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Mehr als dreißig Jahre seit der Erstveröffentlichung findet mit The Crow: Ultimate Edition ein Klassiker der Branche seinen Weg zurück auf den deutschen Markt. Mit überarbeiteter Übersetzung und dreißig bisher unveröffentlichten Zusatzseiten soll damit endlich die wahre Vision des Schöpfers James O‘Barr erlebbar werden.

Mehr als dreißig Jahre sind seit der ersten Veröffentlichung von The Crow vergangen. Die Graphic Novel von James O‘Barr gehört spätestens seit ihrer Verfilmung und dem tragischen Tod des Hauptdarstellers Brandon Lee zu den bekanntesten Schwarz-Weiß-Werken der Branche. Zudem gibt es viele Stimmen, laut denen der Erfolg von The Crow den Weg für Independent Comics entscheidend gestaltet hat.

Nach all dieser Zeit findet die Geschichte um den Racheengel Eric wieder ihren Weg auf den deutschen Markt. Doch damit nicht genug: Der Verlag dani books veröffentlicht The Crow: Ultimate Edition als Überarbeitung, die der ursprünglichen Vision des Autors folgt. Dieser Band enthält dreißig zusätzliche Seiten, die aus produktionstechnischen Gründen bei der Erstveröffentlichung wegfielen und nun von James O‘Barr reproduziert wurden. Zudem erfolgte eine Überarbeitung der Übersetzung in Zusammenarbeit mit dem Autor, um die Stimmung so genau wie möglich wiederzugeben. Wie ist der Klassiker gealtert? In unserem Kurzcheck gehen wir dieser Frage auf die Spur.

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Handlung & Charaktere

Nachdem er und seine Verlobte Shelly von einer Gang brutalst überwältigt wurden, erliegt Eric im Krankenhaus seinen Verletzungen. Jedoch wird er von einer Krähe ins Leben zurückgerufen, um  Rache an den Mördern zu nehmen, die Shelly ebenfalls ein qualvolles Ende bereiteten. Als übernatürlicher Todesengel sucht er systematisch seine Angreifer auf, um sie ihrer Bestrafung zuzuführen. Zwischendurch unterbricht Eric seine Jagd immer wieder für Ruhepausen in seinem und Shellys alten Haus, in dem er von Erinnerungen an die gemeinsame Zeit geplagt wird. Diese Rückblenden liefern die wichtigsten Informationen zum gemeinsamen Leben des Paares und jener verhängnisvollen Nacht.

Es fühlt sich falsch an, die Handlung von The Crow zu bewerten. Wie im Vorwort klar wird, ist diese Graphic Novel eine zutiefst persönliche Erzählung von James O‘Barr, durch die er einen schweren, persönlichen Verlust aufgearbeitet hat. Auch der unglückliche Tod von Brandon Lee am Set der Verfilmung hat seine Narben beim Autor hinterlassen, der danach von Schuldgefühlen geplagt war. Wie kann ich es mir als Außenstehender überhaupt anmaßen, die Gefühlsbewältigung einer anderen Person zu beurteilen? Aus diesem Grund möchte ich klarstellen, dass die folgenden Einschätzungen lediglich meine Meinung zur handwerklichen Qualität von The Crow widerspiegeln und nicht dessen emotionale Bedeutung für den Schöpfer.

Auszug – The Crow: Ultimate Edition © dani books
Auszug – The Crow: Ultimate Edition © dani books

Die sehr geradlinige Handlung dieser Graphic Novel weist sowohl Licht, als auch Schattenseiten auf. Positiv zu erwähnen ist die emotionale Intensität und Wucht, die Lesende präsentiert bekommen. Der kalte Zorn und Schmerz von Eric wird auf jeder Seite greifbar, besonders in den Rückblenden zu seinem Leben mit Shelly. Diese Momente des vergangenen Glücks stehen in harschem Kontrast zu Erics gnadenlosem Rachefeldzug, aufgrund dessen Unmengen an Blut fließen. Das Wechselspiel dieser Erzählweisen tut dem Lesefluss gut, da nach einer intensiven Actionphase eine Verschnaufpause zum Nachdenken und Verarbeiten der Ereignisse eingeschoben wird.

In negativer Hinsicht muss man akzeptieren, dass die Handlung wenig Originalität besitzt. The Crow ist ein etablierten Mustern folgender Rachefeldzug, der neben dem Protagonisten nur klischeebeladene Charaktere hat. Besonders die Schurken sind so übertrieben boshaft und verdorben, dass sie wie übernatürliche Dämonen wirken. Aus diesem Grund kann der Ablauf der Geschichte zwar unterhalten, aber an keiner Stelle überraschen. Selbst über Shelly erfährt man wenig, außer dass sie für Eric die perfekte Partnerin gewesen sein muss. Möglicherweise ist das gewollt, da man die Ereignisse aus Erics Perspektive erlebt und es für ihn in seinem Zustand nur noch zwei Extreme gibt: Die Perfektion seines sterblichen Lebens mit Shelly und die abgrundtief bösen Mächte, die ihm dieses geraubt haben.

Da mir der Vergleich mit der Erstveröffentlichung fehlt, kann ich die Bedeutung der zusätzlichen Seiten nicht akkurat beurteilen. Nach meinen Recherchen hatten diese zum Großteil mit den Rückblenden zu tun, welche für mich insgesamt zu den stärksten Aspekten dieser Graphic Novel gehören. Ein tieferer Einblick in die geschundene Seele von Eric tut der Emotionalität der Handlung definitiv gut.

Auszug – The Crow: Ultimate Edition © dani books
Auszug – The Crow: Ultimate Edition © dani books

Zeichnungen & Kolorierung

Bei der visuellen Gestaltung zeigt sich das gleiche Bild wie bei der Handlung: James O‘Barrs Schwarz-Weiß-Zeichnungen sorgen gleichzeitig für positive und negative Eindrücke. Als wichtigster Punkt muss die Wucht der Bilder hervorgehoben werden. Ähnlich wie bei der erzählten Geschichte spürt man die Emotionen, die in die künstlerische Gestaltung geflossen sind. The Crow ist großteils sehr finster und hart gestaltet, speziell während der Szenen von Erics Rachefeldzug. Mithilfe der Tusche werden großflächig dunkle Panels geschaffen, die hervorragend die Düsternis in Erics Seele einfangen.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Rückblenden, die mit weichen Linien visualisiert werden. Hier überkommt einen bei der Lektüre ein Gefühl der Friedfertigkeit und Harmonie, das die einfache Schönheit des gemeinsamen Lebens von Eric und Shelly hervorhebt. Dieses Wechselbad der Gefühle bei der Lektüre macht The Crow zu einem speziellen Leseerlebnis.

Allerdings muss man bei objektiver Betrachtung zugegeben, dass die Qualität der Zeichnungen variiert. Stellenweise wirken die Posen oder Gesichter der Charaktere verzerrt, inkonsistent oder beinahe unfertig. Das könnte auch Absicht sein, um die Übernatürlichkeit der Geschichte nochmals zu betonen.

Die harten Fakten

  • Verlag: dani books
  • Autor*in: James O’Barr
  • Zeichner*in: James O’Barr
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenanzahl: 272
  • Preis: 25,00 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Fazit

The Crow: Ultimate Edition ist eine höchst emotionale Graphic Novel, deren erzählerische Wucht auf jeder Seite zu spüren ist. Die Handlung um den Rachefeldzug eines übernatürlichen Todesengels ist für heutige Verhältnisse wenig originell und leidet besonders unter den oberflächlichen Charakteren. Allerdings kann man sich des emotionalen Einflusses der Erzählung nicht entziehen, besonders wenn die Rückblenden um das tragische Schicksal des Protagonisten ihre Wirkung entfalten. Der Kontrast des simplen Glücks in der Vergangenheit und des kalten Zorns der Gegenwart ist das wahre Kunststück von The Crow.

Eine ähnliche Wucht entfalten die Zeichnungen. In den Actionszenen sind sie dreckig, hart und düster gestaltet, nur um bei den Rückblenden auf sanfte Striche zu setzen. Diese Dualität der visuellen Gestaltung kombiniert sich wundervoll mit der Handlung. Leider haben sich bei einigen Szenen verzerrt wirkende Posen, Gesichter oder Charaktere eingeschlichen, wodurch die Zeichnungen unsauber wirken.

Abschließend betrachtet ist The Crow: Ultimate Edition mit Sicherheit keine perfekte Graphic Novel, aber allemal ein imposantes Leseerlebnis. Selten habe ich einen Bildband erlebt, der eine solche emotionale Wirkung entfalten konnte. Die restaurierte Fassung fängt dabei die ursprüngliche Vision des Autors für diese persönliche Adaption hervorragend ein. Allein aus diesem Grund und der Bedeutung dieses Werkes für die Branche verdient The Crow: Ultimate Edition einen Platz in der Sammlung von Phantastik- und Graphic Novel-Liebhabern.

Artikelbild: dani books
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Susanne Stark
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank fürs Besprechen! Die Wortwahl „überarbeitete Übersetzung“ ist allerdings nicht richtig, weil das bedeuten würde, dass hier lediglich der alte Text nachbearbeitet wurde. Das ist nicht der Fall. Es handelt sich um eine komplette Neuübersetzung, die nicht auf der alten aufbaut und diese nicht als Grundlage hat.

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