Larp lebt von Klischees – eine Faustregel, die wir alle kennen. Doch welche Klischees oder besser Stereotype gibt es überhaupt? Und welche bekannten Charaktere der Populärkultur eignen sich vielleicht als Blaupause? Diese Serie beleuchtet verschiedene Klassiker unter den Charakterklassen – und gibt Hilfestellung auf der Suche nach Inspiration.
Priester und Priesterinnen sind das Sprachrohr der Götter – und als solches aus vielen fantastischen Hintergründen nicht wegzudenken. Ob als Plotgeber*innen oder seelischer Beistand, ob als Widersacher*innen oder ganz vorn in den eigenen Schlachtreihen, ohne Klerus fehlt vielen Spielenden etwas für einen glaubhaften Hintergrund. Dabei ist die Darstellung von Religion und kultischen Handlungen nicht ohne Tücken und Fallstricke, ist doch Religion in unserer – realen – Welt seit Jahrtausenden oft Auslöser für Konflikte und Leid.
Wer also im Larp eine*n Priester*in darstellen möchte, sollte sich im Vorhinein ein paar Gedanken machen, nicht nur über den gewünschten Charakter selbst. Auch einige sensible Punkte und No-Gos sollten einmal ausgelotet werden, ehe man sich als Spieler*in ins kalte (Weih)Wasser stürzt.
Religion, Fanatismus, Extremismus, Okkultismus
Inhaltsverzeichnis
Die Gretchenfrage: „Wie hältst du’s mit der Religion?“
…und von welchen religiösen Bezugnahmen möchtest du dich vielleicht lieber ganz fernhalten?
Doch fangen wir vorne an. Denn der Wunsch nach einem Priester*innenkonzept kommt ja nicht von ungefähr. Für gewöhnlich gibt es eine oder mehrere bestehende Gottheiten im bespielten Hintergrund, über die man sich im Vorfeld ausreichend informieren kann. Vielleicht beginnt die eigene klerikale Karriere auch als Noviz*in unter einem bereits praktizierenden Mitglied der Priesterschaft – dann ergeben sich die meisten Richtlinien im gemeinsamen Spiel beinahe von selbst. Doch nicht jede*r beschreitet einen gut vorgetretenen Pfad.

Wer sich allein an eine entsprechende Rolle macht, hat keine Mitspielenden zur Orientierung und muss sich auch für sich selbst überlegen, wie die gewählte Gottheit am besten repräsentiert und mit möglichst viel Spielspaß für alle unters Volk gebracht werden soll. Grundsätzlich bietet es sich immer an, möglichst Archetype zu bedienen, die wenig Bezug zu realen Religionen zulassen. Man weiß nie, wer die Rolle des Gegenübers spielt – eine allzu spitze Persiflage eines kirchlichen Würdenträgers kann da schnell zum OT-Streit führen. Doch auch mit Anleihen an obskurere real-Religionen und Kulte ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn selbst wer keiner der großen Weltreligionen angehört, mag seinen oder ihren Glauben nicht gern ins Lächerliche gezogen sehen. Dennoch soll all das nicht heißen, dass Priester*innenkonzepte vollkommen trocken oder gar humorlos daherkommen müssen. Es gibt ausreichend Material, um sich zu bedienen, sodass alle Spaß haben.
Die Herrin vom See und Morgan Le Fay – die Geheimnisvollen
Ein Konzept, das seine Anleihen in allem nimmt, was die phantastische Literatur rund um die Artussage ersponnen hat. Druid*innen und Hohepriester*innen finden hier ihre Entsprechung. Das dargestellte Konzept zeichnet sich aus durch eine gewisse Ernsthaftigkeit und Mystik. Priester*innen dieses Typs dienen ihren Gottheiten mit Hingabe und verstehen keinen Spaß beim Thema Blasphemie. Wer ihnen jedoch mit Respekt begegnet und ihre Hilfe sucht, für den haben sie ein offenes Ohr und stehen mit Rat und Tat zur Verfügung. Gläubige und auch solche, die vielleicht anderen Göttern dienen, werden

wohlwollend empfangen und können auf Heilung für Körper und Seele hoffen. Im Plot sind sie echte Allrounder, da sie in ihrer Noviz*innenzeit von Heilerei über Kräuterkunde bis hin zu gewissen Zweigen der Magie einen ganzen Katalog an Fähigkeiten mitbekommen haben.
Ein Konzept also, das sich gut als Basis eignet, um noch den ein oder anderen Zweig des Fertigkeitenbaums anzubauen, wenn es gewünscht ist und das von sehr licht bis sehr finster reichen kann, und dabei alle Graustufen abdeckt. Jedoch auch eines, das sich gut in Hintergründe und Kampagnen einfügt, denen die Intrige nicht ganz fremd ist. Denn wer könnte besser die Geschicke der Sterblichen lenken, als ein*e Erwählte*r der Götter? Wer wäre besser geeignet als Hand hinter dem Thron? Auch müssen die Gottheiten, denen solche Konzepte sich verschrieben haben, nicht immer „die Guten“ sein. Auch finster anmutende göttliche Wesen brauchen ihre treue Dienerschaft, die in der eigenen Wahrnehmung durchaus auch dem höheren Wohl dienen mag.
„Erlösung oder Verdammnis!“ – Die Fanatiker*innen
Nicht nur die Stille von Andacht und Tempel ist der richtige Ort, um eine*n Priester*in – und deren Gläubige – zu beschäftigen. Manchmal müssen die Schäfchen schon etwas energischer behütet werden, möchte man die Gottheit(en) der Wahl zufriedenstellen. Für Priester*innen dieses Schlages gibt es nur den einen richtigen Weg, der nur unter Strafe verlassen wird, sei es von ihnen oder ihren Gläubigen selbst. Gut geeignet für diese Art Spiel sind Gottheiten, die sich Attributen wie Kampf, Krieg und Feuer verschreiben, also alles, was Spielenden entgegenkommt, die gern leidenschaftliche Reden vor großen Mengen halten. Wer geeignete Götter sucht, wird in den Pantheons der Antike und des alten Ägypten fündig werden, da sie sich in gut unterscheidbaren Archetypen bewegen, die hohen Wiedererkennungswert haben und ausreichend Material, um sich zu bedienen.

Zudem sind sie in den allermeisten Fällen weit genug von der Glaubenswelt der Spielenden entfernt, um Fettnäpfe zu umschiffen. Und auch wer als Priester*in die eigene Gemeinde in die Schlacht begleitet, muss im Charakterspiel nicht ohne Tiefgang auskommen – ganz im Gegenteil. Wenn die große Bühne des eigenen Glaubensspiels vor hunderten Augen und mit lauter Stimme stattfindet, sind die ruhigen Spielszenen oft umso kraftvoller. Denn auch Fanatiker zweifeln. Wenn zumindest nicht an ihren Göttern, so doch zumindest nicht selten an sich selbst. Denn vielleicht mehr als andere Priester*innenkonzepte können diese Charaktere sich für ihre Schäfchen zutiefst verantwortlich fühlen. Jedes Opfer und auch jeder Fehltritt vom rechten Pfad lasten am Ende auf ihren Schultern. So bietet auch dieses wohl lauteste Konzept ausreichend Platz für tief empfundenes Charakterspiel.
„Die Kokosnuss hat nein gesagt!“ – Priester*innen der kleinen Gottheiten
Auch im klerikalen Spiel gibt es Möglichkeiten, alles mit einer Portion Humor zu nehmen. Wer also nicht eine*n Würdevolle*n Erzpriester*in darstellen oder die Streiter*innen der Rechtschaffenen aus der ersten Reihe aufpeitschen möchte, kann dennoch den Kopf in den Wolken haben – im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu bietet es sich an, sich einer etwas weniger machtvollen Entität zu weihen. Wenn die Mitspielenden dabei ab und an rätseln, ob es diese wirklich gibt, umso besser. Denn selbst wenn ihre Existenz einmal angezweifelt wird, sind kleine Gottheiten zumindest nicht direkt mit Feuer, Schwefel und biblischen Plagen bei der Hand. Wer sich eine solche Gottheit aussucht, oder selbst erstellt, kann humoristisches Spiel betreiben, ohne Angst zu haben, jemandem zu nahe zu treten. Schließlich betet (hoffentlich) niemand im echten Leben zum Gott der morgendlichen Bauchnabelflusen. Gleichzeitig stehen weiterhin alle Aspekte des Priester*innenspiels offen: Messen können gehalten, Kranke geheilt und vielleicht das eine oder andere Wunder gewirkt werden, ohne, dass die Inquisition vor der Tür steht. Schließlich geschieht immer noch alles mit göttlichem Segen.
Ein kleiner Wanderschrein oder ein ungewöhnlicher Kultgegenstand können hier gut als Stellvertreter der kleinen Gottheit mitgeführt und ab und an zu Rate gezogen werden.
Wer hier Inspiration sucht, sollte sich vielleicht einmal Father Fogden oder Father Mulcahy ansehen – beide zwar Prieser einer nicht gerade kleinen Gottheit, aber dennoch mit Humor und einer liebenswerten Kauzigkeit bei der Sache. Eine große Gefolgschaft und bis auf den letzten Sitz ausgebuchte Messen im großen Tempel sollten Spielende eines solchen Konzeptes nicht erwarten. Der Zuneigung ihrer Mitspielenden können sie sich aber gewiss sicher sein.
Der Teufel im Detail – Ausrüstung und Accessoires
Zum Ende landen wir erneut beim Fingerspitzengefühl. Denn das Erkennen eines Priesters oder einer Priesterin ist oft eng an das geknüpft, was wir aus dem realen Umfeld kennen. Jede*r erkennt einen Pfarrer oder eine Nonne an ihrer typischen Dienstkleidung, und auch höhere kirchliche Ränge sind uns zumeist in ihrer Optik geläufig. Dasselbe gilt für Würdenträger anderer Weltreligionen. Daher ist bei der Ausrüstung des klerikalen Charakters erneut eine gewisse Umsicht gefragt, sowie eine gewisse Kenntnis des zu bespielenden Umfeldes. Als Priester*in einer fiktiven Gottheit mit Hirtenstab und Mitra daherzukommen, mag für einige gewisse Grenzen überschreiten – ganz zu schweigen davon, dass Mitspielende einen möglicherweise für den Nikolaus halten könnten. Was sich aber durchaus lohnen kann, ist, sich statt an expliziten Kleidungsstücken, an dem zu orientieren, was ausgestrahlt werden soll. Lange Roben mit senkrechter Linienführung lassen den Priester oder die Priesterin größer wirken, während ein Sammelsurium an verschiedenen Farben und Strukturen einen Eindruck liebenswerter Unsortiertheit unterstreichen kann. Ein Gebetbuch mit selbstverfassten oder innerhalb des bespielten Hintergrundes geläufigen Gebeten und vorverfassten Predigten kann als Unterstützung dienen. Wer fest vorhat, Gottesdienste abzuhalten, sollte sich zumindest einen geeigneten Rahmen überlegen – das muss nichts Großes sein. Ein hübsches Tuch über eine Kiste gelegt kann bereits als provisorischer Alter ausreichen. Ein Glas mit geweihter Substanz der Wahl – es muss nicht immer Wasser sein, auch heiliger Sand wäre denkbar – und vielleicht ein wenig Räucherwerk runden die Stimmung ab. Findet das Konzept Anklang, wird sich im Laufe der Zeit mit weiteren Gläubigen von allein ausreichend Dekoration ansammeln. Wer mag, kann das – mit einem Augenzwinkern – als göttlichen Segen für sich verbuchen.
Artikelbilder: © Nabil Hanano, depositphotos © 89609065481, ©curaphotography
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Nina Horbelt
Fotografien: Nabil Hanano


















