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Im Tarot steht die Zehn der Schwerter für Ruin und Untergangsstimmung. Nach dieser Karte wurde das erste X-Men-Event der neuen Serie benannt: X of Swords. Panini erhöht dafür sogar das Erscheinungsintervall auf zwei Wochen und bringt das komplette Event in der regulären Heftreihe. Doch lohnt sich der Einstieg?

Große Events sind bei den X-Men Gang und Gäbe: Crossover wie das Mutant Massacre, Age of Apocalypse oder Messiah CompleX zogen sich durch diverse Publikationen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis nach der Neuausrichtung durch Jonathan Hickman ein großes Event starten würde. Obwohl Panini nicht alle Mutantenserien nach Deutschland gebracht hat, wird X of Swords bei uns aber vollständig in der X-Men-Heftreihe erscheinen. Das alleine ist ein großer Vorteil gegenüber der Veröffentlichungsstrategie von Marvel in den USA. In der Reihe geht es um die Schwesterninsel der neuen Mutantenheimat Krakoa: Arakko. Vertreter der beiden Inseln sind aufgefordert, mächtige Schwerter zu sammeln und in einem Turnier in den Kampf zu führen. Dieses Turnier wurde ausgerufen von Saturnyne, der Herrscherin von Otherworld. Doch schnell kommt heraus, dass in der Welt von Avalon andere Regeln gelten als in der Hauptrealität. Wie wird sich das Schicksal der Mutanten entscheiden?

Haupthandlung/Metaplot

Nachdem die Mutanten auf Krakoa ihre neue Heimat gefunden hatten, tauchte eine Nachbarinsel auf. Cypher ist auf Grund seiner Mutantenkraft in der Lage, mit Krakoa zu kommunizieren, und erfuhr so von der gemeinsamen Vergangenheit der beiden Inseln: Zusammen waren sie einst ein Land namens Okkaro. Doch ein Schattenschwert teilte die beiden Inseln. Aus dem Spalt dazwischen drang das Böse in die Welt, nur Apocalypse, der erste Mutant, stellte sich diesem Schrecken in den Weg. Seine damaligen Reiter sollten Arakko bewachen und den Schrecken für immer bannen. Die neue Insel ist ein Teil von Arakko, der es wieder in die Marvel-Realität geschafft hat.

Auf dieser Insel selbst entdeckten die Mutanten seltsame Monster und Kreaturen und mittendrin einen Mutanten, der sich Beschwörer nennt. Apocalypse erkannte in ihm seinen Enkel. Seine Mutter ist Krieg, die erste der vier Reiter. Sein Ziel ist es, eine Verbindung von Krakoa nach Arakko herzustellen.

Derweil entstanden immer neue Mutanten-Teams, unter anderen ein neues Excalibur unter der Führung von Betsy Braddock, die zur neuen Captain Britain wurde. Unter dem Druck von Apocalypse kam es zum Konflikt mit Morgan Le Fay, so dass auch Saturnyne, die Herrscherin von Otherworld, auf die Mutanten aufmerksam wurde.

X-Men #11 – Der Herr der Monsterinsel

Als Einstimmung auf X of Swords werden hier zwei Geschichten erzählt, die unmittelbar mit dem Ereignis zu tun haben: Apocalypse sammelt die Externals, eine Gruppe unsterblicher uralter Mutanten auf Krakoa, zu der neben Apocalpyse und anderen auch Selene gehört. Sie sind dabei aber nur ein Puzzlestück für seinen Plan. In der anderen Geschichte erzählt Beschwörer seinem Großvater Apocalypse die Geschichte von Arakko aus seiner Perspektive. Dabei erfahren wir auch, wohin die Insel entschwunden ist: eine Welt namens Amenth, deren einziger Zugang in Otherworld liegt.

Dieser Band ist sehr hintergrundlastig. Es wird Weltenbau für eine Welt betrieben, die man bisher noch nicht kannte. Dementsprechend fällt es auch schwer, sich für die Charaktere zu erwärmen. Es liest sich eher wie ein Geschichtsband. Das trifft auch auf die erste Geschichte zu, bei der man als unbedarfte*r Leser*in sehr verwirrt sein könnte, wenn man weder von den Externals noch von Otherworld etwas mitbekommen hat.

Dadurch, dass dies bisher die erste Veröffentlichung aus der aktuellen Excalibur-Serie in Deutschland ist, wäre vermutlich ein wenig mehr Einleitung nötig gewesen. Als jemand, der die Serie aber auf Englisch gelesen hat, muss ich sagen, dass dieses Heft auch mit dem nötigen Vorwissen eher verwirrt, als wirklich neue Informationen liefert. Die Geschichte von Arakko ist spannend, spielt aber in einer Welt, die von Krieg und Zerstörung geprägt und weit weg von unserer Realität ist.

