Die unendliche Weite des Weltraums eröffnet sich vor dem Raumschiff und wir hoffen auf ein besseres Leben auf einem entfernten Planeten. Doch können wir unseren eigenen Abgründen entfliehen? Das Sci-Fi-Larp Blankspace von Fractured Reality Studios hatte Ende Jahr 2024 seine zwei ersten Runs.
Blankspace ist ein Science Fiction-Larp aus der Feder der Fractured Reality Studios-Orga. Vielen wird das ebenfalls von ihnen organisierte Cyberpunk-Larp Greylight ein Begriff sein. Diesmal geht es zwar auch wieder in die Zukunft, Blankspace wählt jedoch einen leiseren, fast schon poetischen Ton. Es geht um Menschlichkeit, persönlichen Horror und die Konfrontation mit den eigenen Abgründen.
Anfang Dezember haben die ersten zwei Runs in NRW stattgefunden, einer auf Deutsch und einer auf Englisch. Ich war auf dem englischsprachigen internationalen Run.
Suizid
Inhaltsverzeichnis
Setting
Ein großes Fenster im Observationsdeck zeigt den Blick in die Sterne. In den Gängen des Raumschiffs ist es ruhig, irgendwoher dringt die Musik eines Plattenspielers, ein weiß gekleideter Androide geht seiner Arbeit nach. Nur der Counter, der die Distanz zur Erde in Lichtjahren anzeigt, wird stetig höher. An Bord der Enkidu wird man schnell eingeholt vom Gefühl der Leere und der Unendlichkeit des Alls. Je länger man hier Zeit verbringt, desto tiefer und länger werden die Schatten und lassen sich nicht alle von leuchtenden LED-Schildern vertreiben.

Das Raumschiff Enkidu ist auf dem Weg von der Erde zur menschlichen Kolonie Eos. Während sie eine vage beschriebene, dystopische Realität zurücklässt, ist das Ziel alles, was die zurückgelassene, graue Welt nicht ist: Hoffnung, ein besseres Leben, ein neuer Anfang. Der Weg zur Kolonie ist zu weit als dass – wie üblich – alle Passagiere die Reise in Stasis verschlafen; für ein Manöver an einem schwarzen Loch müssen kurzzeitig alle aufgeweckt werden. Diese Zeit wird an dem Larp bespielt.
Die gespielten Charaktere sind die nach Eos gesandten Siedler*innen sowie die Besatzung der Enkidu, die sich ebenfalls auf der Kolonie niederlassen wird. Sie alle haben Hoffnungen und Träume, was sie auf Eos erwartet, und alle bringen ihre eigenen Abgründe und Schatten mit auf das Schiff. Und so sehr man diese hinter sich lassen will: Die Vergangenheit ist mit an Bord.

Das Larp lebt nur wenig von einem “klassischen” Raumschiffalltag. Das Schiff ist weitgehend automatisiert, und auch wenn ab und an eine Wartungsaufgabe anfällt, konzentriert sich Blankspace auf persönliche, zwischenmenschliche Geschichten.
Dennoch hat die Orga wieder für ein detailliertes Setdesign keinen Aufwand gescheut: von einem individuell auf die Spielenden anpassbares Stasisdeck zu dem hypnotischen Kern im Inneren des Schiffes – man fühlt sich vom ersten Betreten der Location als Teil des riesigen Raumschiffs, irgendwo im Weltall, anstatt irgendwo in Deutschland.
Charaktere
Die gut vierzig vorgeschriebenen Charaktere haben alle detaillierte Hintergründe und ausführliche Verknüpfungen mit anderen, die die Grundlage des Larps bilden. Sie sind aufgeteilt in Vierergruppen – “Cluster” – die alle durch ein ähnliches Thema miteinander verbunden sind. Diese reichen von abstrakten Dingen wie Zeit oder Schicksal hin zu Lebensentscheidungen oder Gewaltspiralen.

Entsprechend gibt es auch eine Mischung aus ziemlich surrealen Charakteren und realitätsverankerten Figuren, welche aufeinandertreffen. Und das Spiel profitiert sehr davon: Denn Leute, die die Zeit nicht linear wahrnehmen, brauchen andere Rollen, die sich darüber erstaunen und umgekehrt. Dies führt auch dazu, dass das Spiel je nach bespieltem Charakter wohl sehr anders wahrgenommen wird – und damit auch zu einem Wiederspielwert.
Die wohl markanteste Mechanik für das Charakterspiel ist, dass wichtige Beziehungen sowohl auf einer realen Ebene als auch auf einer Schattenebene existieren. Dies sind Beziehungen aus der Vergangenheit, die man in andere Leute hereinprojiziert. Eine etwas ungewohnte Spielweise, die jedoch schnell eine große Tiefe aufmacht und zur Wirkung des Spiels stark beiträgt.

Das Spiel kann trotz des konkreten Settings als relativ abstrakt bezeichnet werden. Die Charakterbögen beziehen sich vor allem auf das Innenleben der Rollen und lassen viel Freiraum zur Ausgestaltung. Auch in Kleidung wird nicht nach einer Einheit gesucht, sondern die individualistische Vision des Larps unterstützt:
Es gibt zwar einen losen Kostümguide, der zu retro-futuristischem Film Noir einlädt, aber so verschieden die Charaktere, so auch die Kostüme.
Leere Gänge, leise Stimmung
Die Gänge der Enkidu sind kalt, dunkel und lang. Korridore, Treppen und in den Tiefen des Schiffes der hypnotisch pulsierende Kern des Schiffes. Ein Raum, in dem Zeit und Realität verschwimmen.

