Mit dem Conquest: Lore Companion veröffentlicht Para Bellum erstmals eine vollständige Sammlung zur Welt von Ea. Der Band erzählt von göttlicher Schöpfung, uralten Imperien und heutigen Machtkämpfen und bietet erstmals einen Ausblick auf künftige Fraktionen, die die Geschichte dieser düsteren, faszinierenden Welt weiter fortschreiben werden.
Wer bisher die Welt von Conquest: The Last Argument of Kings und dem dazugehörigen Skirmisher Conquest: First Blood erkunden wollte, musste sich mühsam durch verstreute Online-Texte und Fraktionsartikel klicken. Mit dem Lore Companion erscheint nun ein geschlossenes Werk, das alle bisherigen Erzählstränge bündelt und mit neuen Inhalten erweitert.
Auf 224 Seiten spannt Para Bellum den großen Bogen von der Schöpfung der Welt Ea über den Aufstieg und Fall vergessener Imperien bis hin zu den politischen und religiösen Verwerfungen der Gegenwart. Dabei verwebt das Buch Mythen, Götter und Völker zu einem erzählerischen Panorama, das die Welt nicht nur erklärt, sondern lebendig wirken lässt. Und es wagt einen Blick nach vorn: Erste Einblicke in Fraktionen wie die Black Army oder Famine deuten an, dass die Geschichte von Conquest längst nicht abgeschlossen ist.
Krieg, Flucht, Genozid, Religion
Geschichten, die Figuren lebendig machen – die Bedeutung von Lore
Für viele Spielende ist die Hintergrundgeschichte kein schmückendes Beiwerk, sondern das Herzstück ihres Hobbys. Lore verleiht Modellen Bedeutung und macht aus Armeen Charaktere mit Geschichte. Ob auf dem Schlachtfeld oder im Regal – sie ist häufig der Grund, warum man nicht einfach „eine Armee“ spielt, sondern die eigene Armee.
Im Conquest: Lore Companion präsentiert Para Bellum statt einfacher Gegensätze von Gut und Böse eine Welt, in der göttliche Prinzipien, uralte Katastrophen und kulturelle Gegensätze unauflöslich ineinandergreifen. Der Lore Companion macht diesen Unterbau erstmals vollständig erfahrbar. Seine Texte lesen sich nicht wie nüchterne Nachschlagewerke, sondern wie Chroniken einer Welt, die wirklich gelebt hat – mit Legenden, Zweifeln und Schicksalen, die man beinahe greifen kann.

Ein Buch zum Eintauchen – Gestaltung und Aufbau im Detail
Der Conquest: Lore Companion ist ein solides, gut gemachtes Buch. Das Paperback ist stabil und matt beschichtet, was beim Lesen und Blättern angenehm auffällt. Trotz seines Umfangs von 224 Seiten bleibt es handlich und robust genug, um nicht nach einmaligem Aufschlagen auseinanderzufallen – ein Detail, das man bei Hobbybüchern durchaus zu schätzen weiß.
Das Layout ist äußerst abwechslungsreich und wechselt je nach Thematik, Ereignissen oder behandelten Fraktionen, ohne dabei Brüche zu erzeugen. Besonders positiv fallen die vielen Illustrationen auf: Fraktionen, Charaktere und Schauplätze werden mit stimmungsvollen Bildern gezeigt, die viel von der Atmosphäre der Welt Ea einfangen.
Es gibt zwei Weltkarten, die einen guten Überblick über den Schauplatz bieten. An manchen Stellen hätte man sich aber Detailausschnitte oder politische Karten gewünscht, um den komplexen historischen Entwicklungen und Machtverschiebungen besser folgen zu können. Gerade wer tiefer in die Lore eintauchen möchte, wird gelegentlich das Bedürfnis haben, Regionen oder Grenzen genauer zu verorten. Allerdings bietet die Living World auf der Seite der Produzent*innen eine umfangreiche Übersicht eben dazu (mehr dazu siehe unten).
Das Inhaltsverzeichnis ist ordentlich strukturiert und macht es leicht, bestimmte Themen oder Fraktionen schnell zu finden. Etwas schade ist allerdings das Fehlen eines Index. Bei der Vielzahl an Figuren, Orten und Ereignissen wäre ein Stichwortverzeichnis hilfreich gewesen, um Zusammenhänge leichter nachzuschlagen.
Insgesamt überzeugt der Lore Companion durch seine gelungene Gestaltung. Es ist ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt – zum Nachlesen, Stöbern oder einfach, um in der Welt von Ea zu versinken.
Inhaltliche Analyse
Geschichten aus vielen Blickwinkeln – die Historie von Ea
Schon auf den ersten Seiten fällt auf, dass der Lore Companion keine klassische Chronik erzählt. Es gibt keine*n allwissenden Erzähler*in, keine festgelegte Sichtweise, aus der die Geschichte der Welt Ea linear entfaltet wird. Stattdessen wechselt der Text regelmäßig die Perspektive. Mal klingt er wie ein religiöser Bericht aus göttlicher Feder, dann wieder wie eine wissenschaftliche Abhandlung über Planeten, Strahlung und Evolution.
Gerade dieser Wechsel macht die Lektüre spannend. Die Weltgeschichte wird nicht einfach „erzählt“, sie wird immer wieder neu interpretiert. Je nachdem, wer gerade spricht oder überliefert. Das Ergebnis ist ein komplexes, aber faszinierendes Mosaik aus Überzeugungen, Deutungen und Mythen.
Besonders deutlich wird das am Beispiel der Nords. Aus ihrer Sicht handeln sie im Auftrag ihrer Götter, deren Macht über ihr Leben unbestreitbar scheint. Andere Quellen im selben Band legen jedoch nahe, dass diese „Götter“ womöglich gar keine göttlichen Wesen sind, sondern eine andere, weit mächtigere Fraktion, die den Glauben der Nords gezielt manipuliert hat.
Neben den wechselnden Standpunkten überzeugt der Band auch durch seine Verknüpfungen. Keine Fraktion steht isoliert da. Politische, religiöse und historische Ereignisse greifen ineinander, beeinflussen sich gegenseitig und formen so ein großes Gesamtbild. Die Abhandlung von der Schöpfung bis zur aktuellen Zeitrechnung liest sich dadurch abwechslungsreich, fast episodenhaft, ohne je den roten Faden zu verlieren.
Bemerkenswert sind auch die bewusst gelassenen Leerstellen. Der Text verrät vieles, aber längst nicht alles. Eine große Katastrophe, die die Fraktion der Exiles nach Ea brachte, aber vom Volk totgeschwiegen wird, wird auch im Companion nicht weiter genannt. Welche der unterschiedlichen kulturellen Deutungen nun „wahr“ ist, wird in vielen Fällen ebenso wenig aufgelöst. Der Grundsatz, dass Geschichte weder klar noch vollständig ist, zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Band.
Vom Mythos zur Gegenwart – die Fraktionen von Ea
Der zweite Teil des Lore Companion widmet sich den einzelnen Fraktionen und rückt deren Entwicklungsgeschichte, interne Strukturen und kulturelle Eigenheiten in den Mittelpunkt. Jede Fraktion erhält dabei zwischen acht und 15 Seiten, gefüllt mit historischen Rückblicken, Unterfraktionen und kurzen erzählerischen Texten, die das Leben in dieser Welt greifbarer machen.
Auffällig ist, dass der Aufbau der Abschnitte nicht einheitlich ist. Jede Fraktion hat ihren eigenen Ton und ein abweichendes Layout, was zwar für Abwechslung sorgt, aber auch ein wenig Orientierung kostet.
Im Vergleich zum ersten Teil wirkt dieser Abschnitt fragmentierter. Viele Textstellen stammen, stärker noch als im ersten Teil, direkt oder in leicht abgewandelter Form aus der umfangreichen Online-Lore von Para Bellum. Das ist grundsätzlich kein Nachteil – die Texte sind solide und stimmungsvoll –, doch wer die Inhalte bereits kennt, wird hier häufiger auf wortgleiche Passagen stoßen.
Ausblick auf die neuen Fraktionen von Conquest im Lore Companion
- Black Army: Ein in den 100 Kingdoms angesiedeltes Königreich.
- Mastiga: Eine von Krankheit und Pestilenz geprägte Fraktion.
- Han: Eine fernöstlich angehauchte, menschliche Seefahrerfraktion.
- Desmoceral: Möglicherweise Höllenwesen oder Dämonen.
- Helheim: Dunkle Fraktion nordischer Sagen.
- Famine: Splitter des Hungers, deren dunkle Gelüste einen Schatten vorrauswerfen.
Begleitende Kurzgeschichten, die kleinere Episoden aus Sicht einzelner Charaktere oder Soldaten schildern, lockern die Fraktionsbeschreibungen auf. Trotzdem liest sich dieser Teil weniger fesselnd als die groß angelegte Weltgeschichte der vorherigen Kapitel. Der Fokus liegt klar auf der Strukturierung des bestehenden Materials. Damit eignet sich der zweite Teil eher als Nachschlagewerk, um gezielt Informationen zu Fraktionen oder ihren Untergruppen zu finden, weniger als fortlaufende Lektüre.
Auch in diesem Abschnitt werden wieder die Verknüpfungen zwischen den Fraktionen deutlich. Viele Fraktionen werden nicht isoliert beschrieben, sondern in Beziehung zueinander gesetzt, wie etwa in Fragen gemeinsamer Ursprünge, alter Konflikte oder kultureller Überschneidungen.
Insgesamt wirkt der Fraktionsteil ein wenig funktionaler als der erzählerisch geprägte Auftakt, aber auch unverzichtbar. Er bietet Orientierung, Kontext und eine gute Grundlage für Spieler*innen, die ihre Armeen nicht nur nach Spielwerten, sondern auch nach Geschichte und Identität zusammenstellen wollen.

Die harten Fakten:
- Verlag: Para Bellum Games
- Autor*in(nen): Konstantinos Oikonomou, Dimitri Semsis
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Englisch
- Preis: 29,99 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, KuTaMi
Mehr als ein Buch – die Living World von Conquest
Wer nach dem Lesen des Lore Companion noch tiefer in die Welt von Ea eintauchen möchte, findet online eine umfangreiche Erweiterung. Auf der offiziellen Para Bellum-Webseite steht eine große Sammlung an Hintergrundtexten, Kurzgeschichten und Zeitleisten bereit – viele davon mit direkter Verbindung zu den Kapiteln des Buchs.
Das Herzstück dieser Online-Erweiterung ist jedoch die Living World, eine interaktive Weltkarte, auf der Spieler*innen regelmäßig über den Fortgang der Geschichte abstimmen können. Diese Entscheidungen betreffen erzählerische Ereignisse, Charakterentwicklungen und Konflikte zwischen Fraktionen und werden von Para Bellum in den offiziellen Kanon aufgenommen.
Die Living World verändert damit zwar keine konkreten Karten- oder Machtverhältnisse im Spiel, beeinflusst aber, wie sich die Geschichte weitererzählt – welche Bündnisse bestehen bleiben, welche Figuren überleben und welche Regionen in den Fokus rücken. So entsteht eine fortlaufende Erzählung, an der die Community aktiv mitwirken kann.
Fazit
Der Conquest: Lore Companion ist ein durchdachtes und handwerklich solides Werk, das die bisher verstreute Hintergrundgeschichte der Welt Ea erstmals in einem Band bündelt. Besonders der erste Teil überzeugt mit einer vielschichtigen Darstellung der Weltgeschichte und dem Wechsel zwischen mythologischen, religiösen und wissenschaftlichen Perspektiven. Er liest sich stellenweise wie ein Geschichtswerk aus der Welt selbst.
Weniger stark wirkt der zweite Teil mit den Fraktionsbeschreibungen. Viele Passagen stammen inhaltlich oder wörtlich aus der bereits verfügbaren Online-Lore. Damit verliert das Buch an Eigenständigkeit und überrascht erfahrene Leser*innen kaum. Für Einsteiger*innen bleibt der Abschnitt dennoch nützlich, da er das Material übersichtlich zusammenfasst und ergänzt.
Gestaltung, Druck und Illustrationen sind hochwertig, das Layout abwechslungsreich und sehr ansprechend. Gleichzeitig fehlen ein Index und genauere Karten, um den inhaltlichen Umfang auch praktisch besser nutzbar zu machen. Insgesamt wirkt der Lore Companion sorgfältig produziert, aber nicht frei von strukturellen Schwächen.
Der Lore Companion ist insgesamt ein gelungener Rundumschlag der Geschichte des Tabletopspiels Conquest, welches langjährigen Fans eine gelungene Übersicht über die Weltgeschichte und Einsteiger*innen zudem eine erste Übersicht über die Fraktionen bietet. Der kleine Ausblick auf weitere Fraktionen ist zudem ein willkommener Bonus.

- Umfassende Sammlung bisher verstreuter Lore
- Hochwertige Gestaltung und stimmige Illustrationen
- Vielschichtige Erzählweise mit unterschiedlichen Perspektiven
- Inhalte für Kenner*innen teils redundant
- Kein Index bei hoher Informationsdichte
Artikelbilder: © Para Bellum Games
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Sabrina Plote
Fotografien: Geoffrey Förste
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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