In Kelly Barnhills neustem Roman When Women Were Dragons verwandeln sich plötzlich tausende Frauen in Drachinnen und verlassen ihre Freunde und Familien. Doch was wird aus denen, die zurückbleiben? Und wie geht die Welt mit so einem unglaublichen Phänomen um?
Alexandra „Alex“ Green ist gerade einmal acht Jahre alt, als sich das große Drachenwandeln von 1955 in den USA ereignet. Plötzlich fehlt ein Teil ihrer Familie, nachdem sich ihre Tante Marla gewandelt hat. Schnell wird eines klar: Nicht nur ihre eigene Familie versucht das Ereignis unter allen Umständen zu vergessen, sondern über das gesamte Land wird ein Deckmantel des Schweigens gelegt. Das Wort Drachin ist tabu und wehe, wenn jemand zu viele Fragen stellt.
In dieser Welt wächst Alex heran und sieht sich immer wieder im Konflikt mit ihrer Familie, ihren Lehrer*innen und ihrer neuen Schwester Bea, die eigentlich ihre Cousine ist, auch wenn ihre Eltern etwas anderes behaupten. Und obwohl niemand über das Offensichtliche sprechen will, brodelt es in Alex, die verstehen möchte, warum sich niemand mit den Geschehnissen auseinander setzen will.
(Brust-)Krebserkrankung, Feuer, Tod eines Familienmitglieds, Sexismus, sexueller Missbrauch (nicht explizit beschrieben, aber erwähnt)
Story
In When Women Were Dragons werden die Lesenden in die Zeit der 50er und 60er Jahre der USA zurückkatapultiert. Das Internet gibt es noch nicht. Informationen fließen fast ausschließlich über Zeitungen, öffentliches Fernsehen und die lokale Gerüchteküche und werden entsprechend beeinflusst. Das Leben der Bevölkerung ist geprägt von patriarchalen Strukturen in der Familie und der Öffentlichkeit, sowie die Angst vor dem Kommunismus und generell vor zu viel Veränderung.
Für uns heute ist es daher kaum noch vorstellbar, dass so ein Großereignis, wie das gleichzeitige Verwandeln hunderttausender Frauen in Drachinnen, im ganzen Land einfach totgeschwiegen werden kann, doch genau das passiert in diesem Roman. Und es wird nicht nur nicht darüber gesprochen, sondern fast überall läuft anschließend das Leben normal weiter, obwohl Mütter, Schwestern, Tanten und Ehefrauen einfach verschwunden sind. Kaum einer stellt die Frage nach dem Warum und die, die es doch tun, werden aktiv von der Regierung zum Schweigen gebracht und ihrer Ämter oder Jobs enthoben.
Im Laufe des Romans verfolgen die Lesenden das Heranwachsen von Alex, einem jungen Mädchen aus einer Stadt in Wisconsin mitten in den USA. Sie lebt bei ihrer Mutter, die sich gerade erst von ihrer schweren Krankheit erholt und ihrem Vater, der sich lediglich als Versorger sieht und sonst nichts mit der Kindererziehung oder dem Familienleben zu tun haben will. Zu ihrer Tante Marla, der Schwester ihrer Mutter, hat sie jedoch von Beginn an ein besonderes Verhältnis, denn Marla ist ganz anders als ihre Mutter. Sie trägt Hosen statt Röcke, Stiefel statt Pumps und arbeitet als Mechanikerin in einer Werkstatt. Und sie ist es auch, die immer wieder bei Familienessen darauf aufmerksam macht, dass ihre Schwester eine talentierte Wissenschaftlerin der Mathematik war, bevor sie sich für das Leben als Hausfrau entschieden hat. Dies wird ein prägendes Motiv für Alex, welche das Talent ihrer Mutter für Zahlen geerbt hat und doch schnell feststellt, dass in ihrer Schule niemand Mädchen mag, die schlauer sind als Jungs. Nach immer wieder aufkommendem Druck aus den Reihen der Familie geht auch Marla eine Ehe ein und setzt ihre Tochter Bea in die Welt. Alex bemerkt schnell, wie sich ihre sonst so freiheitliebende Tante Stück für Stück verändert. Als dann der Tag kommt, an welchem sich die Frauen reihenweise erheben, ihnen Schuppen und Klauen wachsen, sie ihre Häuser abbrennen (und ihre Ehemänner teilweise gleich mit) und sich am Ende in die Lüfte schwingen, ist Alex wenig überrascht davon, dass Tante Marla weg ist. Ihre Mutter stellt Bea plötzlich als ihre Schwester vor und die Welt hat sich unwiederbringlich verändert.
