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Hitler töten und sein Blut trinken, darum geht es im Indie-Rollenspiel Eat the Reich von Rowan, Rook and Decard. Mehrere Vampire müssen sich 1943 durch Nazi-Massen bis zum Eifelturm kämpfen, um den Führer kalt zu machen. Wie gut sich die actiongeladene Erzählung im Spieltest tatsächlich entfaltet, erfahrt ihr hier.

Mit großem Blutdurst startklar für den Kampf gegen den Faschismus: Eat the Reich lässt einen wahren Fiebertraum als Setting wahr werden. Mitten im zweiten Weltkrieg müssen sehr unterschiedliche Vampire gemeinsam den Führer in Paris finden und töten. Der Rollenspiel-Erfinder Grant Howitt hat sich für die Illustration des Spielesystems den Designer Will Kirkby geschnappt, um gemeinsam ein frisches und brutal-schwarzhumoriges System zum Leben zu erwecken. Das Regelwerk verspricht neben einer actiongeladenen Handlung ein einfaches Würfelsystem, welches auf das gemeinsame Erzählen ausgelegt ist. In einem Spieltest haben sich nun vier taffe Charaktere auf den Weg gemacht, um Hitler den Garaus zu machen.

Triggerwarnungen

Gewalt, Tod, Blut, Vampirismus, Faschismus, Leichenfledderei

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Die Spielwelt, Regeln und Charaktererschaffung

Bei Eat the Reich werden keine Nazis verschont. Die Vampire haben ein Ziel: Hitler töten und den verdammten Krieg beenden. Bei ihrer Reise durch ein fiktives Paris im Jahr 1943 müssen sie so einige Herausforderungen überwinden und dabei auch jede Menge Nazis töten. Der Hang zur Gewalt, wie viele ihn aus Action-Filmen kennen, gehört hier zum Kernthema der Erzählung. Vampire sind keine Menschen und bereit, wortwörtlich über Leichen zu gehen. Allerdings gilt ihr Blutrausch nur gegenüber Nazis. Zivilist*innen zu attackieren oder ihnen zu schaden wird im Regelwerk aktiv als nicht akzeptables Verhalten formuliert.

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Aktionen im Spiel werden über ein Würfelpool-System mit W6 bestimmt. Im Kampf gegen die Nazi-Horden können die Charaktere auf insgesamt sieben Eigenschaften würfeln, etwa Brawl oder Terrify. Jede Eigenschaft besitzt dabei einen Wert von 1 bis 4. Zusammen mit weiteren Boni oder Mali ergibt sich daraus eine Anzahl an Würfeln, die geworfen werden dürfen. Die Anzahl der Erfolge berechnet sich aus den Ergebnissen der einzelnen Würfel: Eine 1 bis 3 sind keine Erfolge, jede 4 und 5 ergibt einen Erfolg. Wer eine 6 bekommt, kann sich gleich zwei Erfolge aufschreiben. Die Spielleitung würfelt bei Aktionen dagegen, ob es potenziell Schaden für den Charakter gibt. Mit den Erfolgen können die Spielenden nun verschiedene Aktionen vornehmen. Dazu gehört beispielsweise das Missionsziel voranzubringen, Nazis auszuschalten oder Blut zu trinken. Weitere Informationen zur Welt, dem Würfelsystem und wichtigen Schutz-Mechanismen im Spiel gibt es in der Rezension des Regelwerks.

Im Regelwerk gibt es viele Details beim Layout zu entdecken.
Im Regelwerk gibt es viele Details beim Layout zu entdecken.

Im Regelwerk werden sechs vollständig ausgearbeitete Charaktere mit passender Illustration, Werten und besonderen Eigenschaften für das Spiel vorgestellt. Den Spielenden steht es laut System jedoch frei, optisch oder regeltechnisch noch kleine Anpassungen zu machen. Wer Charaktere komplett eigenständig erstellen möchte, findet dazu ebenfalls eine übersichtliche Anleitung. Da ein schneller Start im Zuge des Spieltests sinnvoll war, blieb es jedoch bei den festgelegten Vampiren. Zur einfacheren Orientierung wurde der Gruppe eine kurze Übersicht aus dem Regelwerk mitgegeben, was die Charaktere jeweils können und in welchen Bereichen sie glänzen.

Spielbericht

Für die Mission wurden vier Charaktere ausgewählt, mit winzigen Anpassungen beim Geschlecht der Vampire: Iryna, eine untote Schönheit von adligem Geblüt; Nicolas, ein bis an die Fangzähne bewaffneter Guerilla-Vampir; Cosgrave, ein exzentrisch gekleideter Nekromant mit übersinnlichen Fähigkeiten; sowie Chuck, ein Zombie-Cowboy mit einem Hang für Menschenfleisch und Wild-West-Geschichten. Diese vier sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten wurden per Eil-Bomber als Fracht zum Beginn der Nacht irgendwo am Rande von Paris abgeworfen.

