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Podcasts gibt es wie Sand am Meer, sodass es manchmal schwierig ist, zu entscheiden, wohinein man die eigene Hörkapazität versenkt. Mit einer Mischung aus Einzelgeschichten und Metaplot versucht der englischsprachige Podcast The Magnus Archives uns in seine Welt des Horrors mitzureißen. Reicht das für kaltes Grauen oder nur müdes Lächeln?

Das Magnus-Institut in London gehört zu den eher obskuren Einrichtungen. Knapp 200 Jahre vor der Geschichte gegründet, fristet es ein Dasein am Rande der wissenschaftlichen Gesellschaft. Diese fehlende Respektabilität rührt sicher vom esoterischen Forschungsgegenstand des Instituts her: scheinbar übernatürliche Gegebenheiten. Mit einem Team aus Wissenschaftler*innen widmet sich das Institut der Aufzeichnung und Verfolgung solcher Vorkommnisse.

Triggerwarnungen

Trigger im vorliegenden Artikel: Tod, Angst, Parasiten, Monster, Kulte, Horror, Verschwinden von Personen; Trigger der Podcastfolgen finden sich in den Transkripten

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Die Story

In diesem Institut tritt Jonathan Sims zu Beginn des Podcasts seinen Dienst als Oberarchivar an. Seine Vorgängerin, Gertrude Robinson, verschwand oder verstarb unter mysteriösen Umständen „während der Ausübung ihrer Pflicht.“ Sims scheint nicht viel übrigzuhaben für die Kollegin, hat sie das Archiv doch in einem desolaten Zustanden hinterlassen. Handschriftliche Augenzeug*innenberichte sind scheinbar wahllos in unbeschriftete Boxen geworfen, und in der gesamten Zettelwirtschaft lässt sich kein System ausmachen. So begibt sich der neue Archivar an die monumentale Aufgabe, endlich Ordnung in das Sammelsurium zu bringen.

Leider scheinen sich einige der Berichte regelrecht gegen die Weiterbearbeitung zu wehren – jeder Versuch der digitalen Aufbereitung scheitert und führt nur zu korrumpiertem Datenmüll. Lediglich analoge Aufnahmen per Kassettenrekorder produzieren brauchbare Ergebnisse. Diese Arbeit und dieses Format liefern die Grundstruktur für den Aufbau von The Magnus Archives.

Die Episoden folgen zu Beginn dem immer gleichen Schema: Der Archivar gibt eine kurze Einführung zum ihm vorliegenden Bericht – von wem er stammt, von wann er ist und worum es grob geht. Danach liest er das niedergeschriebene Statement vor. Diese Aussagen stammen von Betroffenen der seltsamen Geschehnisse oder von Menschen aus deren Umfeld. Diesem Hauptteil folgen weitere Erläuterungen des Archivars zu den Umständen der Geschehnisse und zur Glaubwürdigkeit. Zumeist sind diese sehr skeptisch, da Sims im Großteil der Aussagen nicht viel mehr sieht als Hirngespinste oder glatte Lügen. Der Kontext wird ihm dabei von einer Handvoll Mitarbeiter*innen geliefert, die Feldarbeit und Nachforschung für ihn übernehmen: Behauptet jemand, eine Geschichte habe sich in einer Wohnung in Bournemouth zugetragen, überprüfen sie die Kartei der Vermietungsfirma; will jemand ein Verbrechen beobachtet haben, nutzen sie Polizeikontakte zum Abgleich. Häufig dienen die weiteren Informationen zu den Statements dazu, den Grusel noch einmal zu vertiefen, denn oft genug zeigen die Nachforschungen, dass Statementgeber*innen kurz nach ihrer Aussage verschwunden oder gestorben sind.

Über die Folgen hinweg baut sich so ein immer detaillierteres Bild der Welt von The Magnus Archives auf. Die gleichen Namen tauchen wieder auf, und es zeigen sich Verbindungen zwischen den Statements. Bald schon muss selbst der Archivar erkennen, dass nicht alles ist, wie es scheint.

Aufbau des Podcasts

Die Statements, die über große Strecken den Kern des Podcasts ausmachen, bleiben dabei immer originell und driften trotz der gleichförmigen Struktur vieler Folgen nie ins Formelhafte. Sie decken eine große Bandbreite an Themen und Subgenres ab. Immer wieder finden sich sogar historische Stoffe, die auf reale geschichtliche Ereignisse Bezug nehmen und sie mit einer neuen düsteren Erklärung versehen. Viele Folgen drehen sich um eine spezifische menschliche Angst oder grauenerregende Situation.

