Geschätzte Lesezeit: 12 Minuten

Die Dark Crisis soll bei DC jetzt einen Schlussstrich ziehen und das ewige Hin und Her der seit 2011 andauernden firmenweiten Events, Krisen und Reboots beenden. Mit Beast World führt uns Panini danach in den neuen Status Quo der DC-Welt ein. Klappen diesmal ein wirklicher Abschluss und ein Neueinstieg?

Nach Jahrzehnten dramatischer Höhepunkte und kosmischer Zerstörungen steht die Welt der DC-Comics erneut vor entscheidenden Wendepunkten. Während in Dark Crisis die Schatten vergangener Krisen zurückkehren und eine neue Generation junger Held*innen die Verantwortung übernimmt, zeigt das Folge-Event Titans 3 – Beast World 2, wie schnell diese neue Ära bereits auf die Probe gestellt wird. Dabei werden bekannte und neue Held*innen vor Herausforderungen gestellt, die nicht nur ihre Kräfte, sondern auch ihre Identität und Zusammengehörigkeit auf die Probe stellen.

Triggerwarnungen

Gewalt, Gehirnwäsche, Trauma

[Einklappen]

Dark Crisis

Die Dark Crisis ist das neuste Großevent der DC-Comics, das die gesamte fiktive Welt erschüttert. Ein Superschurke, Pariah, ist von einer uralten bösen Macht besessen und hat die mächtigsten Schurken des DC-Universums in Besitz genommen. Mit ihnen besiegt er die Justice League und droht, das gesamte Multiversum in ewige Dunkelheit zu stürzen. Nun muss die nächste Generation, die Schüler*innen, Kinder und Helfer*innen der großen Held*innen, aus deren Schatten hervortreten und für die Zukunft von allem in den Kampf ziehen.

Die Geschichte der Dark Crisis beginnt tief in der Vergangenheit des DC-Verlags versteckt. 1985 tat DC etwas bis dahin Unerhörtes und veröffentlichte Crisis on Infinite Earths. Die erste Crisis war nicht das allererste Großevent, aber in seinen Ausmaßen und Auswirkungen unerreicht. Bis dahin bestand die fiktive DC-Welt aus einem Multiversum mit vielen parallelen Welten. Die Event-Tagline „Worlds will die. Worlds will live. And the universe will never be the same“ wurde vollends eingehalten. Von den unendlichen Welten des Multiversums kamen nicht nur mehr in dem Event vor, als man denken würde, letztendlich wurden sie auch alle vernichtet – nur eine überlebte. Die „New Earth“ war danach die einzige Welt, die mit einem Komplett-Reboot neu startete und auf der seitdem alle DC-Comics spielten, was einen nie zuvor dagewesenen harten Einschnitt darstellte.

Die Dark Crisis verbindet symbolisch die DC-Ären. © Panini Comics

Erst 20 Jahre später wurde in der Infinite Crisis das Multiversum in begrenzter Form wiederhergestellt: Nun gab es genau 52 Realitäten. In vielerlei Hinsicht bleibt die ursprüngliche Crisis aber unerreicht. So meisterhaft wie George Perez die Massenszenen, teils fast schon Wimmelsuchbilder, darstellte, hat es seither kaum wer geschafft. Der Schockfaktor, dass alles Bekannte zerstört wird und die Welt neu anfängt, ist heute nicht mehr so groß, da so etwas normal geworden ist. Die Geschichte ist aber trotzdem im besten Sinne episch, mit legendären Momenten wie dem sich rot färbenden Himmel, Welten, die vom Nichts verschlungen werden, Flashs letztem Lauf, dem Tod von Supergirls, Spectre, der die Hand der Schöpfung ergreift, und einigen mehr. Der Anti-Monitor war als Gegner vielleicht simpel, aber seine omnizidale Geradlinigkeit verlieh ihm im Kontext der Geschichte eine geradezu mythische Qualität. In vielerlei Hinsicht legt die Crisis on Infinite Earths bis heute den Maßstab und den Goldstandard für Großevents.

