20 Jahre sind eine lange Zeit, auch und besonders im Liverollenspiel. In 20 Jahren entstehen und vergehen ganze Welten, werden Kinder geboren und sammeln mindestens ihre ersten 200 Contage. Die wenigsten Larpgruppen überleben in ihrer ursprünglichen Form so lange. Gelingt es doch, ist das schon mal ein Grund zu Feiern.
Was 2004 – eine Zeit, in der das Fantasy-Larp in Deutschland den Kinderschuhen gerade so entwachsen und in die Pubertät gekommen war – seinen Anfang als fixe Idee nahm, sollte im Jahr 2024 ein solcher Anlass werden. Alles begann, so eröffnet Clan-Chief Ian MacMahoon (im täglichen Leben unter dem Pseudonym Werner Schlothauer anzutreffen), mit dem Ansehen einer Drachenfest-DVD. Diese mittlerweile antiquarischen Aufnahmen der Endschlacht eines frühen DF begeisterten ihn und seinen Bruder so sehr, dass sie beschlossen, dieses Hobby Liverollenspiel doch einmal auszuprobieren. Inspiriert von einer Faszination für das – nach eigenen Angaben nicht historisch korrekt interpretierte – Schottland, markierte diese erste Reise auf das Drachenfest 2004 die Geburtsstunde des Clan MacMahoon, der, mit einem kurzen Intermezzo bei Stahl, seit damals eine feste Größe des Grünen Lagers geworden ist. Damals noch eine Randerscheinung im Fantasy-Larp, erlebte das „Highland – Larp“ über die Jahre ein Auf und Ab, Gruppenkonzepte kamen und gingen. Andere historisch inspirierte Konzepte, wie etwa das durch Vikings beliebt gewordene Nordmann-Larp, fanden mithilfe der wechselnden Popkultur ihren Platz im Rampenlicht. Doch trotz Fluktuation auch in den eigenen Reihen: der Clan blieb sich treu und bestand weiter. Bis heute.

Alkoholkonsum
Inhaltsverzeichnis
Slainté! So viel mehr als Party im Kilt
Das Licht in der Clanhall – dem Rittersaal von Schloss Veldenz – ist erloschen, nur das Feuer im Kamin brennt und wärmt die einsame Kriegerin, die sich heute ihrer Aufnahme in den Clan stellt. Ihre Kriegerweihe erstreckt sich über vier Tage, in denen sie sich beweisen muss. Die junge Frau ist sichtlich müde, aber auch stolz. Nachdem sie sich im Kreis der Krieger*innen ihren Gegner*innen gestellt hat, ist sie nach langer Bewährung ein vollwertiges Mitglied des Clan MacMahoon.
Das alles – und einiges mehr – trägt sich zu auf der Jubiläums-Con zum 20-jährigen Gruppenbestehen. Die Gruppe, die sich 2004 gründete, hat auf ihrem Weg hierher viel gesehen. Schottenlarp hat innerhalb der Community über die Jahre immer wieder den Ruf, eher etwas für Kilt tragende Party-People zu sein, weniger etwas für ernsthafte Rollenspieler*innen. Wie entkommt man diesem Klischee und hält sich über so lange Zeit? Nicht alles daran, so verrät Ian, war immer einfach. Wer dem Clan beitritt, erklärt sich auch bereit, die Regeln der Gruppe zu befolgen. Dies beinhaltet immer auch eine gewisse Verantwortung. Denn schließlich ist so ein Tartan gut wiederzuerkennen, was bedeutet, was ein*e Spieler*in tut, während er oder sie diesen Tartan trägt, fällt immer auch auf die Gruppe zurück. Das heißt nicht (und die Autorin kann es bezeugen), dass die MacMahoons nicht wissen, wie man feiert. Doch das Bewusstsein für den richtigen Zeitpunkt wird im Regelwerk und im Spiel der Gruppe durchaus mit Nachdruck vermittelt. Das Regelwerk selbst wurde über die Jahre immer wieder den sich ändernden Gegebenheiten der Larp-Welt angepasst und führt die Gruppe durch die Zeit. Eine klare Rangfolge und OT-Kommunikation führt zu beeindruckenden Spielszenen, in denen die Mitglieder darauf vertrauen können, dass selbst ein ruppiger Befehl oder ein schallender Anpfiff stets Teil des Spiels, und nie als realer Angriff zu verstehen ist.
Wie jede andere Larp-Gruppe haben auch die MacMahoons über die Jahre Spielende kommen und gehen sehen; wie jede andere Gruppe, in der Menschen zusammenkommen, nicht immer nur im Guten. Am Ende des Tages sieht der Chief, auch im OT, die Verantwortung für das Weiterbestehen bei sich. Man habe ihn auch schon mal als cholerisch bezeichnet, räumt er ein – doch keine Gruppe überlebt so lange, ohne dass jemand das Ruder führt und auch bereit ist, sich einmal unbeliebt zu machen.
Der Nachwuchs gibt ihm recht. Ähnlich wie die Spielerin, die im Mai 2024 erfolgreich ihre Kriegerweihe erhielt, gibt es über die Jahre immer wieder neue Interessierte.
Die Präsenz des Clans auf diversen Social-Media Plattformen ist hier durchaus von Vorteil, auch heute neue Anwärter*innen zu finden. Derzeit halten sich Krieger und Kriegerinnen innerhalb des Clans in etwa die Waage. Es muss sich also niemand sorgen, ob die MacMahoons auf der Höhe der Zeit spielen. Das Spiel selbst gestaltet sich facettenreich, von Mordanschlägen über Turnierspiel bis hin zu Ingame-Hochzeiten ist in diesen vier Tagen alles vertreten. Und auch vor den leisen Tönen scheut man sich nicht. Mit einer bewegenden Trauerfeier für einen verstorbenen Spieler und Freund zeigt sich, dass gemeinsames Spiel Menschen auch im realen Leben verbindet und Halt gibt.