An dieser Stelle sei gesagt, dass die einzelnen Folgen mittlerweile mit Inhaltswarnungen ausgestattet sind, die es sich im Zweifel lohnt, zur Kenntnis zu nehmen. Ähnlich wie das Brettspiel Betrayal at House on the Hill deckt The Magnus  Archives eine breite Palette von Horrorthemen ab. Von Dingen, die Menschen töten, um sie zu ersetzen, bis zu parasitären Insekten, von dunklen Kulten bis zu Monstern unter dem Bett ist im Podcast alles dabei. Nimmt man sich eine Liste der bekanntesten Phobien, ist die Chance groß, dass es auch ein passendes Statement dazu gibt: Insektenangst, Platzangst, Angst vor Löchern oder vor offenen Gewässern sind da nur einige Schlagwörter …

Wie oben beschrieben nimmt der Anteil der „untypischen“ Folgen zu, je weiter die Geschichte voranschreitet und sich das Geschehen der Rahmenhandlung zuspitzt. Die finale Staffel kehrt dann wieder stärker zum anthologischen Charakter zurück, die einzelnen Geschichten wirken allerdings – ohne zu viel verraten zu wollen – surreal und (alb)traumhaft. Der Podcast ist in fünf Staffeln aufgeteilt. Jede dieser Staffeln hat einen eigenen Spannungsbogen, der auf eine schlussendliche Konfrontation im jeweiligen Finale hinausläuft. Das Ende des gesamten Podcasts ist dramatisch, unter den gegebenen Umständen aber erstaunlich versöhnlich und löst die Handlung auf, ohne alle Details restlos zu erklären und in ein rosafarbenes Friede-Freude-Eierkuchen-Szenario abzurutschen.

Worldbuilding und Themen

Über alle Staffeln verteilt hat der Podcaste eine Laufzeit von über 80 Stunden (200 Folgen zu groben 25 Minuten im Schnitt). Entsprechend dicht ist das Worldbuilding. Die Welt des Podcasts gibt vor, unsere eigene zu sein, irgendwann in den späten 2010ern. Allerdings kommt es immer wieder zu übernatürlichen Begegnungen. Menschen verschwinden oder sind für immer verändert. Wie in unserer realen Welt gibt es Leute, die daran glauben, und solche, die alle Vorkommnisse als Hirngespinste abtun. In The Magnus Archives stellt sich aber relativ schnell heraus, dass an vielen der Geschichten tatsächlich etwas dran ist. Es scheint Kräfte zu geben, die im Verborgenen agieren und Menschen in ihre sinistren Spiele hineinreißen – Unschuldige und solche, die sich sehenden Auges diesen Kräften überantworten. Ein nettes Detail des Worldbuilding ist, dass viele Aspekte des Podcasts, die der Form und dem Medium geschuldet sind, innerweltlich erklärt werden: Die Kassettenrekorder, Johns Art vorzulesen und warum er vergleichsweise wenige Statements aufnimmt.

Neben den genannten konkreten Inhalten der Statements und der Rahmenhandlung schlägt die Geschichte wie im Vorbeigehen auch teils philosophische Töne an. So treibt die Figuren der Unterschied zwischen Menschen und Monstern um. Wann ist die Schwelle erreicht, ab der man die eigene Menschlichkeit hinter sich lässt, und kann man, wenn man sie einmal überschritten hat, je wieder zurückkehren? Wie viel Schuld trifft einige der Verursacher*innen des Horrors und inwieweit sind sie selbst bloße Opfer einer brutalen Welt, die ihnen keine Wahl gelassen hat, außer ihrer Vernichtung oder Teil des Ganzen zu werden? Dabei wird es nie moralisierend. Als fehlbaren Getriebenen stellt sich diese Frage für alle Hauptfiguren, ohne dass sie die Antwort kennen würden.

Die Klänge des Grauens

Sprecher*innen

Hauptsprecher des Podcasts ist der Autor selbst, Jonathan Sims, der sich auch den Namen mit der Hauptfigur teilt. Sims vertont den Archivar in einem sehr klaren Nachrichtensprecher-Englisch (Wie nahe die Aussprache tatsächlich an der klassischen Received Pronunciation der BBC ist, kann an dieser Stelle nicht restlos beurteilt werden). Der Ton der Kommentare und Zusatzinformationen zu den Statements rangiert zwischen steif, kühl und herablassend, was gut zur Rolle passt. In den Statements selbst zeigt Sims allerdings eine erstaunliche Bandbreite: Die harsche und distanzierte Sprechart fällt ab und macht einer weicheren und einfühlsameren Platz. Furcht, Verzweiflung, Trauer aber auch Wut sprechen deutlich aus den Statements heraus und lassen Hörende tiefer in die einzelnen Geschichten eintauchen. (Als kleiner Bonus wird dieser Wechsel von Stimme und Charakter beim Vorlesen der Statements später sogar in der Welt der Magnus Archives erklärt).

