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Noch bevor sich Facebook durchsetzen konnte, fand LARP im Larper.Ning ein virtuelles Zuhause und gilt als erstes LARP-Netzwerk. Das war vor dreizehn Jahren. Der Erfolg von Facebook und Kritik am Nutzerverhalten und der Technik ließen die Nutzerzahlen zurückgehen. Nun will das Ning in einer Version 2.0 wieder durchstarten.

Katja Steinrücke ist 39 und larpt seit 2002 vornehmlich in den Settings Fantasy, Steampunk und Vampire, dabei schlüpft sie in die verschiedenste Perspektiven als Spielerin, NSC oder Orga. Unter anderem ist sie Spielleiterin beim Theater der Vampire. Die ausgebildete Sängerin engagiert sich zudem ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz in der Krisenintervention und betreut als eine von sieben Admins das Larper.Ning. Ihre Brötchen verdient sie als Testmanagerin in einem Unternehmen für Logistiklösungen. Wenn sie nicht arbeitet, larpt oder das Larper.Ning administriert begeistert sie sich für Brettspiele, Pen&Paper und Nähen.

Teilzeithelden: Das Larper.Ning wird dieses Jahr dreizehn. Hand aufs Herz, warum braucht es im Jahr 2020 noch ein Larper.Ning, wenn doch ganz viel LARP-Vernetzung, Termine und Galerien auf Facebook sind?

Katja: Grade in der letzten Zeit sind immer wieder Stimmen an mein Ohr gedrungen, die gesagt haben, dass sie Facebook eigentlich nicht mehr nutzen wollen und nur noch da sind wegen der LARPs. Ein Netzwerk für Larper müsste es geben. Nun ja, das Larper.Ning gab es ja schon, also warum nicht den Ruf hören?

Facebook ist super, um Dinge kurzfristig zu konsumieren, aber versuch mal, da gezielt was wiederzufinden. Es gibt gefühlt drölfzig LARP-Flohmärkte, LARP-Bastelgruppen, LARP-Veranstaltungsgruppen usw. Man verliert da schlicht den Überblick und sieht durch diese vielen Gruppen sehr viele Dinge doppelt und dreifach. Im Larper.Ning hat man halt gebündelt alles an einem Ort. Und es ist auf die Zielgruppe zugeschnitten: Nämlich Larper.

Eine Alternative zu Facebook?

Teilzeithelden: Eine Alternative zu Facebook wurde aber schon öfter gesucht und auch versucht. Warum erst jetzt das Redesign?

Katja: Es gab lange keine wirkliche Alternative zum vorherigen Design. Die Plattform, die wir von Ning.com beziehen, sah so aus, wie sie aussah. Bis Ning da selbst was dran gemacht hatte, dauerte es ziemlich lange. Dazu kommt, mein Admin-Team und ich machen das alles in unserer Freizeit unentgeltlich. Wir kriegen nix dafür, machen es trotzdem gern. Und dann auch noch jemanden zu finden, der sich mit Webdesign auskennt und dann noch Lust hat, sich damit auseinander zu setzen, war auch nicht so einfach. Das brauchte Zeit und die richtigen Kontakte.

Dazu kommt, dass wir nicht gesponsort werden. Wir haben also, bis auf Spenden, keine Einnahmequellen. Wir können also niemanden für seine Dienste bezahlen, geschweige denn, dass wir uns das leisten könnten. Also muss man eben selbst tätig werden, Leute fragen oder sich das Wissen selbst aneignen, das man benötigt. Das braucht leider alles Zeit.

Teilzeithelden: Was bietet mir Larper.Ning, wenn ich beschließe, mich nun anzumelden und zu beteiligen?

Katja: Ganz wichtig: Das Larper.Ning bleibt für den normalen User kostenlos. Zahlen muss da niemand was. Freiwillige Beteiligung ist immer gern gesehen, ist aber kein Muss.

Du bekommst aber ein riesiges Archiv mit Bastelanleitungen, Fotos, Blogs zu verschiedenen LARP-Themen, Diskussionen, Conberichte, Rat und Tat bei Fragen zum Larp, zu Bastelprojekten, Anschluss an andere Larpgruppen. Neueinsteiger finden andere Neueinsteiger oder auch alte Hasen. Da gibt’s so unglaublich viel und dass alles an einem Ort und sauber sortiert.

Aber man darf auch nicht vergessen: Ein Netzwerk lebt vom Mitmachen. Und das darf und soll wirklich jeder gerne tun! Ob es Gedanken zu neuen Veranstaltungen oder Regelwerken oder gar Nischen-Larps gibt – ich erinnere mich da an ein Beispiel, das ein guter Freund vor kurzem genannt hat: Goat Larp – immer her damit. Wir freuen uns über neue und alte Gedanken und Gesichter, neue Diskussionen, Fotos, Veranstaltungen und so weiter.

Teilzeithelden: Finanzierung ist ein gutes Stichwort! Bis vor ein paar Jahren wurde das Larper.Ning unter anderem durch den Deutschen Liverollenspielverband mitfinanziert. Nachdem dieser die Unterstützung beendete, stand das Larper.Ning kurz vor dem Aus und konnte nur durch eine Community-Spenden-Aktion gerettet werden. Betrieb, Wartung und Entwicklung kosten jedoch weiter Geld. Wie wollt ihr euch in Zukunft finanzieren?

