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Das Hobby Cosplay ist für seine grenzenlose Auswahl an Figuren bekannt, in die man sich verwandeln kann. Also warum nicht mal eine historische Persönlichkeit zum Leben erwecken? Wie das geht und was man beachten sollte, findet ihr im folgenden Artikel.

Anime- und Buchfiguren, Charaktere aus Filmen und Serien – für Cosplayer*innen gibt es jede Menge Möglichkeiten, ihr Fandom und ihre Leidenschaft von der Leinwand oder vom Papier in die Realität zu bringen. Immer wieder sieht man aber auch Persönlichkeiten, welche wie per Zeitmaschine gekommen, zwischen all den fiktiven Figuren auffallen. Ob Julius Caesar, Kaiserin Sisi oder Sigmund Freud, einige Cosplayer*innen kombinieren mittlerweile ihr Interesse für Geschichte mit ihrem kreativen Hobby. Die Entscheidung, Cosplay auch mal anders zu denken und in ein historisches Kostüm zu schlüpfen, ist auf der einen Seite eine spannende Abwechslung. Sie erfordert aber auch einiges an Verantwortung von denjenigen, die sich für bestimmte Persönlichkeiten entscheiden. Was genau ist also der Charme von “History Cosplays“ und welche Gefahren stecken hinter dieser Art zu cosplayen?

Die Faszination der Vergangenheit

Geschichte ist überall, immerhin entstammt jede Kultur und jedes Land einer Aneinanderreihung von Entwicklungen und Ereignissen. Spätestens in der Schule wird den meisten Kindern dieses Bewusstsein anhand von Faktenfluten und sperrigen Wissenschaftstexten in den Kopf gehämmert. Doch wer davon nicht abgeschreckt wurde und sich über den Schulunterricht hinaus mit dem Thema befasst, wird feststellen, dass Geschichte so viel mehr ist als nur verstaubtes Wissen. Geschichte weckt Emotionen – gute und schlechte. Geschichte definiert uns, wer wir sind und woher wir stammen. Und in ihr lebten Helden und Schurken, die wirklich existiert haben und so real daherkommen, wie sie keine fiktive Story zu erschaffen vermag. Hinzu kommen die unzähligen Kleidungsstile und Rüstungen, die sich durch die Jahrhunderte hinweg entwickelt haben und somit einen riesigen Pool von Herausforderungen zum Nachschneidern und Basteln bieten. Natürlich fasziniert dieser Aspekt viele Menschen auf der ganzen Welt, sodass auch er seinen Platz in der Popkultur eingenommen hat.

Schon in den 50ern war Hollywood fasziniert von historischen Themen: Hier ein Cosplay von Kaiser Nero aus dem Film Quo Vadis (1951)
Schon in den 50ern war Hollywood fasziniert von historischen Themen: Hier ein Cosplay von Kaiser Nero aus dem Film Quo Vadis (1951)

Geschichte in der Popkultur

Schon seit langem finden sich historische Themen auch in der modernen Popkultur wieder. Sei es durch historisch inspirierte Outfits oder die Zeit, in der sich die Held*innen unserer liebsten Filme und Videospiele bewegen oder durch die biografische Verfilmung einer Figur aus der Geschichte. Gerade durch die Assassins Creed-Videospielreihe mit ihren Settings im Florenz der Renaissance und dem alten Ägypten oder der Welt des Mittelalters und der Wikinger wie im neusten Spiel Valhalla hat das Thema Geschichte Fahrt aufgenommen. Nicht nur wegen Ezio und seinen Assassinenkollegen, sondern auch aufgrund von zahlreichen Gastauftritten berühmter Personen, wie Julius Caesar, Kleopatra und Da Vinci, wird die Aufmerksamkeit des Spielers automatisch auch auf solche Aspekte gelenkt. Durch Videospiele und Filme, haben wir das Gefühl, dass uns die Vergangenheit näher ist denn je, immerhin tauchen Fans dadurch in Welten ein, die so vertraut und gleichzeitig so unbekannt sind. Mit etwas Wissen über das alte Ägypten, ist es etwas ganz anderes sich dort plötzlich im Rahmen eines Videospiels zu bewegen. Es ist das Eintauchen, das Zurückkehren in die Vergangenheit, wie in einer Zeitmaschine. Tatsächlich findet man Geschichte, öfter als man denken mag, in popkulturellen Dingen, die wir als Fans so gerne konsumieren. Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch Cosplayer*innen begonnen haben, sich auch unter diesen historisch-inspirierten Figuren, Kostüme auszusuchen, die sie umsetzen wollen.

Der Charakter Commodus aus dem monumentalen Historienfilm Gladiator trumpft mit beeindruckenden römischen Rüstungen auf.
Der Charakter Commodus aus dem monumentalen Historienfilm Gladiator trumpft mit beeindruckenden römischen Rüstungen auf.

