Magier erhitzen immer wieder die Gemüter. Jeder hatte schon mal Probleme mit ihnen, jeder lästert gerne über sie, teilweise ist die Jagd auf alles Magische fast schon Volkssport. Doch wie sieht die andere Seite dieser Medaille aus und wie geht es dem Wesen unter der Robe?

Magier können nerven, Magier können dich als Spieler zur Weißglut bringen. Magier paaren Arroganz mit geistiger Überlegenheit und absoluter Selbstüberschätzung. Magier zerstören Welten und Träume anderer Spieler. Auch mühsam aufgestellte Schlachtreihen aus Platte und Kettenhemd tragender und in der Sonne schmorender schwerer Infanterie werden von diesen Großmäulern in leichter Robe entspannt ins Jenseits gewirkt.
Braucht man sie hingegen wirklich mal, dann treten sie herablassend oder herrisch auf und behandeln den Abenteurerveteranen, der doch schon mehr als zwei Cons hinter sich hat, wie einen blutigen Anfänger und Tölpel.
Doch stimmt das wirklich? Sind Magier das verkappte Böse in Person, von dem man die Welt säubern sollte, bevor sie diese versehentlich oder absichtlich untergehen lassen?
Ausgehend von den Erfahrungen des vielleicht nicht ganz ernstgemeinten Vorgängerartikels werden wir uns diesmal auf die Gegenseite begeben. Unauffällig, soweit dieses Wort im Zusammenhang mit Magiern überhaupt verwendet werden darf, mischen wir uns unter diese schillernden Kreaturen, mit ihrer verstörenden Vorliebe für (Rauch-)Kräuter, Kessel, Tierfüße, Beschwörungen und nächtliche Rituale am Höllenschlund.
Inhaltsverzeichnis
Wie Magier bespielt werden – die Liste des Grauens
Heil mich, Lakai!
Viele Magier kennen vor allem ein Gefühl: einen eklatanten Unterschied zwischen eigener Charakterwahrnehmung und der Wahrnehmung durch andere. Der Magier fühlt sich einflussreich, mächtig, verschlagen, gefährlich und hinterlistig oder unerfahren, wissbegierig, naiv und dadurch gemeingefährlich, je nach Charakterzeichnung.

Die Spieler hingegen behandeln ihn häufig als unzuverlässigen oder lästigen Deus ex Machina, als Retter und Helfer für spielfaule und einfallslose SC.
Kämpfer, die mal wieder den Schutzwert ihres dünnen Leinenhemds mit dem einer Plattenrüstung verwechselt haben, und Plattenträger, die zu faul sind, selbige zur Behandlung auszuziehen, obwohl ein Rudel Orks über sie hinweg getrampelt ist, betrachten Magier gerne als persönlichen Spielbeschleuniger.

Statt sich mühsam ins Heilerzelt zu schleppen, wo sie ohnehin alle so unhöflich sind („Warum wollt Ihr diesen gar garstigen Treffer in meine Weichteile nicht behandeln, oh schöne Maid?“), man selbst im Idealfall längere Zeit behandelt wird und sogar im Anschluss daran eigentlich erst mal nicht kampffähig ist, bietet ein zufällig in der Nähe stehender Magier eine wunderbar praktische Alternative. Schnell winkt man ihn her, lässt sich von ihm fünf Sekunden lang komisch anbrabbeln und schon darf man sich wieder ins Schlachtengetümmel stürzen.

Die seltsamen verbalen Einwürfe des Magiers („Die Wunde wird sich jetzt langsam im Lauf der nächsten Stunde schließen. Hey, nicht zurück in die Schlacht rennen!“), der die Ehre hat, den heldenhaften Kämpfer zu heilen, kann man im Kampfrausch schon einmal geflissentlich ignorieren. Immerhin ruft die Schlacht. Selbiger bleibt daher häufig frustriert zurück. Und während er noch überlegt, ob er nicht vielleicht ganz groß „Kampfmagier, ich nix Heilung“ auf seine Gewandung schreiben sollte, um solch unangenehme Verwechslungen in Zukunft zu verhindern, segnet er leider das Zeitliche. Ein Plänkler wehrt seinen Feuerball Stufe 10 lässig mit dem Holzschild ab, durchbohrt seine magische Rüstung mit einem Horndolch und plündert danach seine Leiche aus.
Einmal den Joker für die Plotlösung, bitte!

