Ein Buch für Kinder, das systematisch an ein Pen-and-Paper- oder Computer-Rollenspiel angelehnt ist und eine spannende Held*innenreise präsentiert: Falk Holzapfel hat sich dieses Vorhabens angenommen und präsentiert mit Akademie Splitterstern einen farbenfrohen Lit-RPG-Roman rund um eine Gruppe sehr spezieller Protagonist*innen. Funktioniert diese Literaturgattung auch für die junge Zielgruppe?
Fenja, Ribisel, Garek und Erika: Vier Schüler*innen der traditionsreichen Akademie Splitterstern haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Schwierigkeiten mit der Bewältigung der Aufgaben, die das Studium und die ihnen aufgrund ihres Geburtstags zugewiesenen Spezialisierungen, die sogenannten Arkana, abverlangen.
Deshalb werden die jungen Adept*innen zum Direktor der Akademie gerufen, um über ihre Zukunft zu beraten. So unterschiedliche die Charaktere auch sind, eines haben sie gemeinsam: den Hang zum Chaos. Deshalb endet das Gespräch in einem riesigen Tohuwabohu, das in einen denkbar schlechten Ausgang der Situation mündet. Die Gruppe muss sich zusammenraufen und einen Plan schmieden, um sich aus der scheinbar ausweglosen Situation herauszumanövrieren. Was gibt es naheliegenderes, als sich auf eine Quest zu begeben?
Die Splitterlande, die sich nach dem Sternenfall gründeten, vereinen unterschiedliche Orte. Die Adept*innen werden zum Schutz des kompletten Reiches Splitterlande ausgebildet. Und natürlich führt die Held*innen, die noch weit weg von ihrem Abschluss sind, die Reise ausgerechnet ins gefährliche Knochenmoor mit seinen furchterregenden Geschöpfen!
Enge Räume, Höhen
Inhaltsverzeichnis
Leveln und Stufenaufstieg: Der Aufbau von Akademie Splitterstern
Standesgemäß steht am Anfang des Kinderbuchs eine Karte der Splitterlande, und es wird mit einer kurzen Einführung in das Land und die Geschichte der Akademie nach dem Großereignis des Sternenfalls begonnen. Sodann lernen wir gleich die Hauptcharaktere mittels einer – man kann es nicht anders sagen – süßen Beschreibung kennen. Die Barbarin Erika (Level 2) beispielsweise mag Knochenknacken, Federbären (die sehr an Eulenbären aus dem DnD-Repertoire erinnern) und Furzgeräusche machen, während sie Müffelmiezen, übersehen zu werden und zu tun, was andere sagen, nicht mag.
Die nun einsetzende Schilderung der Handlung von Akademie Splitterstern ist in kurze Kapitel eingeteilt, die sich farblich gestaltet voneinander abgrenzen und mit einem aktuellen Levelstand der Charaktere enden. Das Level wird durch die erreichten Staubpunkte bestimmt. Diese können in den Bereichen Entdeckung, Begegnung, Wissen, Kampf, Fähigkeit, Arkana und Herausforderung erreicht werden und riechen nach Zimt. Am Ende des Buches wird konkretisiert, was getan werden muss, um Staubpunkte zu erhalten und welche Anzahl benötigt wird, um ein Level aufzusteigen.
Das Kinderbuch lässt sich in die Tradition der LitRPG-Romane einordnen. Im Gegensatz zu der herkömmlichen Machart des Genres, in der Spieler*innen sowohl in der realen als auch in der Spielwelt agieren – ein Beispiel hierfür ist 88 Namen von Matt Ruff – spielt Akademie Splitterstern komplett in der phantastischen Welt ohne realweltlichen Bezug. Obwohl es nicht das einzige LitRPG für Kinder ist – der Youtuber ICrimax beispielsweise hat ein sehr gut angenommenes LitRPG für Kinder veröffentlicht –, ist es selten, dass die Prinzipien dieses Subgenres in Form eines Kinderbuchs herausgebracht werden. Für Kinder, die gerne und viel lesen, könnte die Aufmachung und die durch das Leveln unterbrochene Handlung eventuell etwas zu simpel sein. Für Lesemuffel, die lieber zocken, stellt das Buch einen interessanten und spannenden Leseanreiz dar.
