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Eine Wissenschaft, die sich in der Zukunft mit einem erweiterten Verständnis der uns umgebenden Tierwelt auf eine Weise befasst, die heute noch undenkbar ist: Tiere als Wesen, denen Ästhetik bedeutsam ist, die kommunizieren möchten und an die man sich als Individuen erinnern soll. Einige Gedanken zu Autobiografie eines Kraken.

Die prämierte belgische Professorin für Wissenschaftsphilosophie Vinciane Despret legt mit Autobiografie eines Kraken und andere Zukunftsgeschichten ein Gedankenexperiment vor, in dem sie nichts anderes als einen radikalen Diskurswechsel im Hinblick auf die Welt, die uns (aktuell noch) umgibt, postuliert.

Aufgeteilt in drei Kapitel, die jeweils eine andere Tierart (Spinnen, Wombats und Kraken) in den Blick nehmen, werden den Lesenden nahezu unbekannte akademische Gebiete nahegebracht: die Therolinguistik und die Theroarchitektur. Um die Nachvollziehbarkeit der wissenschaftlich verfassten Ausführungen zu erleichtern, ist den Geschichten ein Glossar vorangestellt, in dem die Begriffe und die dazugehörigen Forschungsschwerpunkte erläutert werden. Im Anschluss folgen die drei Einheiten des Buches, welche von zunehmender Länge gekennzeichnet sind. Das titelgebende und letzte Kapitel Autobiografie eines Kraken nimmt über die Hälfte des Buches ein.

In dieser einzigartigen Verschmelzung von Science-Fiction und Philosophie eröffnet Despret mit ihrem Gedankenexperiment ganze Ozeane an Ideen, die weitergedacht werden möchten. Einige, nicht als abschließend zu verstehende, Gedanken werden im Folgenden vorgestellt und anschließend in einem Fazit zusammengeführt.

Es sei allerdings gesagt, dass Autobiografie eines Kraken und andere Zukunftsgeschichten ein solches Potpourri an Themen zum Weiterdenken bietet, dass in diesem Artikel nur an der Oberfläche gekratzt werden kann, auch um nicht allzu viel zu dem Inhalt zu verraten. Und andere Lesende mit einer anderen persönlichen Sozialisation mögen womöglich ganz andere Schlüsse aus dem Gelesenen ziehen…

Triggerwarnungen

Spinnen, Fäkalien, Tod

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Kapitel 1: Das Studium des Tinnitus oder Die stillen Sängerinnen – Wie sichtbar ist Sprache?

Inmitten einer neuen Wirklichkeit finden sich Lesende im ersten Kapitel wieder, das sich ursächlich mit Spinnen befasst, aber in seiner Einfachheit die grundlegende Frage stellt: Wie weit wird Sprache gefasst? Was ist Forschungsgegenstand der Linguistik? Ist Sprache das gesprochene Wort, das über Schwingungen des Trommelfells elektrische Impulse auslöst, die in unserem Verstehen der Sprache resultieren?

Nehmen wir nun einmal an, es gäbe eine andere Sprache, eine, die nur über Sensorik funktioniert und so den Umweg über das Ohr ausspart. Wenn wir dann entdeckten, dass wir von solch multiplen Sprachen umgeben sind, sodass menschliche (verschiedene, doch funktionsgleiche) Sprachen geradezu simpel erscheinen und uns in den Status einer Nicht-Überlegenheit versetzen, dann entstünde eine Welt der Gleichberechtigung der Arten, in der jede Art inklusive des Menschen ihren Beitrag zu einer ausgewogenen Weltbiodiversität leisten könnte, sollte die Menschheit bereit sein, ihre Privilegien abzugeben. Und vielleicht kommunizieren alle anderen Arten bereits, während wir Menschen gleich eines bösartigen Außenseiters dabei sind, die Kommunikation zu begrenzen. Möglicherweise gibt es bereits entsprechende Hinweise, die wir nur nicht in der Lage sind, zu verstehen.

Kapitel 2: Die Fäkalkosmologie beim Nacktnasenwombat und beim Südlichen Haarnasenwombat – Bauen, um zu kommunizieren

Die zweite Abhandlung behandelt vorrangig die von Despret so genannte Theroarchitektur. Widmen wir uns nun also gedanklich der Sakralität von tierischen Bauten und den dahingehenden Rückschlüssen einer Religiosität. Wenn davon ausgegangen wird, dass Wombats in der Lage sind, zu entscheiden, inwieweit sie ihren Kot würfelförmig gestalten, um damit Mauern zu bauen, dann kann ebenso davon ausgegangen werden, dass sie damit einen schöpferischen Zweck verfolgen.

Dieser Zweck erfordert im Kreisschluss geplantes Wirken. Es wird in diesem Kapitel der Gedanke behandelt, dass die von Wombats gebauten Mauern einem religiösen Zweck dienlich sein könnten.