Auch in eher friedlichen Situationen droht dem Magier immer die Gefahr, als einfache und schnelle Lösung für komplizierte und verworrene Situationen zweckentfremdet zu werden. Egal, ob die Spieler mal wieder einen Mörder nicht finden oder ob ihnen wichtige und gefährliche NSC entkommen sind. Kaum geschieht ein solches Missgeschick, wendet sich der Spielerblick automatisch in Richtung des nächsten irgendwie magisch bewanderten Wesens. Aufspür-, Schmerz-, Vergessens- oder sonstige unangenehme Zauber sollen dann das Problem beseitigen oder zur Lösung führen.
Der Ruf nach schwarzer Magie statt grauer Zellen kommt im Zweifelsfall sogar fanatisch hellen Charakteren vergleichsweise leicht über die Lippen. Für den Magier entsteht dadurch eine unangenehme Situation. Er sieht sich dem Erwartungsdruck der versammelten Spielergemeinschaft ausgesetzt, auf eine bestimmte Art und Weise zu handeln oder letztendlich zum Sündenbock zu werden, der durch seine Sturheit, nicht entgegen den Fähigkeiten und Eigenschaften seines Charakters zu handeln, die Auflösung des Plots verhindert hat.
Magier – Dienstleister statt Spielpartner

Diese Szenarien haben die Gemeinsamkeit, dass andere Spieler Magiern mit minimaler Fantasie und maximalem Egoismus gegenübertreten. Die Grundregel im LARP, dass man immer Spiel für sein Gegenüber generieren sollte, wird gerade bei den SC und NSC ignoriert, von denen sich Spieler eine direkte und vor allem schnelle Lösung für eines ihrer Probleme erwarten. Folglich nehmen sie ihr Gegenüber nicht als anderen Spieler, sondern als Dienstleister für ihre eigenen Wünsche wahr. Das frustriert verständlicherweise sehr schnell und schafft gleichzeitig eine langweiligere Spielwelt. Denn die so degradierten Spieler werden es sich irgendwann sicher zweimal überlegen, ob sie wirklich weiterhin versuchen wollen, diesen Charakter zu bespielen. Dadurch geht eine Menge Potential verloren.
Verbrennt die Hexe – Magiefeindlichkeit als Dauerbrenner
Eine gewisse Abneigung oder zumindest weit verbreitete Vorurteile über manche Rassen und Klassen sind im LARP IT weit verbreitet und werden gerne praktiziert. Ob gegen baumknutschende Spitzohren, menschenfressende Orks, kinderraubende Goblins oder generell alles Magische – die gespielte Abneigung gegen andersartige und fremde Kreaturen wird häufig und gerne bespielt und kann, im richtigen Maß, je nach Situation auch zu interessanten Ereignissen führen.
Dennoch läuft sie wie jedes Ausgrenzungsspiel Gefahr, schnell auszuarten. Besonders dann, wenn das fröhliche Magiermobben zum Volkssport mutiert. Und während es für eine Spielergruppe vielleicht wirklich einen gewissen Mehrwert bringt, offen gegen Magiewirker aller Art zu hetzen, kann dies gerade für Magierneulinge und für Spieler, die friedliche oder weniger talentierte und damit auch weniger wehrhafte Magier spielen, zum Problem werden. Sie erfahren Ausgrenzung, auf die sie IT eigentlich nur dadurch sinnvoll reagieren können, dass sie die Situation meiden und fliehen. Das ist aber auf einer OT räumlich begrenzten Con keine gangbare Möglichkeit. Verschärft wird das Problem noch dadurch, dass nicht jeder Magier an dieser Art von aufgezwungenem Konfliktspiel interessiert ist. Da man zudem nicht jeder Con bereits im Vorfeld ansieht, ob Magiewirker willkommen sind oder nicht, wird so besonders für Magier ohne feste Gruppe jeder Conbesuch zum Risiko.
Wenn du nicht mehr weiter weißt, bilde einen Magierkreis
Doch nicht nur Spieler können für Magier zum Alptraum auf zwei (oder mehr) Beinen werden.
Auch eine einfallslose SL, die Magier ausschließlich mit deren Wirkerkräften assoziiert und darauf den Plot ausrichtet, kann ambitionierte Magierspieler dazu bringen, vor Wut die eigene mit Lammfell gefütterte Seidenrobe zu zerreißen. Denn wer kennt ihn nicht, den wunderbar einfallsreichen Plot, der aus zaubere hier, ritualisiere dort und dann zaubere hier nochmal und du hast alles gelöst, besteht?
Dabei bleiben nicht nur viele gesammelte Ritualpflanzen am Wegesrand zurück, sondern auch so manches ausdifferenzierte und tiefgängige Charakterkonzept.