Schreib – und Illustrationsstil
Falk Holzapfel gelingt es ausnehmend gut, Akademie Splitterstern trotz dieser trocken anmutenden Rahmenbedingungen abwechslungsreich und immersiv zu gestalten. Wohl auch, weil die Handlung Spannung und Wendungen beinhaltet und auf einen aufregenden Höhepunkt zusteuert, lässt sich das Buch nur schwer aus der Hand legen. Ein weiterer Pluspunkt ist die differenzierte Ausgestaltung der Charaktere, die sich nicht dem klassischem Gut-Böse-Schema beugen, sondern alle ihre hellen und dunklen Seiten haben. Dies macht sie für Kinder sehr nahbar. Die diverse Konzipierung, sowohl was Aussehen als auch die Charaktereigenschaften angeht, sind ein weiterer Pluspunkt des Kinderbuchs.
Lustige Einwürfe und Vergleiche („sauste wie eine hungrige Drachenmeise“) ziehen sich durch die komplette Handlung und lockern sie auf. Leider fehlt die sprachliche Varianz an einigen wenigen Stellen, gerade die Vergleiche sind mitunter ähnlich gestaltet. Dies bedeutet allerdings nur einen kleinen Wermutstropfen in diesem ansonsten sprachlich sehr gelungenen Buch.

Die Illustrationen sind zugleich kindgerecht und auch für Erwachsene schön anzusehen. Jedes Kapitel hat eine unterschiedliche Seitengestaltung, sodass neben der Fantasie auch das Auge angesprochen wird.
Für den Preis von 14 Euro bekommen Lesende eine Menge geboten: Mehrfarbige Illustrationen, die im gesamten Buch zu finden sind, ein wunderschöner, gebundener Einband, der zudem ein haptisches Element aufweist, sowie im vorderen und hinteren Teil graphisch gekonnt aufbereitetes Zusatzmaterial. Auf einiges Seiten sind zudem QR-Codes zu finden, die zu weiteren Grafiken führen. Leider sind diese jedoch scheinbar ohne Kontext zu ihrer Platzierung im Buch verstreut. Hier hat man eine Chance verpasst, denn erweiterte Illustrationen zu der Handlung auf der jeweiligen Seite wären ein echtes Sahnehäubchen gewesen.
Der Autor
Falk Holzapfel, Künstlername Zapf, ist als freiberuflicher Illustrator tätig, verfasste aber auch schon einige Kinderbücher. Unter anderem gestaltete er das Brettspiel Andor Junior. Der 1980 geborene, ursprünglich als Lehrer tätige, Zapf lebt in Berlin und Wien. Mehr über seine Bücher und Projekte kann auf seiner Homepage eingesehen werden.
Fragen an den Autor
Teilzeithelden: Wie ist die Idee entstanden, ein LitRPG für Kinder zu schreiben?
Falk Holzapfel: Zuerst gab es da diese Zeichnung von einem zerknautschten Paladin, der kritisch auf seinen halbvollen Lebensbalken guckt. Ich dachte, es wäre ein Spaß, diese vierte Wand zu durchbrechen und Figuren erkennen zu lassen, wie viel Extraschaden ihr Schwert macht, oder wie mächtig ein Gegner ist. Doch umso länger ich darüber nachdachte, umso mehr merkte ich, dass hinter diesem Gag etwas steckt, das auch unsere Welt bestimmt. Werden wir nicht auch in Gruppen hineingeboren, sammeln Erfahrungen, schärfen Fähigkeiten und beurteilen Menschen und deren Vermögen, in dem Moment, wo wir sie sehen? Wie viel davon ist unsere Entscheidung? Splitterstern macht das nur deutlicher. Die Frage wurde immer mehr: Was macht es mit mir, wenn ich deutlich sehe, wie und wer ich sein sollte und was tatsächlich (nur) ich kann?
Teilzeithelden: Welche Rollenspiele spielen Sie privat und welche sind Ihre Favoriten?