Wenn Geschichte im Cosplay lebendig wird

Für viele Larper*innen ist es ein fester Bestandteil sich beim Erstellen ihrer Kleidung beispielsweise mit den mittelalterlichen Rüstungen und Gewändern auseinanderzusetzen, um sie detailgetreu nachzubasteln. Bei Cosplay ist diese Praxis mittlerweile auch angekommen. Es ist keine Seltenheit mehr, zu sehen, wie Cospayer*innen unglaublich detailgetreue, viktorianische Kleider kreieren oder meterlange Togen aus der römischen Antike um sich wickeln. Für viele ist es das eigene Interesse an einem geschichtlichen Thema, welches sie dazu bewegt, diese Leidenschaft mit Cosplay zu verbinden. Andere sehen im Kreieren von historisch akkuraten Cosplays eine Herausforderung, der sie sich gerne stellen wollen. Wichtig ist, dass „History Cosplays“ keinen Reenactment-Aspekt bedienen, wie es beispielsweise im Larp der Fall ist. Es geht nicht um die Darstellung eines historischen Events oder der Lebensweise von damals, sondern um den individuellen und visuellen Charakter einer Figur.

Die Herausforderung, historische Kostüme zu schaffen

Nachdem nun die grobe Einordnung vorgenommen wurde, was „History Cosplay“ im Allgemeinen bedeutet, werden jetzt die zwei Arten vorgestellt, in welche man historisch-inspirierte Cosplays aufteilen kann.

Die erste Kategorie sind fiktive Figuren, die mit ihrem Konzeptdesign offensichtlich an eine bestimmten Zeitepoche angelehnt sind und einem somit die Möglichkeit geben, diese Cosplays aufzupeppen. Das heißt, das produzierte Cosplay soll nicht eins zu eins nach Vorlage wiedergegeben werden, sondern man nimmt die Herausforderung an, das Kostüm „historisch korrekt“ zu gestalten. Dabei wird darauf geachtet, dass trotz historischer Authentizität nicht verloren geht, was die Figur vom Aussehen und Kern ausmacht. Hierfür wird vor allem nach Mengen an Inspirationsbildern von real existierenden Kleidungsstücken aus der gesuchten Epoche gefahndet. Manche heben das Ganze sogar noch auf ein höheres Level, indem sie nicht nur das Aussehen historischer Kleidung nachahmen, sondern auch die alten Techniken nutzen, zum Beispiel das Per- Hand-Nähen, Korsettschneiderei oder spezielle, alte Sticktechniken. Eine solche kreative Ausgestaltung von fiktiven Designs kann zu schönen, beeindruckenden Looks führen, die das eigene Cosplay nicht nur zu einem individuellen Einzelstück macht, sondern auch Staunen bei Betrachtern auslöst, die das Fandom vielleicht nicht kennen.

Die zweite Kategorie sind die Cosplayer*innen, die sich entschließen eine historische Persönlichkeit darzustellen, wie zum Beispiel einen römischen Kaiser oder eine Künstlerpersönlichkeit wie Frida Kahlo. Die Möglichkeiten sind schier endlos. Viele dieser Personen tauchten bereits in Filmen oder Videospielen auf, sodass zusätzlich noch eine große Bandbreite von Versionen vorherrscht, aus denen man sich den Lieblingslook aussuchen kann. Auch hier heißt es wieder: Recherche, Recherche und nochmals Recherche. Es geht nicht nur um ein Sammelsurium an Bildern, die man als Vorlage fürs Nähen und Craften nutzen kann, sondern auch um den Hintergrund der Person, die man darstellt. Lebenslauf, Schaffen und Bedeutung – je mehr man über die Person in Erfahrung bringt, desto besser. Der Vorteil an dieser Kategorie ist, dass es viele historische Figuren gibt, die jeder auf den ersten Blick erkennt. Eine Kleopatra oder ein Karl Marx fallen einfach auf und sorgen mit Sicherheit für eine Menge Blicke. Jedoch muss an dieser Stelle einiges beachtet werden.

Der berühmte Redner Marcus Tullius Cicero bekam eine große Rolle in der HBO Serie Rome.
Der berühmte Redner Marcus Tullius Cicero bekam eine große Rolle in der HBO Serie Rome.

Sich seines Cosplays bewusst sein

„History Cosplay“ bedeutet nicht, dass man sich einfach irgendeine historische Persönlichkeit aufgrund von Aussehen und Kleidung aussucht. Es ist wichtig, zu wissen, wen man darstellt, wofür diese Person steht, und im gleichen Zuge Grenzen zu setzen.