Die Themen des Buches sind weitreichend. Angefangen von dem eindringlichen Gefühl des Aufwachsens eines jungen Mädchens gefangen in dem engen Korsett einer Familie der 50er und 60er Jahre über Wissenschaftsleugnung bis hin zu Sexismus und Queerfeindlichkeit ist alles dabei. Einige Themen werden stärker und direkter behandelt und manche eher zwischen den Zeilen, sodass die Lesenden eingeladen werden, sich selbst weitere Gedanken zu machen. Besonders hervorzuheben ist außerdem, dass die Autorin inklusiv gearbeitet hat und Frauen im Roman als weiblich gelesene Person definiert werden. So gibt es auch durchaus biologische Männer, welche sich in Drachinnen gewandelt haben und so den patriarchalen Strukturen entkommen wollen.
Schreibstil
When Women Were Dragons wird hauptsächlich aus der ersten Person und Sicht von Alex erzählt. Zwischendurch gibt es immer wieder Kapitel, welche Geschehnisse außerhalb des Einflusskreises der Protagonistin beschreiben und aus neutraler Sicht geschrieben sind. Desweiteren gibt es Abschnitte, die Zeitungsausschnitte, Gerichtsprotokolle oder wissenschaftliche Arbeiten zur Historie des Drachenwandelns wiedergeben. Dieser Mix beruht darauf, dass die gesamte Erzählung als Memoire der Protagonistin von ihr zusammengestellt wurde.
“Die wahrheitsgetreue Schilderung des Lebens von Alex Green – Physikerin, Professorin, Aktivistin, und doch ein Mensch. Sozusagen ein Memoire.“
Das Tempo des Romans ist dabei eher gemächlich und der Entwicklung von Alex wird viel Zeit gegeben. Im Mittelteil der Handlung sorgt dies für einige Längen, die jedoch am Ende den positiven Gesamteindruck nicht schmälern.
Obwohl When Women Were Dragons als Roman der phantastischen Literatur vermarktet wird, sind die phantastischen Elemente in Form der Drachen eher zurückhaltend eingebaut. Wer hier also ein Buch über Drachen erwartet, wird eher enttäuscht werden, denn vor allem in den ersten 2/3 des Buches kommen die phantastischen Wesen kaum vor. Viel präsenter ist das Genre des Coming-of-Age-Romans, welches das Erwachsenwerden der Protagonistin begleitet und von den Schwierigkeiten berichtet, die dies mit sich bringt. Hier geht es um die Gefühlswelt von Alex, ihre Schwierigkeiten im Elternhaus und bei der Erziehung ihrer Schwester, für die sie schon in jungen Jahren verantwortlich ist. Erst im letzten Drittel des Buches bekommen die Drachinnen mehr Raum und die Lesenden erfahren Hintergründe zum Drachenwandeln selbst. Das Buch kann ebenfalls als Parabel gesehen werden und die Drachinnen als stilistisches Mittel für das Erwachen der unterdrückten Weiblichkeit, welche sich Bahn bricht und das Verleugnen dieser Veränderung in der breiten Masse der Bevölkerung.
Das Wort „Drachinnen“ ist in der Übersetzung des Romans dabei eine interessante Wortwahl um deutlich zu machen, dass alle in der Erzählung gewandelten Drachen weiblich gelesenen Geschlechts sind. Generell ist die Übersetzung sehr gut und stimmig gelungen. Isabelle Gore beweist hier als Übersetzerin ein Händchen für eine gute Wortwahl.
Die Autorin
Die Autorin Kelly Barnhill lebt in den Vereinigten Staaten und ist vielfach prämiert, unter anderem mit dem World Fantasy Award und der John Newbery Medal. Letztere bekam sie für ihr Buch Das Mädchen, das den Mond trank, welches in Deutschland zu ihren bekanntesten Werken zählt. Auf ihrer Website informiert sie über aktuelle Projekte.
Erscheinungsbild
Das Cover der deutschen Ausgabe entsprich dem der englischen Originalausgabe und wurde lediglich um die deutsche Übersetzung des Untertitels ergänzt. Optisch passt es wunderbar zum Inhalt des Buches. Durch die satten Grüntöne und floralen Elemente ist es ein Hingucker und aufmerksame Betrachter*innen werden die eingewobenen Drachenelemente wahrnehmen. Wie beim Verlag Cross Cult mittlerweile üblich, ist zeitlich mit der als Rezensionsexemplar vorliegenden Taschenbuchausgabe ebenfalls eine Hardcover-Schmuckausgabe in limitierter Auflage erschienen, welche optisch durch einen passenden Farbschnitt aufgewertet wird.
Der positive Gesamteindruck setzt sich im Inneren des Buches fort. Hier sind die Kapitelnummern durch ansprechende Grafikelemente im Drachendesign abgehoben. Die eingeschobenen wissenschaftlichen Artikel der Drachinnenforschung sind ebenfalls optisch in kursiver Schrift hervorgehoben und damit gut vom erzählerischen Inhalt des Romans zu unterscheiden.
- Verlag: Cross Cult Entertainment
- Autorin: Kelly Barnhill
- Erscheinungsdatum: 04.11.2024
- Sprache: Deutsch (Aus dem Amerikanischen Englisch übersetzt von Isabelle Gore)
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 486
- ISBN: 978-3986666484
- Preis: 18 EUR (Print Taschenbuch) + 26 EUR (Print Hardcover) + 12,99 EUR (E-Book)
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Bezugsquelle Fachhandel, Amazon(deutsche Übersetzung), Amazon (englisches Original)
Bonus/Downloadcontent
In der Taschenbuchausgabe von When Women Were Dragons sind keine Extras enthalten, wohingegen die Schmuckausgabe zusätzlich zum angepassten Farbschnitt im Hardcover noch ein Lesebändchen und einen limitierten Print im Design des Buches enthält.
Fazit
Mit When Women Were Dragons hat die Autorin Kelly Barnhill ein feuriges Werk der feministischen Phantastikliteratur geschaffen. Die junge Alex wächst nicht nur in der patriarchal geprägten Welt des Amerikas der 50er-Jahre auf, sondern muss sich auch noch damit auseinander setzen, dass sich tausende unterdrückte Frauen zu Drachinnen gewandelt und ihre Familien verlassen haben. Darüber hinaus wird dieses Ereignis von allen Seiten totgeschwiegen und sie muss nach und nach die Verantwortung für die jüngere Bea und sich selbst übernehmen.
Die Kombination aus feministischer Parabel, Coming-of-Age-Roman und den phantastischen Elementen der Drachinnen ist durchweg unterhaltend und spannend geschrieben. Man lernt Alex und ihre Neugierde in jungen Jahren kennen und begleitet sie beim Aufwachsen. Hinzu kommen immer wieder Informationsbrocken zu den Ereignissen des Drachenwandelns. Der Roman thematisiert nicht nur ungleiche Strukturen in Familien oder auf der Arbeit, sondern klagt auch die Unterdrückung der Frauen über Jahre und Jahrhunderte hinweg an.
Als Einzelband ist das Buch in sich abgeschlossen und vor allem für Lesende zu empfehlen, die keine komplexe phantastische Geschichte erwarten, sondern eher eine Parabel über Feminismus im Fantasygewand lesen möchten.

- Wichtige Themen im Bereich Feminismus
- Regt zum Nachdenken an
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Kombination aus Phantastik und Coming-of-Age-Roman
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In der Mitte einige Längen
Artikelbilder: © Cross Cult
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Sabrina Plote
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