Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Ritter zähmen Monster, um penible Diplomat*innen zu beeindrucken – Beasts & Diplomacy verspricht ein ungewöhnliches Eurogame-Erlebnis. In diesem cleveren Mix aus Karten-Drafting, Worker-Placement und Tableau-Building kämpfen wir um die beeindruckendste Bestien-Sammlung und halten dabei Wirtschaft und Diplomatie gekonnt in Balance. Wir haben uns den Prototypen angesehen.

Beasts & Diplomacy ist das jüngste Brettspiel aus dem Hause Dragon Dawn Productions. Nach thematisch anders gelagerten Titeln wie Factory 42, Mine 77 und Verdun überrascht Autor Mike Kribel nun mit einem frischen Ansatz: Statt in Steampunk-Zwergenwelten oder Weltkriegsszenarien spielt das Geschehen im Fantasy-Königreich Aterra, wo edle Ritter*innen bei einem Sonnenwende-Festival darum konkurrieren, beeindruckende Bestien zu präsentieren – nicht dem gemeinen Volk, sondern hochrangigen Diplomat*innen. Dieses originelle Thema – mittelalterliche Monsterjagd trifft auf diplomatische Finesse – frischt das Genre des Eurogames merklich auf. Vor Veröffentlichung wurden bereits über 1.000 Partien via Tabletop Simulator gespielt, was eine außergewöhnlich intensive Testphase bedeutet. Besonders gelungen wirkt die geschmeidige Verbindung der einzelnen Spielmechanismen, die nahtlos ineinandergreifen. Bemerkenswert ist zudem, dass Mike Kribel in seinem Erstlingswerk sowohl Spieldesign als auch Illustrationen – unterstützt durch generative KI – nahezu allein umgesetzt hat. Positiv hervorzuheben ist auch die transparente Kommunikation des Verlages bezüglich der Nutzung KI-generierter Kunst, insbesondere in Anbetracht der aktuellen Debatten rund um dieses Thema.

Triggerwarnungen

generative KI-Illustrationen

[Einklappen]

Spielablauf

Beasts & Diplomacy kombiniert vertraute Eurogame-Elemente zu einem anspruchsvollen, aber dennoch flüssig spielbaren Gesamtwerk. Gespielt wird über drei Runden, die im Spiel als Tage bezeichnet werden. Am Ende jedes dieser Tage steht eine Wertungs- und Verwaltungsphase. Jeder Tag gliedert sich wiederum in fünf Phasen, in denen Quests gewählt, Karten gedraftet, Auslagen verwaltet und Unterhaltskosten beglichen werden müssen. Zu Beginn jedes Tages – also in Phase 1 – erhalten die Spielenden geheime Auftragskarten, sogenannte Quests. Aus diesen wird jeweils eine ausgewählt. Diese persönlichen Missionsziele bilden einen zentralen Bestandteil der Punktewertung. In mehreren Partien zeigte sich schnell, dass gerade diese geheimen Aufträge entscheidend für die Endwertung sind – Sieg oder Niederlage hängen oftmals genau an diesem Punkt. Mit jeder Runde kommt eine weitere Quest hinzu, sodass am Ende des Spiels drei unterschiedliche Ziele gleichzeitig verfolgt werden. Die Auswahl dieser Quests sollte daher wohlüberlegt erfolgen, da sie maßgeblich die persönliche Spielweise und die eigene strategische Ausrichtung formen.

Phase 2 stellt den Kernmechanismus des Spiels dar: das Drafting. Zu Beginn jedes Tages wird die Auslage vollständig neu bestückt. Etwa 30 Karten liegen offen aus – darunter rund zwölf Bestien sowie je sechs Karten mit Diplomat*innen, Händlerfiguren und Personal. Gestartet wird mit vier Arbeiterfiguren, die jeweils eine Aktion darstellen. Reihum wird aus der offenen Auslage gewählt. In jeder folgenden Runde erhöht sich die Zahl der verfügbaren Arbeiter um eine Figur, sodass am dritten Tag bis zu sechs Aktionen möglich sind. Die Auswahl ist frei – ob mehrere Bestien angeworben oder gezielt Unterstützungs- oder Interaktionskarten genommen werden, hängt ganz vom eigenen Plan ab. Wichtig dabei: Jede Kartenart erfüllt unterschiedliche Funktionen und besitzt eigene Synergien. Bestien bilden das Herzstück der eigenen Ausstellung. Sie verfügen über verschiedene Eigenschaften, Farben, Elemente oder andere Symbole, die sowohl für Quests als auch für Diplomat*innen und Händler entscheidend sein können. Je eindrucksvoller die Bestiensammlung, desto stärker fällt der Eindruck bei den Diplomat*innen aus – allerdings steigen mit jeder Kreatur auch die Unterhaltskosten.

Der Spielaufbau
Der Spielaufbau

Diplomat*innen stellen die hochrangigen Gäste dar, die durch unsere Ausstellung beeindruckt werden sollen. Jede*r bringt klare Vorlieben mit, etwa für Drachen oder Wasserwesen, und belohnt die Erfüllung dieser Vorlieben mit Erz – der Währung im Spiel – oder direkten Siegpunkten. Diplomat*innen-Karten werden in die eigene Auslage gelegt und gewertet, sobald ihre Kriterien erfüllt sind. Sie zu vernachlässigen wäre riskant, da sie wesentlich zum Punktekonto beitragen. Händlerfiguren wiederum ermöglichen es, Bestien gegen Erz zu verkaufen. Jede Händlerkarte nennt ein verpflichtendes und zwei optionale Merkmale, die in Kombination mit den eigenen Bestien erfüllt werden können. Gelingt dies vollständig, winkt ein ordentlicher Erlös. Gerade in Hinblick auf die bevorstehenden Unterhaltskosten ist der rechtzeitige Verkauf ein wichtiger Mechanismus, um finanziell handlungsfähig zu bleiben.

Personal-Karten runden das Drafting ab: Sie bieten entweder einmalige oder dauerhafte Effekte, von Bonusaktionen über Regelmodifikationen bis hin zu gezieltem Ressourcenmanagement. Hier reicht die Bandbreite von Tierpfleger*innen bis zu magiebegabten Figuren. Pro Tag liegen sechs unterschiedliche Personal-Karten aus, von denen allerdings nur jeweils eine pro Person rekrutiert werden kann.

Ein Blick auf die Spielmaterialien zeigt die bunte Vielfalt der Kartenarten und Symbole. Bereits in der ersten Partie steht man vor der typischen Entscheidung: Wird lieber eine weitere Bestie genommen, um das Schaubild zu vergrößern, oder passt der Händler perfekt zur aktuellen Sammlung? Gerade am Anfang wirkt die Vielzahl an Symbolen und Effekten beinahe erschlagend. Doch bereits nach wenigen Zügen erschließen sich die Zusammenhänge: Ein feuerspeiender Drache passt exakt zu einem*r bestimmten Diplomat*in, der*die Flammenwesen bevorzugt. Die passende Ergänzung wird gedraftet und eine überschüssige Kreatur wird anschließend gewinnbringend verkauft. Dieser ständige Wechsel aus Sammeln, Optimieren und Abwägen prägt das Spielgefühl. Jede Karte sollte im besten Fall mehrere Funktionen erfüllen – Quests bedienen, Diplomat*innen zufriedenstellen und gleichzeitig das Einkommen sichern.

Nach dem Drafting folgen Phase 3 und 4, in denen das eigene Tableau verwaltet wird. Nun dürfen die gedrafteten Diplomat*innen offiziell in die eigene Auslage genommen und die zuvor vorbereiteten Verkäufe abgewickelt werden. Auch bestimmte Personal-Fähigkeiten können aktiviert werden, etwa um zusätzliche Aktionen auszuführen. Hier zeigt sich, wer vorausschauend geplant und flexibel agiert hat: Sind ausreichend Bestien für alle Diplomat*innen vorhanden? Wurde rechtzeitig verkauft? Stimmen die eigenen Ressourcen noch?

Der Tag endet mit Phase 5 – der Abenddämmerung. Nun müssen sämtliche Bestien mit Erz unterhalten werden. Wer zu knapp gewirtschaftet hat, verliert den Zugang zu unzufriedenen Diplomat*innen – mit entsprechenden Auswirkungen auf Punkte oder andere Spielbereiche. Dieses Element zwingt dazu, wirtschaftlich klug zu handeln und nicht bloß auf möglichst prunkvolle Sammlungen zu setzen. Es entsteht ein ständiger Balanceakt zwischen Prestige und Profit. Denn was nützt die eindrucksvollste Bestienparade, wenn sie nicht finanzierbar bleibt?

Der Wertungsbogen
Der Wertungsbogen

Nach drei solcher Tage endet das Spiel. In der finalen Abrechnung zählen erfüllte Quests, Anzahl und Seltenheit der Bestien, zufriedene Diplomat*innen und übriges Erz. So wird ermittelt, wer als erfolgreichste Person aus Aterra hervorgeht. Besonders hervorzuheben ist die dichte Verzahnung aus Set Collection, Ressourcenmanagement und geschicktem Timing. Trotz der Vielzahl an Regeln und Symbolen läuft das Spiel nach kurzer Eingewöhnung bemerkenswert flott. Die Interaktion ergibt sich vor allem durch das offene Drafting: Wertvolle Karten sind begrenzt, wodurch immer wieder Konflikte entstehen, wenn mehrere Spielende dieselbe Kombination im Blick haben. Diese Form des Wettbewerbs ist subtil, aber wirkungsvoll – die Diplomatie am Tisch bleibt dabei charmant, augenzwinkernd und angenehm konfliktarm.

Ausstattung

In der Schachtel von Beasts & Diplomacy steckt vor allem eines: eine beeindruckende Menge an Kartenmaterial. Bestien-Karten, Diplomat*innen, Händlerfiguren, Personal und Quests – sämtliche Kategorien wurden mit generativer KI gestaltet und im Anschluss manuell nachbearbeitet. Der illustrative Stil bewegt sich dabei zwischen atmosphärisch und fantastisch, mit teils spektakulären Kreaturendarstellungen. Zwar lässt sich ein gewisser digitaler Ursprung der Artworks nicht leugnen, doch insgesamt ist die visuelle Qualität hoch und die Motive tragen wesentlich zur Stimmung des Spiels bei. Besonders positiv fällt dabei die transparente Haltung des Verlags auf: Auf der Kampagnenseite wird offen kommuniziert, dass sämtliche Illustrationen mittels KI erzeugt wurden und es wurde sogar ein YouTube-Video des Autors veröffentlicht, in dem er den Prozess erklärt. Ein entsprechender Hinweis ist dort klar sichtbar eingebunden – ein Schritt, der in der aktuellen Debatte um den Einsatz generativer Bildsysteme als erfreulich offen und verantwortungsbewusst gelten kann. So können entschiedene KI-Gegner*innen einen bewussten Bogen um das Spiel machen.

Ergänzt wird das Kartenmaterial durch Spieltableaus oder Ablageflächen für die eigene Ausstellung, Erzmarker – die als Währung im Spiel fungieren – sowie möglicherweise durch einen zentralen Spielplan oder eine Rundenübersicht. Gerade letztere erweist sich in der Praxis als ausgesprochen hilfreich, da Beasts & Diplomacy mit einer Vielzahl an Phasen, Symbolen und Kartentypen arbeitet. Der Ablauf wird durch grafische Hinweise deutlich zugänglicher, auch wenn die Ikonografie zu Beginn etwas Einarbeitung verlangt. Die Vielzahl an Symbolen und Eigenschaften auf den Karten kann anfangs überwältigen, doch ein gut gestaltetes Übersichtsblatt schafft hier schnell Abhilfe. Nach wenigen Partien sind die wichtigsten Icons verinnerlicht, dennoch sollte der damit verbundene Lernaufwand nicht unterschätzt werden.

Das Regelheft präsentiert sich mit über vierzig Seiten Umfang recht stattlich, wirkt dabei aber inhaltlich sehr gut strukturiert. Sämtliche Regeln sind detailliert erklärt, zahlreiche Beispiele veranschaulichen komplexere Zusammenhänge und kleine humorvolle Einschübe sowie thematische Flavourtexte lockern die Lektüre auf. In der Praxis ließ sich das Spiel erstaunlich problemlos im Selbststudium erschließen. Auch das Vermitteln an neue Spielgruppen gelingt nach kurzer Eingewöhnung schneller, als der Umfang des Regelwerks zunächst vermuten lässt – ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Zum jetzigen Zeitpunkt liegt nur der Prototyp vor, doch bereits dieser konnte qualitativ überzeugen. Die Karten machten einen stabilen Eindruck, das Material wirkte durchdacht und hochwertig. Dragon Dawn Productions hat sich in der Vergangenheit durch solide Komponenten hervorgetan, etwa bei Titeln wie Perdition’s Mouth oder Factory 42. Auch wenn die finale Druckqualität naturgemäß noch offen ist, lässt sich mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Beasts & Diplomacy dem bisherigen Qualitätsstandard des Verlags entsprechen wird.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Dragon Dawn Productions
  • Autor*in(nen): Mike Kribel
  • Illustrator*in(nen): Mike Kribel (mit generativer KI)
  • Erscheinungsjahr: Juli 2026 (geplante Auslieferung)
  • Sprache: Englisch
  • Spieldauer: 25 Minuten pro Person
  • Spieler*innen-Anzahl: 1 bis 6 Personen (am besten mit 2 bis 3 Personen)
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Preis: 56 EUR
  • Bezugsquelle: Kickstarter

 

 

Bonus/Downloadcontent

Wer sich bereits vor Veröffentlichung ein umfassendes Bild von Beasts & Diplomacy machen möchte, findet jetzt schon zahlreiche Möglichkeiten. Das vollständige Regelwerk steht auf der Kickstarter-Seite in mehreren Sprachen als PDF online zur Verfügung, darunter auch in deutscher Sprache – eine ideale Gelegenheit, sich frühzeitig mit den Mechanismen und Abläufen des Spiels vertraut zu machen. Darüber hinaus existiert ein offizielles Modul für Tabletop Simulator. Aus eigener Erfahrung lässt sich bestätigen, dass die Version vollständig geskriptet ist und reibungslos funktioniert – einem Probespiel steht somit nichts im Wege.

Ergänzend dazu bietet ein aktiver Discord-Kanal Raum für Austausch. Dort kommen Interessierte mit dem Autor selbst sowie mit anderen Testspieler*innen ins Gespräch, teilen Erfahrungen und diskutieren Strategien. Erweiterungen oder Zusatzmaterialien wurden bislang noch nicht offiziell angekündigt, denn der Fokus liegt zunächst auf der erfolgreichen Finanzierung des Grundspiels. Dennoch lässt das zugrunde liegende Spielsystem reichlich Raum für zukünftige Erweiterungen – etwa durch neue Bestienarten, zusätzliche Kartenmodule oder thematische Varianten.

Fazit

In der Vorschau hinterlässt Beasts & Diplomacy den Eindruck eines echten Geheimtipps – insbesondere für jene, die strategische Eurogames mit fantasievollem Anstrich zu schätzen wissen. Die ungewöhnliche Kombination aus Monster-Sammelmechanik und diplomatischem Wettstreit wirkt nicht nur frisch, sondern entfaltet schon ab der ersten Partie einen starken Sog. Wer Freude daran hat, Karten gezielt zu draften und komplexe Tableaus zu errichten, dürfte an der Herausforderung Gefallen finden, die Balance zwischen Prestige, Ressourcen und Planung zu meistern. Denn bloßes Sammeln reicht hier nicht aus – gefragt ist ein fein austariertes Zusammenspiel aus beeindruckenden Bestien, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und langfristiger Zielverfolgung.

Besonders hervorzuheben ist die harmonische Verzahnung der verschiedenen Systeme: Von den Worker-Placement-Entscheidungen im Drafting über klassisches Set Collection bis hin zum Ressourcenmanagement greift alles nahtlos ineinander. Sobald die ersten symbolischen Hürden genommen sind, stellt sich ein angenehmes Spielgefühl ein, das von Klarheit und strategischer Tiefe geprägt ist. Selbstverständlich handelt es sich nicht um ein seichtes Familienspiel – der Einstieg erfordert etwas Aufmerksamkeit, sowohl in Hinblick auf die Regeln als auch auf die Ikonografie. Doch für all jene, die bereit sind, sich auf diese Welt einzulassen, öffnet sich ein Erlebnis, das in erstaunlich kurzer Spielzeit einen hohen Grad an strategischer Befriedigung bietet.

Ob sich die Unterstützung der Kickstarter-Kampagne lohnt, lässt sich aus meiner Sicht mit einem Ja beantworten. Beasts & Diplomacy wagt Neues, ohne dabei zu experimentell zu wirken. Vielmehr erinnert das Gesamtbild an eine geschickte Fusion aus Titeln wie 7 Wonders, Everdell und Dungeon Petz, abgeschmeckt mit einer Prise Punkte-Salat. Das Ergebnis ist ein eigenständiges Spielerlebnis, das sowohl Fans durchdachter Eurogames als auch Fantasy-Enthusiast*innen ansprechen dürfte. Wer also gerne in tiefgründige Spielewelten eintaucht und sich für kreative Themen begeistern kann, sollte Beasts & Diplomacy unbedingt im Blick behalten.

Denn hier wird Diplomatie nicht nur zum Titel, sondern auch zum thematischen Konzept – verhandelt wird mit und über Bestien. Die Vorfreude darauf, die eigene Menagerie in voller Pracht auszubreiten und klug zu inszenieren, ist entsprechend groß.

 

  • Innovatives Setting und erfrischender Themen-Mix
  • Clever verzahnte Mechaniken
  • Hoher Wiederspielwert
 

  • Anfangs unübersichtliche Ikonografie
  • Hohe Einstiegshürde
  • KI-generierte Illustrationen treffen nicht jeden Geschmack

 

 

Artikelbilder: © Dragon Dawn Productions
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Gloria Puscher
Fotografien: Tim Billen
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein