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Alte Sage oder grausige Realität? In Die Froschkönig-Fragmente suchen die Charaktere einen verschwundenen Professor und geraten an einen Ort, an dem Märchen und Wirklichkeit kaum zu unterscheiden sind. Das neu aufgelegte FHTAGN-Szenario verspricht eine moderne Aufbereitung des bekannten Abenteuers. Wie gut dies gelungen ist, erfahrt ihr hier.

Es war einmal …

… ein Märchenforscher namens Eusebius W. Ehrling, welcher in Deutschland im Jahr 1926 kurz vor einem Vortrag in Hannover von der Bildfläche verschwunden scheint. Eine Gruppe an Leuten wird daraufhin beauftragt, den Professor zu finden. Mit diesem Einstieg beginnt das Szenario Die Froschkönig-Fragmente von Steffen Schütte aus dem Jahr 1993. Die Handlung greift, wie der Name es vermuten lässt, verschiedene Erzählungen aus den Märchen der Gebrüder Grimm auf. Die Charaktere bereisen im ursprünglich für Call of Cthulhu geschriebenen Szenario den fiktiven Ort Sehusen im Harz und entdecken Hinweise, die auf ein baldiges grauenvolles Ritual hindeuten. Um mehr herauszufinden, müssen sie die Grenzen der Realität verlassen und in den Mythos hinabsinken …

Das ungewöhnliche und aufwendig gestaltete Szenario genoss über mehr als zwei Jahrzehnte einen Kultstatus, wie Herausgeberin Julia Knobloch im Vorwort des neu aufgelegten Abenteuers berichtet. Da der ursprüngliche Verlag Laurin kurze Zeit nach der Ersterscheinung Konkurs anmeldete, war es schwierig, ein Druckexemplar zu bekommen. Dem soll die nun überarbeitete Fassung Abhilfe schaffen. Diese wurde optisch und im Layout überarbeitet sowie um einzelne Inhalte ergänzt, der Grundaufbau der Handlung entspricht aber weiterhin dem beliebten Original aus 1993. Als Regelwerk wird das FHTAGN-System genutzt.

Wer das Abenteuer selbst am Spieltisch ohne Vorwissen erleben möchte, sei gewarnt. In der Rezension wird es minimale Spoiler für die Handlung geben, genauere Details finden sich in einem Spoilerkasten.

Triggerwarnungen

Horror, Gewalt, sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Kinder, Mord, Wahnsinn

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Die Handlung: Eine (schreckliche) Reise in die Provinz

Für den Start des Szenarios werden drei Varianten vorgegeben, je nachdem, wie viel Recherchespiel sich die Gruppe wünscht. Diese lassen sich je nach Konstellation der Charaktere auswählen, wenn diese beispielsweise den verschwundenen Professor privat kennen sollen oder nicht. Zentral ist ein Gespräch mit Ehrlings Ehefrau Jolanthe sowie dessen Tochter Gudrun, welche unterschiedliche Motive haben, auf die Rückkehr des Märchenforschers zu hoffen. In Kapitel 3 werden mehrere Orte beschrieben, an denen die Spielenden Hinweise über den Professor und seine aktuellen Studien sammeln können. Kapitel 4 beschreibt die Reise nach Sehusen und liefert erste Hinweise über den fast schon verwunschenen Ort im Harz.

Die Charaktere müssen den verschwundenen Professor Ehrling finden.

In den folgenden Kapiteln werden wichtige Plätze, Charaktere und Ereignisse in Sehusen beschrieben. Im Original war dies als linearer Weg vorgegeben. Die Neuauflage macht daraus nun einen Sandkasten, was mehr Freiheiten für die Spielenden bedeutet. Die Spielleitung hingegen muss sich gut einarbeiten, um die Übersicht für mögliche Hinweise und Begegnungen zu behalten. In Sehusen gibt es einige spannende Bereiche, die entdeckt werden können. Ob Arzt, Feuerwehr, Pfarrhaus oder Synagoge: Die Erkundung des Ortes nimmt einige Zeit in Anspruch. Darüber hinaus gibt es noch einige weitere Schauplätze, die relevant für die Handlung sind und die aufwendig beschrieben werden. In Kapitel 9 schließlich wird alles zum Finale erläutert, das je nach Entscheidung der Charaktere unterschiedlich ausfallen kann. Zu den früheren Enden wurden noch einige weitere Möglichkeiten hinzugefügt, um die Handlung abzuschließen.

