Dunkle Gewänder, zwielichtige Rituale, Dämonenverschwörer*in und Giftmischer*in im Ritualkreis –Kultist*innen sind häufig (nicht) gesehene Charaktere. Meist als NSC und meist als Antagonist*innen schaffen sie eine schwer zu greifende Bedrohung. Dass sie so viel mehr sein können und was wirklich unter der Kutte steckt, schauen wir uns hier an.
Larp lebt von Klischees – eine Faustregel, die wir alle kennen. Doch welche Klischees oder besser Stereotype gibt es überhaupt? Und welche bekannten Charaktere der Populärkultur eignen sich vielleicht als Blaupause? Diese Serie beleuchtet verschiedene Klassiker unter den Charakterklassen – und gibt Hilfestellung auf der Suche nach Inspiration.
Sie sind fast so allgegenwärtig wie in den Urzeiten des Larps der 5 Uhr-Ork. Sie sind die generische Bedrohung an jedem Königshof und jeder Stadt. Der Saum ihrer dunklen Robe hat schon mehr Kopfsteinpflaster blank gewienert als ein*e Söldner*in Kupfer beim Würfeln verspielt. Ist Gift im Becher, ein Dolch im Rücken oder ein Portal in die Hölle offen, dann war es bestimmt ihr Werk –Kultist*innen.
Doch wer sind diese mysteriösen Verschwörer*innen, diese Meister des nächtlichen Herumschleichens und der zwielichtigen Rituale? Und was lauert wirklich unter der dunklen schweren Robe? Im Folgenden Werfen wir einen Blick auf einen der vermeintlich generischsten Charaktere der Larpwelt, der nicht zu Unrecht einer der Lieblings-NSC vieles Orgas ist.
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Was ist ein*e Kultist*in überhaupt?
Jeder kennt sie irgendwoher, sie sind irgendwie unvermeidlich, so wie Fußpilz nach dem Schwimmbadbesuch oder Schimmel in der schäbigen Mietwohnung.
Selten als SC, meistens als NSC dienen sie als geheimnisvolle Bedrohung, die die Orga auf ihre Spieler loslässt –die Kultist*innen.
Was aber ist der Charakter überhaupt und bietet er sich wirklich nur für NSC-Rollen an?
Kultist*innen sind Anhänger*innen einer größeren Sache, sicherlich. Aber das trifft auch auf Charaktere zu, die Kleriker*innen, Priester*innen, Paladine oder sonstiges Gekröse sind, das sich irgendwie einer höheren Macht verschworen hat.
Da aber die meisten Kleriker*innen und Paladösen nicht gerade mit Stürmen der Begeisterung reagieren würden, wenn man sie als Kultist*innen bezeichnet, so muss es doch wohl noch weitere Charakteristika geben, die unserem ersten aufmerksamen Blick entgangen sind.
Da wäre natürlich einmal die Heimlichkeit. Die wenigsten Kultist*innen agieren im hellen Licht der Öffentlichkeit. Ihr Habitat besteht hingegen mehr aus düsteren Katakomben und Nekropolen, aus alten Herrenhäusern und Schlössen mit Geheimgängen und hohlen Wänden. Zumindest ein nicht ganz so einfach zu findendes Hinterzimmer als Versammlungsort ist auf jeden Fall Pflicht für die anständigen Kultist*innen von Welt.
Passend dazu ist auch die Identität von Kultist*innen häufig geheim, denn sie können durchaus berühmte Personen des öffentlichen Lebens sein. Geheim ist vielmehr die Mitgliedschaft in einem Kult.Sie haben nämlich zwei Gesichter: das öffentliche Gesicht, mit dem sie bei Tag Magier*innen , Stallknechte oder Paladin ist. Und das wahre Gesicht, das auch bei Nacht von einer tiefsitzenden Kapuze verborgen ist, wenn sie sich mit den Mitverschwörer*innen zu zwielichtigen Ritualen treffen.

Hier kommen wir auch zum Kern der Kultist*innenenidentität. Die Verschwörung, im Geheimen ein bestimmtes Ziel zu erreichen, meist übernatürlicher Natur oder mittels übernatürlicher Hilfe – zumindest aber moralisch oder gesellschaftlich fragwürdig.
Kultist*innen stehen dabei im Dienste einer höheren Sache, die in der Öffentlichkeit aber bestenfalls auf Ablehnung, schlimmstenfalls auf Verfolgung stoßen würde. Anders als bei einer klassischen Verschwörung ist zudem ein religiöses oder sektenhaftes Verhalten essentiell.
Leider gibt es aber keine religiöse Toleranz. Man hat es nicht leicht als Kultist*in, bei dieser immer intoleranten Gesellschaft. Man wird nicht akzeptiert – nur, weil man der Meinung ist, jeden Freitag ein Neugeborenes dem Dämon der Schmerzen opfern zu müssen, um dessen Wiederkunft herbeizuführen.
Dieser Mangel an Toleranz der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert unseren Charakter, treibt ihn in den Untergrund und macht dadurch den großen Reiz dieser (Opfer?-)Rolle aus.
Was diese Grundvoraussetzungen für unser Spiel bedeuten, schauen wir uns nun im Detail an.
Tagsüber werden Babys ausbluten gelassen, nachts Baby geküsst – der Alltag als Kultist*in
Anders als bei den meisten Rollen brauchen wir hier zwei Charaktere, die wir spielen können.

Unser Gesicht für den Tag sollte freundlich, offen und umgänglich sein. Im Idealfall stellen wir den Charaktertyp dar, dem man bedenkenlos sein Haustier oder doch zumindest sein Kind zur Betreuung anvertrauen kann. Wir sind niemand an vorderster Front der Gesellschaft, sondern spielen eher etwas aus der zweiten Reihe. Zwar streben wir nach Macht, doch diese Macht darf uns nicht daran hindern, unserem zweiten, unserem eigentlichen Leben nachzukommen. Wenn eine Königin nicht auf ihrem Thron oder eine Feldherrin nicht bei ihrer Armee ist, dann fällt das auf. Wenn ein höfischer Berater oder eine Kammerzofe vorübergehend nicht auffindbar ist, dann kann das eine gerunzelte Stirn zur Folge haben, aber Verdacht schöpft noch niemand – welchen verdächtigen Grund sollte es denn auch geben.
In unserer offenen Rolle verfolgen wir nach Möglichkeit die Ziele unseres Kultes, nicht unsere eigenen – oder sparen uns die Tatsache, den Kult zur eigenen Bereicherung zu nutzen, als Überraschung für unsere Glaubensbrüder und -schwestern bis zum richtigen Moment auf. Wir unterstützen Mitkultist*innen, soweit wir sie kennen, sammeln Informationen und beeinflussen unsere Opfer, wo wir nur können. Oberstes Gebot ist dabei immer, unter dem Radar zu bleiben, nicht verdächtig zu wirken. Wir spielen in der Rolle eine Rolle und diese Rolle muss sitzen. Unsere Maske darf nicht fallen.
Das Gesicht für die Nacht sieht hingegen etwas anders aus – oder auch gar nicht. Auffallendes Merkmal eines Kultes ist meistens, dass die Mitglieder ihre Gesichter nicht zeigen.
Die Vermummung umfasst dabei das ganze Repertoire an Möglichkeiten. Von Masken wie bei Voldemorts Todessern bis hin zu tiefhängenden Kapuzen wie beim Sith-Orden: Die Auswahl ist groß. Für die ganz besonders Sicherheitsbedachten bietet sich sogar eine Kommunikation nur über tote Briefkästen an, sodass man sich überhaupt nie persönlich trifft.
Ein Mittelding sind Treffen an Orten, bei denen man sich hört, aber nicht sieht. Angefangen bei Treffen im Dunkeln über Gespräche durch dünne Wände oder Wandbehänge bis hin zum geradezu klassischen Gespräch im Beichtstuhl (so wir denn in einem Szenario spielen, in dem es eine solche Institution gibt). Auch der dichte Dampf eines Badehauses kann für die nötige Anonymität sorgen.
Ganz oben auf der Liste an Treffpunkten steht aber das dunkle Verlies oder die nächtliche Waldlichtung, auf der man sich vermummt persönlich trifft.
Denn ohne diese Treffen verpasst man – wie wir alle im tiefsten Herzen wissen – den eigentlich wahren Grund, Kultmitglied zu sein: die kultischen Rituale.
Denn ja, die Macht, der göttliche Aufstieg oder das Versprechen von Erfüllung für Selbstaufopferung im Dienste einer höheren Sache sind ja alles schöne und gute Gründe. Aber eigentlich sind wir doch nur dabei, um uns in der Voll- oder Neumondnacht mit anderen Spinnern zu treffen und so richtig die Sau rauszulassen. Wie kann man als Kult am besten zeigen, dass man verlockend, gesellschaftlich nicht akzeptiert und potent ist? Langfristiges Planen und Intrigieren hat seinen Reiz, aber überzeugt hat uns das nächtliche Saufgelage mit lautstarker Grölerei und anschließender Orgie. Oder wie die Kultführer*innen es nennen: Mitternächtliches Opferungsritual mit unheiliger Liturgie und Gemeinschaftsmahl.
Natürlich dürfen wir als Neuling nicht gleich bei den spaßigen Sachen mitmachen, aber die muss es doch bestimmt geben, wird gemunkelt. Wir müssen nur lange genug dabeibleiben, dann kommen wir irgendwann auch in den inneren Zirkel, in dem man mehr machen darf, als sich die Handflächen blutig zu schneiden (warum eigentlich immer die Handinnenflächen? Das ist so ziemlich die ungünstigste Stelle, sich eine nicht tödliche Schnittwunde zuzufügen, die es gibt) und sein Blut im Gemeinschaftskelch zu sammeln – oder? Oder?
Auch wenn der innere Zusammenhang zur aktuellen Textstelle nicht ersichtlich ist, mag es sicherlich niemanden überraschen, dass Kulte meistens mit falschen Versprechungen arbeiten. Das, was dem einfachen Neumitglied, dem Akolythen, (oder dem Rekrut, der Bewerberin, der Gläubigen, dem Erleuchteten oder wie sie sonst genannt werden) zu Mitteln und Zweck des Kultes gesagt wird, ist häufig nicht das, was der Kult eigentlich anstrebt.
Gerne werden auch kleinere Details im Plan weggelassen – etwa die Notwendigkeit, alle verzichtbaren Kultmitglieder rituell zu opfern.
Bis es zu solchen unangenehmen Überraschungen kommt, können wir jedoch aus voller Seele die Vorteile unseres Kultes genießen.
Wir treffen uns heimlich im Dunkeln mit unseren Gleichgesinnten, stimmen rituelle Gesänge an und skandieren die Losung unseres Kultes („Das Wohl aller“ ist ein beliebter Wahlspruch, da er einen vermeintlich guten Zweck unterstellt, aber auch die Segenswünsche auf ein höheres Wesen sind nicht unüblich), gerne verbunden mit einem Treueschwur oder einem Eid. Wir führen anschließend zur Festigung dieses Eides gemeinsame Rituale durch, die neben gruppendruckbedingter „Blutspende“ auch andere gemeinschaftsbildende Praktiken wie Folter oder Entführung beinhalten.
Neben Sprechgesängen sind auch jede Menge Kerzen, Kristalle, Weihrauch und Räucherstäbchen sowie mit Kreide gezeichnete oder mit Knochen gelegte Ritualkreise essentiell. Gemeinsam fällt man skandierend auf die Knie und treibt spirituelle oder magische Energien an, bis das monatliche Ziel erreicht ist.
Entweder jetzt oder bereits im Vorfeld haben wir unsere persönlichen Anweisungen erhalten, wie wir die Sache des Kultes am besten voranbringen können. Im Idealfall haben wir einen prestigeträchtigen, aber dennoch halbwegs risikolosen Auftrag bekommen, der es uns ermöglicht, in der kultischen Hierarchie aufzusteigen. Mit weniger Glück dürfen wir weiterhin eintönig Informationen sammeln und uns in Bereitschaft halten. Und wenn wir ganz viel Pech haben, dürfen wir uns wirkmächtig zum Wohle des Kultes opfern – letzteres kann für die ganz fanatischen wiederum das große Glück bedeuten.
Abschließend säubern wir unsere Messer (Hygiene ist wichtig), verschwimmen effektvoll im Dunkel – ein Tunnel im Mauerwerk ist hier genauso gut wie dunkle, rankenumwucherte Bäume – und begeben uns in unser bürgerliches Leben zurück. Daheim verstauen wir dann noch unsere Kutte im doppelten Boden unserer Kleidertruhe, bis wir sie in einem Monat wieder brauchen.

Für die dunkle Gebieterin – endlich ist es soweit
So kann das Kultist*innenenleben relativ eintönig dahinziehen, so man denn bei der Aufgabenzuteilung Glück hat. Doch irgendwann kommt er. Der große Tag trifft ein, auf den wir, als einfaches Kultmitglied, jahrelang hingefiebert haben. Nein, wir werden nicht endlich zur großen Orgie unserer Kultgöttin Inanna eingeladen – der Kult steht kurz davor, sein über Jahrhunderte angestrebtes Ziel zu erreichen. Es kommt der Moment, aus dem Schatten ins Licht zu treten, mit einer letzten großen Anstrengung wird es uns gelingen, das Portal zu öffnen, die infernale Macht zu beschwören, den Aufstieg unseres Hohepriesters zu ermöglichen, auf dass er bis in alle Ewigkeit als Gottkönig über diese dann verfluchten Schattenlande herrschen kann. Alles, was wir nun tun müssen, ist dieses Amulett umzuhängen und uns mit allen anderen in diesen riesigen Ritualkreis zu stellen. Hey, Moment mal, warum fängt das Medaillon plötzlich an zu leuchten und zu brennen?
Das haben wir schon immer so gemacht – bloß keine Experimente
Die finale Apokalypse, die rituell bedingte Machtmachtübernahme oder magische Erhöhung muss allerdings nicht das Ziel unseres Kultes sein. Um eine finale Endschlacht zu erzwingen oder die Spannung zu erhöhen, kann sich ein solches Vorgehen anbieten. Ebenso praktikabel und womöglich sogar gewinnbringender ist es aber häufig, einen Kult zu haben, der mit dem Status quo zufrieden ist. Ziel ist dann grade nicht, die Gesellschaft umzustürzen, für infernalisches Chaos zu sorgen oder allen arglosen Bürger*innen Tentakelwarzen zu verpassen und Hirnschnecken einzusetzen.
Sondern im Gegenteil, der Kult hat einen Zustand der Gesellschaft erreicht, den er wünschenswert findet, der ihm das Maß an Kontrolle gibt, das er will. Sein Ziel ist es dann, diesen Zustand gegen alle Störungen zu verteidigen. Unsere Aufgaben hier sind es, potentielle Störfaktoren des Friedens frühzeitig aufzuspüren und zu eliminieren. Unsere rituellen Opfergaben dienen nicht dazu, Gefallen, magische Energie oder ähnlich obskures zu sammeln, sondern die besänftigen unseren Dämonengott, der für uns die Welt im Ist-Zustand hält. Da wir aber wissen, dass die Öffentlichkeit die dafür notwendige monatliche Spende von fünf Jungfrauen, acht Erstgeborenen und drei Mandarinen womöglich für moralisch verwerflich hält, vollziehen wir unseren Dienst an der Gemeinschaft eben verborgen im Dunkeln.
![Ehrgeizige Kulte greifen nach der Krone.]](https://i0.wp.com/www.teilzeithelden.de/wp-content/uploads/2025/01/Bild-4-1.jpg?resize=696%2C392&ssl=1)
Ich – als Kultist*in
Während das als Szenario für eine Orga, umgesetzt mit Kult-NSC, vergleichsweise einfach darzustellen ist, steht man als SC vor zusätzlichen Herausforderungen.
NSC können Doppelrollen haben, sie sind in ein Szenario eingebunden und können auch mal problemlos enttarnt und geopfert werden. Relevante Fragen sind hier eher, welche Rituale und Erkennungszeichen in der Öffentlichkeit es geben soll, die eventuell entdeckt werden können, und ob SC zwangsrekrutiert werden. Letzteres stößt nicht bei allen auf Gegenliebe, kann aber bei einer guten Umsetzung für eine herrlich paranoide Stimmung auf der Con sorgen, wenn plötzlich wirklich niemand wer weiß, wer vertrauenswürdig ist. Grade wenn der Kult verschiedene Hierarchieebenen hat, kann man zwangsrekrutierte SC problemlos auf der Fußvolkebene einsetzen. Oder man bietet ihnen wirkliche Aufstiegsmöglichkeiten an und lässt sie vom Dunkeln in Versuchung geführt werden.
Wie aber spiele ich als SC ein wahres Kultmitglied? Schließlich hat man als durchschnittlicher SC auf Con ähnlich viel Kultgeschwister wie der Durchschnittskrieger Gefolgsleute – nämlich exakt null.
Als erstes müssen wir uns daher entscheiden, ob wir nicht doch unseren Freundeskreis überreden, mit uns auf Con zu fahren und dort gemeinsam einen Kult zu bespielen. Dann müssen wir uns einen Zweck überlegen, ein angebetetes oder paktverschworenes höheres Wesen kann auch nicht schaden. Wir benötigen eine Ritualrobe, eine Losung und nicht zuletzt ein Erkennungszeichen für den Alltag. Denn der Reiz unseres Spiels wird wohl darin bestehen, möglichst offensichtlich verdächtig aber dennoch unentdeckt unsere Rituale durchzuführen. Je nach Szenario der Con können wir vor Ort auch versuchen, Neulinge zu konvertieren.
Letzteres ist auch eine Möglichkeit, wenn wir wirklich komplett alleine dastehen. Dann haben wir zum einen unseren Tarncharakter, der an sich ja ein vollwertiger Charakter sein sollte. Wenn dann die Dämmerung einsetzt und sich das arglose Volk an den Tafeln und in den Schankstuben versammelt, kommt unsere Stunde. Jetzt ziehen wir los und suchen uns leichtgläubige Opfer, die wir von unserer Sache überzeugen können. OT finden sich bestimmt Interessierte, IT finden sich immer Mittel und Wege…
Artikelbilder: © DrachenFest UG & Co. KG © Nabil Hanano
Titelbild: depositphotos © KIA // generated with AI support
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Alexa Kasparek

















