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Marvels animierte Miniserie Eyes of Wakanda begleitet die geheimen War Dogs auf vier Missionen quer durch die Geschichte. Visuell beeindruckend und mit ausgeprägtem Stilbewusstsein erzählt, bleibt die Erzählung episodisch, emotional distanziert und hinter dem Potenzial ihrer Grundidee zurück. Eine zweite Staffel könnte das Format retten.

Wakanda ist zurück – aber anders, als man es vielleicht erwartet. Mit Eyes of Wakanda schlägt Marvel einen stilistischen und erzählerischen Seitenpfad ein: Statt Königsdynastien und Thronfolge gibt es verdeckte Operationen, historische Schauplätze und eine animierte Spurensuche nach gestohlenem Vibranium. Die auf vier Episoden begrenzte Miniserie rückt die War Dogs, Wakandas geheime Agent*innen, ins Zentrum und erzählt ihre Einsätze über Jahrhunderte hinweg. Das Ergebnis ist ebenso ambitioniert wie fragmentarisch – visuell aber hebt es sich deutlich vom MCU-Einerlei ab.

Triggerwarnungen

Explizite Darstellung von Gewalt, Folter, kolonialer Unterdrückung und Versklavung. Auch psychologische Manipulation und Kriegsverherrlichung.

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Story

Eyes of Wakanda erzählt in vier voneinander losgelösten Episoden die Missionen der sogenannten War Dogs – Wakandas geheimen Agent*innen –, die über Jahrhunderte hinweg Vibranium-Artefakte aus aller Welt zurückholen sollen. Dabei springen die Geschichten durch Raum und Zeit: vom bronzezeitlichen Kreta über das belagerte Troja bis ins China der Ming-Dynastie und das kolonial bedrohte Äthiopien des späten 19. Jahrhunderts. Es geht um Spionage, Ehre, kulturelle Aneignung – und die Frage, wie weit Wakanda gehen darf, um seine Geheimnisse zu schützen.

Der Auftakt „Into the Lion’s Den“ folgt der einst aus der Dora Milaje verstoßenen Noni, die Jagd auf einen abtrünnigen Krieger macht: Nakati, inzwischen nur noch „Der Löwe“ genannt, hat Vibranium-Waffen gestohlen und ein Piratenimperium errichtet. Die Folge lebt vom Kontrast zwischen persönlicher Schmach und politischer Mission, erzählt eine klassische Rachegeschichte, die in einem massiven Schiffsgefecht kulminiert – inklusive politischer Propaganda, Zwangsumsiedlung und einem Gegenspieler, der eher Kolonialherr, als Superschurke ist.

The Lion (voiced by Cress Williams) in Marvel Studios Television's EYES OF WAKANDA.
The Lion (voiced by Cress Williams) in Marvel Studios Television’s EYES OF WAKANDA. © 2024 Marvel. All Rights Reserved.

Die zweite Episode, „Legends and Lies“, ist eine lose Neuinterpretation des Trojanischen Krieges. Im Mittelpunkt steht B’Kai alias Memnon, ein verdeckt operierender War Dog, der seit Jahren bei den Griechen lebt – und plötzlich zwischen Loyalität und persönlichem Opfer steht. Die dritte Folge, „Lost and Found“, bringt mit dem Draufgänger Basha erstmals Humor in die Serie. Inmitten einer turbulenten Mission im China des 15. Jahrhunderts trifft er auf eine weibliche Iron Fist und scheitert fast an seiner eigenen Arroganz. Die Episode lebt vom Kontrast ihrer Hauptfiguren und einem augenzwinkernden Ton, verliert dabei jedoch an erzählerischer Tiefe.

Den Abschluss bildet „The Last Panther“, die ambitionierteste Folge des Quartetts. Im Äthiopien des Jahres 1896, zur Zeit der ersten Italo-Äthiopischen Krieges, kreuzen sich die Wege des unerfahrenen Prinzen Tafari und des abgeklärten Agenten Kuda. Die Episode verbindet politische Allegorie mit Science-Fiction-Elementen, bis hin zu einem überraschenden Auftritt eines bekannten Marvel-Wesens. Trotz dieser Ambition wirkt auch diese Episode in ihrem finalen Twist etwas gehetzt – sie deutet größere Zusammenhänge an, kann sie aber in 30 Minuten nicht ausformulieren.