Mit Pariah begann alles… endet es auch mit ihm? © Panini Comics

Und daran will DC mit der Dark Crisis anknüpfen. Mitten in der Veröffentlichung der US-Reihe wurde sogar verlautet, dass Dark Crisis gar nicht der wahre Titel ist… sondern Dark Crisis on Infinite Earths. Nun ja. Abgesehen von solchen Werbegags werden hier zwei Nebenaspekte der ursprünglichen Reihe in den Mittelpunkt gestellt. Pariah war ein Wissenschaftler, der in seiner Hubris die Ereignisse der ersten Crisis in Gang setzte und von Schuldgefühlen geplagt ist. Die Große Dunkelheit war das dunkle Nichts, das vor der Schöpfung existierte. Die unendliche Zerstörung während der ersten Crisis weckte sie auf und parallel zu dem Event wurde sie in Swamp Thing des legendären Autors Alan Moore aufgehalten. Mittlerweile hat die Große Dunkelheit allerdings Pariahs Schuldgefühle ausgenutzt und ihn in Besitz genommen. Durch die Macht der Dunkelheit vor der Schöpfung will er seine Schuld wiedergutmachen und das zerstörte Multiversum wieder zum Leben erwecken. Tatsächlich ist sein Plan aber fehlgeleitet und die neuen Dimensionen werden das Multiversum überlasten, bis es kollabiert – und wieder nichts als ewige Dunkelheit ist. Durch die ewige Dunkelheit hat Pariah eine Armee der Finsternis an sich gekettet, die aus den mächtigsten bösen Wesen besteht. Ares, der Gott des Krieges, Nekron, der Tod selbst, Neron, der Herr der Hölle, Eclipso, die Rache Gottes, Doomsday, der Superman tötete, und Darkseid, das platonische Ideal des Bösen selbst, gehören alle dazu. In ihrer ersten Konfrontation kann die Armee der Finsternis die Justice League und die größten Helden des Multiversums besiegen. Übrig bleibt allein Black Adam, der zynische Anti-Held.

Auf der Erde versucht daher die nächste Generation, eine neue Justice League zu bilden und die Erde zu verteidigen. Supermans Sohn Jon Kent, Supergirl, Killer Frost, Robin, Harley Quinn, Blue Beetle, Aqualad und Frankensteins Monster meinen es vielleicht gut, aber nicht nur Black Adam zweifelt, ob sie in die großen Fußstapfen treten können, selbst mithilfe der Titans und der Justice Society. Der ewig zwischen den Fronten stehende Antiheld Black Adam sucht daher Lex Luthor auf, um dessen Legion of Doom zum Schutz aller Existenz zu vereinigen. Während die kosmische Bedrohung von Pariah alles bedroht, richten aber Deathstroke und seine Secret Society of Supervillains Verwüstungen auf der ganzen Erde an.

Deathstrokes Secret Society schlägt zu. © Panini Comics

Bei der Dark Crisis wird also nicht gekleckert, sondern geklotzt – und noch eine Nummer größer. Hier spielen alle bekannten (und ein paar weniger bekannte) Teams, Held*innen, Schurk*innen, mit, egal wie obskur, bis in die höchsten Ränge kosmischer Wesenheiten, die über Göttern stehen. Event-typisch sind zwar nur wenige Figuren wirklich relevant und die meisten dienen, zynisch gesagt, hauptsächlich zum Auffüllen von Massenszenen oder um ein paar Stichwörter zu geben. Der Einstieg ist trotzdem nicht leicht, und um alles verstehen und einordnen zu können, wird einiges an Vorwissen benötigt.

Alles und jede*n in einen Topf zu werfen, macht es auch nicht automatisch episch. In der eigentlichen Geschichte schneidet Dark Crisis zufriedenstellend ab. Natürlich gibt es, wie bei jedem modernen Comic-Event, zusätzliche Sonder- und Nebenbände, die die Geschichte weiter ausbauen. Die eigentliche Geschichte funktioniert aber ganz gut. Teilweise gibt es überraschende Zeitsprünge, dann wird es vor allem zum Ende arg pathetisch, aber die Geschichte bleibt im guten Durchschnitt des Genres. Im Rückblick fällt stark auf, wie sehr Black Adam damals gepusht wurde. Die Geschichte wurde geschrieben, bevor der Kinofilm floppte und Dwayne Johnson noch dachte, er würde sich zum neuen Gesicht von DC machen.

Pariahs Plan funktioniert nicht wie gedacht. © Panini Comics

Daniel Sampere bildet die Geschichte dabei in handwerklich gut gemachten Zeichnungen ab. Sein moderner, digital kolorierter Zeichenstil passt gut zur Geschichte und bleibt grundlegend realistisch, aber dabei in einem angenehm-comichaften Bereich. Dramatische Splash-Pages und große Kampfszenen dürfen nicht fehlen und sind auch beeindruckend dargestellt. Alles in allem ein guter, passender Zeichner, der aber auch nicht sonderlich überrascht oder Konventionen sprengt.

Das Leitmotiv der Dark Crisis wird durch die private Rivalität von Nightwing und Deathstroke symbolisiert. Nightwing war früher der erste Robin und steht für die junge Generation, die ihre Zeit gekommen sieht und hoffnungsvoll die Welt retten will. Deathstroke ist, nicht nur symbolisch, die alte Generation, die den Glauben an alles verloren hat und lieber die Welt brennen sieht, als sie aus der Hand zu geben. Das ist eine starke Metapher, die auch bewusst für den Zustand von DC Comics selbst genutzt wird. Seit dem New52-Reboot von 2011 agiert DC kopflos. Das Reboot damals warf aggressiv das vorherige über den Haufen und konzentrierte sich auf die Wiederbelebung des düsteren Edgelord-Styles der 90er (der damals schon die gesamte Industrie zum Kollabieren brachte). Seitdem versucht DC hektisch eine Kurskorrektur nach der anderen, aber egal ob Rebirth oder Infinite Frontier, nichts griff wirklich, spaltete die Fangemeinde immer mehr und verwandelte die Kontinuität in einen wirren Scherbenhaufen. Ein besonders relevantes Beispiel dafür ist Pariahs Motivation, die Realitäten wiederherzustellen, die in der ersten Crisis 1985 vernichtet wurden. Ein solider Aufhänger – nur, dass das bereits 2016 im Convergence-Event geschah. Und, weil das gleich jeder vergaß, in Generations 2020 gleich nochmal. Und 2021 in Dark Knights: Death Metal. Dark Crisis ist also das vierte Mal, das die in der Crisis vernichteten Realitäten wiederkamen. Und symptomatisch für den Zustand bei DC, bei dem die linke Hand nicht weiß, was die Rechte tut.

Die Schlachten nehmen epische Ausmaße an. © Panini Comics

Die Dark Crisis nimmt das als Vorlage. In ihr wird ein Bogen geschlagen, der auf die Gesamtheit aller DC-Geschichten von Anfang an zurückgreift. Nicht, um sie alle zu Kanon zu machen und ein Paradies für Continuity-Nerds zu erzeugen. Sondern, um aus den Kernkonzepten der 87 Jahre DC-Comics eine stabile, thematische Grundlage zu erzeugen, auf der konsistente, gemeinsame Geschichten erzählt werden können. Das erinnert stark an Grant Morrisons legendären Batman-Run von 2006-11, der auf ähnliche Art das Beste aus allen Batman-Comics destillierte. Damit soll auch die Zersplitterung der Fangemeinde, der alten und neuen Leser*innen überkommen werden.

Ist die Dark Crisis nun zu empfehlen? Das ist nicht einfach zu beantworten. Die Geschichte ist ansprechend erzählt und hat einige dramatisch-epische Momente. Teils, vor allem gegen Ende, wird sie aber etwas melodramatisch bis kitschig. Der Kernaufhänger, der Generationenkonflikt mit den jungen Helden, die ihre Chance nutzen wollen, ist passend gewählt, aber insgesamt droht an zu vielen Stellen der Continuity-Lockout. Wer sich im DC-Universum gut auskennt, kann die Wertung um eine Stufe erhöhen, besonders wenn die Hintergründe im Verlag bekannt sind.

© DC Comics

Wer sich nicht so auskennt, aber den Sprung ins kalte Wasser wagt, bekommt für die 35 EUR immerhin einen massigen, wertigen Band, der eine durchaus epische Superheld*innengeschichte erzählt. An die Original-Crisis kommt die Dark Crisis zwar nicht heran, aber es kann ja nicht alles ein bahnbrechendes Meisterwerk sein. Immerhin hat sie den Weg für Dawn of DC geöffnet, der großartigsten DC-Ära seit fünfzehn Jahren.

Die harten Fakten

  • Autor*in(nen): Joshua Williamson
  • Zeichner*in(nen): Daniel Sampere, Jim Cheung, Rafa Sandoval
  • Seitenanzahl: 320
  • Preis: 35 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Panini, Amazon

 

Titans 3 – Beast World 2

Beast World ist das erste größere Event nach der Dark Crisis. Die ehemaligen Teen Titans Nightwing, Wonder Girl, Starfire, Raven, Cyborg, Kid Flash und Beast Boy sind erwachsen und haben als Titans das Erbe der Justice League angetreten. In Beast World sehen sie sich ihrem ersten Event gegenüber. Einer der Erzfeinde der Justice League ist Starro der Eroberer, ein gigantisches, seesternartiges Alienmonster, das durch die Tiefen des Alls treibt und mit seinen Sporen ganze Planeten infiziert. Dieses Mal ist es allerdings nicht Starro selbst, das die Erde bedroht, sondern ein anderes Exemplar seiner lovecraftesquen Alienspezies, der Necrostern. Um ihn zu besiegen, verwandelt sich Beast Boy, einer der Titans, in das einzige, was ihm Paroli bieten kann: einen anderen Necrostern. Der ursprüngliche Angreifer kann zwar besiegt werden, Beast Boy wird aber von der Aliennatur seines neuen Körpers überwältigt, verliert seinen Geist und stößt selbst Sporen aus. Beast Boys Sporen übernehmen aber nicht nur ihre Wirtskörper, sondern verwandeln ihre Opfer dazu in Tiermensch-Hybriden, die Amok laufen.