Zu Sims gesellt sich ein Cast aus verschiedensten weiteren Sprecher*innen – auf der Webseite der Serie werden vierzehn weitere Personen als wiederkehrende Sprecher*innen genannt. So tritt Sims‘ Mutter beispielsweise immer wieder als Gertrude Robinson, die vorherige Oberarchivarin, auf. Der gesamte Cast leistet gute Arbeit und erleichtert das Eintauchen in die Welt der Geschichten ungemein.

Sounddesign

Auch das Sounddesign unterstützt die Stimmung des Podcasts und die Immersion. In der Welt des Podcasts stellen die einzelnen Episoden Tonbänder dar, die von den Beteiligten aufgenommen wurden. So beginnen und enden alle Episoden mit dem Klicken eines Kassettenrekorders, der an- oder abgeschaltet wird. In manchen Folgen dient das Klicken auch zur Unterteilung in verschiedene Abschnitte. Die Tonqualität der einzelnen Folgen wirkt manchmal ein wenig dumpf und rauschend. Auch kann man in leiseren Momenten ein schwaches Surren im Hintergrund ausmachen. All das soll die Fiktion der gefundenen Kassetten weiter unterstreichen.

Während die anfänglichen Folgen beinahe ausschließlich Vorlesesituationen am Schreibtisch darstellen, kommen im Laufe des Podcasts weitere Orte und Aufnahmeumstände hinzu. Dabei werden die Mittel des Sounddesign ausgeschöpft, um die Situationen erlebbar zu machen (also hört man beispielsweise eine Tür knarren und schlagen, statt dass der Dialog auf die Tür Bezug nimmt). Diese Entscheidung zu mehr Realismus ist zwar genau richtig für die Immersion, macht aber das Verstehen nicht immer leicht. Geflüsterte Passagen, halb vernuschelte Sätze im Eifer des Gefechts oder gegen andere Soundeffekte anbrüllende Stimmen können das Verständnis gerade für Nicht-Muttersprachler*innen passagenweise stark stören. Glücklicherweise halten sich die schwer verständlichen Stellen in Grenzen.

Musik

Musik wird in The Magnus Archives sparsam eingesetzt. Die einzelnen Folgen sind nicht durchgängig mit Musik hinterlegt. Vielmehr nutzt der Podcast Musik gezielt, um das Ansteigen des Spannungsbogens subtil zu unterstreichen. Oft setzt sie ein kurz bevor der übernatürliche Schrecken der jeweiligen Geschichte offenbar wird und untermalt und intensiviert die Enthüllung mit genretypischen Klängen. Dabei drängt sich die Musik nie in den Vordergrund und bleibt dezent genug, um sie beinahe auszublenden und nur am Rande als Teil des Ganzen wahrzunehmen.

Genauso stimmungsvoll gestaltet sich die Intro-/Outro-Musik des Podcasts. Bei den über 200 Mal, die man die Musik hört, tritt schnell ein ähnlicher Effekt ein wie bei den liebsten TV-Serien. Schon die ersten Töne des Intros versetzen in die richtige Stimmung, sich den nächsten Schauer wohlig über den Rücken kriechen zu lassen. Dabei lässt die Komposition keinen Zweifel zu, auf was wir uns da gerade einstellen: Klagende Streicher, ein anschwellendes Dröhnen, gekrönt von verhallendem Klopfen wie das Zuschlagen von Türen; das alles passt sehr gut zum Genre.

Autor

Autor des Podcast ist der Brite Jonathan Sims, der auch der Figur des Oberarchivar seine Stimme leiht. Der Mittdreißiger Sims beschreibt sich auf seiner Webseite als „horror writer, games designer, performer“. Als Autor hat er neben seiner Arbeit an The Magnus Archives und der Fortsetzung bereits zwei Romane veröffentlicht. Weiterhin ist er als Sprecher in verschiedenen Podcasts tätig und führt mit seiner Partnerin Sasha Sienna eine Firma für analoge Erzählspiele.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Rusty Quill
  • Autor*in(nen): Jonathan Sims
  • Sprecher*in(nen): Jonathan Sims
  • Erscheinungsjahr: 2016 – 2021
  • Sprache: Englisch
  • Format: Podcast
  • Spieldauer: über 80 Stunden
  • Preis: kostenlos verfügbar
  • Bezugsquelle: Podcast-App des Vertrauens, Rusty Quill

