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In einer Zeit, in der das Rollenspiel online immer mehr zur Norm wird, verkaufen sich gleichzeitig auch edel gestaltete Sondereditionen physischer Regelwerke. Warum ist das so? Und was bedeutet eine beeindruckende Sammlung an Rollenspielbüchern überhaupt – für Sammelnde und Mitspielende? Gedanken zur Bibliophilie im Rollenspiel.

Bibliophilie, die Liebe oder Sammelleidenschaft für schöne Bücher, ist mitunter ein teures Hobby. Das gilt nicht nur für Romane und Sachbücher, sondern genauso für Rollenspielbücher, wenn nicht gar mehr. Wie viele Schmuckausgaben von Regelwerken kann ein Mensch sich leisten? Und was bedeutet es für das Hobby, dass in einer Zeit, wo das Spielen online immer mehr zur Norm wird, gleichzeitig hochwertige Sondereditionen der verschiedensten Rollenspielsysteme verfügbar sind?

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Geldknappheit, Sammelleidenschaft

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Schockverliebt im Spieleladen

Habt ihr euch schon einmal ein neues Rollenspielsystem nur wegen seiner Gestaltung gekauft? Oder wenigstens gewünscht und dann, schweren Herzens und allzu leichten Geldbeutels, verkniffen zu kaufen? Nein? Dann werdet ihr euch in diesem Artikel vielleicht nicht wiederfinden.

Wenn doch, dann geht es euch wie mir. In meinem Fall war es das System Vaesen, das mich (bei meiner Recherche zu lokalen Rollenspielläden im Highlander Games in Bremen) in Versuchung geführt hat: Nicht allein die schaurig-schönen Illustrationen auf dem Cover und im Buch, auch das haptische Erlebnis des hochwertigen schwarzen Leineneinbands hatten es mir angetan. Die Spielwelt? Düstere nordische Sagen, jaja, okay. Die Regeln? Unerheblich.

Nun bin ich nicht nur Rollenspielerin, sondern auch ein ausgemachter Bücherwurm, oder, etwas prätentiöser ausgedrückt, bibliophil. Ein schön gestaltetes physisches Regelwerk zu besitzen, bereitet mir Freude. Das steigende Angebot von Schmuckeditionen verschiedenster Rollenspielsysteme spricht dafür, dass ich mit dieser Neigung in unserem Hobby nicht allein bin.

Von der Liebe zum Buch

Der Duden definiert „Bibliophilie“ pragmatisch als „Liebe zu Büchern“. Doch das trifft es nicht ganz. Denn an Büchern gibt es vieles zu lieben und nicht alles davon ist ihr Inhalt. Der Duft der Druckertinte eines neuen Taschenbuches etwa. Oder das angenehme Gewicht eines ordentlich gebundenen Buches. Es gibt natürlich auch Menschen, die ein unbeschwertes Leben genießen, in welchem sie ganze Bibliotheken, stets perfekt belichtet, in einem kaum mehr als handtellergroßen E-Reader mit sich herumtragen.

Andere ziehen es vor, ein Buch nach seiner Lektüre großherzig weiter zu verschenken, anstatt es beim nächsten Umzug, zusammen mit unzähligen anderen in Bananenkisten verpackt, Treppen herunter- und wieder hinaufzuschleppen. Es wäre ungerecht, diese Menschen als Kulturbanaus*innen zu beschimpfen, die ein gutes Buch nicht zu schätzen wissen. Als bibliophil kann man sie allerdings auch nicht bezeichnen. Wikipedia hat eine engere Definition von Bibliophilie, nämlich die einer Leidenschaft für das „Sammeln von schönen, seltenen oder historischen Büchern“, was die Sache schon etwas detaillierter beschreibt.

Was eine Büchersammlung bedeutet, kommt auf die sammelnde Person an. © gemeinfrei, Wikimedia Commons, artist QS:P170,Q164979
Was eine Büchersammlung bedeutet, kommt auf die sammelnde Person an. © gemeinfrei, Wikimedia Commons, artist QS:P170,Q164979

Und damit sind wir wieder beim Rollenspiel: Nicht nur sind Charaktere, die auf der Suche nach immer weiteren arkanen Schriften und Grimoires ihr Leben und ihre geistige Stabilität aufs Spiel setzen, in etlichen Spielwelten ein beliebtes Konzept – auch unter den Spielenden selbst, insbesondere den Spielleitenden, zeigt sich ab und an ein Hang, wahre Drachenhorte an Regelwerken, Quellenbüchern, Kampagnenbänden und Abenteuersammlungen anzulegen. Diese stehen dann im Regal bereit, stets zur Hand, wenn im Spiel mal etwas nachgeschaut werden muss.