Falk: Die ersten PnP-Systeme, die mich länger begleitet haben, waren Exalted und Aberrant. Natürlich war es ein Riesenspaß, meine Charaktere zu zeichnen. In Wien habe ich dann angefangen eine DungeonSlayers-Gruppe zu leiten. Es sind alles Illustratorinnen und es wurde fast mehr gezeichnet als gespielt. Zurzeit spiele ich noch einen Paladin / Warlock: Brigham Lite, einen Zeloten, der vielleicht etwas vom Weg abgekommen ist, in DnD 5E. Ich mag aber auch kleinere One-Shot-Systeme. Monster Hearts ist toll. Ich will auch unbedingt mal Land of Eem oder Legends in the Mist spielen, wenn ich die Zeit dazu finde.

Teilzeithelden: Wieviel Wert legen Sie auf Diversität in Kinderbüchern?
Falk: Ja, Diversität ist wichtig. Wir brauchen Figuren, die vielfältig sind in der Art wie sie fühlen, aussehen und glauben. Figuren, die verrostete Klischees überwinden, sich anders verhalten, die fehlbar sind und auch scheitern dürfen.
Ich glaube, was wir Kindern mitgeben, bestimmt unser Zusammenleben in der Zukunft. Ich würde mir wünschen, dass diese Zukunft toleranter ist und Menschen stärker nach ihren Taten beurteilt. Unabhängig von Religion, Geschlecht, Hautfarbe oder Arkana verdient es jeder Mensch, vorurteilsfrei nur an seinem Handeln gemessen zu werden. Umgekehrt bedeutet dies auch, dass wir alle für uns herausfinden müssen, wer wir sind und wohin wir gehören. Was auch immer das für alle Einzelnen bedeutet. Es ist auch genau diese Frage, die in Splitterstern immer eine Rolle spielen wird.
Teilzeithelden: Gibt es Planungen, ein Splitterstern-Rollenspiel herauszubringen?
Falk: Ein Splitterstern-Rollenspiel wäre natürlich mein großer Traum. Er wächst immer mal wieder zu einer vagen Idee, bis ich mit Menschen spreche, die tatsächlich Rollenspiele entwickelt haben und mein zartes Ideenpflänzchen wieder zu einem Samenkorn zusammenschrumpft.

Die harten Fakten:
- Verlag: Carlsen
- Autor: Falk Holzapfel
- Erscheinungsdatum: 29.08.2024
- Sprache: Deutsch
- Format: Gebundenes Buch
- Seitenanzahl: 224
- ISBN: 978-3-551-65198-3
- Preis: 14 EUR (Print) + 8,99 EUR (E-Book)
- Altersempfehlung: 10-14 Jahre
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Fazit
Gerade für Kinder, die nicht so gerne lesen und vielleicht lieber mal zur Konsole greifen, lohnt sich Akademie Splitterstern: Dem Prinzip eines Pen-and-Paper- oder Computerspiels folgend, müssen die sehr divers ausgestalteten Charaktere sich auf eine Quest begeben. Ihr Ziel: Staubpunkte zum Aufleveln sammeln! Illustrator und Autor Falk Holzapfel gelingt es, mit diesem Buch sowohl Auge als auch Fantasie anzusprechen.
Das Prinzip LitRPG funktioniert sehr gut als Kinderbuch, und es macht Spaß, sich gemeinsam mit den Charakteren auf eine Quest zu begeben. Auch der Plottwist am Ende dürfte für einige überraschte junge Leser*innen sorgen. Für Kinder, die viel und oft lesen, ist das Buch aufgrund der zahlreichen Illustrationen vielleicht etwas zu simpel, aber das Grundprinzip verspricht für Zehnjährige mit durchschnittlichen Lesegewohnheiten ein etwas anderes Lesevergnügen.

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Spannendes Kinderbuchkonzept
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Sehr gute Illustrationen
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Für Kinder, die wenig lesen
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Für viellesende Kinder etwas simpel
Artikelbilder : © Carlsen Verlag, Illustrator Falk Holzapfel
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Rick Davids
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