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Das Böse hatte schon immer seinen Reiz. Ob in Film, Spiel oder Buch, oft haben Antagonist*innen mehr Fans als die eigentlichen Hauptfiguren. Larp bietet die Möglichkeit in die Niederungen menschlicher Existenz hinabzusteigen. Welche Gedanken dabei hilfreich sein könnten und wann man diese Reise vielleicht besser nicht antritt, lest ihr hier.

Bösewichte üben seit jeher eine ganz besondere Faszination aus. Schon Oscar Wilde schuf mit Dorian Gray einen Charakter, der fernab jeglicher Moral handelte und sein Publikum faszinierte. Nur wenige Jahre später schickte Bram Stoker mit Dracula, den noch heute wohl bekanntesten Vampir auf eine blutige Reise. In der modernen Popkultur gibt es eine ganze Reihe Antagonist*innen, ohne die das jeweilige Werk kaum denkbar wäre. Viele Spiele lassen einem sogar die Wahl, ob man böse oder gut spielen will und so wundert es kaum, dass nicht wenige Spieler*innen Baldur’s Gate 3 nochmal in einem bösen Durchgang meistern. Da liegt es nahe, diese Abgründe auch mal live am eigenen Leib zu erfahren, ganz ohne ernste Konsequenzen und strafbare Handlungen. Je nach Larp-Genre oder -Setting stößt man hier jedoch auf spezielle Herausforderungen, die man im Hinterkopf behalten sollte. Dieser Artikel befasst sich bewusst nur am Rande mit Genres oder Settings, in denen böse SC inhärent sind, wenngleich einige der Fragestellungen sich sicher analog anwenden lassen. Vielmehr ist dies ein Blick auf das im deutschen Larp wohl verbreitetste Konzept: Die Abenteuer-Plot-Con.

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Der Reiz des Bösen

Was macht den Reiz des Bösen aus? Was fasziniert Menschen daran immer wieder? Bewegen wir uns durch die Phantastik und Popkultur, treffen wir immer wieder auf Figuren die uns begeistern und wie oben aufgeführt, sind dies nicht selten böse Figuren. Schon bei Buffy gab es eine riesige Fangemeinde mit ausgedehnter Fanfiction zu Spike, lange vor seinem Redemption Arc zum Antihelden. Harley Quinn dürfte bei jüngeren Generationen deutlich beliebter sein, als der eigentliche Held Batman. Bei Star Wars haben das Imperium und seine Anführer*innen ebenfalls deutlich mehr Fans als die eigentlich “guten” Rebellen und Jedi. Nicht umsonst widmet sich der wohl größte Kostümclub der Welt, die 501st Legion, der exzessiven Darstellung imperialer Charaktere.

Die beliebtesten Bösen © Nicholas Moreau, Fan Expo Canada 2016 in Toronto, on the Friday, September 2, 2016 CC BY-SA 4.0 via Wikipedia

Unterscheiden kann man hier am ehesten zwischen Begeisterung für böse Charaktere und böse Organisationen. Bei der Darstellung des Imperiums liegt die Faszination vermutlich selten an der unglaublichen Charaktertiefe einzelner Stormtrooper oder Offiziere, sondern vor allem am Design. Entscheidend ist hier die Optik. Die Begeisterung leitet sich also überwiegend nicht von einzelnen Charakteren ab.

Bei bösen Charakteren hingegen liegt die Faszination in Charakter und Verhaltensmustern. Spike war der klassische coole Bad Boy, während Harley Quinn in aktuellen Darstellungen als Form des Feminismus und der Rebellion gegen das Patriarchat gesehen werden kann. Hannibal Lecter hingegen überzeugt mit seinem Intellekt und Stil.

Fragt man Psychologen rührt diese Faszination aus unterschiedlichen Quellen. Zum einen haben viele Menschen Freude an der Angst. Da das Angstsystem nicht zwischen Imagination und Wirklichkeit unterscheiden kann, sind die Reaktionen bei tatsächlicher und fiktiver Bedrohung ziemlich ähnlich: Hormone fluten den Körper, unter ihnen auch Endorphin. Angst putscht also positiv auf.

Ein weiterer Grund sind sogenannte Spiegelneuronen. Stark vereinfacht sind dies Neuronen, die es uns ermöglichen Verhalten zu imitieren und nachzuempfinden. Der Grund warum wir mit anderen Menschen mitleiden können, obwohl wir selber nicht betroffen sind. So können wir aber auch die Befriedigung des fiktiven oder gar realen Bösewichts plötzlich nachempfinden. Das macht uns zwar nicht gleich zum nächsten Charles Manson, aber erklärt ebenfalls den Reiz am Bösen ein bisschen mehr.