Aber das ist nicht der eigentliche Grund, warum man sie besitzen möchte. Schließlich gibt es heutzutage (fast) alles auch als durchsuchbares PDF, was im Zweifelsfall schneller geht als Blättern. Und in der Tat haben viele sowohl eine elektronische Version als auch eine Papierversion ihrer liebsten Rollenspielbücher. Auf einem Bein steht es sich schließlich schlecht. Ein physisches Buch bietet einfach ein ganz anderes Erlebnis, schon vom Handling her.

Und: Es repräsentiert etwas. Was es repräsentiert, kommt auf die Person an, die es besitzt. Die Begeisterung für ein bestimmtes System etwa, oder die Gründlichkeit, die der Besitz einer vollständigen Sammlung suggeriert – wer könnte der Person, die sämtliche Bücher zum System gelesen hat (so die Annahme), schon die Regelhoheit absprechen? In manchen Fällen stellt der*die Sammler*in hier auch die Treue zu einer längst nicht mehr aufgelegten Edition zur Schau.

Das fällt dann in die Kategorie „Sammeln historischer Bücher“ und hat seine ganz eigenen Tücken. Manche wollen eine gewisse rollenspielerische Vielseitigkeit darstellen, indem sich ihre Sammlung über viele verschiedene Systeme erstreckt. Einen Aspekt zeigt eine beeindruckende Sammlung an Rollenspielbüchern aber immer, sei es absichtlich oder unabsichtlich: die Möglichkeit und den Willen, für das Hobby eine ganze Menge Geld auszugeben. Dies gilt umso mehr, wenn auch die eine oder andere kostspielige Schmuckedition darunter ist.

Schöne neue Bücherwelt

Schmuckeditionen von Rollenspielregelwerken sind ein relativ, wenn auch nicht ganz neues Phänomen. Dabei handelt es sich um Sondereditionen, die bei gleichem Inhalt auf irgendeine Weise schöner, repräsentativer, geschmackvoller gestaltet sind als die Grundedition – und häufig auch erheblich teurer. Magpie Games etwa bietet sein System Root unter anderem als „Deluxe Edition“ an. Diese enthält das Grundregelwerk und die Erweiterung in einer exklusiven Covergestaltung mit Goldfolienprägung im Schuber. Der Preis ist dabei noch halbwegs moderat, knapp 100 USD im Vergleich zu etwa 80 USD für beide Regelwerke in der normalen Edition.

Ziemlich schick: Die Root Deluxe Edition im Schuber. ©Magpie Games
Ziemlich schick: Die Root Deluxe Edition im Schuber. ©Magpie Games

Noch weiter geht Modiphius mit der „Exarch Edition“ von Achtung!Cthulhu 2D20: Spielendenhandbuch und Spielleitungshandbuch sind hier in einem einzigen Band zusammengefasst, der selbst den arkanen Folianten ähnelt, in denen Investigator*innen cthulhoider Mysterien Wissen finden, das nicht für die Augen der Menschheit bestimmt war. Der Wälzer besitzt gleich zwei Lesebändchen, Goldschnitt sowie goldfarbene Prägung auf einem schwarzem Kunstledereinband. Kostenpunkt: 142,72 EUR nach aktuellem Umrechnungskurs. Ist das ziemlich teuer? Oh ja, sogar 22 EUR teurer als das Achtung!Cthulhu 2D20 „Gamemaster’s Bundle“, das neben beiden Regelwerken noch einen Spielleitungsschirm und ein Würfelset enthält. Will ich das düstere Grimoire trotzdem haben? Irgendwie schon. Mit dieser Einstellung bin ich nicht allein. Zwar ist die limitierte Edition noch nicht ausverkauft, aber etliche Fans des Systems haben bereits ihre eigene Exarch Edition. Andere hält nur der Mangel an verfügbarem Einkommen vom Kauf ab, wenn man den Chats auf Modiphius’s Discord-Server Glauben schenken darf.

Bibliophilie ist ein teures Hobby, wenn auch eines, das seit jeher als stilvoller Zeitvertreib gilt. Die Gesellschaft der Bibliophilen e.V., der älteste Verein für Bibliophilie in Deutschland, besteht gar seit 1899. Weniger gesellschaftlich akzeptiert (zumindest in der Vergangenheit): Rollenspiel. Viele Spielende haben zu Schul- oder Studienzeiten zum Hobby gefunden, als die wenigsten von uns Geld übrig hatten, und lernten es als eine eher nerdige Beschäftigung kennen, der vor allem Außenseiter*innen nachgingen. Inzwischen sind aber die meisten Jugendlichen von damals erwachsen geworden – egal, ob ihre erste Begegnung mit Rollenspiel in den 1980ern oder den 2010er Jahren stattfand – und scheren sich nicht mehr so sehr darum, was andere über ihre Hobbys denken. Und haben dazu inzwischen meist eigenes Einkommen, das sie mitunter auch für schöne Rollenspielbücher ausgeben können und wollen.

