Larp lebt von Klischees – eine Faustregel, die wir alle kennen. Doch welche Klischees oder besser Stereotype gibt es überhaupt? Und welche bekannten Charaktere der Populärkultur eignen sich vielleicht als Blaupause? Diese Serie beleuchtet verschiedene Klassiker unter den Charakterklassen – und gibt Hilfestellung auf der Suche nach Inspiration.
Ritterspiele. Welche*r Larper*in hat nicht der entfernteren Verwandtschaft das Hobby Liverollenspiel schon einmal mit diesem Wort erklärt. Auch wenn Larp an sich wenig mit donnernden Hufen und splitternden Lanzen zu tun hat, so werden doch wenige von uns leugnen können, dass vielleicht der Anblick eines Ritters in glänzender Rüstung nicht ganz unschuldig am Einstieg in die fantastische Welt des Liverollenspiels war.
Wo sich Historiker*innen nicht immer ganz einig sind, wie der ritterliche Alltag wohl wirklich ausgesehen haben mag, da versorgen uns Literatur und Popkultur mit einer regelrechten Überfülle an Auswahl. Ehrenhafte Ritter*innen, souverän und einer guten Sache ihrer Wahl treu ergeben, vom Leben gezeichnete und von ihren eigenen Idealen enttäuschte Exemplare – wer sich vornimmt, ein Ritter*innenkonzept zu spielen, findet nach kurzem Umsehen Vorbilder jeglicher couleur. Zugleich sollte man sich jedoch bewusst sein, dass kaum ein Konzept so sehr den wachsamen Augen – und oft dem Urteil – der Mitspieler*innen ausgesetzt ist.
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Inhaltsverzeichnis
Dem Ideal geweiht – die Idealist*innen
„Ein Ritter gelobt die ewige Tapferkeit“ – solche und ähnliche Eide voller Pathos fallen sicher allen von uns ein, wenn wir an märchenhaftes Rittertum denken. Strahlende Ritter – und manchmal auch Ritterinnen – dem Schutz der Schwachen, dem Kampf für das (zugegeben manchmal doch sehr subjektive) Gute verpflichtet. Lange prägte diese Vorstellung nicht nur die Welt der Märchen, sondern auch die der Historie.
Und auch wenn der Ritterstand in der Realität wohl nicht ganz das hohe Podest ausfüllte, auf das er Jahrhunderte lang gestellt und verklärt wurde, so eignet er sich ganz wunderbar für fantastisches Rollenspiel. Wer ein Ritterkonzept bespielen möchte, das weniger dem eigenen Rampenlicht als dem Emporheben anderer Charaktere dient, ist hier goldrichtig. Als Vorbild eignen sich hier ältere Filme und Romane mit Charakteren, die ein wirklich romantisches Bild des Ritters transportieren, wie zum Beispiel Prinz Lír aus „Das Letzte Einhorn“.

Diese Charaktere zeichnen sich durch Empathie und ein eher sanftes Gemüt aus, sie sind bemüht, sich an ihren eigenen hohen Idealen zu messen und diese zu verteidigen. Das mag auf den ersten Blick ein wenig nach der einfachsten Ausführung des Charakterkonzeptes klingen, verlangt von Spielenden aber weit mehr, als man vielleicht meinen mag. Denn es braucht Ausdauer, ein solches Spiel an einem engen Ehrenkodex entlang durchzuhalten. Und auch wenn der Idealismus den Kern dieser Charaktere bildet, kommen auch sie um das Ziehen der Waffe nicht herum – denn schließlich ist es in vielen Hintergründen das Schwert, das den Ritter zum Ritter macht. Und je länger man sich selbst an einem hohen Standard misst, desto anspruchsvoller wird das Spiel.
Für den König! – die Pflichtbewussten
In vielen Hintergründen ist das Rittertum neben dem Streben nach Ruhm, Ehre oder Gerechtigkeit auch ein wichtiger Pfeiler der Gesellschaft. Ritter*innen stehen im Dienst eines Souveräns und bilden einen Teil des Militärs. Sie sind Offizier*innen, Strateg*innen und Aushängeschild zugleich. Hier steht weniger das Ideal im Vordergrund als die Pflicht, die es ehrenhaft zu erfüllen gilt. Wer einen solchen Charakter darstellen möchte, sollte sich in Führungspositionen wohlfühlen und in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen.
Denn Untätigkeit steht Ritter*innen dieses Schlages nicht gut zu Gesicht. Die Standards, die sie an sich selbst anlegen, sind nicht weniger hoch als die der Idealist*innen, beinhalten jedoch ein ordentliches Maß an Pragmatismus, wenn es sein muss. Wo sich ein*e Ritter*in aus Leidenschaft vielleicht schon durch eine Beleidigung zum Duell angehalten sieht, wird sich diese*r pragmatischere Vertreter*in des Standes wohl eher an den Grundsatz halten, dass, wenn man das Schwert gegen jeden Dahergelaufenen zieht, man irgendwann nicht mehr zum Schlafen kommt. Gibt es eine Mission zu erfüllen, blühen diese Charaktere jedoch auf. Sie scheuen sich nicht, das Kommando über die Questgruppe zu übernehmen, den gegnerischen Hauptmann zu stellen oder eine Einheit zu befehligen.
Diese Ausprägung ist der Allrounder unter den Ritter*innenkonzepten. Wer sich hier sieht, dem sei das Tortall-Universum mit seiner Vielfalt an ritterlichen Charakteren ans Herz gelegt – schon mehr als eine*r hat hier sein großes Vorbild gefunden.
Vom Leben gezeichnet – die Bärbeißigen