The good, the bad and the ugly – Lasst uns Böses tun

Nach dieser kurzen Einleitung zur Frage, warum man überhaupt vom Bösen fasziniert sein kann, blicken wir nun ins Larp. Die meisten Fantasy-Larps lassen so ziemliches jedes Konzept zu. Also kann man doch einfach den*die Böse spielen, oder? Kann man schon, denn man wird wohl selten aufgehalten, aber man kann schnell auf Probleme stoßen oder sogar welche verursachen, ohne es zu merken. Also lohnen sich ein paar Gedanken.

Legendärer Mastermind © Paramount Pictures

Dunkelheit, mein alter Freund

Wenn man einen bösen Charakter spielen will, sollte man sich ein wenig damit beschäftigen, was ihn böse macht. Bedient man sich bekannter Hintergründe, ist das recht einfach. Anhänger des Warhammer-Chaos haben dank ihres jeweiligen Gottes eine recht klare Agenda im Bösesein. Auch als Drow nach Dungeons & Dragons ist der Weg ziemlich klar und wer sich als Mitglied des Syndikats ausgibt, wird sicher auch gleich richtig eingeordnet. Falls sich jemand fragt, welches Syndikat – das dürfte egal sein; wer sich Syndikats-Mitglied nennt, ist selten der Gute.

Richtig schwer wird es, bei eigenen Hintergründen, die ja meist nicht jeder in Gänze kennt oder bei stereotypen Charakterkonzepten. Einfach nur Nekromant*in sein, dürfte zum Beispiel nicht immer reichen, immerhin gibt es genug Hintergründe, in denen diese gar nicht per sé böse sind, zum Beispiel Splittermond. Und auch ein*e Assassine muss nicht zwangsläufig der*die Böse sein, siehe Assassin‘s Creed. Man braucht schon eine böse Agenda und Verhaltensweisen, die über mysteriöses In-der-Tavernenecke-Sitzen hinausgehen.

Ikonisch für eine Generation © Warner Bros.

Auch das Böse braucht Hilfe

Wer einen bösen Charakter spielt, sollte sich eine Sache immer wieder bewusst machen: Oft sind die typischen Abenteuercons gar nicht auf böse SC ausgelegt. Die Struktur von Geschichte und Plot sieht das Böse ja in der Regel schon durch GSC und NSC vor, und dass deren Pläne durch SC möglichst vereitelt werden. Noch schwieriger kann es werden, wenn ein böser SC komplett seine eigene Agenda fährt, und die anwesenden Spieler*innen plötzlich die Serienmorde aufklären, von denen auch die Orga überrascht ist. Auf Nummer sicher geht man daher am Besten schon bei der Anmeldung und fragt die Orga, ob das Konzept passt und sogar gegebenenfalls Unterstützung finden würde. Was für viele trivial klingt, ist leider nicht die Regel. Dabei bringt man sich so mitunter um großartiges Spiel. Es ist ein bisschen wie in den Wald gehen, ohne der Orga Bescheid zu geben, das wird ein netter, aber oft ereignisloser Ausflug.

Haltet den Dieb!

Ein weiteres Argument für eine Abstimmung mit der Orga ist, dass vermutlich die wenigsten Larper*innen ein kriminelles Mastermind wie Professor Moriarty oder Catherine Tramell (Basic Instinct) sind. Meist wird böses Verhalten auf besagter Abenteuercon vom Rest der Spieler*innen nicht unbedingt goutiert. Kommt man mit einem Diebstahl noch leicht davon, sind das Befreien des Lichs aus persönlichem Vorteil oder der gute Dämonenpakt eher ungern gesehen. Auch will die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Con-Antagonist*innen fein abgestimmt sein, denn das stete sabotieren der Bemühungen der anderen SC, das Dorf, Land oder die Welt zu retten, kann zu hohem OT-Frustpotential führen.

Lila ist keine Grauzone © Moccassin Mike

Wie man schnell heraus findet, sind die meisten SC leider auch nicht die schier übermenschlichen Ermittler*innen wie Hercule Poirot oder Miss Marple. Sinnvoller ist es hier oft, gar nicht so sehr die Konfrontation zu suchen, sondern vielleicht eine OT-verträgliche Agenda zu finden. Anhänger*innen von Shar können den lokalen Todeskult durchaus bekämpfen, ohne dabei zu den Guten zu werden oder jedem die schwarze Scheibe ins Gesicht zu drücken. Da liegen Verletzte auf dem Schlachtfeld? Da hilft man doch gerne, die Herrin des Verlustes nimmt den Schmerz von allen.

