„Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“: Diesen Satz kennt man nicht nur aus Märchen, sondern er repräsentiert das Happy End in vielen Erzählungen. In der Phantastik-Anthologie The Fairy fails wird in 33 Kurzgeschichten ohne Happy End mit diesem Stil gebrochen und erfolgreich Neuland betreten.
Anthologien und Kurgeschichtensammlungen gibt es mittlerweile auf dem Buchmarkt viele von unterschiedlicher Qualität und mit neuen und alt bekannten Themen und Motiven. Wie diese entstehen und warum sie sich immer wieder hoher Beliebtheit erfreuen, haben wir in einem Podcast-Interview mit Ingrid Pointecker schon einmal beleuchtet.
In The Fairy fails haben sich nun sechs Autor*innen zusammen getan und möchten den Lesenden ein frisches Erlebnis rund um die Grundidee „Wenn am Ende doch nicht alles gut wird…“ präsentieren. In diesem Buch endet keine der Geschichten positiv. Selbst, wenn es zwischenzeitlich einen vermeintlichen Hoffnungsschimmer gibt, so weiß man doch, dass sich alles zum Schlechten wenden wird. Dies kann durchaus erfrischend sein, da die Phantastik ihr Publikum heutzutage eher mit Happy Ends verwöhnt. Jedoch sollte nicht ungesagt bleiben, dass über 400 Seiten brutale, grausame und traurige Enden durchaus vor allem in der dunklen Jahreszeit für schwere Gemüter sorgen können.
Gewalt, Mord,Spinnen, Suizid, Tod
Inhaltsverzeichnis
Story
Märchen, Science-Fiction, Horror oder Fantasygeschichte – in The Fairy fails werden wirklich alle Genres bedient, welche die Phantastik zu bieten hat. Dabei werden sowohl bekannte Geschichten wie Dornröschen oder Schneewittchen umgedichtet, als auch neue Welten erschaffen, bei denen man sich das eine oder andere Mal sogar gewünscht hätte, dass die Erzählung nicht nach wenigen Seiten zu Ende ist.
Im Laufe der Geschichten treffen wir eine feiernde Gruppe junger Freund*innen im Wald, die sich lokale Schauergeschichten erzählt, welche dann nur allzu wahr werden. Wir erleben die Verhandlung von Gefangenen einer stellaren Strafkolonie, welche sich mit einer ungenau formulierten Idee in tiefere Schwierigkeiten befördern. Oder wir begleiten einen Zeitreisenden auf eine Reise, welche er sich ganz anders vorgestellt hatte – trotz minutiöser Vorplanung.
Besonders herausragend sind die Geschichten, wenn, trotz der Kürze, Emotionen und Beweggründe der Charaktere Raum bekommen und beleuchtet werden. So gibt es beispielsweise eine Geschichte um den Diener eines sterbenden Nekromanten, welcher innerhalb weniger Seiten durchaus glaubwürdige Charakterentwicklungen durchlebt, und dabei sogar moralische Fragestellungen streift.
Alles in allem sind die Geschichten der Anthologie meist gut durchdacht, wenn auch einige leider im Vergleich etwas zu blass sind und qualitativ nicht an die Highlights des Buches herankommen. Dieses Problem kennt man leider häufig bei der Zusammenstellung von Geschichtensammlungen, wie wir auch schon in der Rezension von Geisterhand feststellen mussten.
Schreibstil
Durch die Mitwirkung von insgesamt sechs Autor*innen an The Fairy fails– wenn auch in unterschiedlicher Menge der Beiträge – ist der Schreibstil des Buches sehr abwechslungsreich. Dies hängt zum einen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammen, als auch mit qualitativen Unterschieden.
Da es sich bei allen Geschichten um Kurzgeschichten handelt, kann man als Lesende*r nicht zu viel Tiefgang oder ausgefeilten Weltenbau erwarten. Das sorgt leider dafür, dass man sich bei einigen Geschichten etwas zu sehr mitten in die Handlung geworfen fühlt, ohne die komplexen Zusammenhänge gut erklärt zu bekommen. Hier hätte es mehr Fingerspitzengefühl bei der Auswahl gebraucht, welche Welten sich für Kurzgeschichten anbieten.
Lobenswert ist hingegen die Kreativität der Autor*innen. Keine Geschichte gleicht der anderen und bei jeder neuen entsteht gespannte Vorfreude auf eine neue Welt. Dabei sind einige Beiträge sehr kurz und knapp gehalten und erzählen ihre Handlung auf wenigen Seiten, wohingegen einige Geschichten ausschweifender gestaltet sind. Die Mischung aus langen und kurzen Einträgen ist gut gelungen.