Ich denke diese Vorgeschichte ist nicht unbedingt nötig, um die Handlung zu verstehen, fasst aber noch einmal die nötigen Informationen zusammen, um tief ins Event eintauchen zu können. Der größte Mangel ist die fehlende Identifikation mit den Figuren. Am ehesten fungiert hier Apocalypse als Protagonist, und dessen Methoden sind eher fragwürdig. Ich empfehle mit Heft #12 zu starten, und wenn man dann mehr Hintergrundinformationen will, sollte man auch hier reinschauen.

Die harten Fakten

  • Autor*innen: Jonathan Hickman, Tini Howard
  • Zeichner*innen: Leinil Francis Yu, Marcus To, Pepe Larraz
  • Seitenanzahl: 60
  • Preis: 5,99 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Panini Shop

 

X-Men #12 – Beginn des neuen X-Events!

Die Truppe Arakkos tritt nach Otherworld und das Reich Dryador fällt. Saturnyne und die anderen Königreiche wie Avalon versuchen, ihr Schicksal abzuwenden, und stellen sich den Mutanten entgegen. Aus dem External-Portal, das Apocalypse geschaffen hat, um nach Otherworld zu gelangen, betritt Beschwörer Krakoa und bringt einen verletzten Banshee mit. Somit werden auch die X-Men in diesen Kampf verwickelt und die junge Mutantennation muss sich entscheiden, ob sie in den Krieg eingreifen will.

Das Event beginnt mit einem Knall und viel Action. Schnell wird klar, dass sich der Hauptteil der Handlung um einen Krieg drehen wird, bei dem alle Parteien sehr außergewöhnliche Fähigkeiten haben. Leider ist die Action hier nicht besonders eindrucksvoll. Die Bilder sind sehr düster und es sind zu viele Figuren beteiligt, als dass man wirklich den Überblick behalten könnte. Die Handlung wartet mit einigen interessanten Wendungen auf, so dass die Erwartungshaltung gesteigert wird.

Das ganze Szenario schafft es aber nicht, mich wirklich mitzureißen. Dafür passiert zu wenig Substantielles. Die Helden begeben sich in Gefahr, und die Erzählung schreitet in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit voran. Aber im Grunde läuft es auf einen Konflikt zwischen zwei Parteien hinaus. Saturnynes Rolle ist mir noch nicht ganz klar, da sie eigentlich die Person sein müsste, die das größte Interesse daran hat, dass niemand ihr Reich erobern kann. Stattdessen legt sie Tarot-Karten und redet davon, dass alles bereits vorherbestimmt ist. Diese Tarot-Karten sind auch wunderbar gestaltet und nehmen einen großen Teil des Artworks ein. Das mag mystisch wirken, doch zu diesem Zeitpunkt fehlt mir einfach etwas Greifbares, mit dem ich mich beschäftigen möchte.

Die Karten sind auf den Tisch gelegt, und ich kann mir gut vorstellen, dass das Event noch eine spannende Richtung einnimmt. Doch bisher kann ich noch keinen interessanten Konflikt erkennen. Der Krieg wirkt zu konstruiert. Apocalypse ist die treibende Kraft hinter der ganzen Handlung und seine Beweggründe sind mir einfach zu platt. Der erste Band eines großen Events sollte Begeisterung ausrufen, doch das ist hier leider nicht der Fall. Es bleibt bei einem nüchternen Blick und einer durchschnittlichen Wertung.

Die harten Fakten

  • Autor*in: Jonathan Hickman, Tini Howard
  • Zeichner*innen: Leinil Francis Yu, Marcus To, Pepe Larraz
  • Seitenanzahl: 76
  • Preis: 6,99 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Panini Shop

 

X-Men #13 – Der Preis des Todes

Im letzten Heft kam es zur Eskalation, bei der Rockslide getötet werden konnte. Die anderen Mutanten konnten sich nur mit Müh und Not auf die andere Seite des Portals retten. Auch Apocalypse und Rictor ringen mit ihrem Leben. Die Fünf versuchen, die Toten so schnell wie möglich wiederzubeleben. Kriegsopfer bekommen einen besonderen Vorrang. Doch zum ersten Mal scheitert eine Wiederbelebung und eine der Figuren bleibt endgültig tot. X-Factor versucht, herauszufinden, was schiefgelaufen ist, und stolpert letztendlich in eine Prophezeiung, bei der klar wird, dass bestimmte X-Men auserkoren sind, bestimmte Schwerter zu erobern.

