Larp lebt von Klischees – eine Faustregel, die wir alle kennen. Doch welche Klischees oder besser Stereotype gibt es überhaupt? Und welche bekannten Charaktere der Populärkultur eignen sich vielleicht als Blaupause? Diese Serie beleuchtet verschiedene Klassiker unter den Charakterklassen – und gibt Hilfestellung auf der Suche nach Inspiration.
Kupfer, Silber, Gold – was für manche nur eine nette nebensächliche Motivation im Liverollenspiel ist, definiert für andere den Wertekompass eines ganzen Charakters. Solcher Charaktere nämlich, die ihr Schwert in den Dienst derjenigen Fraktion stellen, die am besten zahlt.
Wer sich für das Söldner*innenleben entscheidet, hat Spaß am Kampf, am Plot, aber weniger daran, sich lang und breit überlegen zu müssen, ob das eigene Tun einem wie auch immer gearteten Ehrenkonstrukt entspricht. Söldner*innen sind keine Soldat*innen. Sie sind nicht auf einen militärischen Verbund angewiesen. Ihr Spiel kann als Gruppe stattfinden, doch genau so ist das Konzept gut für Spielende geeignet, die sich lieber allein bewegen und vielleicht ihren Weg noch suchen. Aber auch Liverollenspiel-Veteran*innen finden manchmal zum Leben als „Miet-Schwert“. Wenn man eben nicht mehr unbedingt für jede Schlacht anrödeln und aufmarschieren möchte, sondern nur noch dann, wenn es sich auch wirklich lohnt – auf die eine oder andere Weise.

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Alles ist käuflich – oder nicht?
Im Wesentlichen unterscheidet sich ein Söldner*innen-Konzept scheinbar kaum von anderen Krieger-Klassen. Es bietet Raum für Fern- und Nahkämpfer*innen, und verschiedenste Professionen. Jede eigene Fähigkeit kann dem aktuellen Dienstherrn oder der Dienstherrin gegen bare Münze zur Verfügung gestellt werden. Wer sich allein in den Dienst eines anderen Charakters stellen möchte, kann dies als Waffenknecht, Leibwächter, oder Auftragsmörder*in tun. Bei letzterer Profession ist allerdings bekanntermaßen Vorsicht geboten, da Mord nur in den wenigsten Fällen ein bereicherndes Spiel-Angebot darstellt. Das Wissen allerdings, dass es da jemanden gibt, der oder die ohne mit der Wimper zu zucken für einen Beutel (Spiel-)Geld die Fährte aufnehmen könnte, kann allerdings schnell sehr viel gutes Spiel ins Rollen bringen. Denn schließlich spricht nichts dagegen, den Preis für das eigene Leben selbst zu überbieten.
Doch auch ganze Söldner*innen-Verbände können ihren Reiz haben, wenn man das Konzept nicht allein bespielen möchte. Hier ergibt sich schnell wieder eine gewisse hierarchische Struktur – denn schließlich muss jemand entscheiden, welches Angebot die Gruppe annimmt und wem sie auf absehbare Zeit folgt. Ein allzu häufiger Wechsel der Loyalitäten macht auf Dauer nicht nur unglaubwürdig, er ist auch anstrengend, da so der Fokus mehr auf dem Bietspiel liegt als auf dem eigentlichen Auftrag. Dieser kann mannigfaltig ausfallen, wie bereits bei einzelnen Söldner*innen.
In einer Gruppe kann ein ganzes Paket an Fertigkeiten abgedeckt werden, wodurch die Unterstützung durch eine solche den Höchstbietenden doch eine gewisse Summe wert sein könnte.
Die jeweiligen Auftraggeber*innen sollten allerdings mit Bedacht gewählt werden. Denn ein Mitglied des Adels, das Hilfe bei der Umsetzung seiner Ränke benötigt, wird womöglich gern bereit sein, dafür zu zahlen. Dagegen sollte man es möglicherweise vermeiden, einem Paladin oder einem*einer Priester*in die eigenen Dienste anzubieten – denn käufliche Schwerter und ritterliche Ehre vertragen sich nur bedingt.