Nach einer etwas unsanften Landung inmitten der Katakomben in Paris wurden die Vampire mit exquisitem Nonnenblut zunächst vollständig geheilt. Jedes Teammitglied bekam eine passende Einführung, um wie in einem Actionfilm die Stimmung zu inszenieren. Die erste Herausforderung bestand darin, den richtigen Weg heraus aus den Katakomben zu finden. Dabei nutzten die Spielenden die Gelegenheit, mit ersten Aktionswürfen die Regelmechanik kennenzulernen und Einfluss auf die Geschichte zu nehmen. Ein Trupp an Nazi-Soldaten, welcher durch die Ankunft der Vampire aufgeschreckt war, stellte dank einiger guter Erfolge kaum eine Herausforderung dar. Mithilfe einer „Leichen-Puppe“ zum Bauchreden lockte beispielsweise Cosgrave einzelne Nazis in einen Hinterhalt. Der Rest fiel einer gut vorbereiteten Brandbomben-Explosion von Nicolas zum Opfer und so war der Ausgang an die Oberfläche freigeräumt.

Chuck mag sein Cowboy-Leben und guten Whisky. Und Nazis töten.
Chuck mag sein Cowboy-Leben und guten Whisky. Und Nazis töten.

Weiter ging es für das Vampir-Kommando ins Hotel L’Étoile, wo gerade einige hochrangige Nazi-Militärs ein rauschendes Fest feierten. Da die Charaktere den Freund*innen des Faschismus diese Begeisterung nicht gönnten, wurde kurzerhand die Küche gekapert. Dort experimentierte Chuck mit seiner stark säurehaltigen Spucke und einigen Zutaten so lange, bis eine tödliche „Whisky-Sour“-Mischung vorbereitet war. Iryna schließlich, verkleidet als Nazi, zog alle anderen Feind*innen in ihren Bann und sorgte dafür, dass diese gemeinsam „auf den Führer“ anstießen. Dieser Ausspruch blieb dem röchelnden Publikum im Anschluss sprichwörtlich im Halse stecken. Zufrieden zog die Gruppe weiter, um die nahegelegene Metro zu erreichen. Hier endete der Spielabend nach rund drei Stunden.

Spielbarkeit aus Spielleitungssicht

Für eine spaßige Sitzung mit Eat the Reich braucht es vor allem zwei Dinge: einen action-getriebenen Erzählstil und Improvisationstalent für die Handlung. Die Geschichte wird gleichermaßen von der Spielleitung und den Spielenden gestaltet. Wenn alle Beteiligten sich auf diese Vorgaben einlassen, kann das für sehr viel Unterhaltung sorgen. Dank des übersichtlichen Regelwerks ist keine große Vorbereitung im Vorfeld nötig. Mit ein paar Werten für Antagonist*innen und Herausforderungen sowie einer groben Übersicht der Regeln kann sofort losgespielt werden. Langes Nachblättern ist nicht notwendig. Spielleitungen, die eher lockere Entscheidungen bevorzugen und die „Rule of Cool“ nutzen, werden sich schnell zurechtfinden. Für alle anderen braucht es vielleicht etwas mehr Gewöhnungszeit, der Spaß am Leiten ist dennoch möglich.

Paris wird in drei Gefahrenzonen eingeteilt, in denen es eine gewisse Zahl an Handlungsorten gibt. Diese sind jeweils grob als Szenen beschrieben, ähnlich wie bei einem Kinofilm. An einigen Orten warten zusätzliche übermenschliche Wesen, die als feindliche Mächte eine tatsächliche Gefahr für die Vampire darstellen. Diese Idee erinnert stark an kleine Boss-Kämpfe in Videospielen und kann für einiges an Dramatik sorgen.

Spielbarkeit aus Spieler*innensicht

Auf dem Weg zum Führer müssen die Vampire einige Hürden überwinden
Auf dem Weg zum Führer müssen die Vampire einige Hürden überwinden

Insgesamt hat der Gruppe der Spieltest von Eat The Reich viel Spaß bereitet. Gelobt wurden unter anderem das bewusst absurde Setting, als Vampire gegen Nazis antreten zu dürfen. Die vorgefertigten Charaktere boten genügend Optionen, selbst kleine Nuancen mit einzubringen und sich gleichzeitig an bestehenden Vorgaben beim Spiel zu orientieren. Ähnlich positiv fiel der knappe und selbsterklärende Charakterbogen auf. Dank der schönen Portraits der Vampire hatten die Spielenden gleich einen „Vibe“ für ihr Auftreten in der Erzählung.