Bobo/Detective Chimp ist natürlich nicht infiziert, sondern bloß ein hyperintelligenter Schimpanse, seit er vom Jungbrunnen trank. © Panini Comics

Die Titans müssen aber nicht nur verhindern, dass einer der ihren unwillentlich die Welt übernimmt. Die Handlungsfäden aus den vorherigen Heften werden weitergeführt, allen voran der um Brother Blood, den Kultführer der „Kirche der Ewigkeit“. Er scheint nicht nur eine geheimnisvolle Verbindung zum Necrostern, sondern auch zur Alienprinzessin Starfire zu haben. Im Hintergrund zieht außerdem Amanda Waller die Fäden. Mit Peacemaker, ihrem Mann fürs Grobe, spielt die skrupellose Geheimdienstleiterin bis jetzt in fast allen der Dawn of DC Reihen eine Rolle. In Beast World stellt sich besonders die Frage, wie die machtgierige Waller die Situation ausnutzen will. Gutes hat sie für die Held*innen bestimmt nicht im Sinn.

Neben der Hauptgeschichte gibt es noch zwei Nebengeschichten, die zeigen, wie Flash und Green Arrow auf die Tiermenscheninfektion reagieren. Über alle Geschichten lässt sich sagen, dass sie gute Superheld*innengeschichten sind. Im Vergleich zum Anfang der Titans-Reihe ist dieser Band, naturgemäß als Event, weniger charakter- und mehr actionlastig. Die Flash-Geschichte ist witziger und ist entsprechend sehr cartoonhaft-stilisiert gezeichnet. Die Green-Arrow-Geschichte hat einen emotionaleren Unterton, da der Held dort mit seinem verfremdeten Sohn zu tun hat. Interessanterweise ist sie in der ersten Hälfte, die sich auf Green Arrow konzentriert, eher realistisch, mit viel Details und Schattierung gezeichnet. Die zweite Hälfte, in der Arrows Sohn Connor Hawke die Führung übernimmt, ist sehr bunt und kantig gezeichnet.

In Wallers Auftrag erklärt ihr Ministerium die Titans zum Feind. © Panini Comics

Wie gut vor allem der zweite Stil passt, ist Ansichtssache, auf jeden Fall ist es eine nette Art, die Geschichte stilistisch zu unterstützen. Travis Moore zeichnet die Hauptgeschichte ähnlich wie Nicola Scott die vorherigen Titans-Abenteuer: Realistisch und detailliert, allerdings etwas stilisierter und mit flacheren Farben.

Schade ist, dass Titans 3 – Beast World 2 unter dem verbreiteten Problem von Comic-Events leidet: einem schwachen, plötzlichen Ende und einem auffälligen Deus Ex Machina. Bei Beast World passt das Ende zwar nicht ganz zum Spannungsbogen, inhaltlich macht es auf seine Art aber doch Sinn und führt geradewegs in den nächsten Storybogen hinein.

Insgesamt ist Titans 3 – Beast World 2 ein durchschnittliches Event und ein durchschnittlicher Comic. Es begeht keine größeren Fehler und kann während des Lesens nett unterhalten. Wer also nur etwas zum Lesen sucht oder die Titans mag, kann hier ohne größere Bedenken zugreifen. Es wird aber auch nichts sein, an das man Jahre später zurückdenkt, wie etwa an die Dark Crisis, die mit durch ihre geballte kosmische Starpower im Gedächtnis bleibt.

© Panini Comics

Die harten Fakten

  • Autor*in(nen): Si Spurrier, Joshua Williamson, Tom Taylor
  • Zeichner*in(nen): Lucas Meyer, Jamal Campbell, Scott Koblish, Travis Moore
  • Seitenanzahl: 200
  • Preis: 25 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini

 

Artikelbilder: © Panini Comics; DC Comics
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Alexa Kasparek
Fotografien: Paul Menkel
Diese Produkte wurden kostenlos zur Verfügung gestellt.

Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein