Momentan erscheinen so viele interessante Marvel-Comics, dass wir euch zwei weitere vorstellen wollen: In einem trifft Jessica Jones auf Varianten aus dem Multiverse, im anderen leben die Skrulls direkt in der Nachbarschaft und versuchen neben einer Secret Invasion, ein ganz normales Leben zu führen.
Nachdem wir uns im letzten Monat mit den vielen Mutanten-Veröffentlichungen und dem Event X.E. Tag der Entscheidung beschäftigt haben, schauen wir diesen Monat auf zwei eher kleine Publikationen aus dem Haus Marvel. Es ist fast drei Jahre her als der letzte Jessica Jones-Comic erschienen ist. In der Neuerscheinung jährt sich der Tag, an dem sie von Zebediah Killgrave, dem Purple Man, terrorisiert wurde, zum zehnten Mal, und in ihr formt sich die Angst, dass er damals einen Trigger genau für diesen Tag in ihrem Kopf hinterlassen hat. Doch dann tauchen plötzlich die unterschiedlichsten Varianten ihrer selbst auf. Der zweite Comic ist ein Band ganz ohne bekannte Hauptfiguren, der in den USA schon vor vier Jahren erschienen ist und es erst jetzt nach Deutschland geschafft hat. Die Verbindung zur kommenden Serie Secret Invasion ist da nur förderlich. Anstatt der großen Helden folgen wir in dem Comic einer Familie von Skrulls, welche die Gesellschaft seit Jahren unterwandert hat und gemeinsam als Spione unterwegs sind. Doch die Tochter Alice, welche auf der Erde sozialisiert wurde, verhält sich immer weniger wie ein Skrull und gerät in einen echten Konflikt zwischen den Welten.
Vergewaltigung, Verlust von geliebten Personen
Jessica Jones: Die Varianten
Matt Murdock bittet Jessica Jones, mit einer Klientin von ihm zu sprechen: Maria Snyder war ein früheres Opfer des Purple Man, ein Mann, der durch Pheromone in der Lage ist, Menschen zu manipulieren. Die Vergewaltigung durch Killgrave jährte sich vor zehn Jahren und an diesem Tag brachte Maria ihre komplette Familie um, ausgelöst durch eben dieses Jubiläum. Jessica ist entsetzt, da auch ihre Vergewaltigung durch denselben Mann kurz vor einem zehnjährigen Jahrestag steht. Also will sie ihren Mann Luke und ihre Tochter Danielle in Sicherheit bringen. Doch dann taucht plötzlich eine Frau auf, die genauso aussieht wie sie selbst und sich als Captain America ausgibt. Und sie ist nicht die einzige Variante aus dem Multiverse.
Der Comic schafft es geschickt, die wohl bekannteste Geschichte um Jessica Jones wieder aufzugreifen, ohne Purple Man von den Toten zurückzuholen und gleichzeitig eine ganz eigene Handlung zu erzählen. Die verschiedenen Varianten sind leider nur selten kreativ und oftmals erklärungsbedürftig. Doch außer den persönlichen Verlusten, welche jede einzelne Jessica erlitten hat, erfährt man nur wenig über diese Frauen. Am interessantesten ist die Begegnung mit einer Jessica, die niemals von Killgrave vernichtet wurde und die immer noch als Heldin Jewel auftritt. Gerade aus dieser Interaktion zieht dieser Comic seine besten Momente.
Eine miese Antagonistin und eine vertane Chance
Die Handlung weiß zu fesseln, schafft es am Ende aber nicht, das Versprechen einzulösen. Hier haben wir einen Comic, der sehr unbefriedigend aufgelöst wird. Die Motivation des*der Antagonist*in ist schwer nachvollziehbar und hat nur wenig mit dem zu tun, was vorher im Comic passiert ist. Im weitesten Sinn geht es hier darum, wie ein Leben in einer anderen Variante verlaufen wäre, doch echte Erkenntnisse über Jessicas Leben bleiben aus.
Dazu kommt, dass mit Phil Noto wohl einer der besten Comiczeichner unserer Zeit verpflichtet wurde, der schon als Animationszeichner für Disney tätig war und mit Black Widow: Chaos auch einen der schönsten Comics der letzten Jahre gezeichnet hat. Doch seine Talente sind für diesen Band verschwendet, denn die meisten Panels bestehen aus unterschiedlichen Close-Ups derselben Figur. Dabei ist es nicht förderlich, dass Jessica größtenteils mit Figuren interagiert, die dasselbe Gesicht haben. Noto schafft es, jeder Figur einzigartige Merkmale zu verpassen, doch das Gesamtbild bleibt dabei dennoch größtenteils langweilig. Die Bilder unterstreichen die nötigen Emotionen, doch laden nicht dazu ein, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen.
