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Brancalonia nimmt für sich das eigens erschaffene Italo Fantasy Genre in Anspruch. Dabei sind die Charaktere keine strahlenden Held*innen, sondern glorreiche Halunken, Plattfüße und Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle. Mit dem Kampagnenbuch werden auf unterhaltsame Art und Weise beliebte Stereotypen und Themen aus Italofilmen in ein Fantasysetting transportiert.

Jeder Auftrag, das weiß ein jeder Halunke, beginnt in einer Spelunke.

Fantasywelten bieten unendliche Abenteuer und nicht enden wollenden Ruhm für Ritter*innen in glänzender Rüstung, glamouröse Magier*innen und geschickte Schatzjäger*innen.

Doch nicht so in Brancalonia.

Dort ziehen faule Schwindler*innen, zwielichtige Halunk*innen und gierige Knapp*innen durch die Gegend, um Aufträge zu erledigen, einen Schatz zu finden oder einfach nur einen Sack Bohnen für die nächste Suppe. Kurzum, die Charaktere sind der Bodensatz der Gesellschaft. Sie sind Galgenvögel, ein dreckiges Dutzend oder glorreiche Halunk*innen.

Prügeleien werden mal mehr, mal weniger ernst genommen.
Prügeleien werden mal mehr, mal weniger ernst genommen.

Brancalonia wurde vom italienischen Verlag Acheron Games entwickelt. Dabei wurde die Hintergrundwelt einerseits vom mittelalterlichen Italien und andererseits von italienischer und internationaler Popkultur inspiriert. So ist die Welt von Brancalonia voller Schurken und Kreaturen wie Befanas, einer Vettelart, und herausgeputzten Kaufleuten mit breitkrempigen Hüten.

Acheron Games bezeichnet sein System selbst als Spaghetti Fantasy (in der deutschen Übersetzung Italo-Fantasy), um direkte Assoziationen zu dem populären Genre der Italo-Filme zu ziehen.

Der Kampagnenband wurde 2019 erfolgreich als Kickstarter finanziert und veröffentlicht. Der Erfolg des Systems wurde nicht nur durch schnöden Mammon, sondern auch durch Preise aus der Rollenspielbranche honoriert. Beim GenCon 2021 wurde Brancalonia mit 4 Ennie Awards in den Kategorien: Best Writing, Best Setting, Product of the Year und Best Electronic Book ausgezeichnet. Nun wurde das Kampagnenbuch von System Matters auf Deutsch veröffentlicht.

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Die Spielwelt

Die Welt von Brancalonia ist bewusst als Low Fantasy Setting konzipiert und das wird immer wieder in verschiedenen Textstellen hervorgehoben.

Die brancalonische Halbinsel in all ihrer ...äh...Pracht.
Die brancalonische Halbinsel in all ihrer …äh…Pracht.

Die zentrale Spielregion ist die brancalonische Halbinsel, auf der das sogenannte Kopfgeldkönigreich oder einfach nur Königreich liegt. Eigentlich ist das Königreich ein Teil des Reichs von Altomagna. Die großen politischen Gefüge sind allerdings für die Charaktere unwichtig. Wichtiger sind die vielen Aristokrat*innen und rivalisierenden Handelsfamilien der Region, die um Macht und Einfluss ringen. So sind die Machtverhältnisse immer im Fluss und bescheren den Knappen, wie die Spielcharaktere hier genannt werden, viele Arbeitsmöglichkeiten.

Das System nimmt sich nicht allzu ernst. Es wird auf eine schmierige und ironische Stimmung Wert gelegt, die aus den popkulturellen Vorlagen entnommen wurde. Im Buch wird das mit den Stichpunkten zänkischer Fantasy und heiterer Ton zusammengefasst.

Daher passen zu heroische oder ruchlose Charaktere nicht richtig in die Welt. Es sollte eine Spielgruppe aus Schlitzohren, Tunichtguten und Halunk*innen die Straße entlang ziehen.

Die größeren Regionen der brancalonischen Halbinsel sind im Hintergrundteil des Buches auf je zwei Seiten beschrieben. Dabei werden immer Land und Leute beschrieben sowie in einem Absatz, welche Art von Aufträgen in der Region erledigt werden können.

In einem Extrakapitel werden sechs Abenteuer zum Einstieg präsentiert, die Stimmung und Hintergrund unterstreichen. Schon die klingenden Titel, wie Das kleine Volk von Prachtberg oder Tote saufen keinen Gin, geben einen Ausblick auf die jeweiligen Abenteuer.

Die Regeln

Als Grundregeln werden die der 5. Edition von D&D (kurz 5e) mit der Open Game License Version 1.0a verwendet. Das D&D-Spielerhandbuch sollte also vorhanden sein. Es kommen allerdings einige Anpassungen der Regeln zur Anwendung.