Was auf dem Papier nach großer Erzählkunst klingt, bleibt in der Praxis episodenhaft und fragmentarisch. Die Grundidee – die verdeckte Einflussnahme Wakandas in der Weltgeschichte – wird angedeutet, aber nie konsequent zu Ende gedacht. Viele Figuren bleiben Archetypen: der hitzköpfige Rekrut, der gestrauchelte Held, die unerfahrene Agentin. Vor allem in der zweiten und dritten Folge fehlt es an erzählerischer Tiefe und dramaturgischer Klarheit. Nur die Auftakt- und Abschlussfolgen ragen heraus, weil sie zentrale Fragen nach Loyalität, Verantwortung und dem Preis von Isolation aufwerfen.

Unterm Strich ist Eyes of Wakanda eher ein stilistisch aufwendig gestalteter Erzählband als eine zusammenhängende Serie. Die Idee, Wakandas Geschichte nicht durch Könige, sondern durch Agent*innen zu zeigen, ist stark – aber das knappe Format verhindert, dass sie ihr volles Potenzial entfaltet. Die Serie bleibt Andeutung, kein Epos. Ein reizvolles Fragment, das Lust auf mehr macht, aber narrativ zu selten liefert.

Darsteller*innen

Als reine Animationsserie lebt Eyes of Wakanda nicht vom Spiel physischer Schauspieler*innen, wohl aber von den Stimmen – und hier gibt es einige starke Performances. Winnie Harlow verleiht der eigensinnigen Noni in der Auftaktepisode glaubwürdige Härte und Verletzlichkeit. Cress Williams überzeugt in seiner Doppelrolle als einst loyaler Krieger und machthungriger Gegenspieler mit erhabener Wucht.

Auch Jacques Colimon als lockerer Spion Basha bringt humorvolle Leichtigkeit in die oft ernsten Szenarien, wenngleich seine Figur mit Marvel-typischem Humor fast schon zu stark karikiert wird. Steve Toussaint gibt dem müden Veteranen Kuda in Episode 4 eine stoische Präsenz, während Zeke Alton als impulsiver Prinz Tafari die innere Zerrissenheit glaubhaft herüberbringt. Besonders auffällig ist Jona Xiao als kantige Iron Fist – sie verleiht ihrer Figur trotz kurzer Screentime Profil und Energie.

Darüber hinaus überzeugt das Ensemble durch Vielfalt und stimmliche Charakterisierung: Von der strengen Akeya (Patricia Belcher) bis zum ruhig-introvertierten Memnon (Larry Herron) decken die Rollen ein breites emotionales Spektrum ab. Die Serie profitiert hörbar von der Auswahl nicht klassischer Sprechgrößen – viele der Beteiligten kommen eher aus Film, Bühne oder Modelwelt, was den Charakteren eine ungewohnte Klangfarbe verleiht. Gleichzeitig bleibt durch das episodische Format kaum Raum, diese Stimmen langfristig zu verankern. Das ist schade, denn einige Figuren hätten durchaus das Potenzial für mehr.

Noni (Winnie Harlow) and The Lion (Cress Williams) in Marvel Animation's EYES OF WAKANDA, exclusively on Disney+. Photo courtesy of Marvel.
Noni (Winnie Harlow) and The Lion (Cress Williams) in Marvel Animation’s EYES OF WAKANDA, exclusively on Disney+. Photo courtesy of Marvel. © 2025 MARVEL. All Rights Reserved.

Inszenierung

Eyes of Wakanda überzeugt mit einer markanten visuellen Handschrift. Die Mischung aus 3D-Animation mit handgemalten Texturen verleiht der Serie einen eigenständigen Look – irgendwo zwischen Arcane, What If…? und klassischem Graphic-Novel-Stil. Axis Animation sorgt für kraftvolle Farbpaletten, starke Kontraste und flüssige Kamerabewegungen, die besonders in den Actionszenen zur Geltung kommen. Jede Episode ist visuell eigenständig gestaltet und spiegelt die jeweilige Kultur und Zeit, in der sie spielt, überzeugend wider.