Die Dosis macht das Gift

Das führt uns zu der wichtigsten Frage: Muss das eigentlich sein? Muss man um jeden Preis einen bösen Charakter auf der klassischen Abenteuercon spielen? Hier kommen gleich ein paar Fragen und Probleme auf den Tisch. Welchen Mehrwert generiere ich für meine Mitspielenden? Die Frage darf man sich generell bei Charakterkonzepten stellen, aber hier ganz besonders, denn der böse Charakter steht ja oftmals in Konflikt mit den anderen SC, zumindest im Geheimen. Und da ist schon die Krux, wenn es im Geheimen ist, wie generiere ich Interaktion? Und wie gehe ich damit um, wenn ich ertappt werde? Grade bei der Frage des Ertapptwerdens, hört man oft „Das Risiko nehme ich schon in Kauf, dann lebe ich mit den Konsequenzen.“ Die Realität zeigt aber häufig ein anderes Bild. Plötzlich ist der*die offen agierende Khorneanhänger*in ziemlich echauffiert, wenn die versammelten Licht-Anhänger*innen ihm*ihr den Garaus machen wollen oder wenn dem leider gar nicht so unauffälligen Attentäter unvermittelt der Prozess gemacht wird. Da ist OT-Frust vorprogrammiert. Dazu kommt noch ein anderer Mechanismus, der zu Problemen führt: Man nimmt, in der Regel, keine anderen SC aus dem Spiel. Auf manchen Cons ist das sogar explizit untersagt, auf den meisten Cons aber zumindest Konsens unter den Spielenden. Mag sein, dass Spielende böser Charaktere sogar Konsequenzen tragen würden, sich aber der Rest an diesen ungeschriebenen Konsens hält. Ein Dilemma das man nur durch eine schnelle und klare Kommunikation lösen kann.

Sicher nicht abschließend, aber der vielleicht wichtigste Punkt, ist auch was die anderen Spielenden von der Con überhaupt erwarten. Auch darüber sollte man sich Gedanken machen. Man darf wohl unterstellen, dass die meisten Teilnehmenden einer klassischen Abenteuercon genau deswegen da sind. Sie wollen Teil einer Erzählung werden, die sich die Orga ausgedacht hat, und sich mit dieser auseinandersetzen. Vielleicht wollen die Spielenden hierbei gar nicht den Fokus auf die Agenda eines anderen SC setzen. Vielleicht wollen sie gemeinsam kooperativ die Aufgaben lösen und es gibt genügend Spielende, die dabei nicht kleinere Konflikte zwischen den SC austragen wollen, und das sollte man sowohl bedenken als auch respektieren.

Zu offensichtlich böse Konzepte führen dazu, dass andere Spielende sich eventuell durch ihr Konzept gezwungen fühlen, sich den bösen SC zu widmen, obwohl sie eigentlich das Dorf retten wollen und genau dafür ihren Charakter erschaffen haben. Ab einem gewissen Grad an Bosheit kann man es auch nur noch schwer ignorieren, ohne seinen Charakter unglaubwürdig werden zu lassen, und das passiert bei offenen und absolut bösen Konzepten als SC. Anhänger des Chaos nach Warhammer sind einfach böse, so sind sie gedacht und geframed, damit diese Welt funktioniert. Da gibt es maximal Nuancen in der Boshaftigkeit, aber eine Grauzone gibt es nicht. Gleiches gilt sicher für viele andere Konzepte, die sind böse konzipiert und das ist auch gut so. Taucht man nun mit besagtem Chaos-Kult auf einer ganz normalen Abenteuercon vollkommen offen auf, zwingt man die anderen unter Umständen, sich mit diesem Kult statt der eigentlichen Geschichte zu beschäftigen. Jetzt mag man vielleicht sagen, dass in offenen Fantasy-Settings ja nicht jeder immer das Chaos kennt, aber das ist eher ein bemühtes Argument. Oft genug taucht besagtes Chaos oder eine Abwandlung als Antagonist*in auf. Denn, auch auf die Gefahr der Wiederholung hin, das ist das Konzept böser Charaktere und Fraktionen, nur mit ihnen funktionieren die Guten. Wenn diese aber plötzlich auf der Seite der Guten stehen, wird es schwer.

Aber ich will böse sein!

Böse Charaktere können eine absolute Bereicherung sein. Sie bieten im Spiel für Darstellende eine ganz besondere Herausforderung und auch einen gewissen Thrill. In Abstimmung mit der Orga kann man Treiber der Geschichte werden und den anderen SC ganz neue Interaktionsmöglichkeiten bieten. Eine gewisse Sensibilität sollte man aber mitbringen und vor allem das Bewusstsein, dass viele Abenteuercons nicht auf böse SC ausgelegt sind. Im Zweifel ist es besser, die Vampirzähne oder Kultaccessoires zu Hause zu lassen, und sich dezidiert eine Con für böse SC zu suchen, so bietet das Twilight-Team explizite Cons, die für böse und zwielichtige Charaktere besonders geeignet sind, und auf dem Epic Empires gibt es ganze Lagerkonzepte die auf Antagonist*innenspiel als SC aufgebaut sind. Wem das nicht reicht, der sollte einen Blick ins Nordic- oder Modern German-Larp werfen.

 

Artikelbilder: © rbvrbv | depositphotos.com
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Susanne Stark

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