Die Spielleitung wird im Buch stilecht Condottiera bzw. Condottiero genannt und die Charaktere Knappen, egal, welche Klasse sie tatsächlich haben.

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Bei den 5e-Grundregeln gibt es einige kleinere Anpassungen beispielsweise Schäbige Ausrüstung, was bedeutet, dass die Ausrüstung zwar günstiger ist, aber bei einem Würfelwurf von 1 mit einem W20 zerfällt. Selbst magische Komponenten sind günstiger, aber minderwertiger. So ist das nun mal auf den Straßen des Kopfgeldkönigreiches. Man nimmt, was man kriegt, selbst, wenn es seltsam aussieht und noch seltsamer riecht.

Im Regelteil des Buches gibt es noch Kampagnenregeln für Kompanien, Unterkünfte, die hier Räuberhöhlen genannt werden, und umfangreiche Regeln für Prügeleien. Denn zu Italo-Fantasy gehört immer eine ordentliche Prügelei mit Maulschellen, Kopfnüssen, Dampfhammer und anderen Kampfkunstmanövern. Dazu gibt es mehrere unterhaltsam geschriebene Tabellen mit Vorschlägen für Prügelmanöver.

Ebenso unterhaltsam sind die Regeln für Spelunkenspiele, beispielsweise das Kartenspiel Mumpitz oder das Brancalonische Büffet, was eine Art Wettessen ist.

Die gesamten Regeln selbst bekommen im Kampagnenbuch allerdings nicht viel Raum.

Charaktererschaffung

Alle Charaktere werden als Knappen und die Gruppe als Schar bezeichnet. Laut Hintergrund sind sie alle Teile einer Söldnerkompanie. Ob sie dabei tatsächlich Glücksritter*innen, herumreisende Scharlatan*innen, eine Loge auf der Suche nach Artefakten, ein Räuber*innenhaufen, die gestrandete Mannschaft eines Piratenschiffs, eine Gruppe Schatzsucher*innen oder entflohene Sträflinge sind, ist ihnen überlassen. Auf jeden Fall werden sie von der Bevölkerung als gefährlich, lästig und zu allem fähig gehalten. Man sollte sich von ihnen fernhalten oder sich schlimmstenfalls anfreunden.

Auch mit bescheidenen Mitteln ist Stil wichtig.
Auch mit bescheidenen Mitteln ist Stil wichtig.

Es wird empfohlen, Charaktere mit höchstens Stufe 6 zu spielen, um das raue bodenständige Italo- Fantasy Flair zu erhalten. Höhere Stufen mit mächtigeren Talenten und Magie könnten da stören. Die Charaktere sind Held*innen aus der Gosse, also Gauner*innen, Halunk*innen und andere Kleinkriminelle. Dazu passend hat jeder Charakter bereits bei der Charaktererschaffung ein Kopfgeld für kleinere Straftaten. Dabei ist es egal, ob die Vorwürfe wahr oder unwahr sind. In einer Tabelle werden einige potentielle Straftaten vorgeschlagen, wie beispielsweise unerlaubtes Predigen, Geflügeldiebstahl oder die Zerstörung einer Spelunke.

Im Laufe einer Kampagne nehmen die Missetaten zu, wie es nun mal bei Rollenspielcharakteren immer der Fall ist.

Die Charaktererschaffung folgt mit einigen Einschränkungen und Änderungen der 5e-Version. Passend zur Hintergrundwelt gibt es sechs eigene Völker. Als Klassen werden die der 5e-Version mit einigen Anpassungen verwendet. Beispielsweise wird der Paladin in Brancalonia Fahrender Ritter genannt und folgt dem Schwur der ritterlichen Irrfahrt. Davon abgesehen kann er Schwurzauber aus der Stufenliste der Paladine nutzen.

Es gibt die allgegenwärtigen Menschen, die in jeder Form, Farbe und Größe vorkommen.

Wer groß und stark wie ein Morganti sein will, muss auch gut essen.
Wer groß und stark wie ein Morganti sein will, muss auch gut essen.

Die sogenannten Begabten sehen zwar wie Menschen aus, sind aber von Geburt an vom Schicksal begünstigt und haben einige seltsame magische Vorteile.

Als Morganti wird ein Volk von Halbriesen bezeichnet, die zwischen 2,10 und 2,40 Meter groß sind und vor Kraft nur so strotzen.

Ebenfalls wie Menschen sehen Selvaner aus, die nur viel üppiger behaart sind und in abgelegenen Gegenden leben.

Sogenannte Marionetten und Malebranche sind die seltsamsten und seltensten Völker Brancalonias. Erstere sind magisch belebte Holzpuppen von circa einem Meter Körpergröße und letztere sind mindere Teufel in einem sterblichen Körper.