Spoiler

Bei seinen Forschungen zu deutschen Märchen stieß Ehrling auf eine ungewöhnliche Fassung des Märchens vom Froschkönig, die aus Sehusen stammte. Dieser Ort ist über die nahegelegenen Erdfälle, Reste eines großen Sees, mit dem See von Ib in den Traumlanden verbunden. Alle 58 Jahre kommen die froschähnlichen Wesen von Ib nach Sehusen, um dort Frauen zu missbrauchen und zu schwängern. Diese sterben nach der Geburt, während ihre Nachkommen einige Jahre später in die Traumlande zurückkehren. Getarnt wird dieses abscheuliche Ritual durch das Volksfest des Schützenvereins in Sehusen, in dem mehrere Kultist*innen aktiv sind. Wie die Gruppe während ihrer Ermittlungen feststellen kann, steht das nächste Schützenfest bereits kurz bevor.

Bei den Ermittlungen stoßen die Charaktere auf noch weitere Ereignisse mit einem Bezug auf Grimms Märchen. Parallel zu der Suche nach Ehrling gilt es, seine Begleitung Annerose Bernd zu retten. Diese wurde bei einem Versuch, in die Traumlande zu reisen, im traumlosen Turm von Ilarnek eingesperrt und schläft dort, wie Dornröschen.

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Märchen oder Alptraum?

Die Recherche führt die Gruppe an verschiedene Orte.

Der Reiz von Die Froschkönig-Fragmente liegt in der Anspielung auf verschiedene Märchengeschichten der Gebrüder Grimm. Diese werden, passend zum übergeordneten Mythos, allerdings grauenhaft interpretiert. Die Charaktere werden während ihrer Ermittlungen vermutlich mit einigen schlimmen Szenen konfrontiert, die an Erzählungen von Frau Holle, Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel erinnern. Die Liebe zum Detail ist das, was die Erstfassung des Szenarios ausgemacht hat. Diese bleibt in der Neuauflage ebenfalls erhalten. Wer im Anschluss an das Abenteuer ein Märchenbuch zur Hand nimmt, könnte für andere vermutlich etwas verstört wirken…

Sicherheit am Spieltisch

Eine positive Ergänzung zum Original ist eine allgemeine Inhaltswarnung für das Abenteuer in der Einleitung. Diese verweist auf ein problematisches Grundthema, welches in mehreren Cthulhu-Geschichten vorkommt: Frauen, die von Mythoswesen vergewaltigt und geschwängert werden. Hinzu kommen weitere Andeutungen auf verschiedene Ereignisse, welche Personen am Spieltisch belasten können. Als Sicherheitsmechaniken wird deshalb auf Regeln wie Schleier und Linien verwiesen sowie die Nutzung einer X-Karte. Auf eine genauere Erklärung wurde allerdings verzichtet.

Erscheinungsbild

Mit 220 Seiten Hardcover bringt Die Froschkönig-Fragmente einiges an Inhalt für das aufwendige Szenario mit, deutlich mehr als die Erstveröffentlichung. Der stilisierte Froschkönig mit goldener Kugel auf dem Cover erinnert direkt an die Märchenerzählung der Gebrüder Grimm, im Hintergrund sind die Umrisse des Original-Covers aus 1993 zu erkennen.

Bei der überarbeiteten Version wurde viel Wert auf die Übersicht gelegt. In insgesamt neun Kapiteln erfährt die Spielleitung alles, was es über die Reise bis nach Sehusen sowie die mysteriösen Kräfte in der Kleinstadt und darüber hinaus zu wissen gibt. Die einzelnen Textpassagen sind wie bei den Abenteuern der Deutschen Lovecraftgesellschaft üblich gut zu lesen. Wichtige Begrifflichkeiten lassen sich beim Überfliegen durch den Fettdruck schnell finden. Aufgebrochen werden die Textblöcke immer wieder durch Infokästen, in denen relevante Hintergrundinformationen für die Spielleitung genauer erläutert werden.

Die Fotografien tragen sehr zur Immersion bei.

Bei der groben Orientierung helfen ein Leseband sowie ein Inhaltsverzeichnis mit Untergliederung. Ein Index, um schnell einzelne Begriffe nachzuschlagen, fehlt. Im Anschluss an das Szenario gibt es insgesamt 42 Seiten an Handouts, zu denen verschiedenste Dokumente, Briefe und Märchen-Erzählungen gehören, die für die Ermittlungen gebraucht werden. Diese sind alle sehr liebevoll und immersiv gestaltet worden, sei es durch Bebilderungen oder handschriftliche Ergänzungen in den Notizen. Darüber hinaus gibt es auf drei Seiten eine übersichtliche Zeitleiste der Ereignisse in Sehusen, angefangen von der ersten urkundlichen Erwähnung bis hin zum großen Finale der Handlung.