Musikalisch bewegt sich die Serie zwischen afrofuturistischen Klanglandschaften, epischen Orchesterflächen und subtilen historischen Anklängen. Der Soundtrack verzichtet weitgehend auf bekannte MCU-Themen und schafft eine eigene Identität – mit Percussion-lastigen Stücken, eleganten Streichern und atmosphärischen Synths. Besonders in emotionalen oder kämpferischen Momenten trägt die Musik entscheidend zur Stimmung bei, ohne je aufdringlich zu wirken. Auch die Soundeffekte – vom Surren der Vibranium-Technologie bis zu den Geräuschen traditioneller Waffen – sind stimmig und sorgfältig abgemischt. Zusammen mit der eindrucksvoll gestalteten Eröffnungssequenz im Tusche-Stil von AKA Studios ergibt sich eine audiovisuelle Dichte, die über manche erzählerische Schwäche hinwegtröstet.

Erzählstil

Eyes of Wakanda setzt auf ein episodisches Format mit klaren Einzelmissionen, die lose miteinander verbunden sind. Die Serie springt durch Jahrhunderte und Schauplätze, ohne eine durchgehende Rahmenhandlung auszubauen. Das erlaubt viel stilistische Freiheit, macht es aber schwer, emotionale Bindung zu den Figuren aufzubauen. Der Ton schwankt zwischen düsterem Politthriller, tragischer Heldengeschichte und augenzwinkerndem Abenteuer. Abwechslung ist da – aber der Ton trifft nicht immer den Moment. Besonders die Mischung aus ernster Thematik und typischem Marvel-Humor ist nicht immer treffsicher. Die Serie bleibt dadurch weniger als konsistente Erzählung in Erinnerung, sondern mehr als Sammlung stilistisch und thematisch unterschiedlicher Kurzfilme mit wachsender Verbindung zum MCU-Kanon.

Eyes of Wakanda CoverDie harten Fakten:

  • Regie: Todd Harris
  • Darsteller*in(nen) (Stimmen): Winnie Harlow, Cress Williams, Larry Herron, Adam Gold, Jacques Colimon, Jona Xiao, Zeke Alton, Steve Toussaint, Anika Noni Rose u. a.
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Sprache: Original: Englisch (Deutsche Synchronfassung liegt vor)
  • Format: Animierte Miniserie (Anthologie) – 1 Staffel, 4 Folgen à ca. 30–32 Minuten
  • Preis: Teil des Disney+ Abonnements
  • Bezugsquelle: Exklusiv auf Disney+ (Streaming)

 

Fazit

Eyes of Wakanda ist visuell beeindruckend und konzeptionell mutig, aber dramaturgisch unausgereift. Die Idee, Wakandas geheime Geschichte durch die Jahrhunderte zu erzählen, bietet viel Potenzial – von geopolitischer Brisanz bis hin zu kultureller Vielfalt. Doch die Serie kratzt meist nur an der Oberfläche und verschenkt die Chance, eine tiefere Erzählung über Macht, Isolation und Verantwortung zu entfalten.

Trotzdem lohnt sich der Blick – allein wegen der außergewöhnlichen Animation und der atmosphärischen Dichte. Wer eine stringente Erzählung oder eine emotionale Verbindung zu den Figuren sucht, wird enttäuscht. Wer sich aber auf eine künstlerisch ambitionierte Marvel-Miniserie einlässt, findet hier einen spannenden, wenn auch unvollständigen Mosaikstein im größeren MCU-Bild.

Gleichzeitig markiert die Serie einen bemerkenswerten Versuch, das Marvel-Universum aus einer dezidiert nicht-westlichen Perspektive zu erzählen – mit historischen Schauplätzen, schwarzen Hauptfiguren und kultureller Referenzdichte. Gerade für Fans, die sich mehr Diversität und neue ästhetische Ansätze im MCU wünschen, ist Eyes of Wakanda ein kleiner, aber bedeutsamer Schritt in die richtige Richtung. Es bleibt zu hoffen, dass Disney+ den Mut hat, dieses Konzept in einer zweiten Staffel weiterzuentwickeln – mit der Beherztheit, Figuren und Themen wirklich auszuerzählen.

  • Ausgefeilte Animation mit kulturellem Tiefgang
  • Eigenständiger visueller Stil abseits typischer MCU-Ästhetik
  • Spannende Schauplätze mit historischem Bezug
 

  • Erzählerisch fragmentarisch und emotional distanziert
  • Schwankender Tonfall zwischen Pathos und Slapstik

 

Artikelbilder: © Marvel Studios
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Saskia Harendt

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