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Nicht erst seit Funkenschlag ist Friedemann Friese ein bekannter Name unter den deutschen Brettspiele-Autoren. In seinem neuesten Spiel versuchen die Spieler, eine möglichst futuristisch-utopische Wohnanlage aufzubauen. Kann das komplexe Spiel für Optimierer überzeugen? Wir haben es uns für euch angesehen.

Für ein Spiel des Jahres hat es bisher noch nicht gereicht, aber immerhin standen mit Fische Fluppen Frikadellen, Funkenschlag, Fauna und Fabelsaft bereits vier Spiele von Friedemann Friese auf der Auswahl- oder Empfehlungsliste für diesen größten deutschen Spielepreis. Und auch einige seiner anderen Titel haben national und international Preise erhalten oder waren in den Endausscheidungen zu diesen. Ohne Frage gehört Herr Friese damit zu den bekannteren und beliebteren deutschen Spieleautoren. Im Gegensatz zu anderen großen Namen sind seine Erscheinungen aber nicht über alle Verlage verteilt, sondern erscheinen, zumindest in Deutschland, fast ausschließlich im eigenen Verlag 2F-Spiele. International sieht es anders aus, da finden sich die Spiele über mehrere Verlage verteilt. Im aktuell vorliegenden Fall erscheint das Spiel bei Stronghold Games.

Vielen seiner Designs merkt man, neben dem Buchstaben F, auch deutlich das (wenn auch nicht vollendete) Mathematikstudium des Autors an. So auch im vorliegenden Fall.

Spielablauf

Jeder der ein bis vier Spieler in Futuropia wurde beauftragt, eine Wohnanlage zu gestalten, die für die Bewohner den maximal möglichen Luxus bietet. Das bedeutet vor allem: Wenig arbeiten und schön wohnen. Um die Wohnanlagen zu gestalten, werden im Verlaufe des Spiels mehrere Testläufe der verschiedenen Teile vorgenommen, bevor am Ende eine sich komplett selbst versorgende Anlage stehen muss.

Zu Spielbeginn ist die Wohnanlage jedes Spielers noch recht übersichtlich
Zu Spielbeginn ist die Wohnanlage jedes Spielers noch recht übersichtlich

Gespielt wird Futuropia immer reihum. Einen sonst oft üblichen Startspielerwechsel gibt es dabei nicht. Dieser ist durch die Mechanismen des Spiels aber auch nicht notwendig. Wer am Zug ist, führt stets eine von fünf Aktionen aus. Dabei gibt es für die beiden Rohstoffe Nahrung und Energie zwei Aktionen: Eine, mit der man entsprechende Generatoren kauft und diese dann in einem Testlauf Ressourcen generieren lässt, sowie eine, mit der man Roboter oder Menschen zu seiner Anlage hinzufügt und die entsprechenden Ressourcen dann wieder verbraucht. Für die dritte Ressource, Geld, gibt es nur eine Aktion, mittels derer man eine stetig anwachsende Summe an Subventionen erhält. Das Ausgeben des Geldes erfolgt durch die bereits erwähnte Anschaffung neuer Generatoren, sowie den Zukauf von Wohnraum.

Es stehen den Spielern jedoch nicht immer alle Aktionen zur Verfügung, denn wenn man einmal eine Aktion verwendet hat, wird diese erst einmal umgedreht und kann nicht wieder verwendet werden, bis alle Aktionen wieder aktiviert wurden. Dies kann kostenlos geschehen, sofern keine Aktion mehr übrig ist, oder vorzeitig unter Aufwendung beliebiger Ressourcen in Anzahl der noch offenen Aktionen.

Neben der winzigen Stadt verfügt jeder Spieler ab Spielbeginn bereits über alle Aktionsmöglichkeiten, die das Spiel bietet.
Neben der winzigen Stadt verfügt jeder Spieler ab Spielbeginn bereits über alle Aktionsmöglichkeiten, die das Spiel bietet.

Hat man zu irgendeinem Zeitpunkt des Spiels zu wenig von einer Ressource, so können Kredite aufgenommen werden. Diese können, nach Zahlung von Zinsen, später auch zurückgezahlt werden oder zählen am Ende des Spiels als negative Punkte. Auch können besonders unschöne Wohnräume negative Punkte bringen.

Positive Punkte gibt es für arbeitslose Bevölkerung (nicht arbeiten zu müssen ist eben eine tolle Sache in dieser Utopie), überschüssig produzierte Energie oder Nahrung, besonders schöne Wohngebäude, unverbrauchte Aktionen aus der letzten Runde, sowie für übrig gebliebene Ressourcen aus den Testläufen. Letztere bringen dabei jedoch deutlich weniger als die überschüssige Produktion am Spielende.

Eingeleitet wird das Spielende, wenn entweder ein Spieler 25 Menschen in seiner Wohnanlage hat oder wenn der Markt für Generatoren für eine der beiden Ressourcen mit den letzten verfügbaren Generatoren aufgefüllt wird. In diesem Moment drehen alle Spieler (fast) alle Aktionen kostenlos wieder auf ihre aktive Seite und dürfen diese dann noch jeweils einmal durchführen, sofern sie wollen. Wenn sie das nicht tun, gibt jede übrige Aktion am Ende Bonuspunkte.

Die komplette Auslage aller Generatoren u.Ä. ist zu Spielbeginn sichtbar und, wenn man keine Varianten verwendet, in jedem Spiel sehr ähnlich. Dadurch kann man seine eigene Strategie über mehrere Partien hinweg versuchen zu optimieren und so ein immer besseres Endergebnis erreichen. Es gibt zwar über den Markt an Generatoren und Wohngebäuden ein gewisses Maß an Interaktionen zwischen den Spielern, dennoch ist Futuropia weitestgehend ein Mehrspieler-Solitär. Hierdurch unterscheidet sich das Regelwerk für das Solospiel auch nur unwesentlich vom Spiel mit zwei, drei oder vier Personen. Auch hat die Spielerzahl keinen großen Einfluss auf das Spielgefühl an sich. Lediglich die Wartezeit zwischen den eigenen Zügen steigt und die Generatoren und Gebäude sind etwas knapper.

Die jeweils außerhalb der Reihe liegenden Generatoren bieten Varianz im Spiel. Auch haben alle Wohnräume zwei unterschiedliche Seiten, von denen möglichst viele hier im Bild zu sehen sind.
Die jeweils außerhalb der Reihe liegenden Generatoren bieten Varianz im Spiel. Auch haben alle Wohnräume zwei unterschiedliche Seiten, von denen möglichst viele hier im Bild zu sehen sind.

Um dem Spiel etwas mehr Varianz zu verleihen, bietet es sich an, in weiteren Partien das Ausbauspiel zu spielen. In diesem beginnen die Spieler jeweils mit zwei unterschiedlichen Wohngebäuden, die über Spezialfähigkeiten verfügen. Dadurch unterscheiden sich die Strategien der einzelnen Spieler, und da, außer bei vier Spielern, auch nicht immer die gleichen Starträume verfügbar sind, spielen sich die Partien deutlich unterschiedlicher.

Neben dem Anreiz, seine eigene Strategie möglichst zu perfektionieren, will Futuropia vor allem durch die mitgelieferten Varianten, genannt Expertenspiel, Langzeitmotivation und Wiederspielbarkeit schaffen. Jedoch sind diese Varianten alle nur geringfügig abweichend vom Grundspiel, so dass die Partien zwar aus Optimierungssicht anders sind, sich beim Spielen selbst aber zu gleich anfühlen, um wirklich als Varianz durchzugehen.

Eine Partie Futuropia dauert ca. 1,5 bis 2 Stunden. Wenn man das Spiel noch nicht gut kennt, oder besonders intensive Denker in der Runde hat, durchaus auch länger.

Der Spannungsbogen ist dabei insgesamt eher flach. Im späteren Verlauf des Spiels bekommt man zwar von allen Ressourcen mehr als am Anfang, aber diese verbrauchen sich auch im gleichen Maße mehr, sofern man alles richtig gemacht hat.

An sich sind die Regeln von Futuropia nicht besonders komplex, und das Regelheft erklärt sich auch weitgehend gut. Durch die vielen ineinander greifenden Aktionen und die notwendige Rechnerei ist die spielerische Komplexität dennoch im oberen Mittelfeld angesiedelt. Ein Spiel für Familienabende oder zum entspannt nebenher spielen ist es sicherlich nicht.

Ausstattung

Die Spielbretter, Marker, Generatoren und Gebäude bestehen aus festem Karton, die Figuren für Menschen und Roboter aus Holz. Hier gibt es nichts auszusetzen und diese Materialien sind robust und wertig. Das kann man über das Geld leider nicht sagen. Futuropia setzt auf Papiergeld, und dieses ist derart dünn, dass es nicht gerade einfach in der Handhabung ist. Pappmünzen, eine Geldleiste, oder zumindest festeres Papier wären hier wünschenswert und zeitgemäßer gewesen.

Die Spielschachtel bietet ausreichend Platz für das Spielmaterial. Dabei wurde vollständig auf ein Inlay verzichtet und stattdessen eine erhebliche Anzahl Plastikbeutel beigelegt. Hierdurch ist das Auf- und Abbauen des Spiels relativ aufwändig.

Für unsere Rezension wurde uns ein englischsprachiges Exemplar von Stronghold Games zur Verfügung gestellt. Bis auf die Anleitung unterscheidet sich dieses nicht vom deutschen, da das Spielmaterial vollständig sprachneutral ist.

Die harten Fakten:

  • Verlag: 2F-Spiele / Stronghold Games
  • Autor(en): Friedemann Friese
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • Sprache: Deutsch / Englisch
  • Spieldauer: 1,5 – 2 Stunden
  • Spieleranzahl: 1 2 3 4
  • Alter: 12+
  • Preis: 39,17 EUR
  • Bezugsquelle: Amazon

 

Bonus/Downloadcontent

Auf der Homepage von 2F-Spiele ist Futuropia zum aktuellen Zeitpunkt leider nicht zu finden. Daher bleibt für Zusatzmaterial nur die Dateisektion von Boardgamegeek. Dort findet sich neben den Regeln auf Deutsch und Englisch auch eine kurze Regelzusammenfassung / Erklärhilfe auf Deutsch.

Fazit

Futuropia ist ein Spiel für ein bis vier Optimierer. Jeder Spieler versucht, eine selbstversorgende Wohnanlage zu gestalten, in der möglichst viele Menschen nicht arbeiten müssen, und in der sie in möglichst hochwertigem Wohnraum leben können. Dabei steht zu Beginn jedes Spiels für jeden Spieler sichtbar fest, welche Dinge in dieser Partie zu Verfügung stehen werden. Glück ist also nur ein winziger Faktor, und entsprechend langfristig kann und sollte man planen, um erfolgreich zu sein.

Insgesamt spielt sich Futuropia wie ein Multiplayer-Solitär, denn eine Interaktion findet nur in minimalem Umfang statt, indem Gebäude und Generatoren auf dem gleichen Markt gekauft werden. Dabei ist die Spannungskurve relativ flach, denn gegen Ende einer Partie erhält man zwar mehr Ressourcen für die entsprechenden Aktionen, verbraucht diese aber etwa in gleichem Maße in erhöhter Anzahl. Zumindest, wenn man gut genug plant und seine Wohnanlage entsprechend optimiert.

Für die richtigen Spieler liegt genau hier das, was Futuropia ausmacht: Optimierungsmöglichkeiten, die ziemlich genau vorausgeplant werden können. Wem derartige Spiele gefallen – Uwe Rosenbergs Agricola wäre hier ein denkbarer Vergleich – dem sollte auch Futuropia gefallen. Jedoch unterscheiden sich, im Gegensatz zu Agricola mit seinen unterschiedlichen Berufen, die Partien in Futuropia nicht so sehr voneinander. Hier bietet Futuropia wenige Möglichkeiten, den Aufbau hinreichend zu verändern, um Abwechslung und damit einen hohen Wiederspielwert zu gewährleisten. Für ein paar Partien, bis man seine eigene optimale Strategie gefunden hat, ist Futuropia sicherlich ein interessantes Spiel. Doch danach wird es bei den meisten Leuten wohl im Regal verstauben.

 

Artikelbild: 2F_Spiele / Stronghold Games, Fotografien: Holger Christiansen, Bearbeitet von Verena Bach
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

 

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