Farbenfroh, kulturell inklusiv und hoffnungsvoll: Die Geschichten aus der Strahlenden Zitadelle wirken in mehrerlei Hinsicht wie aus einer anderen Welt. Alle Szenarien sind inspiriert von Erzählungen abseits der europäischen Fantasy-Tradition. In diesem Jahr wurde die deutsche Übersetzung veröffentlicht. Für wen sich der Dungeons & Dragons-Abenteuerband lohnt, erfahrt ihr hier.
Genug von Tolkien und George R. R. Martin? Keine Lust mehr auf römisch-griechische Sagen oder bekannte Märchen? Der Abenteuerband Geschichten aus der Strahlenden Zitadelle verspricht den Lesenden direkt auf der Titelseite „Wundersame Lande“, welche mit Dungeons & Dragons-Charakteren bereist werden können. Das Werk enthält Szenarien für Charaktere der Stufe 1 bis 14 in steigender Schwierigkeit. Bei den einzelnen Handlungen wird von Ermittlungen über die Monsterjagd bis zum Intrigen-Spiel eine Menge abgedeckt. Seit diesem Jahr ist der Band in einer deutsche Übersetzung erhältlich. Diese wird von uns auf ihre Stärken und Schwächen geprüft.
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Inhaltsverzeichnis
Bunt, bunter, Strahlende Zitadelle
Das Titelbild verrät es direkt: Die Geschichten aus der Strahlenden Zitadelle sind für D&D-Verhältnisse einzigartig. Der Abenteuerband enthält insgesamt 13 Geschichten, welche die Charaktere in teils sehr unterschiedliche Welten entführen. Statt Laubwäldern und Räuber*innen aus europäischen Erzählungen werden verschiedene Kulturen aus Südamerika, Afrika und (Ost-)Asien als Basis genutzt. Verbindendes Element ist die Strahlende Zitadelle. Dabei handelt es sich um eine Siedlung, welche sich rund um einen riesigen sogenannten Auroradiamanten gebildet hat, der in der Ätherebene umher schwebt.

Einst wurde der riesige Kristall als Kontaktpunkt für 27 unterschiedliche Gründerzivilisationen genutzt, die mittels Concord-Juwelen dorthin reisen konnten. Die Zitadelle wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt verlassen und erst vor rund 250 Jahren wieder mit Leben gefüllt. Zwölf der ehemaligen Gründerzivilisationen gelten bisher als verschollen. Das erlaubt es der Spielleitung, selbst Völker und Erzählungen passend einzubinden. Seit der Rückkehr ist auch der Kontakt zwischen den unterschiedlichen Kulturen ermöglicht worden.
Viele Welten verbunden
Die Abenteuer sind nach einem klaren Schema aufgebaut. Auf eine kurze Zusammenfassung folgen Ideen, wie Charaktere in die Erzählung gezogen werden können. Im eigentlichen Szenario werden Orte, NSC und Handlungselemente vorgegeben. Abgerundet wird das Kapitel durch ein Ortslexikon, welches viele weiterführende Informationen zu Besonderheiten, der Geographie und Politik der Länder enthält. Diese Struktur hilft der Spielleitung, sich schnell in den jeweiligen Geschichten zurechtzufinden.

Die Vielzahl an Orten ist das Alleinstellungsmerkmal des Abenteuerbands. Ob Dschungel wie in Südamerika, Meso-amerikanische Kulturen, Feierlichkeiten in Afrika oder Städte nach asiatischem Vorbild, jedes Kapitel enthält eine neue Welt, die es für die Charaktere zu entdecken gilt. Dabei werden auch die Themen der Erzählungen variiert. Jedes Szenario steht für sich, was es gut für One-Shots in bestehenden Kampagnen macht.
Wertschätzung statt Aneignung
In den einzelnen Abenteuern werden mehrere unbekannte Kulturen beschrieben, die sich teils deutlich von den stereotypischen europäischen Sagen abheben. Die Wesen der jeweiligen Zivilisationen finden gleichwertig und inklusiv einen Platz in der Strahlenden Zitadelle. Immigration ist das Grundmotiv, das alle Bewohner*innen vereint: Ihre Ahnen bauten sich auf der Suche nach Zuflucht hier ein neues Leben auf. Entsprechend wird viel Wert auf Inklusion bei der Darstellung gelegt. Zu Beginn des Abenteuerbandes wird der Spielleitung erklärt, wie sie bedacht neue und teils fremdartige Charaktere und Orte einführen kann. Dies soll beispielsweise nicht negative Stereotype befeuern, sondern Besonderheiten gleichermaßen wie Ähnlichkeiten zum Aussehen der Personen vorstellen. Von kultureller Aneignung wird direkt abgeraten.
Zur Einordnung seien zwei Abenteuer kurz und mit minimalen Spoilern angedeutet. In „Gold für Narren und Prinzen“ beispielsweise können die Charaktere das Sensa-Reich besuchen, das berühmt ist für großen Reichtum. In dem nahöstlich anmutenden Setting ist eine Mine eingestürzt und hat einige Arbeiter*innen mit gefährlichen Monstern eingeschlossen. Während die Gruppe als Rettungstrupp unterwegs ist, geraten sie in das Ränkespiel zweier rivalisierender Prinzen, die sich um die Erbfolge streiten. Feurig geht es ebenfalls in „Pfad der Zerstörung“ zu. Ein Erdbeben im aztekisch wirkenden Tletepec sorgt für mehrere Vulkanausbrüche. Die Charaktere müssen sich gegen Flammen-Monster zur Wehr setzen und herausfinden, welche Gefahr hinter dem heißen Dampf lauert.

Keine Verbindung trotz Inklusion

Bei genauerer Betrachtung erweist sich im Abenteuerband leider das verbindende Element als schwächster Teil der Kette. Keines der 13 Abenteuer spielt innerhalb der Strahlenden Zitadelle. Die Geschichte des mysteriösen und faszinierenden Ortes mitten in der Ätherebene bleibt vergleichsweise nebulös. Die Spielleitung findet zwar einige Bausteine und Vorgaben, was die Gruppe rund um den Auroradiamanten erleben kann. Um eine sinnige und in sich konsistente Welt darzustellen, wird jedoch viel Eigenarbeit verlangt. Eine ähnliche Schwäche in der Kampagnenstruktur ließ sich zuletzt in Vecna: Eve of Ruin feststellen.
Vor dem Start einer längeren Kampagne sollte daher über die Motivation und Zielsetzung der Gruppe gesprochen werden. Anders als in Modulen wie Der Fluch des Strahd oder Grabmal der Vernichtung gibt es in Geschichten aus der Strahlenden Zitadelle keinen zusammenhängen Metaplot. Es fehlen merkliche Konsequenzen, sollten die Charaktere in einer der Missionen scheitern. Ebenso macht es für die Handlung keinen Unterschied, ob sie nur eines oder alle 13 Szenarien spielen. Abseits des Danks wichtiger NSC warten keine besonderen Schätze oder andere Belohnungen auf die Gruppe. Dies sollte den Spielenden zum Start bewusst gemacht werden, um später Frust zu vermeiden.

Ein eigener Spieltest konnte bis zur Einreichung des Artikels nicht erfolgen. Unser Kollege Johannes hat allerdings bereits bei der Erstveröffentlichung des Abenteuerbands in Englisch zwei Szenarien geleitet. Dabei stellte er fest, dass die Erzählungen eine teils sehr lineare Handlung vorgeben, von der die Spielenden nur wenig abweichen können. Das reine Durchlesen der Abenteuer lässt ein ähnliches Fazit zu. Wer mehr über Johannes Einschätzung lesen will, findet den Artikel hier.

Erscheinungsbild
Äußerlich fügt sich das Hardcover von Geschichten aus der Strahlenden Zitadelle gut in die bisherigen Werke von Wizards of the Coast ein. Bei der Zusammenstellung des Abenteuerbandes wurde sehr auf eine einheitliche Strukturierung geachtet. Nach einer Einleitung, in der die Strahlende Zitadelle als Knotenpunkt für die Kampagne vorgestellt wird, folgen 13 weitere Kapitel, welche jeweils ein Szenario beschreiben. Positiv hervorzuheben sind Leitfäden zur Aussprache der jeweiligen Namen wichtiger NSC und Vorschläge, wie die Geschichte in der eigenen Kampagnenwelt eingebunden werden kann. Hübsche Szenenbilder, Illustrationen von relevanten Personen in der Handlung sowie Übersichtskarten ergänzen das Gesamtbild. Die Texte auf den 224 Seiten sind durch Hervorhebungen übersichtlich formatiert und gut zu lesen. Zur schnellen Orientierung gibt es für die Spielleitung ein Inhaltsverzeichnis, auf einen Index wurde verzichtet.
Die harten Fakten:
- Verlag: Wizards of the Coast
- Autor*in(nen): Projektleiter: Ajit A. George, F. Wesley Schneider, [u.a.]
- Erscheinungsjahr: 2024
- Sprache: Deutsch
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 224
- ISBN: 978-0-7869-6800-8
- Preis: 49,99 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo, Sphärenmeister
Fazit
Die Geschichten aus der Strahlenden Zitadelle sind eine willkommene Abwechslung zum Einheits-Trott bekannter westlicher Fantasy-Tropen. Die Erzählungen im Abenteuerband sind inspiriert von Zivilisationen aus Mittel- und Südamerika, Afrika sowie (Ost-)Asien. Jedes Kapitel stellt jeweils eine Kultur und Welt vor, welche die Charaktere bereisen können. Verbindendes Element ist die namensgebende Strahlende Zitadelle, welche über Concord-Juwelen und Dimensionstore einen Zugang in die Welten hält. Als zentraler Ort für alle Völker wird hier ein regelrechtes Utopia präsentiert: Die Gesellschaft ist vollkommen inklusiv und offen gestaltet.
Der Fokus auf eine positive Darstellung nicht-weißer Zivilisationen ist eine der großen Stärken des Werks. Der Abenteuerband beweist sehr gut, dass die reale Welt außer Robin Hood oder Tolkien noch zahlreiche spannende Sagen und Ideen für Fantasy zu bieten hat. In den Kapiteln werden mit Aussprache-Hilfen und Beschreibungen in Ortslexika nötige Werkzeuge bereitgestellt, um die Welten glaubhaft darzustellen. Hübsche Illustrationen von NSC sowie Kartenmaterial der Orte helfen ebenfalls dabei, die Erzählungen mit Leben zu füllen.

Eigene Abenteuer in der Zitadelle gibt es in dem Sammelband nicht. Die Szenarien sind so gestaltet, dass sie theoretisch auch ohne weiteres in andere Kampagnen übertragen werden können. Diese Flexibilität ist einerseits positiv für Spielleitungen, welche eine unterhaltsame Handlung in ihre bestehende Spielrunde einbauen wollen. Andererseits bleibt dadurch der Knotenpunkt rund um den Auroradiamanten eher ungenutzt. Die Charaktere befinden sich nicht in einer Bedrohungslage oder werden motiviert, sich direkt mit der Welt zu beschäftigen. Wer die präsentierten Zivilisationen oder gar die Kombination davon realistisch und klischeebefreit darstellen möchte, muss einiges an Vorarbeit leisten.
Insgesamt wurde bei der deutschen Übersetzung von Geschichten aus der Strahlenden Zitadelle solide Arbeit geleistet. Wer Inspiration für neuartige Fantasy-Erzählungen sucht oder mehrere der aufgeführten Szenarien leiten möchte, sollte einen Blick in den Abenteuerband wagen. Grundsätzlich ist es nie verkehrt, den eigenen Horizont zu erweitern und neue Kulturen kennenzulernen. Wer auf eine zusammenhängende Kampagne hofft, könnte jedoch nach den Kauf enttäuscht werden.

- Kulturelle Vielfalt, viele Hintergrundinfos
- Tolle Illustrationen
- Gute Übersetzung, sinnvolle Struktur
- Zitadelle ein Nebenschauplatz
- Teils sehr lineare Abenteuer
Artikelbilder: © Wizards of the Coast
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Susanne Stark
Fotografien: Andreas Schellenberg
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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