Wer die Ideale und oftmals auch die Pflicht bereits hinter sich gelassen hat und vielleicht schon ein paar Jahre länger im Liverollenspiel unterwegs ist, findet sich hier wieder. Von König und Ritterstand enttäuscht, aber noch nicht ganz fertig mit allem und jedem, finden sich diese Charaktere oft am dunkleren Ende des Charakterspiels wieder. In Fähigkeiten und Erfahrung stehen sie ihren Standeskolleg*innen in nichts nach – im Gegenteil. Man findet sie oft als Lehr- und Waffenmeister der jüngeren Generation, die versuchen, ihren Schützlingen all die unnötigen Träumereien noch auszutreiben, ehe es zu spät ist. Getreu dem Motto „harte Schale, weicher Kern“ befinden sich diese Desillusionierten oft näher an ihren Mitmenschen, als sie zugeben möchten. Dieses Spiel ist besonders reizvoll, wenn bereits klar ist, dass mehrere Ritter*innen aufeinandertreffen und vielleicht gemeinsam an eine Aufgabe herangehen werden. Nicht nur lassen sich Idealist*innen und Pflichtbewusste gleichermaßen durch den ein oder anderen moralisch fragwürdigen Spielzug auf die Palme bringen. Es ergeben sich oft besonders schöne Szenen, wenn verschiedene Auffassungen desselben Weges aufeinandertreffen. Und wer weiß, am Ende finden auch die vom Rittertum Enttäuschten vielleicht zu altem Glanz zurück.
Das höchste der Gefühle? – Paladine

Die wohl für viele höchste Form des Rittertums bildet die Sonderausprägung der Paladine.
Einer Gottheit verschworen und von deren Macht erfüllt, bilden die Paladine die Brücke nicht nur zwischen allen oben genannten Ausprägungen, sondern auch zu denen der Priester*innen.
Im Auftrag ihrer Gottheit sind sie Krieger*innen, Heiler*innen und Kleriker*innen in einem.
Das verlangt nicht nur den Darstellenden selbst alles ab. Ernsthaftigkeit, Gewissenhaftigkeit, Schlagkraft und gelegentlich ein tröstendes Wort an im Glauben Gestrauchelte – das verlangt sowohl körperliche Fitness, Empathie und Wortgewandtheit, als auch ein gutes Gespür für die Mitspielenden. Auch für die Mitspielenden sind ausgewachsene Paladine manchmal eine Herausforderung im Umgang. Denn flapsige Sprüche oder mangelnden Respekt werden sie nicht einfach durchgehen lassen.
Die Rolle der Paladine ist eine, die man nicht von heute auf morgen ausfüllen wird – es sei denn, man ist der*die begnadetste Spieler*in aller Zeiten. Doch es gibt einen Grund, dass Paladine selten sind. Nicht nur, dass es Jahre dauert, sich eine solche Position glaubhaft zu erspielen, es braucht auch einiges, um sie auszufüllen. Wer solch eine Rolle anstrebt, sollte in jedem Fall einige „Stufen“ darunter beginnen und sich von vornherein Zeit nehmen. Denn selbst die größten Traumrollen können sich unterwegs als unpassend herausstellen. Und Ritter*innen sind wesentlich schneller und einfacher wieder eingemottet oder in Einzelteilen weiterverkauft als hochindividuelle, hochglänzende Paladine. Gewissenhaft bespielt gibt es allerdings kaum einen erhebenderen Anblick auf dem Schlachtfeld als eine Paladinin, die sich sicher ist, dass ihr Gott an ihrer Seite wandelt.
Adel verpflichtet – Was braucht es wirklich für gelungenes Ritter*innenspiel?
Wer sich mit der Idee eines ritterlichen Charakters trägt, sollte sich im Vorfeld einige Dinge bewusst machen. Es mag ein boshaftes Klischee sein, dass im Liverollenspiel ein Ritter ohne Gefolge gern belächelt wird. Wo allerdings das Gefolge das offensichtlichste, aber nicht das einzige Problem darstellt, sollte man sich klarmachen, dass eine glaubhafte Darstellung hier einiges abverlangt. Zum einen, rundheraus gesagt: Geld. Denn eine schöne, standesgemäße Darstellung kann – wenn man nicht zufällig über alle nötigen Fähigkeiten verfügt – rasch ein paar Nullen auf der Rechnung zusammentragen, selbst wenn man vorerst auf die Plattenrüstung verzichtet. Gerade wenn es irgendwann ein*e Paladin*in sein soll, sind die angelegten Standards an Gewandung und Rüstung besonders hoch.
Zum anderen braucht es ein paar Fähigkeiten, die sich mit Geld nicht kaufen lassen. Wer glaubhaft vermitteln möchte, einem Stand anzugehören, der in vielen Hintergründen nicht nur dem Adel, sondern der militärischen Elite angehört, sollte sich im Vorfeld mit den klassischen ritterlichen Fertigkeiten vertraut machen. Das heißt, die Waffe der Wahl sollte, wenn nicht virtuos, so doch glaubwürdig geführt werden, eine entsprechende Redeweise sollte zumindest in der passenden Umgebung sitzen und man sollte sich Gehör verschaffen können ohne die Mitspielenden komplett an die Wand zu spielen. Das Ritter*innenkonzept ist eines, das sich leider den Vorwurf des Elite-Larps ein wenig zurecht gefallen lassen muss und für das es leider kaum eine Einsteiger-Version mit wenig Aufwand gibt. Soll es also irgendwann das Ziel sein, Ritter*in oder Paladin*in zu sein, lohnt es sich, es in der Planung doch wieder ein bisschen historisch zu halten und als Knapp*in zu beginnen.
Artikelbilder : © Nabil Hanano
Titelbild: depositphotos | © nejron
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Alexa Kasparek


















