Die Krakoa-Ära ist vorbei. Der Traum von Xavier ist gescheitert. Doch die X-Men machen weiter. In Alaska baut Cyclops ein neues Team in einer Sentinel-Fabrik auf und in Louisiana sammelt Rogue ein paar der beliebtesten Mutanten, um junge Helden zu trainieren.
Als großer X-Men-Fan hat man in den letzten Jahren einiges erleben können: Auf einen phänomenalen Neustart folgen ein paar mittelmäßige Events und Feierlichkeiten. Zuletzt wurde der ganze Status beendet und die Mutanten verteilten sich überall auf der Welt. Dennoch bleibt etwas zurück: Xaviers Traum von einem Nebeneinander zwischen Menschen und Mutanten war möglich, wenn auch nur für kurze Zeit. Nun müssen sich die Überbleibsel seiner Schüler wieder sammeln und neue Strukturen aufbauen. Die bekanntesten Figuren sammeln sich entweder um Cyclops oder um Rogue. Andere Figuren gingen ihren eigenen Weg: Storm in die Politik, Kate Pryde ins Privatleben. Wir schauen uns aber die Abenteuer der beiden großen Teams an – diesmal nicht in Gold und Blau, sondern unter den klassischen Namen X-Men und Uncanny X-Men.
Gewalt, Kindestod
X-Men #1 – Auferstanden aus der Asche
Cyclops, Beast und Magneto haben im Krieg gegen Orchis eine alte Sentinel-Fabrik in Alaska eingenommen. Weit weg von der Zivilisation ist dies ein guter Ort, um erneut zu starten und sich einiger Probleme anzunehmen, die sich auf der Welt häufen: Neue Mutanten erscheinen und verursachen Chaos. Doch es stellt sich schnell heraus, dass diese Mutanten künstlich geschaffen wurden. Eine geheime Organisation, zu der auch Cassandra Nova gehört, führt Experimente an Menschen durch und aktiviert so ihr X-Gen, wodurch diese Menschen Kräfte entwickeln. Zum Glück hat Cyclops ein gutes Team um sich geschart: Juggernaut, Magik, Psylocke (Kwannon) und Quentin Quire sowie die junge Temper, welche den meisten wohl als Oya bekannt ist. Diese Leute haben Durchschlagskraft, aber sind auch schwer zu kontrollieren. Jeder Charakter hat seine eigenen Probleme, welche die Missionen gefährden könnten. Beast hat damit zu kämpfen, dass er nur eine Kopie des originalen Beast ist, der sich zum Schurken entwickelte, und Magneto verliert langsam die Kontrolle über seine Kräfte.
Sind inzwischen nicht alle Geschichten auserzählt?
Es tut der Geschichte gut, dass ein Fokus auf die unterschiedlichen Figuren gelegt wird. Die meisten sind eher Antihelden als strahlende Ritter. Dabei entwickelt sich gerade zwischen unterschiedlichen Charakteren eine spannende Reibung. Das Grundschema ist aber altbekannt: In einer Welt, in der sie gefürchtet werden, versucht eine Gruppe Mutanten, Gefahren zu bekämpfen und Leben zu beschützen. Das Neue hier ist, dass die Figuren, welche die Kontrolle über ihre Fähigkeiten verlieren, künstlich geschaffen wurden. So spinnt sich gleichzeitig ein Plot darum, wer hier die Fäden zieht und was damit bezweckt wird.
Leider schafft es dieser Band noch nicht, einen sinnvollen Abschluss zu finden, wodurch sowohl die Charakterentwicklungen als auch die Meta-Handlung auf der Strecke bleiben. Dieser Comic ist ganz klar der Auftakt zu einer längeren Saga, die sich erst noch entfalten muss. Trotz der interessanten Grundprämisse springt der Funke aber noch nicht ganz über. Das mag zum einen daran liegen, dass der Comic etwas übertrieben cool daherkommt. Gleichzeitig wirkt Cyclops optisch wie ein junger Mann, was hier unpassend erscheint. Die Zeichnungen sind kantig und die Action ist hart. Dabei verschwimmen die Zwischentöne, welche die Handlung auf den Boden holt. Dem Team fehlt auch ein ausgleichender Faktor, so dass man nur erwarten kann, wie es früher oder später knallen wird. Glob hat eine Nebenrolle als Koch, der solch ein Faktor im Team sein könnte. Er hat hier aber noch eine sehr untergeordnete Rolle.
