Uland Grawe hat aus Neugier und Erinnerung ein Community-Projekt geschaffen, das zwar kein klassisches Fanzine, aber ein Werk voller Leidenschaft ist. Das Ergebnis ist bunt und wild, eine Art Schatzsuche der Szene. Oder, wie Daniel Neugebauer von System Matters in seinem Beitrag so wunderschön schreibt: „Fanzines sind Liebesbriefe“. Ein Interview.
Am 17.02.2025 erreichte uns bei Teilzeithelden eine Kontaktanfrage von einem gewissen Uland Grawe. Er schrieb von einem baldigen Crowdfunding mit dem Plan, ein „einmaliges Magazin von rund 100 Seiten“ herausbringen zu wollen; eine nostalgische Reise in die Hochzeit der Fanzines mit vielen bekannten Namen darin. Darunter Max Dax, Thomas Finn oder die Redaktion Phantastik. Spoileralarm: Das mit den 100 Seiten hat nicht geklappt. Es sind drei Magazine mit insgesamt über 250 Seiten geworden.
Nach einem gemeinsamen Termin stand auch ein Beitrag von Teilzeithelden für das Fanzine fest. Inzwischen ist das Projekt erfolgreich unterstützt und Ende 2025 ausgeliefert worden. Ein guter Moment, um in einem Interview nochmal nachzuhorchen, was alles passiert ist. Teilzeithelden hat sich durch seinen eigenen Beitrag dagegen entschieden, eine Rezension zu veröffentlichen.

Zum Interviewpartner:
Uland Grawe spielt seit vielen Jahren Rollenspiele – aus Neugier, aus Freude an Geschichten und vor allem wegen der Menschen am Tisch. Er versteht sich weniger als Autor, denn als jemand, der gerne neue Räume öffnet: für Ideen, für ungewöhnliche Perspektiven und für gemeinschaftliche Projekte.
Neben der Wertschätzung für den Rollenspiel-Mainstream zieht es ihn immer wieder zu Nischen, Eigenarten und experimentellen Formen.
The CrunchFluff ist aus genau dieser Haltung entstanden: als Dank an die Menschen – und als Einladung, Rollenspielkultur zu reflektieren und neu zu denken. Für Uland ist The CrunchFluff kein Ziel, sondern ein Weg – und Wege enden, wenn sie gegangen sind. Welche neuen kreativen Pfade folgen, wird sich zeigen.
Inhaltsverzeichnis
Interview
Der Anfang der Reise
Teilzeithelden: Hallo Uland, schön, dass wir uns wiedersehen. The CrunchFluff ist kein klassisches Fanzine. Im Editorial von „Die Kinder des Grünen Gnoms“ kann man zwar lesen, wie es zu der Idee kam, einen Klassiker neu aufleben zu lassen, aber trotzdem: Erzähl uns doch einmal von dem Anlass, der dazu führte, sich mit einem Fanzine als Projekt zu befassen.
Uland: Der Anlass war Zufall. Ich habe in der Weihnachtszeit mit einem heißen Kaffee und Weihnachtsplätzchen in meinen Rollenspielregalen gestöbert, als mir dabei alte Fanzines entgegenfielen. Ich fing einfach an zu schmökern: im Der Grüne Gnom und der Pläi Beck. Dabei kam mir der Gedanke von Wiederbelebung in den Kopf, ein typischer Rollenspielbegriff. Heute fällt mir auf, dass Rollenspiel viele Bücher hervorbringt, aber kaum Erinnerungen festhält.
Es ging weniger um Nostalgie als um die Frage, was aus den Menschen geworden ist, die vor 40 Jahren die Rollenspielszene geprägt und so viel bewegt haben. Mich hat interessiert, was hinter dem Offensichtlichen liegt. Es ist schon klar, dass ich das zu Beginn nicht geplant habe, aber ich kann nun mehr und mehr in Worte fassen, was ich intuitiv gemacht habe. Die Dynamik des ganzen Projektes entstand aus diesem Wunsch, dieses Besondere und die Menschen hinter RPGs sichtbar zu machen. So begann eine Reise.
Teilzeithelden: Die Umsetzung eines solchen Projektes muss eine Herkulesaufgabe sein. Kannst du einen Einblick gewähren, wie euer Redaktionsalltag aussah?
Uland: (schmunzelnd) Auch hier passt der Begriff „Reise“ sehr gut, vielleicht besser noch „Odyssee“. Aus meiner Spielrunde war nur mein Bruder beteiligt, später auch Ruth. Ansonsten kamen sehr unterschiedliche Menschen dazu. Viele haben mir als jemandem ohne große Szene-Vernetzung erstaunlich viel Vertrauen geschenkt. Das war keine Selbstverständlichkeit und hat mich sehr berührt.
Gleichzeitig gab es Rückschläge. Menschen sind ausgestiegen, das Kernteam hat sich verändert, Entscheidungen hatten emotionale und finanzielle Folgen. Severin – ein großartiger Illustrator – musste aus privaten und nachvollziehbaren Gründen gehen. Ruth konnte aufgrund eigener Buchprojekte die Korrektur nicht fortführen. Solche Dynamiken hinterlassen Spuren. Und auch wenn ich mit allerlei – auch schönen – Veränderungen gerechnet habe, emotional hat es mich dennoch gepackt.
Ich hatte nur das Ziel, eine Art inneren Kompass. Den Weg haben wir dann gemeinsam gefunden. Heinz Rudolf Kunze schrieb: „Eigene Wege entstehen erst beim Gehen“ – und das trifft es ziemlich gut. Ich habe versucht, viel Freiheit zu lassen, eher zu moderieren und kraftvoll zu kuratieren. Das ist Stärke und Schwäche zugleich – und Teil der DNA von The CrunchFluff.
Teilzeithelden: Euer Ziel war ein Fanzine, euer Ergebnis sind, wenn man frech sein will, drei. Was ist da „falschgelaufen“?
Uland: In der Printversion ist es ein Hauptmagazin mit zwei Covern, also ein Wendemagazin, und das Abenteuerheft „The Adventurer‘s Feuilleton“. Die Idee des Wendemagazins kam aus einem Pixi-Buch meiner Töchter. Daraus wurden die Neuinterpretationen der alten Cover: Die Kinder des Grünen Gnoms und Rewind to Pläi Beck.
Mir ging es dabei um Wertschätzung für Menschen, die den Anfang der Rollenspielzeit geprägt haben, ohne im Rampenlicht zu stehen. Deshalb haben wir The CrunchFluff auch nur dezent hinzugefügt und bewusst einen beschreibenden Markennamen ersonnen, keinen emotionalen. Wir wollten im Hintergrund die Bühne für andere bereiten.
Das Projekt hat dann eine Eigendynamik entwickelt und ist über sich hinausgewachsen. Im Gegensatz zu einem Verlag hatten wir dann mehr Freiheiten und konnten den Rahmen des Projektes breiter machen. Ein bisschen Chaos hat dem Ganzen auch gutgetan und zu viel Ordnung hätte vielleicht die Kreativität eingeengt. Am Ende mussten wir eine Balance zwischen Chaos und Ordnung finden – auch aus finanziellen Gründen. Deshalb erschien das Feuilleton in einem kleineren Format und im klassischen Layout eines Abenteuerbandes.
Es gab und kostete Kraft
Teilzeithelden: Es ist ein Projekt mit vielen Beteiligten. Was waren die Herausforderungen und besonders spannenden Erlebnisse als „Fulcrum“, also Dreh- und Angelpunkt zwischen diesen ganzen Menschen?
Uland: Ich war und bin Fanboy für das Rollenspielen: gemeinsame Spannung, tränenreiche Freude und einzigartige Erlebnisse im Miteinander. Für mich war und ist Rollenspiel immer Verbindung, nicht Abgrenzung. Umso irritierender waren Sätze wie: „Wenn der dabei ist, bin ich nicht dabei.“ Auch Ghosting habe ich erlebt. Das war ernüchternd, ein System namens G&G zu entdecken: Gatekeeping und Ghosting. Doch nehme ich das niemandem übel, jeder hat für sich gute Gründe, so zu agieren. Die Szene ist „auch nur“ ein Teil unserer Gesellschaft.
Eine kreative Anekdote fand ich krass: Ein Artikel von Johann Knigge-Blietschau aus dem Jahr 1987 zu kritischen Treffern formuliert Gedanken, die sich heute fast eins zu eins in Pathfinder 2 wiederfinden. Für mich ist das die Verbindung von Rollenspielgeschichte.
Am Ende bleiben für mich die Begegnungen: Diskussionen im Kernteam, handgeschriebene Briefe, der Austausch im Crowdfunding. Ich habe moderiert und kuratiert. Für mich war The CrunchFluff auch ein Anlass, um über Begegnungen und Spielgruppen zu sprechen, nicht über Systeme und Inhalte. Beseelt wurde The CrunchFluff von den CrowdCreatives und Unterstützenden.
Ursprünglich wollten wir tatsächlich einfach ein Fanzine machen. Auf dem Weg hat sich aber etwas verschoben: Wir haben angefangen, nicht nur über Rollenspiel zu sprechen, sondern über die Menschen, die es tragen – ihre Erinnerungen, Gruppen, Dynamiken und Geschichten. Deshalb fällt es mir bis heute schwer, The CrunchFluff kurz zu beschreiben. Vielleicht ist es am ehesten ein Versuch, diese Kultur sichtbar zu machen.
- Heute sieht Uland das Projekt aus einem anderen Blickwinkel als zu Beginn.
Teilzeithelden: Das Ergebnis ist bunt und ein wenig wild auf grafischer Ebene, aber dennoch strukturiert. Erzähl doch bitte etwas über ein paar für dich ganz besondere Merkmale des Zines.
Uland: Ich lese seit Jahren die PSYCHOLOGIE HEUTE und mag den Lesefluss, den dieses Layout ermöglicht. Das haben Nina und Jonas behutsam in unsere Welt übersetzt: Klarheit und Spiel, Ordnung und Chaos. The CrunchFluff sollte kein Buch sein, das man durcharbeitet, sondern ein Magazin, das man weglegt, wieder aufnimmt und weiterliest. Kein klassisches Regelwerk eines Rollenspiels, das übersichtlich sein muss, was aber auch ermüdend sein kann, sondern ein einzigartiges Table Book für Rollenspielende. Wir haben die Pläi Beck rot gestaltet und den Gnom natürlich grün, aber unterschiedliche Rot- und Grüntöne verwendet, um Abwechslung und Spannung zu erhalten, gepaart mit Leseführung und Kognition.
Teilzeithelden: Was waren die größten Hürden für das Projekt?

Uland: Die größte Herausforderung war emotionaler Natur. Wenig Schlaf, viele Gedanken, viel Energie. Das war anstrengend und manchmal genau das, was das Projekt gebraucht hat. Es gab Nächte, in denen mich Ideen, Erlebnisse und Gefühle lange wachgehalten haben. Die Intention war ja nicht monetärer Gewinn. Die Hürden, die entstanden sind, haben mich also eher emotional mitgenommen: schlechter Schlaf zum Beispiel, weil mich etwas nicht losließ. Aber das muss ja nicht immer etwas Schlechtes sein. (Uland lacht) Es gab und kostete Kraft.
Monetär sind wir stark unter Wasser geraten – und auch geblieben. Aber das war zum einen nie der Fokus und zum anderen hatten wir damit gerechnet. Und noch haben wir ungefähr vier Dutzend Bundles, für die ich mir wünschen würde, dass sie Liebhaber*innen finden. Auf unserer Website gibt es einen Link, über den man mir eine Mail schreiben kann. Für die geringe Anzahl lohnt es sich nicht, einen Shop einzurichten.
Teilzeithelden: Welche Tipps hättest du für jene, die es dir nachmachen wollen?
Uland: Wir haben gemeinsam ein Fazit gezogen: Was war gut, was schlecht und was würden wir beim nächsten Mal anders machen? Für mich war das Wichtigste: „Hast du Menschen, mit denen du gut in Kontakt kommst und bleibst?“ Konfliktfähigkeit, gegenseitige Wertschätzung und der Fokus auf die Sache, nicht auf das eigene Ego, sind unabdingbar.
Außerdem braucht es für so ein Projekt ein individuelles und tiefsitzendes Motiv, das das Projekt tragen sollte. Kultur, Spiel, Humor, Weltenbau oder was auch immer.
Der Blick nach vorn
Teilzeithelden: Hat das Projekt deine Sicht auf Rollenspiel verändert oder „nur“ deine Nostalgie befriedigt? Oder, wie du Max Dax gefragt hast: Was hat dir die Arbeit am Fanzine persönlich gebracht?
Uland: In der Frage steckt fast eine Unterstellung. Es war nie mein Wunsch, Nostalgie zu befriedigen, sondern sie zu ehren, ohne sie zu überhöhen. Es ging mir um die Würdigung der kreativen Menschen von damals, gestern und jetzt. Mich hat auch interessiert, was davon heute noch trägt. Ich wollte Vielschichtigkeit sichtbar machen, ich wollte die Geschichte hinter der Geschichte erzählen.
Und das ist uns in diesem Kontext sehr gut gelungen. Nicht, weil es perfekt ist, sondern weil es ehrlich ist. Den Weg dorthin würde ich jederzeit wieder gehen – mit guten Menschen, offenen Gesprächen und der Bereitschaft, eigene Vorstellungen zu verteidigen oder loszulassen.
Das Ergebnis kann ich gut vertreten.
Am 23.04.2026 um 19 Uhr ist Uland zu Gast bei Sense of Wonder in Hamburg. Mirko Sindarin (SteamTinkerer) moderiert die Veranstaltung gemeinsam mit ihm und den Inhaber*innen. Auch das Publikum soll aktiv eingebunden werden. Es wird ein kleiner Einblick in das Projekt – sicherlich auch mit Blick auf die Bedeutung von Rollenspiel über Kultur, Historie, Kunst und Forschung hinweg.
Mehr erfahrt ihr hier.
Teilzeithelden: Hast du weitere Pfeile in deinem Köcher gefunden und planst zusätzliche Projekte?
Uland: Für mich ist The CrunchFluff mehr als anfangs gedacht geworden: ein Magazin von Fans und kein Fanzine. Aber zur Frage gibt es zwei Antworten: Erstmal möchte ich all das sacken lassen. Nicht nur ein paar Tage, sondern ein paar Monate Ruhe.
Andererseits schlagen zwei Herzen in meiner Brust, denn es gibt noch so viele Dinge zu erzählen. Ich will nur nicht „das Gleiche in Grün“ machen. Ich habe ein paar Leute angeschrieben und eventuell landen noch ein paar Dinge auf der Website. Einfach so.
Es gibt Menschen, die mit mir was machen wollen. Wir sind also jeder ein Pfeil im Gruppen-Köcher und zusammen ergeben wir dann die Waffe, den magischen Bogen, das Artefakt (Uland lacht). Ich möchte aber an dieser Stelle noch nicht sagen, was kommt. Nur, dass es etwas ganz anderes sein wird.
Teilzeithelden: Dann versprichst du uns, dich zu melden, sobald du darüber sprechen möchtest?
Uland: Auf jeden Fall. Bei so einem netten Talk komme ich gerne wieder!
Teilzeithelden: Uland, danke für das angenehme Interview, alles Gute und bis bald!
Uland: Danke für diese Art, The CrunchFluff zu beleuchten. Ich hoffe, dass nach der Lektüre manche ihre alte Runde kontaktieren, sich an gemeinsame Erlebnisse erinnern oder die Begegnungen vom letzten Wochenende aus einer anderen Perspektive wahrnehmen. Dann hat das Projekt seinen Zweck erfüllt.
Artikelbilder: © Uland Grawe
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Lidia Strauch


