Endlich passiert etwas, das emotional berührt. Dazu gibt es mit Polaris Prophezeiung etwas Greifbares, das die Marschrichtung vorgibt. Waren Saturnynes Tarotkarten im letzten Band sehr kryptisch, erkennen belesene Marvel-Fans in Polaris Orakelspruch sofort Figuren wie Illyana wieder. Diese ergreift auch zuerst die Initiative und erklärt sich mit ihrem Seelenschwert sofort als eine der zehn Duellanten bereit. Am Ende des Heftes wird die Prophezeiung aber auch noch einmal so auseinandergenommen, dass jeder mitreden kann. Ich würde empfehlen, sich vorher ein wenig selbst mit der Prophezeiung auseinanderzusetzen, da dieser Text die meisten Rätsel bereits löst und man sich so selbst den Spaß nimmt.

Dieses Heft hat mir außergewöhnlich gut gefallen. Die Beschäftigung mit Verlusten hat etwas Menschliches und gibt dem abstrakten Krieg eine Fallhöhe. Dazu hat mir der Schreibstil von Ben Percy und Leah Williams gut gefallen. Sie schaffen es, dass ich sogar für eine Figur wie Apocalypse Verständnis entwickeln kann. Schade, dass bisher keine weiteren Abenteuer von X-Factor in Deutschland veröffentlicht wurden. Diese Mischung aus ernsten und humorvollen Episoden würde ich gerne mehr erleben.

Dazu gibt es ein paar schöne Zeichnungen mit exzellenter Kolorierung. Der einzige Mangel dieses Heftes ist seine Vorhersagbarkeit. Dies ist ein klassisches zweites Kapitel einer epischen Geschichte, bei dem die Fallhöhe festgelegt wird, eine Vorhersage gemacht wird, was man in den nächsten Ausgaben erwarten kann, und ein wenig Pathos erzeugt wird. Die Figur, die stirbt, ist natürlich die Person, die bisher am wenigsten eigene Handlungsfäden hat. Der Tod ist dadurch zwar tragisch, wird aber auch keine großen Fan-Proteste hervorrufen. Die Tatsache, dass die Prophezeiung direkt mit einer möglichen Interpretation geliefert wird, erzeugt ebenfalls keine dauerhafte Spannung. Dazu ist fragwürdig, ob eine Prophezeiung wirklich das Erzählmittel der Wahl ist, um eine offene Geschichte zu erzählen, in der alles passieren kann.

Abgesehen davon kann ich dieses Heft aber empfehlen und jede*r, der*die sich für das Event begeistern kann, sollte auch hier einen Blick riskieren.

Die harten Fakten

  • Autor*innen: Ben Percy, Leah Williams
  • Zeichner*innen: Carlos Gomez, Viktor Bogdanovic
  • Seitenanzahl: 52
  • Preis: 4,99 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Panini Shop

 

Fazit des Monats und Ausblick

Große Marvel-Events haben es bei mir ohnehin meist schwer. Die Handlung ist oft zu episch angelegt und soll gleichzeitig möglichst massenkompatibel bleiben. Bei diesem Event fehlt mir aber die Originalität und die Motivation des Ganzen. Ohne Apocalypse wären die Mutanten nicht in den Konflikt geraten, dennoch folgen sie ihm in die Schlacht, denn man steht ja auf derselben Seite. Hier wäre so viel mehr Ambivalenz möglich gewesen. Der Weltbau von Amenth funktioniert ganz gut, da aber mit Otherworld gleichzeitig noch eine weitere Welt eingeführt wird, verkompliziert das Ganze. Hat man bereits in den britischen Marvel-Comics viel von Otherworld gelesen, mag das hinfällig sein. Wenn ein Event aber den Anspruch hat, besonders massenkompatibel zu sein, wäre es vielleicht besser gewesen, wenn nicht zwei fremde Welten gleichzeitig thematisiert werden.

Die Hefte werden mit Sicherheit ihre Fans finden. Ich persönlich bin von der Handlung aber noch nicht angefixt und kann das Event nur denjenigen empfehlen, die einem episch angelegten Kriegsszenario etwas abgewinnen können, welches durch ein großes Turnier entschieden wird.

 

Artikelbilder: © Marvel / Panini
Layout und Satz: Verena Bach
Lektorat: Saskia Harendt
Diese Produkte wurden kostenlos zur Verfügung gestellt.

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