Was geschieht, wenn das Innenleben eines zutiefst zerrissenen Menschen Gestalt annimmt? Junji Ito, Großmeister des psychologischen Horrors, widmet sich mit No Longer Human (jap. Ningen Shikkaku) der grafischen Adaption von Dazai Osamus autobiografisch geprägtem Roman Gezeichnet – einem der bekanntesten Werke der modernen japanischen Nachkriegs-Literatur.
No Longer Human ist ein Manga, der weniger eine klassische Horror-Erzählung als vielmehr ein visuelles Psychogramm ist. Ito verwandelt Dazais existenziellen Schmerz in albtraumhafte Bilder und konfrontiert Leser*innen mit der verstörenden Frage: Was bedeutet es eigentlich, ein Mensch zu sein oder eben keiner mehr zu sein?
explizite Gewalt, Missbrauch, sexuelle Inhalte, Vergewaltigung, Selbstmord, Depression
Inhaltsverzeichnis
Handlung
Die Geschichte von Yozo Oba wird aus der Retrospektive erzählt, in Form dreier „Notizen“, die von einem Herausgeber zusammengetragen wurden. Yozo schildert seine Kindheit, Jugend und sein Erwachsenwerden und ein Leben geprägt von Verstellung, Angst und Selbstverachtung.

Schon als Kind fühlt sich Yozo fremd. Er glaubt, nicht wie andere Menschen zu empfinden, und versucht, sich durch Clownerie und Angepasstheit ein soziales Tarnnetz zu schaffen. Doch hinter dieser Maske brodelt ein unstillbarer Abgrund. Er flüchtet in Alkohol, Morphium, Affären; alles Versuche, den eigenen Selbsthass zu betäuben. Immer wieder scheitert er an zwischenmenschlichen Beziehungen, entfernt sich von sich selbst und anderen, bis er sich endgültig als „nicht mehr menschlich“ empfindet.
Ito verstärkt Dazais psychologischen Realismus durch visuelle Extreme: Er zeigt Yozos inneren Zerfall nicht nur als Text, sondern als groteske, körperliche Metamorphose.
Charaktere

Der Protagonist Yozo ist kein Held im klassischen Sinne. Er ist feige, egozentrisch, weinerlich, und doch ist seine Perspektive so schonungslos ehrlich, dass man nicht anders kann, als mit ihm zu fühlen. Er ist eine Figur, die kein Mitleid will, aber es dennoch provoziert. In Itos Adaption wird Yozo zunehmend entmenschlicht; nicht durch äußere Einflüsse, sondern durch den Zerfall seines eigenen Selbstbildes.
Nebenfiguren wie seine Geliebten, Ehefrauen, Freunde*innen oder Therapeut*innen erscheinen in Itos Manga fast geisterhaft, oft verzerrt oder gesichtslos. Sie sind weniger eigenständige Persönlichkeiten als Projektionsflächen für Yozos verzweifelte Versuche, Zugehörigkeit zu finden und seine zwangsläufigen Misserfolge.
Zeichenstil und Erscheinungsbild

Junji Ito ist ein Meister darin, psychologische Zustände bildlich zu überhöhen. In No Longer Human nutzt er seinen bekannten Stil des Körperhorrors, um das Innenleben des Protagonisten greifbar zu machen: Gesichter entgleisen, Schatten wirken wie lebendige Wesen, ganze Panels scheinen unter dem Druck innerer Zerrüttung zu explodieren.
Statt auf Schockmomente oder klassische Gruselbilder zu setzen, entwickelt Ito hier eine ganz eigene Bildsprache für Angst, Scham, Dissoziation und Selbstverachtung. Viele Seiten sind visuell überladen und drückend. Ito zeigt, dass der Horror hier nicht durch äußere Monster entsteht, sondern durch die Unfähigkeit, sich selbst zu ertragen.

Die harten Fakten:
- Verlag: Carlsen
- Autor & Zeichner: Junji Ito
- Erscheinungsjahr: 2024
- Sprache: Deutsch
- Format: Hardcover 215 mm (Höhe) x 148 mm (Breite)
- Seitenanzahl: 624
- Preis: 32,00 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Verlagseite, Amazon
Fazit
Junji Itos No Longer Human ist kein typischer Horror-Manga. Er ist ein psychologisches Drama in der Form eines düsteren Bildgedichts. Die Adaption von Dazai Osamus Gezeichnet ist kompromisslos und aufwühlend. Ito gelingt es, den existenziellen Schmerz der Romanvorlage auf eine Weise zu illustrieren, die unter die Haut geht und das, ohne den Respekt vor dem Original zu verlieren.
Wer leichte Unterhaltung oder ein Happy End sucht, sollte einen großen Bogen um dieses Werk machen. Doch wer bereit ist, sich auf einen tiefverstörenden, aber auch menschlich bewegenden Abstieg in die Dunkelheit einzulassen, wird mit einem der eindrucksvollsten Manga der letzten Jahre belohnt.
Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass es trotz sehr gelungener Umsetzung auch Unterschiede zum Roman gibt. Dazais Schreibstil ist introspektiv und anachronistisch, so wie Erinnerungen häufig auch funktionieren. Ito hingegen hat die Begebenheiten in chronologischer Reihenfolge wiedergegeben, was das Verständnis für Leser*innen vereinfacht. Wer hier auf den Geschmack gekommen ist, denen seien Dazai Osamus Romane wärmstens empfohlen.

- Wundervolle und ausdrucksstarke zeichnerische Leistung
- Vorlagentreue
- Chronologische Reihenfolge der Ereignisse verändert Erzählweise
Artikelbilder: © Carlsen
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Sabrina Plote
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