Denn ein Magier ist doch viel mehr als nur ein dicker Mann mit seltsamer aber teurer und bequemer Kleidung. Selbst wenn wir uns auf den klassischen Universitätsmagier beschränken, so sehen wir auch immer einen gebildeten und forschenden Menschen vor uns. Jemanden, der mutig dorthin vorstößt, wo (meistens zu Recht) noch niemand gewesen ist. Bereits dieser Magier hat mehr zu bieten als seine Zauberkraft. Er kann denken und damit Probleme auf mehrere Arten lösen. Magier können begabte Politiker oder Diplomaten sein. Sie können galant bei Hofe auftreten und mit Charme mehr erreichen, als sie es mit Magie je könnten. Und das sind nur die Möglichkeiten, die der klassische Magier bietet. Von dieser Rolle abgesehen, gibt es aber noch eine Vielzahl anderer Wirker und Wundertäter, die alle auch einen Hintergrund haben, der es wert ist, bemerkt und bespielt zu werden.
Ein magischer Spielpartner
Es gibt also viel mehr an einem Magier sinnvoll anzuspielen als nur den magischen Wunderheiler und Plotlöser.

Die Grundregel dabei ist im Prinzip dieselbe wie bei jeder anderen Rolle. Man muss auch Magiern Raum lassen, ihren Charakter zu entfalten, selbst wenn man dabei Gefahr läuft, von diesem am Ende erdrückt zu werden. Lässt man diese Entfaltung zu, gibt man sich selbst die Gelegenheit, den Charakter kennenzulernen, mit dem man es gerade zu tun hat. Damit eröffnet man nicht nur seinem Gegenüber, sondern auch sich selbst ganz neue Spielmöglichkeiten. Das gilt gerade für die besonders fanatischen Magiehasser. Denn nichts bringt dich mehr ins Schwitzen, als der Moment, in dem dir klar wird, dass du den Spitzhut dir gegenüber eigentlich ganz sympathisch findest. Bis dann dein Hauptmann um die Ecke kommt und dich auffordert, diese Abscheulichkeit gefälligst um selbige zu bringen – schon ist der innere Charakterkonflikt da.
Natürlich kann man von besonders fanatischen Reingläubigen nicht erwarten, dass die in Frieden mit Magiern ein Bier trinken. Aber auch im Konfliktspiel selbst sollte man den anderen zu Wort kommen lassen, nicht zu aggressiv vorgehen und der Konfrontation Zeit geben zu wachsen. Ob man dann am Ende über seinen eigenen Glauben in Zweifel verfällt oder sich sogar darin bestätigt fühlt, ist dann jedem selbst überlassen. Schließlich sind Magier sicher alles, aber definitiv nicht nur Opfer.
Aber wie soll man generell mit Magiern und Ähnlichem umgehen? Nicht jeder spielt schließlich einen fanatischen Magiehasser, dem man erst mal lang und breit erklären muss, warum es zu gewissen Irritationen führt, alles mit Sternen auf Robe oder Spitzhut zu verbrennen.
Meiner Meinung nach bietet sich hier der schöne Vergleich mit einem vollen Pulverfass an.

Letztendlich weiß man nämlich nie, mit wem man es genau zu tun hat und ob das Gegenüber nicht gleich auf die ein oder andere Art „bumm“ macht. Der Magier kann freundlich und hilfsbereit, unfähig und harmlos, unfähig und gemeingefährlich oder bösartig und gefährlich sein. Deshalb sollte man ihn zumindest anfangs immer mit einer Mischung aus Vorsicht und Ehrfurcht behandeln, respektvoll einen gewissen (Sicherheits-)Abstand wahren und erst mal abwarten, wie er sich verhält. Und falls der so Behandelte in Wahrheit der größte Taugenichts aller magischen Universitäten ist, dann hat man vielleicht durch diese Ehrfurcht den eigenen Charakter ein bisschen der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber auf jeden Fall hat man dem überschätzten Magier ein lustiges Erlebnis beschert.
Magier: Und es lohnt sich doch
Abschließend kann man also sagen, dass das Magierspiel zwar jede Menge Risiken mit sich bringt, in schlechtem Spiel zu enden und für Frustration zu sorgen. Magier können für andere Spieler als richtige Mobbingcharaktere enden. Ein Schicksal übrigens, dass sie mit Elfen, Elben und allem sonstigen waldliebenden Spitzohrgekreuch teilen. Damit aber berauben sich diese Spieler selbst vieler schöner Gelegenheiten. Denn wenn sie sich dazu hinreißen lassen, mit Magiern anstatt gegen sie zu spielen, gewinnen beide Seiten. Magier können Charakterspiel und Abenteuer abseits ihrer geschlossenen magischen Zirkel genießen und nichtmagischen Spielern bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, ihre Abneigung gegenüber Magiern in Konfliktspiel oder innerem Zweifel auszuleben. Aufgeschlossene Charaktere hingegen können ihren Horizont erweitern und dank der Magier einen Blick in eine Welt jenseits ihrer Vorstellungskraft werfen. Ob Magier also wirklich durchgehend als wandelnde Katastrophen oder besserwisserische Wichtigtuer auftreten, hängt stark von ihren Mitspielern ab. Entscheiden die sich dazu, mit Magiern zu spielen, so kann sowohl der Charakter IT als auch der Spieler OT positiv überrascht werden. Und wenn man dann sowohl den Magier als auch den Spieler hinter der Robe kennengelernt hat, kann man immer noch Fackel und Mistgabel rausholen. Denn was macht mehr Spaß beim LARP, als die eigenen Freunde zu grillen?
Abschließend möchte ich noch eine Frage an die Magier unter meinen Lesern stellen. Ich selbst habe bisher magische Charaktere noch nie im klassischen Fantasy-LARP gespielt, in dem es zu diesen Konflikten kommt. Daher meine Frage an euch: Was habt ihr bisher schon als Magier erlebt? Was war das Kurioseste, was das Schönste und was das Schlimmste, was eurem Charakter schon passiert ist? Ich freue mich auf eure Antworten in den Kommentaren.
Artikelbild: © katalinks | depositphotos.com, Fotografien: © Nabil Hanano, Bearbeitung: Melanie Maria Mazur



















Ein schön geschriebener Artikel, auch wenn Du noch keine eigene Erfahrung mit dem eigentlichen klassischen Fantasy Magier im heimischen Setting sammeln konntest.
Was leider ausgeblendet wird -und da fehlt Dir wahrscheins die eig. Erfahrung- sind die Cons, in denen der Magier regeltechnisch durch die Orga/SL beschnitten wird und gleichzeitig Magiehasser auftauchen. Das passiert immer wieder mal und führt oft zu unschönen Erlebnissen für die Magieanwender, seien es Magier oder andere wie z.B. Kleriker.
Auch auf jedem Turnier im Rittergenre sollte da Toleranz zu anderen Spielansätzen geübt werden. Viel zu oft habe ich es persönlich erlebt wie Ritterbrüder über Magieanwender IT wie OT abziehen, kaum das sie auf einem Histo-LARP oder zumindest historisch angehauchten Event sind – während sie sonst auf Cons wie CoM fahren oder aus Ländern stammen, in denen es mehr als genug Magieanwender gibt.
Würden die Magier auch auf diesen Events freudig willkommen geheissen, wären auch diese Turniere ein runderes Erlebnis, da sie nicht willkürlich eine sonst völlig normale Facette des täglichen Charakterlebens ausblenden.
Es ist leider in gewissen Kreisen en vogue geworden, über Fantasy abzulästern, speziell über Magier, Paladine und Elfen. Das sollte dringend aufhören, denn es nimmt unserem Hobby die Farbe. Während sich die Leute auf der einen Seite Schaum vor den Mund schreien, das unser Hobby bunt und nicht braun ist, fallen sie auf der anderen Seite tief ins selbst gegrabene Loch. Toleranz sollte uns immer begleiten, nicht nur in der täglichen politischen RL Debatte.
Genau wie Jan propagiert, sollte jedes Spielangebot respektiert werden, auch wenn man es selber nicht verfolgt.
LG,
Fridolin aka Weriand
Hier wegen Arkan