Hinaus in die Welt! Der Clan kommt herum…
In 20 Jahren kommt so einiges an Erfahrung zusammen – aber auch an gemeinsamen Erfahrungen, die die MacMahoons zusammenschweißen. Dabei beschränkt man sich nicht nur auf gemeinsame Con-Besuche und -Organisation.
Seit Jahren sind die MacMahoons auch außerhalb von Liverollenspielveranstaltungen eine feste Größe und mit ihrer Präsenz Botschafter für das Hobby. Von den Highland-Games am Niederrhein sind sie seit 2012 nicht mehr wegzudenken, woraus sich über die Jahre eine tiefe Freundschaft zur dort ebenfalls gastierenden Isle of Cumbrae Pipeband ergeben hat. Ebenso ist der Clan seit 2019 stolzes Ehrenmitglied der Highlander Niederrhein. Was native Schotten wohl so zu „Braveheart-Fantasy-Schotten“ sagen, ist eine Frage, die ein breites Grinsen auf Ians Gesicht zaubert. Zuerst, so gibt er zu, hatten er und seine Gruppe schon ein bisschen Angst, für nicht ganz voll genommen zu werden. Schließlich stellen sie keineswegs historisch korrekte schottische Kultur dar – nehmen dies aber auch nie für sich in Anspruch. Doch die Reaktion auf die Vorstellung der „German Scots“ war – und ist bis heute in allen Begegnungen dieser Art – ausschließlich neugierig und herzlich. Das Konzept Liverollenspiel und die dargestellte Rolle darin sorgt immer wieder für Gesprächsstoff und freundliche Aufnahme.
Zum 15-jährigen Jubiläum bereits hatte sich die Gruppe auf ein gemeinsames High(land)light geeinigt und bewanderte gemeinsam den West Highland Way, im Kilt und zu Fuß. Diese gemeinsame Erfahrung wurde im Herbst 2024 noch einmal wiederholt, diesmal mit einer Wanderung zum entlegensten Pub Schottlands.
Nicht alle Begegnungen in der Larp-Welt sind ausschließlich positiv, und so haben auch die Spielenden des Clans gelegentlich mit Kritik umzugehen. Neben dem manchmal unglücklichen Ruf des Schotten-Larps, mit dem zum Beispiel auch das Piraten-Genre zu kämpfen hat, kommt auch gelegentlich negatives Feedback der anderen Art. Als „Dekadenz-Schotte“ sei man durchaus schon bezeichnet worden, da statt des (spätestens seit Outlander) immer häufiger gesehenen Belted Plaid der akkurat gefältelte, modernere Great Kilt getragen wird.
Für das 20-jährige sollte es dann aber etwas ganz Besonderes sein. Nach kurzem Zögern, denn schließlich hatte man sich seit Jahren an den bisher getragenen Tartan gewöhnt, kontaktierte Ian einen entsprechenden Designer, der dem Clan einen eigenen Tartan kreierte. Und so verzeichnet das offizielle Tartan-Register in Schottland nun mit einem eigenen Eintrag ein Muster in Grün, Schwarz und Weiß, zugehörig zu „Clan MacMahoon, German Larp-Group“.

Was soll denn jetzt noch kommen?
20 Jahre, ein eigener Tartan, Schottland zu Fuß erlebt und das Jubiläum gebührend gefeiert, was soll denn da jetzt noch kommen? Nun, 30 Jahre natürlich, so die schmunzelnd gegebene Antwort. Doch dann wird der Chief ernst. Als Feuerwehmann weiß er, dass sich manche Sachen schneller ändern können als gedacht. Natürlich wäre es schön, nicht nur das nächste große Jubiläum voll zu bekommen, sondern auch zu wissen, dass die Geschichte weitergeht.
Als kriegerisches Gruppenkonzept angelegt, freut sich Clan MacMahoon auch heute über alle neue*n Bewerber*innen, die bereit sind, an Veranstaltungen teilzunehmen und dort IT wie OT mit anzupacken. Denn ohne Engagement und rege Beteiligung wird selbst das beste Gruppen-Konzept irgendwann untergehen. Neue Bewerber*innen sind grundsätzlich von überall willkommen, auch wenn kein kriegerischer Charakter bespielt wird. Doch man sollte bereit sein, auch weitere Wege auf sich zu nehmen und sich bei Organisation, Auf- und Abbau die Hände schmutzig zu machen.
Der Erfolg der Jubiläums-Con auf Schloss Veldenz gibt diesen Anforderungen Recht. Bis zu 600 km haben einige Gäste hierfür zurückgelegt, um Zeug*innen der Kriegerweihe zu werden und mit den Angehörigen des Clans in der Clanhall unter dem Banner mit dem Highland-Rind zu sitzen.
Der Stolz auf die gemeinsame Leistung ist hier allen anzusehen.
Deshalb, so wünscht sich Ian für seinen Clan, wäre es schön, wenn irgendwann die jüngere Generation den Staffelstab aufnimmt und „sein Baby“ weiterführt.
In der Hoffnung, dass bei der nächsten Highland-Wanderung die „Alten“ bereits gemütlich mit der Fähre ans Ziel gefahren sind, um dort den stolzen Nachwuchs in Empfang zu nehmen.
Artikelbilder: © Werner Schlothauer
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Nina Horbelt
Fotografien: Werner Schlothauer


