Katja: Spenden sind natürlich noch immer ein Thema. Wer möchte, kann sich jederzeit an der Finanzierung beteiligen. Wir möchten zukünftig aber auch einen Merchandise-Shop ins Leben rufen, wo wir T-Shirts, Tassen, Buttons und sowas anbieten wollen, die bei der Finanzierung helfen sollen. Aber wir möchten zukünftig auch Händlern und Kleingewerben die Möglichkeiten anbieten, ihre Sachen zielgruppengenau bei uns zu platzieren. Wir erarbeiten grade intern ein Konzept, wie das aussehen kann, aber wir sind zuversichtlich. Das soll eben über einen normalen Flohmarkt hinaus gehen und man könnte sagen, dass wir sowas wie ein Dawanda oder Etsy explizit für Larper bei uns integrieren wollen. Wir hoffen sehr, dass das klappt.

Das neue Erscheinungsbild der Internetseite.

Alles neu macht der Mai

Teilzeithelden: Diese E-Commerce-Funktion ist eine der großen Neuerungen. Warum ist das für Händlerinnen und Händler interessanter als zum Beispiel Etsy?

Katja: Das Larper.Ning hat einen ganz immensen Vorteil: Es ist ein absolut zielgruppenspezifisches Netzwerk. Streuverluste sind hier viel niedriger, da ich sofort meine potentiellen Kunden ansprechen kann. Hier ist ja alles von Larper zu Larper.

Dazu kommt, bei Etsy ist zum Beispiel das Gebührenkonstrukt tatsächlich schwierig zu verstehen und am Ende sogar recht teuer. Da ist dann eben die Frage, ob sich das für einen Kleingewerbetreibenden wirklich lohnt. Grade diesen wollen wir mit der Funktion entgegenkommen. Wir werden nicht pro Artikel irgendwas erheben, sondern bewegen uns da eher in Monats- oder Jahresbeiträgen. Das genaue Gebührenmodell erarbeiten wir grade noch. Das ist dann doch kniffliger als anfangs gedacht. Auch müssen wir schauen, wie wir das technisch umgesetzt bekommen, da auch für uns die Funktionen nun erstmal anders aussehen oder auch komplett neu sind.

Teilzeithelden: Weitere Neuerungen betreffen die schon bisher intensiv genutzten Gruppen. Was kannst du uns über die neuen Funktionen bei den Gruppen erzählen?

Katja: Die Gruppen sind ziemlich cool geworden. Sie sind quasi ein kleines Larper.Ning im Larper.Ning. Jede Gruppe hat eigene Seiten, die gestaltet werden können, sowie eine eigene Veranstaltungsliste, die dann nur gruppenintern zu sehen ist. Es gibt eine eigene Fotogalerie, wo dann Fotos von einer Veranstaltung geteilt werden können. Für Gruppenadmins gibt es auch die Möglichkeit, den Gruppenmitgliedern eine Gruppennachricht zukommen zu lassen. Das ist zum Beispiel für Orgas interessant, die ihre Conteilnehmer in einer Gruppe organisiert und entsprechend erreichen möchte. Man kann zu einer Gruppe auch mehrere neue Seiten hinzufügen, wenn man Regeln und Conhintergründe innerhalb der Gruppe teilen möchte und dabei nicht auf einen Beitrag im gruppeninternen Forum zurückgreifen will. Die Gruppen sind aufgeräumter und organisierter.

Aus Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft gelernt

Teilzeithelden: Apropos Bilder und Galerien: Die spielten ja schon immer eine große Rolle im Ning, waren aber auch öfter Quell toxischer Kommentare und gehässiger Diskussionen, wie sie inzwischen auch in Facebook-LARP-Gruppen zu sehen sind. Wie wollt ihr dieser Tendenz in sozialen Netzwerken entgegenwirken?

Katja: Es wäre falsch dieses Problem zu leugnen oder zu verharmlosen. Das ist ja auch kein spezifisches Larper.Ning-Problem, sondern kann man so ziemlich in jedem virtuellen Raum beobachten, sei es Facebook, Discord oder eben auch das Larper.Ning. Daher haben wir uns im Zuge des Redesigns auch mit der Frage beschäftigt, wie wir wieder einen konstruktiven und positiven Umgang im virtuellen Raum finden. Da haben wir auch aus Fehlern der Anfangsjahre viel gelernt.

Unter anderem haben wir daher einen Nettiquette-Leitfaden erarbeitet, den wir in den nächsten Tagen final online stellen werden. Wir haben das Admin-Team vergrößert und wenn wieder mehr los ist, würde es sich sogar anbieten, einen Social Media Manager einzurichten. Wir haben in den letzten Diskussionen im alten Larper.Ning schon ein Auge darauf gehabt und die Leute darauf hingewiesen, wenn die Kommentare auf ein Niveau gingen, das wir im Larper.Ning nicht mehr haben wollen. Diesen Weg wollen wir konsequent fortsetzen, doch das kann nur eine gemeinsame Aufgabe mit den Nutzerinnen und Nutzern sein.

Teilzeithelden: Eine ganze Menge hat sich getan, aber ihr habt auch noch einiges vor. Was habt ihr für die Zukunft geplant?

Katja: Wir möchten gerne die Wettbewerbe, die immer guten Anklang gefunden haben, wieder ins Leben rufen. „100 Tage 100€“ ist dafür ein super Beispiel. Grade bei sowas kriegen auch Neueinsteiger gute Einblicke, dass es gar nicht viel Budget braucht, um etwas Tolles umzusetzen.

Wir möchten auch mehr einen Blick in die internationale LARP-Szene werfen. Wie spielt man in Spanien, in Italien, in den Niederlanden? Da gibt es noch einiges, was man kennenlernen kann.

Hauptaspekt ist aber, das Larper.Ning wieder aktiver zu machen und all denen, die keine Lust mehr auf Facebook haben, eine andere virtuelle Heimat zu bieten.

Teilzeithelden: Vielen Dank für Deine Zeit und viel Erfolg mit dem Larper.Ning 2.0.

Titelbild: ©chartcameraman | depositphotos
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Sabrina Plote

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