Ich hatte mich so sehr auf den neusten Jessica Jones-Comic gefreut, vor allem da mit Phil Noto einer meiner Lieblingskünstler beteiligt ist und Gail Simone mit Batgirl gezeigt hat, dass sie starke Frauenfiguren schreiben kann. Leider konnte mich dieser Band nicht ganz überzeugen, was aber auch an meinen Erwartungen liegen könnte. Vor allem das Ende wirkte unstimmig. Dem Comic hätte entweder mehr Leichtigkeit oder eine besser durchdachte Handlung gut getan. So ist der Band irgendwo dazwischen und macht es keinem so richtig recht.
Die harten Fakten
- Autor*in: Gail Simone
- Zeichner*inn: Phil Noto
- Seitenanzahl: 116
- Preis: 14 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo, Panini Shop
Secret Invasion: Meine Nachbarn, die Skrulls
Während der Secret Invasion vor einigen Jahren war die ganze Erde von gestaltwandelnden Skrulls unterwandert. Doch am Ende konnten die Avengers die Verschwörung aufklären. Nun wird deutlich, dass immer noch Schläfer unterwegs sind. Dazu gehört die Familie Warner aus Stamford. Die Eltern Carl und Gloria arbeiten für Tony Stark und einen Kongressabgeordneten. Die beiden Töchter Madison und Alice gehen noch auf die Highschool. Doch auch sie sollen sich schon mit wichtigen Klassenkamerad*innen befreunden, um an wichtige Geheimnisse zu kommen. Doch Alice ist anders. Sie hat keine Verbindungen zum Skrull-Imperium außer ihrer Herkunft und hat Schwierigkeiten, es ihrer Familie Recht zu machen. Gleichzeitig ist ein gefährlicher Mann unterwegs, der Jagd auf Skrulls macht und auch vor Kindern nicht zurückschreckt.
Hier spinnt sich ein Familiendrama in Form einer Superheldengeschichte auf. So kommen auch gleich Assoziationen zur Vision-Reihe von Tom King auf. Doch im Gegensatz zu Vision versuchen hier keine Superheld*innen ein normales Leben zu führen, sondern schurkisch angelegte Figuren versuchen, auf Missionen zu gehen und dabei nicht aufzufallen. Da aber Alice die Protagonistin ist, ist dies auch gleichzeitig eine Emanzipationsgeschichte und eine Erzählung über Familien in einer fremden Umgebung.
Ungewöhnlich Anders
Der Comic ist zeitlich nicht näher eingeordnet. Er spielt irgendwann zwischen Secret Invasion und Empyre. Durch die vollkommen neuen Figuren, ist es einfach, in die Handlung zu kommen, selbst wenn man noch nicht von den Skrulls gehört hat. Durch Rückblenden erfahren wir alles, was man über diese außerirdischen Formwandler wissen muss. Wir haben es hier mit keinem normalen Superheldencomic zu tun, sondern irgendetwas zwischen Agentengeschichte und Familiendrama.
Der ungewöhnliche Zeichenstil unterstreicht die Besonderheit dieses Bandes. Die Linienführung ist schnell und nicht besonders gefällig, aber kann gerade bei Dynamik und Emotionen überzeugen. Der Stil ist minimalistisch, zeigt aber bei Details doch überraschende Genauigkeit. Dies funktioniert besonders bei sonderbaren Phänomenen wie dem Gestaltwandel der Hauptfiguren. Henrichson zeigt hier die Umrisse beider Gestalten zeitgleich, so dass man sich den Übergang vorstellen kann.
In der Summe hat man hier einen gelungenen Comic, der aus der Masse der Veröffentlichungen herausragt. Man sollte keine weltumfassende Handlung erwarten, aber ein kleines Drama, das den Fokus ganz auf seine ungewöhnliche Familie legt. Der Titel „Secret Invasion“ deutet an, dass hier mehr drinsteckt, als es eigentlich der Fall ist, aber dies sollte nicht davon ablenken, dass man hier spannende Unterhaltung mit gut geschriebenen Figuren präsentiert bekommt. Schön, dass Panini Comics diesen Band doch noch veröffentlicht hat.
Die harten Fakten
- Autor*in: Robbie Thompson
- Zeichner*in: Niko Henrichon
- Seitenanzahl: 116
- Preis: 15 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo, Panini Shop
Artikelbilder: © Panini Comics
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Saskia Harendt
Diese Produkte wurden teilweise kostenlos zur Verfügung gestellt.


