Positiv hervorzuheben sind außerdem die Schwarz-Weiß-Fotografien, welche sich durch den gesamten Band ziehen. Diese vermitteln ein immersives Bild der 1920er Jahren in Deutschland und helfen der Spielleitung dabei, Situationen, Orte und Charaktere besser zu umschreiben. Dank des erwähnten Kartenmaterials können die Charaktere sich in ihren Ermittlungen schnell orientieren.

© Deutsche Lovecraft Gesellschaft

Die harten Fakten:

  • Verlag: Deutsche Lovecraft Gesellschaft
  • Autor*in(nen): Steffen Schütte, Julia Knobloch (Herausgeberin)
  • Illustrator*in(nen): Marc Meiburg
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 220
  • Preis: 49,95 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Sphärenmeister

 

Bonus/Downloadcontent

Das Märchen des Froschkönigs hat im Abenteuer eine besondere Bedeutung.

Die Deutsche Lovecraft Gesellschaft stellt auf ihrer Internetseite das Spielmaterial kostenlos zum Download zur Verfügung. Dazu gehört auch eine PDF, in der alle Briefe und Notizen in Klarschrift nachgelesen werden können. Wer bei der geschnörkelten Schrift der Briefe etwas unsicher ist, kann auf diese Hilfe zurückgreifen. Zusätzlich stehen auch alle Karten im A3-Format zum Download bereit.

Fazit

Die Froschkönig-Fragmente erfreute sich bei einigen Cthulhu-Fans einer großen Beliebtheit. Die Neuauflage der Deutschen Lovecraft Gesellschaft bietet nun die Möglichkeit, viele weitere Gruppen für das detaillierte Szenario zu begeistern. In der Haupthandlung begeben sich die Charaktere auf die Suche nach einem verschwundenen Professor, der zu den Märchen der Gebrüder Grimm forscht. Auf ihrem Weg entdecken sie dann verschiedene Anzeichen, die auf dunkle Machenschaften und eine sich anbahnende Katastrophe hinweisen.

Bei der Überarbeitung ist der Kern des Abenteuers gleichgeblieben. Verbessert wurde dagegen die Strukturierung, was der Spielleitung an vielen Stellen die Arbeit erleichtern soll. Das ist dringend nötig, denn auf 220 Seiten gibt es viele Verweise und Geschehnisse, die es zu beachten gilt. Für Neulinge könnte das neue Sandkasten-Konzept nur schwer umsetzbar sein. Wer etwas Erfahrung und den Willen zur Einarbeitung mitbringt, kann dagegen tief in die Mysterien von Sehusen einsteigen. Als Besonderheit zu erwähnen sind die vielen Anspielungen auf bekannte und beliebte Märchen, welche im Sinne des Cthulhu-Mythos eine ganz neue Wendung erhalten. Das FHTAGN-System hilft ebenfalls dabei, die Szenen immersiv und die Erzählung ohne viele Würfelwürfe oder Werte zu gestalten.

Können die Charaktere ein schreckliches Ereignis verhindern?

Optisch macht das Hardcover einiges her. Die zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien unterstützen das Gefühl der Lebenswelt eines kleinen Städtchens im Harz im Jahre 1926. Abgerundet wird das Gesamtpaket durch eine Vielzahl an toll gestalteten Handouts, die zur spannenden Ermittlungsarbeit einladen, sowie große Stadtpläne zur Übersicht für alle Beteiligten. Der Preis von 49,95 Euro ist vergleichbar mit anderen Hintergrundbänden oder Szenarien aus dem D&D-Kosmos von Wizards of the Coast. Dieser ist bei der hohen Qualität des Produkts aber mehr als gerechtfertigt.

Ein Spieltest war bis zum Erscheinungsdatum der Rezension nicht möglich, soll aber im Laufe des kommenden Jahres folgen. Die Deutsche Lovecraft Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren verschiedene Abenteuer in unterschiedlichen Epochen veröffentlicht. In Ultima Ratio etwa wachen die Charaktere an einem unbekannten Ort in einer lebensbedrohlichen Situation auf, ohne sich an die letzten Stunden erinnern zu können. Riders on the Storm hingegen spielt im Hollywood der 1970er Jahre.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

  • Dichte Erzählung, viel Ermittlungsarbeit
  • Übersichtlich gestaltet, tolle Handouts
  • Märchen und Horror vereint

 

  • Hoher Aufwand zum Leiten


Artikelbilder: © Deutsche Lovecraft Gesellschaft

Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Maximilian Düngen
Fotografien: Andreas Schellenberg
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

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