Die Abwechslung quer durch alle Genres der Phantastik ist ebenfalls ein Pluspunkt. Es wäre jedoch wünschenswert gewesen, wenn in der Struktur der Anthologie deutlicher geworden wäre, wann man eine Geschichte aus dem Bereich Science-Fiction, Fantasy oder Horror vor sich hat, da nicht jede*r jedes Genre gern liest und sich so besser für oder gegen Geschichten hätte entscheiden können. Vor allem jene aus dem Genre des Horrors sind sicher nicht für jede*n geeignet. Obwohl Triggerwarnungen bei der Herausgeberin angefragt werden können, hätten sich diese als Liste im Buch sicherlich auch positiv bemerkbar gemacht.
Die Autor*innen
Neben den Herausgeberinnen Anja Grevener und Monika Loerchner haben noch vier weitere Autor*innen an der Anthologie mitgewirkt. Andrea Hundsdorfer, Nina Mazur, Wolfgang Pippke und Nikodem Skrobisz sind bereits durch Beiträge der phantastischen Literatur bekannt. Die weiteren Werke und Werdegänge der beiden Herausgeberinnen, welche auch die meisten Geschichten zur Sammlung beigesteuert haben, kann man auf ihren jeweiligen Websites einsehen.
Erscheinungsbild
Das Cover der Anthologie kann leider mit dem Inhalt nicht mithalten. Zwar erkennt man, nachdem man die Geschichten gelesen hat, Zusammenhänge zwischen den Figuren auf dem Coverbild und den Kurzgeschichten, allerdings wirkt das Cover für sich allein stehend sehr diffus und durcheinander. Außerdem wird das Kernelement des schlechten oder traurigen Endes nicht ausreichend repräsentiert. Hier hätte man mit einem düsteren Kunstwerk deutlich mehr Eindruck machen können. So wirkt es eher beliebig und nicht zum Inhalt der Anthologie passend.
Auch das Lektorat hätte an der einen oder anderen Stelle nochmal nachbessern können. Im Laufe des Buches kommen doch einige Tipp- und Rechtschreibfehler zusammen und leider haben sich auch in zwei Geschichten kleinere Logikfehler eingeschlichen, die nicht hätten sein müssen.

Die harten Fakten:
- Verlag: Bookmundo
- Autor*innen: Anja Grevener & Monika Loerchner (Hrsg.), u.a.
- Erscheinungsdatum: 19.10.2024
- Sprache: Deutsch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 432
- ISBN: 978-94-037-6245-6
- Preis: 18 EUR (Print)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon
Fazit
In The Fairy fails erwarten die Lesenden keine Geschichten mit Happy End, sondern 33 düstere Kurzgeschichten, wo am Ende nur eines sicher ist – es gibt keine Held*innen und wenn doch, sind sie tot oder werden es bald sein. Wer genau nach solchen Kurzgeschichten in verschiedenen Genres der Phantastik sucht, wird hier fündig. Dabei wird vor allem Wert auf Abwechslung gelegt und keine der Geschichten gleicht der anderen.
Leider schwankt die Qualität der Erzählungen von Beitrag zu Beitrag der Anthologie deutlich. Wo einige wirklich herausragend gut funktionieren, und vor allem im Hinblick auf das zu erwartende schlechte Ende nochmal mit Überraschungen aufwarten, gibt es doch insgesamt zu viele Geschichten, wo schon zum Anfang klar wird, worauf es am Ende hinausläuft. Es sollte in einer Anthologie nicht notwendig sein, auch nicht aufgrund von unterschiedlichen Interessensgebieten, dass die Lesenden sich durch einige Einträge durcharbeiten müssen, um wieder zu einem Highlight zu kommen. Dies schmälert leider am Ende das gesamte Lesevergnügen. Wünschenswert wäre, dass die Geschichten nach Genres strukturiert wären, um sich nicht plötzlich mitten in der Nacht auf einmal in einer ungewünschten Horrorgeschichte wiederzufinden.
Insgesamt ist zu sagen, dass bei der einen oder anderen Geschichte noch Luft nach oben gewesen wäre und sich die Herausgeberinnen vielleicht auf weniger, dafür aber qualitativ und erzählerisch durchdachtere Geschichten hätten konzentrieren können. Denn die guten Ansätze sind vorhanden und einige der Ideen machen sogar so viel Spaß, dass sie für ausführlichere Geschichten geeignet gewesen wären.

- Spannendes und neues Gesamtkonzept
- Viele unterschiedliche Themen und Genres
- Viele qualitativ und erzählerisch schwächere Geschichten
- Enttäuschende optische Aufmachung
Artikelbilder: © Bookmundo
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Laura Pascharat
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.


