Bonus/Downloadcontent

Neben den hörbaren Versionen bietet Rusty Quill seit einigen Jahren auch die Transkriptionen der einzelnen Episoden kostenlos an. Über die Unterseite des Podcasts kommt man zu einem Microsoft Sharepoint, der die geordneten PDF-Dateien aller Episoden inklusive Bonusepisoden wie beispielsweise Q&As enthält. Die einzelnen Transkriptionen enthalten zu Beginn detaillierte Inhaltswarnungen: Dinge, die explizit Teil der Episode sind, solche, die nur erwähnt werden, und bisweilen sogar Hinweise auf Soundeffekte, die für Hörende unangenehm oder problematisch sein könnten. Die Transkriptionen bieten so einem größeren Personenkreis die Chance, möglichst selbstbestimmt an der Geschichte von The Magnus Archives teilzuhaben.

Da Rusty Quill auch ein Podcast-Netzwerk ist, finden sich auf der Seite die verschiedensten Podcasts – von Horror über Actual Play bis hin zu semi-improvisierten Comedy-Podcasts. Tatsächlich ist im Januar dieses Jahres auch die Fortsetzung von The Magnus Archives an den Start gegangen. Nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne soll The Magnus Protocol weitere drei Staffeln in der Welt von Magnus liefern.

Wer dagegen selbst in diese Welt eintauchen möchte, kann das ab Ende 2024 tun: Der Rollenspielverlag Monte Cook Games hat bereits ein Rollenspiel zum Horror-Podcast Old Gods of Appalachia herausgebracht und hat dies auch für The Magnus Archives angekündigt.

Fazit

The Magnus Archives erscheint zunächst als anthologischer Horror-Podcast, der die verschiedensten Grusel-Motive in kurzen, losgelösten Geschichten aufgreift. Einziges Verbindungselement scheint dabei die Figur des Oberarchivars Jonathan Sims zu sein, dessen skeptische Kommentierung und Aufarbeitung der Fälle den losen roten Faden ausmachen. Schnell zeigt sich allerdings, dass die einzelnen Statements weit mehr sind als zusammenhangslose Schnipsel, und ein Metaplot wiederkehrender Figuren und Motive spannt sich auf, der sämtliche Charaktere mit sich reißt.

Die übergreifende Handlung bindet die einzelnen Geschichten zusammen und erschafft Fallhöhe und Dramatik für die Charaktere.

Die Haupthandlung von The Magnus Archives findet in den späten 2010ern einer Welt statt, die vorgibt unsere zu sein (wobei einige der Statements deutlich älter sein können). Dabei kann sich der Podcast durch seine über 80 Stunden Laufzeit auf ein dichtes Worldbuilding stützen, dass sogar einige der Eigenheiten des Formats aufgreift und mit Erklärungen in der Welt der Story versieht.

Jonathan Sims überzeugt als Sprecher der gleichnamigen Hauptfigur dabei auf ganzer Linie und verleiht dem Archivar wie den einzelnen Statements Vielschichtigkeit und Tiefe. Auch das Sounddesign unterstützt die Stimmung und Wirkung des Podcasts. Kleines Manko dabei: In Action-lastigeren Szenen sind die Sprecher*innen durch Nebengeräusche teilweise schwer zu verstehen.

Thematisch ist im Podcast für Fans aller Horror-Sorten und Gruselelemente etwas dabei: Neben den oben erwähnten „Geschmacksrichtungen“ gibt es beispielsweise auch Body Horror oder kosmischen Horror.

Teilzeithelden kann The Magnus Archives jedenfalls wärmstens und mit kaltem Schauer empfehlen.

  • Gute Mischung aus Anthologie und Metaplot
  • Immersiv und mitreißend
  • Vielseitige Horror-Themen

 

  • Sprecher*innen teilweise nicht leicht zu verstehen

Titelbild: ©Depositphotos | sudok1
Logo The Magnus Archives: Created by Anika Khan, © Rusty Quill

Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Rick Davids
Dieses Produkt wurde privat finanziert.

Über den Autor

Als Kind hat Max Die Sagen des klassischen Altertums auf CD rauf und runter gehört – nur logisch, dass er seitdem ein Faible für Phantastik und alte Sprachen hat. Heutzutage haben es ihm auch Spiele besonders angetan. Normalerweise bastelt Max als Lektor im Hintergrund mit anderen Teilzeitheld*innen an ihren Texten, aber ab und an haut er auch selbst in die Tasten.

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