Die Grundlagen waren schnell erlernt. Die Spielenden formulierten ein Ziel, würfelten auf eine ihrer Eigenschaften und zählten ihre Erfolge zusammen. Anschließend beschrieben sie ihre Taten und wie diese die Erzählung voranbringen. Wie einige Spielende anmerkten, lag der Fokus eindeutig auf dem Kampf. Charakterspiel ist möglich, dafür benötigt es aber nicht dringend Würfel. Als Manko wurde aufgeführt, dass es durch die Spielmechanik wenig Möglichkeiten gab, zusammen Aktionen durchzuführen und bei den jeweils anderen einzugreifen. Hier war die äußere „Regelstruktur“ zu deutlich sichtbar in dem sonst erzählerisch gestalteten System. Allgemein lässt sich dies aber durch kleine Anpassungen umgehen, beispielsweise wenn die Spielleitung erlaubt, dass Charaktere ihre „Erfolge“ auch bis zum Rundenende aufheben können, um so bei verpatzten Würfeln vielleicht noch anderen helfen zu können.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Rowan, Rook and Decard
  • Autor*in(nen): Grant Howitt
  • Illustrator*in(nen): Will Kirkby
  • Erscheinungsjahr: 2023
  • Sprache: Englisch
  • Format: Softcover/PDF
  • Seitenanzahl: 72
  • ISBN: 978-1-913032-40-1
  • Preis: 29,43 EUR (Softcover); 14,98 EUR (PDF)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, DriveThruRPG, Sphärenmeister

Fazit

Auch wenn beim Spieltest noch nicht das Missionsziel (Hitler töten) erreicht wurde, lässt sich dennoch festhalten: Eat the Reich macht als Indie-Rollenspiel vieles sehr richtig. Wie in der Rezension bereits beschrieben, steht der Spaß am Spiel im Vordergrund. Ein äußerst blutiger und gewaltreicher Spaß, schließlich werden nicht alle Tage mehrere Vampire in ein von Nazis bevölkertes Paris geschickt, um Widerstand gegen den Faschismus zu leisten.

Im Test waren die wichtigsten Mechaniken nach wenigen Minuten erklärt, wodurch mit den vorgegebenen interessanten Charakteren direkt losgelegt werden konnte. Immer wieder wurden mit dem W6-Würfelpool-System Erfolge gesammelt, um damit entweder das Missionsziel voranzutreiben, Nazis zu töten oder anderweitig die Erzählung zu erweitern. Das machte allen Beteiligten merklich Spaß, da sie selbst mitentscheiden konnten, wie die einzelnen Szenen verlaufen. Positiv hervorgehoben wurde zudem das Design der Charaktere und die generelle Aufmachung.

Für das Missionsziel ist es vertretbar, den Nazis ein Auto zu stehlen.
Für das Missionsziel ist es vertretbar, den Nazis ein Auto zu stehlen.

Insgesamt bleibt die Bewertung des Spielsystems nach dem ersten Test konstant. Vereinzelt mag es Reibungspunkte geben, etwa wo die Grenze zwischen klarer Regelauslegung und „Rule of Cool“ verlaufen sollte. Schließlich geht es darum, als blutrünstiger Vampir jede Menge Nazis und am Ende Hitler persönlich zu töten. Hier sagen selbst die Macher deutlich: Macht, was für euch am meisten Spaß macht. Belohnt gute Ideen und übertriebene Aktionen, wenn es zur Stimmung am Tisch passt und alle gemeinsam an der Geschichte teilnehmen.

Eat the Reich kann als Ventil genutzt werden, den eigenen Frust gegen offensichtlich böse Nazis auszulassen ohne weitere Konsequenzen fürchten zu müssen. In Zeiten des Rechtsrucks in vielen demokratischen Staaten ist das vielleicht genau die Abwechslung, die ihr und eure Freund*innen sucht. Wer nach der Runde weiterhin Lust hat, im Pen-and-Paper gegen Nazis zu kämpfen, kann sich Achtung! Cthulhu 2D20 anschauen.

 

  • Simples Regelwerk, Schnellstart möglich

  • Hübsches Design und viel Witz

  • Gruppe erzählt Geschichte gemeinsam

 

  • Balance zwischen Impro und Regeln nötig

 

Artikelbilder: © Rowan, Rook and Decard
Layout und Satz: Konstantin Paessler
Lektorat: Maximilian Düngen
Fotografien: Andreas Schellenberg

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