-Icon, welches für die Untersuchung von Hotspots benutzt wird, schließt sich dabei, sobald man alle Texte gehört bzw. gesehen hat. So weiß man jederzeit, ob es in einem Raum noch unerkundete Informationen gibt.
Des Weiteren gibt es einzigartige Reaktionen für die meisten Kombinationen von Gegenständen und Hotspots im Spiel. Ein simples „Ich kann das so nicht benutzen“ (oder „Nee“, wie es bei Gibbous heißt), bekommt man nur selten zu sehen und zu hören.
Die Dialoge haben ihre eigenen Easter-Eggs, in denen des Öfteren auf Begebenheiten oder typische Abläufe in alten Adventures angespielt wird. Sehr schön.
Bei allem Humor sind die Dialoge gut geschrieben, und es macht Spaß, sich durch die Optionen zu klicken. Die Charaktere sprechen dabei oft offen aus, was man sich als Spieler auch gerade denkt. Schön sind auch die klassischen Dialogrätsel, bei denen es nötig ist, Personen zu späteren Zeiten noch einmal anzusprechen, weil andere Dialoge oder Informationen neue Antwortoptionen ermöglichen.
Gibbous bietet aber auch alle Annehmlichkeiten, die ein modernes Adventure benötigt: Full-HD-Auflösung (4K wird aufgrund der handgezeichneten Hintergründe nicht unterstützt) und Sprachausgabe gehören inzwischen zum guten Standard. Laden und Speichern ist jederzeit möglich, und es gibt eine Taste, um alle Hotspots in einem Bildschirm anzuzeigen. In den Kommentaren von Kitteh und im Tagebuch von Don wurde sogar eine Art Hint-System versteckt.

Sprachen
Die Sprachausgabe von Gibbous ist auf Englisch. Die Oberfläche und das Spiel selbst wurden in 14 Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch und Russisch. Im Spiel werden übersetzte Untertitel zur englischen Sprachausgabe verwendet.
Auch wenn nicht jeder Wortwitz Eins zu Eins übernommen werden konnte, ist die deutsche Übersetzung sehr gelungen. Das Lesen der deutschen Untertitel zu englischer Sprachausgabe hilft, die Stimmung zu transportieren. Natürlich wäre eine deutsche Sprachausgabe schöner gewesen, aber bei über 12.000 Zeilen Dialog ist dies ein nicht zu unterschätzender Aufwand für ein Indie-Studio.
- Entwicklerstudio: Stuck In Attic
- Publisher: Stuck In Attic
- Plattform: PC (Windows 7+, Linux (Ubuntu 16.04, 18.04)), Mac (OS X 10.11+)
- Mindestanforderungen: 64 Bit/5 GHz (Core i3 oder Athlon), 4 GB RAM, 8 GB Festplatte, DirectX 9 und kompatible Grafikkarte
- Genre: Adventure
- Releasedatum: 7. August 2019
- Spielstunden: 10+
- Spieleranzahl: 1
- Altersfreigabe: keine Angabe
- Preis: 19,99 EUR
- Bezugsquelle: Steam, GOG
Zusatzinhalte
Zusätzlich zum Spiel kann man den Soundtrack und das digitale Artbook erwerben. Der Soundtrack eignet sich gut zur Untermalung eigener Pen&Paper-Runden.
Fazit
Gibbous ist ein Adventure der alten Schule. Es schafft dabei den Spagat zwischen einem comichaften und witzigen Gameplay und einer funktionierenden, an den Cthulhu-Mythos angelehnten Horror-Story. Vor allem schafft es aber eines: Es macht den Mythos selbst nicht lächerlich.

Grafisch ist das Spiel ein Highlight. Man merkt, dass Hintergründe und Animationen in liebevoller Kleinarbeit von Hand erstellt wurden. Licht- und Schatteneffekte aus der verwendeten Unity-Engine veredeln die Szenen. Auch der Soundtrack passt gut zu den Szenen, er transportiert die Stimmung, ohne zu stören.
Das Spiel bietet leider nur englische Sprachausgabe, und die deutsche Übersetzung per Untertitel ist an einigen Stellen etwas holprig. Die Kombination transportiert die jeweilige Stimmung aber recht gut. Gibbous bietet 12 weitere Sprachen per Untertitel an.
Insgesamt bietet Gibbous für 20 EUR zehn Stunden Adventure-Unterhaltung – oder mehr, wenn man alles ausgiebig untersucht und mehr Kombinationen ausprobiert. 12.000 Zeilen Dialogtext laden genau dazu ein: Fast alle Hotspots bieten mehr als einen Kommentar, und auch fast alle Inventar-Kombinationen haben einen eigenen Text.
Artikelbild: Stuck In Attic, Screenshots: Henning Lechner, Bearbeitet von Verena Bach
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.




