Blankspace ist ein leises, persönliches Larp. Es geht nicht um große Szenen, sondern um kleine, persönliche Geschichten. Ein Großteil des Spiels basiert auf der Konfrontation mit sich selbst. Muster werden wiederholt, Schatten der Vergangenheit kommen auf und man muss sich entscheiden, ob man ihnen erliegt oder sich ihnen stellen will.
Dennoch bietet das weitläufige Raumschiff viele Möglichkeiten für Interaktionen und Begegnungen.
Das ganze Spiel erinnert an Sci-Fi-Filme wie Solaris und fühlt sich an wie eine der guten Folgen von Doctor Who, in welchen zwar eine Gefahr lauert, diese jedoch nur sehr schwer greifbar ist und es schließlich doch mehr um die menschliche Natur als das “Monster der Woche” geht. Das Monster, welches durch die Gänge streift, wird kaum gesehen, doch die Angst ist allgegenwärtig. Doch ist es das Monster oder die eigenen Gedanken?
Das Design setzt auf “Personal Horror”, also eher psychologischen, persönlichen Horror. In meiner Erfahrung zeigte sich das eher in einer Stimmung der Anspannung und Unbehagen, weniger im Grusel. Und wie so oft im Larp: Wir machen unseren Horror selber. Es wird dazu angehalten, auch mal alleine durch die dunklen Gänge zu streifen und nicht auf Rätseljagd zu gehen, sondern die Stimmung wirken lassen.
Mechaniken
Die Spielweise kann als modern beziehungsweise Nordic Larp-inspiriert bezeichnet werden. Wie in solchen Larps üblich, gibt es ein ausführliches Designdokument und Workshops im Vorfeld. Blankspace nutzte dafür den kompletten Freitag – gespielt wurde Freitagabend und Samstag durch.

Die Workshops waren länger als gewohnt, versuchten jedoch sehr ausführlich die Vision des Larps den Spielenden näherzubringen. Von Dingen wie einer ausführlichen Tour durch die Örtlichkeiten zu Charakterkalibrierung und Input zu den verschiedenen Mechaniken war alles dabei.
Blankspace versuchte von großen Szenen, in denen eine Person viel Fokus zieht, wegzukommen und zu ermutigen, in kleinen Gruppen – oder allein – zu spielen. Um dennoch mitzubekommen, was im Spiel passiert und entsprechenden Input geben zu können, setzt die Spielleitung KI-Psycholog*innen als NSCs und Überwachungskameras im Spielbereich ein.
Viele der Mechaniken sind auf Charakterentwicklung ausgelegt. Neben den schon erwähnten Schattenbeziehungen gibt es beispielsweise eine Zeitzelle, in welche Leute gesteckt werden können, in deren Inneren sie die Zeit viel langsamer erleben als außerhalb. So können andere bestraft, aber eben auch charakterliche Veränderungen schneller angekurbelt werden.

Auch das anfangs erwähnte Monster ist ein definierender Teil des Spiels. Dieses darf nicht direkt angeschaut werden und reagiert auf laute Töne. Der Ansatz hierbei ist magischer Realismus: Es wird also keine Erklärung gesucht, sondern die Effekte hingenommen und die Konsequenzen bespielt.
Eine Begegnung mit dem Monster führt zu einer grundlegenden Veränderung des Charakters. Nicht selten könnten diese Treffen gegen Ende des Spiels mit einem Suizid enden. Ein heikles Thema, welches in vielen Larps umgangen wird; die gewählte Mechanik machte es jedoch sicherer und spielbar. So wird symbolisch ein Artwork des Charakters zerrissen und auf detaillierte Darstellung verzichtet.
Die Mechaniken sind alles in allem für ein narratives, charaktergetriebenes Spiel zwar viele, jedoch intuitiv gut verständlich und darauf ausgelegt, die spezifische Spielvision zu erreichen, welche auch gelingt.
Persönliches Erlebnis

Ich bin von der Warteliste zwei Wochen vor dem Spiel mit einem Nachrückcharakter hineingerutscht. Es hat dennoch perfekt funktioniert, ohne große Auswahl oder Vorbereitung, was für mich immer für ein Spiel spricht.
Mit dem Archetyp “Cupid”, war mein Spielfokus Beziehungsspiel: Ich war ein Schiffskoch, der andere verkuppelt und in den Beziehungen von anderen aufgeht, während er seine eigene polyamore Beziehung zu navigieren versucht. Irgendwann musste er sich mit der eigenen Einsamkeit konfrontieren oder versuchen, an seinen alten Prinzipien festzuhalten.
Ein intensives und emotionales Erlebnis – das Design des Spiels hielt, was es versprach und die Mechaniken funktionierten gut und durchdacht. Die internationale Spieler*innenschaft hatte die Vision schnell und gut verstanden und man fand trotz aller Abstraktion schnell in die Spielstimmung.
Als Spieler, der sonst sehr auf zwischenmenschliches Spiel angewiesen ist, war ich erstaunt, wie gut es ging, auch mal alleine zu sein und nur mit mir selbst zu spielen.
Fazit
Blankspace ist eine feinfühlige, düstere Reise in menschliche Abgründe. Man könnte das Larp als etwas überentwickelt bezeichnen, aber alles in allem war es ein wundervolles Spiel, welchem man die viele Arbeit anmerkt, die in dessen Entwicklung gesteckt wurde. Gerade für einen ersten Run war es schon sehr ausgereift und funktionierte gut.

Eine große Empfehlung für alle, die Lust auf persönliches, leises Sci-Fi Spiel haben, welches sich durchdacht und immersiv mit der menschlichen Psyche auseinandersetzt. Weitere Runs sind in Planung.
Fotografien: (wo nicht anders angegeben) André Balzuweit
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Alexa Kasparek


