Das alles passiert in einer Zeit, in der physische Bücher fürs Rollenspiel längst nicht mehr in dem Sinne notwendig sind. Online-Runden über die verschiedensten Plattformen, sei es mit elaborierten Virtual Table Tops oder einfach im Voice Chat bei Discord, sind spätestens seit der Covid-19 Pandemie gang und gäbe und Plattformen wie DriveThruRPG haben ihr ganzes Geschäftsmodell auf dem PDF aufgebaut.

Gleichzeitig wird die Welt inzwischen auch von diversen anderen Krisen geschüttelt, die die Herstellung und Lieferung hochwertiger Bücher anspruchsvoll und oft nahezu unrentabel machen. Die meisten der letzten Achtung!Cthulhu 2D20-Publikationen zum Beispiel, gibt es physisch nur als Softcover-Versionen. Das hat, laut Modiphius-Mitarbeiter*innen, verschiedene Gründe, hauptsächlich das hohe Risiko, das mit dem weltweiten Versand einhergeht, unter anderem auch durch Piratenangriffe. Dennoch hoffen einige Fans des Systems bei jeder neuen Veröffentlichung wieder darauf, dass es auch eine Hardcover-Version geben wird, selbst wenn diese etwas teurer wäre. Nur vielleicht nicht ganz so teuer wie die Exarch Edition.

Fazit: Ein Hobby wird erwachsen

„Ich muss nicht mehr lieb sein, ich kann mir meine Schokolade selbst kaufen!“ lautet ein beliebter T-Shirt-Spruch. Dass wir selbst entscheiden können, wofür wir unser hart erarbeitetes Geld ausgeben, ist sicher einer der Vorzüge des Erwachsenseins. Ähnlich wie Schokolade sind auch Spiele aller Art eine Begierde, die gesellschaftlich nicht immer akzeptiert und als eher „kindisch“ abgetan wird. Das Sammeln von Büchern hingegen, auch Bibliophilie genannt, gilt noch immer als niveauvoll-erwachsener Zeitvertreib. Eine Sammlung von Rollenspielbüchern bietet das Beste aus beiden Welten: ein repräsentatives Bücherregal und die Möglichkeit, jederzeit die Regeln des gerade gespielten Lieblingssystems nachzuschlagen. Bei ersterem Aspekt helfen besonders die schönen Sondereditionen – man sollte die eklektische Würfelsammlung allerdings in den Schrank legen, wenn man dabei den schönen Schein der klassischen Bibliophilie wahren will.

So oder so ist die Bibliophilie längst im Rollenspiel angekommen. Sei es das eine System, das doch bitte vollständig im Regal stehen soll, seien es die Grundregelwerke aller zur Zeit, in der Vergangenheit und vielleicht in der Zukunft bespielten Systeme, oder nur die grafisch am schönsten gestalteten Rollenspielbücher, mit denen sich die sammelnde Person umgibt: Sammlungen von Rollenspielbüchern können an Qualität mit jeder Büchersammlung zu anderen Themen mithalten. Man könnte sagen, das Hobby ist mit seinen Fans erwachsen geworden.

Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Menschen nicht bisweilen beneide, die einfach ihren E-Reader ins Handgepäck werfen und sich in den nächsten zwei Wochen Strandurlaub keine Sorgen machen müssen, dass ihnen jemals das Lesematerial ausgeht. Ich präferiere allerdings weiterhin das Erlebnis eines echten Buches, auch auf die Gefahr hin, hinterher ein paar Sandkörner zwischen den Seiten und etwas weniger Platz im Koffer zu haben. Ähnliches gilt fürs Rollenspiel. Bei Spielrunden vor Ort keinen Laptop offen und kein Tablet am Laufen zu haben, gibt mir auch die Möglichkeit, besser mit den anderen Menschen am Tisch zu interagieren. Dennoch habe auch ich ein Konto bei DriveThruRPG und besitze viele Quellenbücher und einige Grundregelwerke mindestens zusätzlich, manchmal auch nur als PDF. Das Format ist einfach zu praktisch – und, seien wir ehrlich, auch viel günstiger.

Vaesen habe ich mir damals übrigens trotz der Versuchung nicht gekauft. Vielleicht irgendwann. Der schöne schwarze Leineneinband macht sich sicherlich gut neben der Achtung!Cthulhu 2D20 Exarch Edition und der Deluxe Edition von Root. Ein Bücherwurm darf träumen.

 

Artikelbilder: © wie angegeben, Titelbild: © yulan
Layout und Satz: Norbert Schlüter
Lektorat: Katrin Holst

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