Doch auch die Söldner*innen selbst sollten sich überlegen, wo die eigenen Grenzen liegen. Denn wenn ein Charakter bereit ist, für Geld alles zu tun, wird er oder sie ebenso schnell uninteressant für die Mitspielenden wie für die Person, die ihn oder sie spielt.
Man kann sich alles schönreden – Die Flexiblen
Einen Wertekanon zu haben – auch als Söldner*in – bedeutet nicht, sich einzuschränken. Denn anders als Charaktere, die sich Göttern oder Recht und Gesetz geweiht haben, lassen sich die Grenzen und Geltungsbereiche der eigenen Grundsätze hier und da bequem verschieben, wenn die Situation es verlangt. Hat ein Charakter beispielsweise den eisernen Grundsatz, sich nicht an Überfällen zu beteiligen, schließt das eine zufällige Anwesenheit und ein nachträgliches Eingreifen zugunsten der bevorzugten Seite nicht kategorisch aus. Beim Herausspringen aus dem Gebüsch war man schließlich noch nicht involviert.
Einen solche moralische Flexibilität kann sowohl humorvoll als auch spannend sein, wenn sie nicht überreizt wird. Sie hilft aber auch dabei, sich die eigenen Kämpfe und Missionen auszusuchen. Wenn das Gegenüber Hilfe sehr dringend nötig hat, kann es reizvolles Konfliktspiel ermöglichen, den Preis ein wenig in die Höhe zu treiben mit der Frage, wie sehr genau die Unterstützung denn benötigt wird. Genau so ist man als Spielender dieser Ausprägung aber frei, etwas aus reiner Überzeugung zu tun, und den Preis einfach einmal Preis sein zu lassen. Es gilt der Grundsatz: „Ehrenhaft ist, was gefällt“. Ein wenig mehr Würze kann das Ganze erhalten, wenn es einen einzigen Grundsatz gibt, der unverbrüchlich gilt. Wer sich beispielsweise verpflichtet fühlt, die Welt von den Orks zu befreien, wird diese auch einmal gratis bekämpfen.

Die Zyniker
Manchmal kommt es vor, dass ein Charakter den Glauben an das Gute bereits vollständig verloren hat. Gerade wenn viele düstere oder intrigenlastige Cons bespielt wurden, mag es sein, dass ein Söldner*innen-Charakter nur noch das Schlechteste in seinen Mitmenschen sieht – abgesehen vom Inhalt ihres Geldbeutels. Es gibt hier keine Überzeugung, zumindest von der Seite der Guten bezahlt zu werden, denn die Guten gibt es nicht. Es geht nicht einmal mehr um Reichtum, sondern um Leben von einem auf den anderen Tag und dafür braucht man nun einmal Geld. An diese Charaktere ist nur schwer heranzukommen und auch in der Darstellung ist Vorsicht geboten. Ein allzu großes Maß an Nihilismus schreckt irgendwann eine*n jede*n Mitspielende*n ab. Play-to-struggle ist schon dann ein schwieriges Konzept, wenn es nicht als Mitspieler*in daherkommt.
Selbst der zynischste unter den Zynikern sollte sich eine Handvoll Ansatzpunkte überlegen, um für die Mitspielenden erreichbar zu bleiben. Im Laufe der Interaktion darf selbstverständlich der ein oder andere Spruch zu Ungunsten der gesamten Menschheit fallen. Doch die Grenze zwischen konsequent desillusioniertem und destruktivem Spiel oder gar Blockade ist eine schmale.
Daher ist diese besonders bärbeißige Ausprägung nicht unbedingt für Anfänger*innen geeignet. Auch in Gruppen tut sie sich möglicherweise schwer. Hier ist sie am besten für die Führungsposition geeignet, wenn die restlichen Gruppenmitglieder die schroffen Kanten ein wenig abpolstern können.

Herz aus Gold – die ungeschliffenen Diamanten
Eine Ausprägung sowohl für einzeln Spielende als auch für Gruppen, die das Spiel als Söldner*innen noch nicht lange – sei es als Darstellende oder Charaktere – betreiben, und deren Charakter vielleicht noch nicht ganz vom Geld verdorben ist. Diese Charaktere haben noch Ideale, oder Reste davon, und stellen sich am liebsten in den Dienst einer Sache, an die sie sich zumindest vorstellen können zu glauben. Meist tun sie es ohnehin, was jedoch nicht heißt, dass sie auf die Bezahlung gänzlich verzichten werden.
Selbst bei den ehrenhaftesten Söldner*innen wird eine Heerführung mit etwas Kupfer winken müssen, wenn die Motivation zum Ausrücken gerade mit der Flaute kämpft.
Im Gegenzug sind diese auch die verlässlichste Sorte käuflicher Kämpfer*innen, da ihnen der Mensch noch mehr zählt als das Geld – keine Selbstverständlichkeit in so manchem Hintergrund.
Es mag sogar vorkommen, dass der eine oder die andere Söldner*in dieser Art mit der Zeit eine ganz eigene Berufung findet und das Leben als Waffenknecht ganz hinter sich lässt. Sich dabei einen kleinen Rest moralischer Flexibilität und ein Auge für gute Bezahlung zu erhalten, bewahrt hierbei auch ehemalige Söldner*innen davor, ganz und gar zu Held*innen zu werden. Wo bliebe denn schließlich da der Spaß?
Ich bin so arm, alles, was ich hab, ist Geld – Tücken des Söldner*innenspiels
Wie bereits oben angedeutet beinhaltet das Spiel eines Söldner*innencharakters einige Fallstricke.
Denn allzu „konsequent“ ausgelegt birgt es die Gefahr, zum Blockade-Spiel zu werden. Wo es noch witzig sein kann, der Heerführung auf einem Schlachten-Con ab und zu ein Motivationskupfer aus den Rippen zu leiern, kann eine solche Haltung vor allem auf kleineren Veranstaltungen schnell zum frustrierenden Spiel-Killer werden. Es bringt gar nichts, sich für das eigene konsequente Spiel noch so sehr zu feiern, wenn der Rest der Con-Gemeinschaft das eigene Lager ab einem gewissen Punkt konsequent meidet.
Nur Geld macht auch nicht glücklich, heißt es. Das trifft auch – vielleicht vor allem – im Liverollenspiel zu. Denn hat eine Gruppe erst einmal den Ruf, selbst ein Flehen um die Teilnahme an der Rettung der Welt abzulehnen, wenn die Bezahlung nicht stimmt, dann wird recht bald niemand mehr um deren Dienste ersuchen. Wie in jedem Konzept gilt auch hier, dass die nötige Biegsamkeit der eigenen Spielkonsequenz den Spaß für alle garantiert. Denn genau wie nicht alles Gold ist, das glänzt (am allerwenigsten Larp-Münzen, wenn wir ehrlich sind), ist auch ein*e Söldner*in nur so lange von Wert, wie auch jemand dafür bezahlen möchte. Und manchmal zahlt man nicht nur für den Service, sondern am liebsten für den Spaß am Spiel.
Artikelbilder: © Nabil Hanano, depositphotos
Titelbild: depositphotos © prometeus
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Gloria Puscher
Fotografien: Nabil Hanano



















Das mitunter schwierige Verhältnis zwischen Spieler- und Charaktermotivation wurde ja schon angesprochen. Vielleicht könnte man noch ergänzen, dass in einer Söldnerkompanie nicht jeder kämpfen muss – wenn man schon zu mehrt spielt, ist auch eine Mutter Courage oder der ein oder andere begleitende Barde zur Unterhaltung kein schlechtes Konzept. Söldner kann auch ein Profi in anderen Belangen sein, also kein reiner Kämpfer: Magier, Bauingenieur, Sappeur etc.
Filmtipp zum Thema Söldner und Moral: „Das vergessene Tal“ aus 1971 mit Michael Caine und Omar Sharif. Eine Gruppe Söldner besetzt im Dreißigjährigen Krieg ein kleines verborgenes Tal und überwintert dort.
Sehr schöne Ergänzung! Ja, so eine Söldner*innen-Kompanie bietet viel Platz für verschiedenste Konzepte.
Danke für den Filmtipp!