Dies führt zu grundlegenden Gedanken über Religion an sich und wiederum darüber, ob die menschliche Lesart der Religion die einzig richtige sei. Wenn bedacht wird, welch unterschiedliche Herangehensweisen an den Glauben und die Religionspraktiken innerhalb der Menschheit existiert, liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass es innerhalb der Artenvielfalt eine um ein Mannigfaches höhere Varianz an praktiziertem Glauben gibt. Kapitel 1 befasst sich mit der Sprache, der Therolinguistik, als ein wie auch immer geartetes Kommunizieren zwischen Lebewesen. Dieses Kapitel erweitert diesen Gedanken nun an das Örtliche, das Bauwerk, das den Sinn der Gemeinschaft und der Solidarität (die ja an sich schon etwas Religiöses an sich haben kann), haptisch manifestiert.

Kapitel 3: Autobiografie eines Kraken oder die Gemeinschaft der Odysseus

Kraken sind faszinierend. Sie treffen aufgrund ihrer Fremdartigkeit auf die unterschiedlichsten Projektionen durch Menschen und regen die Phantasie an. Despret nähert Kraken den Menschen von zwei Seiten an: Zum einen wirft sie einen intensiven Blick auf Kraken, die als kulturschaffend (wobei: ist Kultur hier überhaupt das richtige Wort?) und Aufzeichnungen hinterlassend dargestellt werden. Zum anderen wird eine Symbiose zwischen Kraken und Menschen, die eine besondere Bindung zu den Wesen eingehen, beschrieben und dabei vor allem eine Annäherung alles Menschlichen an das Wohl des Tieres vorgenommen.

Wenn, wie postuliert, Tiere Konsequenzen aus dem schadhaften Verlauf unseres Erdenlebens ziehen und sich selbst erinnern möchten und diese Konsequenzen bei einer Wiederkehr beibehalten zu wollen, zeigt das, zumindest angenommene, zutiefst menschliche Eigenschaften. Der Wille zum Lernen und die Kontinuität des Gelernten, die Transformation eines bloßen Vorhabens zur Entwicklung der haptischen Technik: Dies sind Fähigkeiten, die dem Menschen zugeschrieben werden.

Was von allen drei Kapiteln am ehesten dem Bereich der Science-Fiction zuzuordnen ist, macht auf den zweiten Blick Hoffnung. Die Hoffnung, dass es der Evolution gelingt, sich zu beschleunigen und die Tiere den neuen Herausforderungen des Überlebens anzupassen.

Einen großen Teil dieses Kapitels nimmt besondere Menschen in den Blick: Menschen, die eine Symbiose mit den Tieren eingehen und – im Falle der Kraken – sensorische Gefühlseinheiten entwickeln, die sie nicht als menschliche Individuen dastehen lässt, sondern vielmehr als einzigartige Wesen, die zwischen den Grenzen der Arten wandeln und doch innerhalb ihrer Gesellschaft gleich sind. Wenn sich Tiere den Menschen annähern und Menschen den Tieren, eine Einheit als Erdenbewohner*innen: ein Traum. 

Die harten Fakten:

  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Autorin: Vinciane Despret
  • Erscheinungsdatum: 31.10.2024
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis)
  • Format: Gebundenes Buch
  • Seitenanzahl: 187
  • ISBN: 978-3-7518-0990-0
  • Preis: 22 EUR (Print) + 18,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (deutsch und französisch), idealo

 

Fazit

Ein Buch voller Gedanken und Ausführungen, die die Empathie zum Klingen bringen und einladen, die Vormachtstellung der Menschheit auf diesem Planeten ein weiteres Mal zu hinterfragen. Despret präsentiert mit Autobiografie eines Kraken und andere Zukunftsgeschichten ein ungewöhnliches Werk, das sich auf imposante Weise und mit einem faszinierenden Blickwinkel Reflexionen über das Gelesene geradezu herausfordert. Leider ist es aufgrund seines wissenschaftlichen Duktus, der bei Lesenden eine Universitätsbildung wahrscheinlich voraussetzt, nicht für alle geeignet. Dies ist schade, schickt es doch dazu an, eine literarische Gleichheit, die Kommunikation für alle ermöglicht, herzustellen. Doch diejenigen, die sich von der wissenschaftlichen Sprache nicht abschrecken lassen, finden eine Welt vor, die staunen lässt.

Es ist richtig und wichtig, mit Science-Fiction den Blick in die Sterne zu richten und sich zu fragen, was möglich ist. Genauso richtig ist aber auch, den Blick auf die Erde zu richten und zu sehen, welches Wunderpotenzial hier noch verborgen liegt.

 

  • Fesselndes Gedankenexperiment
  • Ungewöhnlicher Blick auf die Tierwelt
  • Lädt zu Reflexionen ein
 

  • Wissenschaftliche Sprache kann eine Barriere für Lesende sein

 

Artikelbilder: © Matthes & Seitz Berlin
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Gloria Puscher
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