Spielbarkeit

Durch die bekannten 5e-Regeln ist Brancalonia sehr einfach zu handhaben für Spielleitung und Spielende. Da die Grundregeln nicht extra aufgeführt werden, sollte eine Version des D&D-Spielerhandbuchs vorhanden sein. Die Extraregeln sind überschaubar und einfach zu erlernen. Hier geht oft Stil über Substanz. Sprich stimmungsvolle Aktionen der Charaktere tragen mehr zur Unterhaltung am Tisch bei als Regelblöcke.

Die vielen Tabellen im Buch helfen, eine Szene zu beschreiben. Wer andere Bücher von System Matters kennt, weiß, dass diese Art der Tabellen eine große Stärke der jeweiligen Bücher ist.

Beispielsweise gibt es viele amüsant geschriebene Tabellen für die Beschreibung einer Spelunke oder einer mehr oder weniger normalen Straße.

Weitere Tabellen für die Persönlichkeiten und Hintergründe helfen, die (Nichtspiel-)Charaktere mit amüsanten Merkmalen zu ergänzen. Beispiel; Ich habe nur zwei Gesichtsausdrücke; einer mit Hut und einer ohne.

Erscheinungsbild

Das Buch selber steuert viel zur Atmosphäre des Systems bei. Die Seitenfarbe ist ein blasses hellbraun wie vergilbtes Papier und viele Illustrationen spiegeln den Kunststil des Barocks wider.

Verschiedene Schriftarten, Zitate und Quellentexte lockern den Fließtext auf. Insgesamt ist der Text gut lesbar. Tabellen und Hinweistexte sind farbig hervorgehoben

Die harten Fakten:

  • Verlag: System Matters
  • Autor*in(nen): Mauro Longo und andere
  • Illustrator*in(nen): Nikos Alteri, Alessandro Balluchi, Andrea Casciaro, Edda Marrone, Filippo Munegato, Lorenzo Nuti, Moreno Paissan, Fabio Porfidia, Vittorio Santi, Melissa Spandri
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 190
  • ISBN: 978-3-96378-132-2
  • Preis: 49,95 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, amazon, DriveThruRPG, Sphärenmeister

 

Bonus/Downloadcontent

Den deutschen Charakterbogen gibt es bei System Matters zum Herunterladen.

Auf der Webseite von Brancalonia kann man die Karte des Königreiches, den englischen Charakterbogen und die Quickstartrules herunterladen.

Fazit

Brancalonia ist mit seinem unterhaltsamen Unterton und den vielen popkulturellen Anspielungen ein besonderes Rollenspielsetting.

Als sogenannte Knappen schlüpfen die Spielenden in die Rolle von Abenteurer*innen, die Aufträge meistern und sich einer Kompanie anschließen. Die Welt ist detailreich und amüsant gestaltet und viele Details aus dem Buch helfen bei der Visualisierung.

Mönche beherrschen den Weg der harten und sanften Hand.
Mönche beherrschen den Weg der harten und sanften Hand.

Durch die bekannten 5e-Regeln ist es leicht zu erlernen, aber bietet gleichzeitig genug Tiefe, um auch langfristig zu motivieren. Darüber hinaus kann man den Stil der Italo-Fantasy auch in viele andere Fantasy- und Westernsysteme importieren.

Der Verlag Acheron Games hat mit Brancalonia ein Rollenspiel als Urheber und bislang einzigem Vertreter des Italo-Fantasy Genres geschaffen. Damit ist es eine Empfehlung für alle Fans von Italo-Filmen und mindestens einen Blick Wert für alle anderen.

Aber nun genug geschwatzt, ihr Galgenvögel. Sattelt den Dackel und auf, auf!

Dieser Ersteindruck basiert auf der gründlichen Lektüre des Buches. Ein Spieltest ist nicht geplant.

 

  • Amüsant geschriebene Texte
  • Detailreiche Hintergrundwelt
  • Viel Spielmaterial

 

  • Wenig Regelmaterial

 

Artikelbilder: © Acheron Games, System Matters
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Laura Pascharat
Dieses Produkt wurde privat finanziert.

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1 Kommentar

  1. Liest sich sehr spannend und macht Lust auf eine Kampagne.

    Der einzige Knackpunkt wäre für mich, dass sich dreckig und gefährlich mit den Regeln von Dungeons and Dragons halt nur sehr bedingt ausgeht. Meinentwegen ein System, wo man Verletzungen und Mangel mehr spürt und nicht nur der letzte Lebenspunkt zählt…

    Aber abgesehen davon dürfte das Spiel in Fantasyitalien ein wachsendes Genre sein. Siehe auch The straight Way lost.
    https://www.teilzeithelden.de/2024/03/02/thestraightwaylost/

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