Eigentlich ist es traurig, dass auf diesen Aspekt hingewiesen werden muss, da man davon ausgehen sollte, dass sich dessen jede*r bewusst ist. Aber dieselbe Diskussion gibt es außerhalb geschichtlicher Cosplays – meist immer dann, wenn Figuren aus fiktiven Welten eine Uniform oder etwas dergleichen tragen, die eindeutige Inspiration in einer Wehrmachts- oder SS-Uniform, aus dem Dritten Reich gefunden hat. In Ländern wie Amerika, wird es oftmals nicht so ernst genommen und Cosplayer*innen verwenden zum Teil Nazi-Symbole, wenn diese bei dem fiktiven Charakter vorhanden sind, den sie darstellen. Viele Leute gehen dabei mit dem naiven Gedanken an diesen Aspekt heran, der sagt: „Solange es in einem künstlerischen Rahmen ist, dann ist es doch okay“. Es klammert jedoch komplett die Emotionen und Gedanken aus, die in der Gesellschaft bezüglich einer Zeit oder einer Person vorherrschen. In Deutschland ist es daher zu Recht verboten, Zeichen wie das Hakenkreuz zu tragen. Selbst, wenn das Cosplay, welches man umsetzen will, keine kritischen Symbole aufweist, aber ganz offensichtlich vom dritten Reich inspiriert ist, sollte man sich Folgendes ganz klar machen: Diese Kleidung wird mit einer schrecklichen Zeit assoziiert und steht für etwas, was kein*e Cosplayer*in unterstützen sollte. Besonders beim Dritten Reich ist es eine klare, rote Linie, die eigentlich jeder gesunde Menschenverstand ziehen sollte.

Es gibt jedoch auch einen großen Haufen Grauzonen: historische Personen, die in ihrer Rolle diskussionswürdig sind. Ein gutes Beispiel hierfür wäre Che Guevara, Revolutionär und der Posterboy der linken Protestbewegung. Für viele ist er ein Held, aber wiederum genauso viele sehen ihn wegen seiner radikal-kommunistischen Gesinnung kritisch.

Dieses Beispiel eignet sich besonders gut, um klarzumachen, wie wichtig vernünftige Recherche bei „History Cosplay“ ist, besonders wenn man eine spezifische Person darstellen will. Man selbst trägt die Verantwortung für das Cosplay, in welches man schlüpft, und muss bei sogenannten Grauzonen auch damit rechnen, dass es Leute gibt, die einen dafür feiern, und andere, die es nicht so gern sehen. Diese Gefahr muss jede*r für sich selbst abwägen und diese Abwägung erfolgt am besten, indem man sich vorher ausgiebig mit der jeweiligen Person beschäftigt. Es sollte keine Entschuldigung geben, die heißt: „Das habe ich nicht gewusst“. 

Obwohl es sich bei Corporal Ford aus dem Film Overlord um einen fiktiven Charakter handelt, Figuren in Uniform mit visuellem Kriegsbezug sind immer mit Vorsicht zu betrachten.
Obwohl es sich bei Corporal Ford aus dem Film Overlord um einen fiktiven Charakter handelt, Figuren in Uniform mit visuellem Kriegsbezug sind immer mit Vorsicht zu betrachten.

Tatsächlich gibt es mittlerweile auch ein paar Cosplayer*innen, die sich an lebende Persönlichkeiten gewagt haben. Vielleicht erinnern sich einige noch an die Angela-Merkel-Cosplayerin, welche vor einigen Jahren in der deutschen Cosplay-Szene viral ging und mit ihrer humorvollen Idee für einige Schmunzler sorgte. Diese Aktion zeigt, dass sich Cosplay und Satire nicht ausschließen müssen. Geht man mit diesem Ansatz voran, dann können Cosplayer*innen ihre Kunstform nutzen, um auch mal die eine oder andere Person aufs Korn zu nehmen und der witzigen Seite des Hobbys ein neues Gesicht zu geben.

Und das Fazit der Geschicht´…

Abschließend kann man zu „History Cosplays“ sagen, dass sich die allermeisten an die oben genannten Grenzen halten – zum Glück! So wird aus dieser Unterkategorie von Cosplay, eine kreative Ergänzung in der Szene, die durchaus erwähnenswert ist und die durch diesen Artikel ein wenig mehr Aufmerksamkeit bekommt. Also warum nicht mal etwas Historisches wagen? Und wer weiß, vielleicht kann man in nicht allzu langer Zeit eine Art „Nachts im Museum“ auf Conventions beobachten.

Artikelbilder: © Lisa Murach, Fotografien: Arndt von Koenigsmarck
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Susanne Stark

 

1 Kommentar

  1. „Wichtig ist, dass „History Cosplays“ keinen Reenactment-Aspekt bedienen, wie es beispielsweise im Larp der Fall ist. Es geht nicht um die Darstellung eines historischen Events oder der Lebensweise von damals, sondern um den individuellen und visuellen Charakter einer Figur.“

    Der passende Vergleich wäre bei historisch korrektem Cosplay eher die Kollegen der „Living Histroy“, wobei einige von denen ja schon bei LARP & Reenactment Schnappatmung bekommen.

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