Der Comic versucht einiges anderes zu machen und repräsentiert dabei eher die härteren Antihelden-Truppen der unzähligen X-Men-Titel. Dennoch ist er dabei nicht so kreativ und mutig, dass wirklich etwas ganz Neues erzählt wird. So wird die Reihe zwar Lesende finden, aber sollte möglichst einen Zahn zulegen, um langfristig das Interesse bewahren zu können.
Die harten Fakten
- Verlag: Panini Comics
- Autor*in: Jed MacKay
- Zeichner*innen: Netho Diaz, Ryan Stegman
- Seitenanzahl: 168
- Preis: 22 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini
Uncanny X-Men #1 – Geballte Mutanten-Power
Rogue und Gambit wollen eigentlich ihr Eheleben genießen: garniert mit ein paar Abenteuern, aber im Grunde ruhig. Sie werden in ein Krankenhaus eingeladen, zu einem sterbenskranken Jungen, der ein riesiger X-Men-Fan ist. Zusammen mit Nightcrawler und Wolverine machen sie ihm eine Freude, als dieser plötzlich stirbt. Rogue hält kurz vor seinem Tod dessen Hand und erfährt von einer Gruppe junger Mutanten, die Hilfe benötigen, bei denen aber einer der Endling ist, der vermutlich letzte Mutant, der alle anderen verraten wird. Parallel dazu erfahren wir durch Jubilee, dass Xaviers Schule für begabte Jugendliche von einer Frau namens Doctor Corina Ellis aufgekauft und zu einem Gefängnis für Mutanten umgebaut wird. Sie arbeitet zusammen mit der Hag, einem hexenartigen Monster, das für sie Mutanten fängt.
Diese Team-Konstellation hat Herz und Verstand. Eine Truppe, die an X-Men 97 erinnert und vier Jugendliche, die mit ihren Fähigkeiten überfordert sind: Deathdream, ein Junge der bewusst zwischen Tod und Leben wechseln kann und so mit den Toten in Kontakt kommen kann. Calico, eine Pferdenärrin, die eine tiefe Verbindung zu ihrem Pferd Ember hat und sich mit ihr in eine Art Feuerwalküre verwandeln kann. Dazu noch die stotternde Jitter, die in der Lage ist, jede Fähigkeit für einer Minute zu beherrschen und Ransom, der kein Herz hat, dafür aber ein schwarzes Loch, durch das er Energie absorbieren und nutzen kann. Diese Charaktere sind nicht absolut außergewöhnlich und ähneln dabei schon bekannten Figuren. Sie sind aber interessant genug geschrieben, dass man mehr über sie erfahren möchte.
Gut geschrieben ist die halbe Miete
Gail Simone ist die erste Autorin, die für die Uncanny X-Men verantwortlich ist. Bekannt ist sie zum Beispiel für ihre Birds of Prey-Serie oder die letzte Miniserie von Jessica Jones. Sie schafft hier einen guten Ausgleich sowohl zwischen Charakterfokus als auch einem übergeordneten Handlungsfaden. Einzig die Rückblenden zu Xaviers Studienzeit wirken etwas fehlplatziert, bilden aber die Grundlage für die Geschehnisse um die Hag. Die Zeichnungen sind solide und können vor allem durch gute Bild-Komposition überzeugen. Die Kolorierung ist dagegen etwas eintönig und wirkt nur in düsteren Szenen sehr atmosphärisch. Durch die gruselige Hag, die direkt einem Horrorfilm entsprungen sein könnte, gibt es auch einige von diesen Szenen.
Im Großen und Ganzen ist der Comic ein gelungener Auftakt, der zwar noch nicht groß überraschen kann und viele alte Klischees bedient, dies aber so herzlich macht, dass man gleichermaßen Spaß daran hat, alte Lieblinge miteinander interagieren zu sehen, als auch die neuen Charaktere ins Herz zu schließen. Das Rätselraten um den Endling macht die Beschäftigung mit diesen Figuren besonders interessant, so dass jede*r vermutlich einen anderen Favoriten haben wird.
Die harten Fakten
- Verlag: Panini Comics
- Autor*in: Gail Simone
- Zeichner*in: David Márquez
- Seitenanzahl: 168
- Preis: 22 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini
Artikelbilder: © Panini Comics, Marvel
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Alexa Kasparek
Diese Produkte wurden kostenlos zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf bei unseren Partnern unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.




















