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Magie und Übernatürliches sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil im Fantasy-LarpEine ganz besondere Ausprägung des Magie-wirkenden Charakters ist auch eine der am häufigsten missverstandenen: die Hexe. Im Interview mit vier Hexenspielerinnen tauchen wir ein in ein Charakterkonzept, das sich ebenso bunt und vielfältig wie überraschend und tiefgründig zeigt.

Der Umgang mit Übernatürlichem, Magie und Hexerei im Liverollenspiel ist wahrscheinlich ebenso vielfältig, wie es die Spielenden und ihre Charaktere sind. Charakterkonzepte und ihre Darstellung sind von hunderten verschiedenen Hintergründen, Welten, Büchern, Filmen und Spielen inspiriert und beeinflusst. Die Reaktionen reichen von Faszination über Misstrauen bis hin zu dogmatischer Ablehnung von Magie. Kommt diese unter dem Begriff „Hexerei“, und die ausübende Person in der Beruf(ung)sbezeichnung Hexe daher, wird es oftmals kompliziert. Denn wo selbst Skeptiker*innen akademischen Magier*innen zumindest zugestehen, dass das Ganze auf einer soliden Ausbildung fußt und festen Regeln in schönen großen Büchern folgt, schießen die Augenbrauen  – und oftmals die Waffen – bei der Begegnung mit einer Hexe ungleich schneller in die Höhe. Dabei sollte man doch fast meinen, wir seien auch im Rollenspiel über flache Klischees mittlerweile hinaus? Vier Darstellerinnen unterschiedlicher Hexen-Charaktere bieten uns einen Einblick in ihre Rollen und erzählen, wie vielseitig, spannend, frustrierend und bereichernd das Spiel als Hexe sein kann. 

Triggerwarnungen

Sexismus, Gewalt, J.K.Rowling

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Von Grimoire bis Räucherwerk – der Kreativität sind bei den Requisiten nur wenige Grenzen gesetzt © neroli
Von Grimoire bis Räucherwerk – der Kreativität sind bei den Requisiten nur wenige Grenzen gesetzt © neroli

Magie oder Hexerei?

Warum also das Charakterkonzept Hexe? Eine Frage, die im Laufe des Gesprächs offenbart, dass hier mehr Tiefgang zu finden ist, als von der Autorin erwartet. Es wird schnell klar, dass die Motivationen, dieses Charakterkonzept zu bespielen sich von den Antworten unterscheiden, die man bekommt, wenn man Spielende anderer magischer Professionen fragt. Bei allen vieren fällt auf, dass es scheinbar die Charaktere waren, die sich ihren Weg gesucht haben. Die individuellen Werdegänge reichen vom Start als Erstcharakter bis zur Existenz geboren aus einem Pen&Paper – Charakter. Selbst der Punkt, ab dem klar war, „ich bin eine Hexe“, ist nicht immer ganz klar definiert. Doch eine Gemeinsamkeit scheint es zu geben: Emotionen als Schlüssel zur Magie. Anders als Gilden- und Akademie- Magier*innen zieht die Hexe ihre Kraft nicht aus gemurmelten Formeln, aus Büchern gelernt und ausreichend oft bis zur gewünschten Wirkung wiederholt. Statt aus einem Folianten abgelesen, formt sich die dargestellte Magie aus Wut, Freude, Sorge oder Angst.

Gerade diese Entfesselung der Emotionen, im Gegensatz zur kühlen Selbstbeherrschung erlernter Magie, kann einen besonderen Reiz des Hexen-Spiels ausmachen. Das Wirken von Magie durch Emotion, auch mal bis zum Kontrollverlust, hat seinen ganz eigenen Reiz. Jedes Gefühl wird intensiv erlebt und bespielt.

Wenn der örtliche Zirkel tagt…© celiafoto
Wenn der örtliche Zirkel tagt…© celiafoto

Man darf emotional reagieren, auch wenn man im Grunde sehr friedliebend ist. Nur weil man als naturverbundene Hexe vielleicht die schönen Dinge schätzt, ist man noch nicht naiv oder gar harmlos. Vor allem als unscheinbare Frau wird man gern einmal unterschätzt und kann dies nutzen. Denn so freundlich die Kräuterhexe von nebenan auch daherkommen mag, mit ihren Tränken für jedes Wehwehchen – Gnade dem, der ihren Schäfchen zu nahekommt.

Ganz besonders intensiv kann es auch werden, wenn Hexe auf Hexe trifft. „It takes one to know one“ kann hier schon mal Programm sein. Beispielsweise wenn jemand inmitten Magiebegabter aufgewachsen und dann in die Welt(en) entlassen wird. Um sich dann damit zurecht zu finden, dass man etwas Besonderes, gelegentlich sogar Gefürchtetes ist, tut es gut, Verbündete und Mentor*innen zu finden. Finden Hexen zusammen, stehen die Zeichen schnell auf Frauenpower. Und inmitten einer Gemeinschaft kann der lokale Hexenzirkel auch mal zur moralischen Instanz werden.

Von Instagram bis Scheibenwelt –  und wovon man vielleicht lieber die Finger lässt…

Potentielle Inspirationen für einen Hexen-Charakter gibt es viele. Wer sich auf Social Media umschaut, wird nach kurzer Suche eine ganze Community praktizierender Hexen finden. Ob man sich tiefer mit den dort vorgestellten Handlungen befassen möchte, oder sich nur aneignet, was der Darstellung nützt, ist ganz dem eigenen Empfinden überlassen. Doch auch abseits der realen Welt finden sich Charaktere, denen man sich als Hexen-Spieler*in nahe fühlen kann. Von Morgana bis Oma Wetterwachs hat die Populärkultur der letzten Jahrzehnte so einige Hexen hervorgebracht, die in ihren Eigenschaften eine gute Blaupause bieten, an der man sich orientieren kann. Nicht immer passiert das von vornherein. Manchmal kann es auch vorkommen, dass die Darstellung so sehr an ein „Original“ erinnert, dass Spielende dies bemerken und der Hexe als Feedback geben. Gelegentlich findet man so auch unverhofft sein ganz eigenes „Spirit Animal“ unter den Hexen in Film und Phantastik. Doch nicht nur der Charakter selbst braucht manchmal einen Anhaltspunkt. Auch Darstellung und Handwerkszeug möchten ausgewählt werden.

Auch hier liefert der „reale“ Okkultismus allerhand, sei es der Klassiker aus Kristallkugel und Tarotkarten, oder die Seelenmagie mithilfe von Räucherwerk. Die eigenen Vorlieben und Talente ergeben sich oft erst „unterwegs“. So kann es passieren, dass eine Hexenspielerin merkt, dass sie von ganz allein Leute anzieht, die Hilfe brauchen, oder ein Problem haben, das es zu lösen gilt. Dann sitzt man da plötzlich und erzählt der freundlichen Hexe, was einen quält, und findet Hilfe, wo man sie am wenigsten vermutet hätte.

Doch auch bei der Auswahl der Requisiten gilt, wie bei allen Konzepten, die sich in der Realität bedienen, besser Vorsicht als Nachsicht. Wer beispielsweise mit Runen arbeiten möchte, sollte sich vorher bewusst machen, dass einige davon zur Zeit des Nazi-Terrors mit nationalsozialistischer Symbolik belastet wurden, die sie auch heute nicht ganz verloren haben. Und auch wenn Religionen und Rituale wie zum Beispiel Voodoo spannend sind, sollte auch hier ein kurzes Innehalten angebracht sein, dass es sich hier um praktizierte Religionen eines anderen Kulturkreises handelt. Dann doch lieber eigene Runen ausdenken, und die Anleihen sparsam halten.

Von manchen Sachen lässt man auch im Spiel vielleicht lieber die Finger. © VadimVasenin
Von manchen Sachen lässt man auch im Spiel vielleicht lieber die Finger. © VadimVasenin

Der Elefant im Raum

Wer an Hexerei im Larp denkt, kommt an einem Setting nur schlecht vorbei. Die Rede ist von der Wizarding World. Nachgefragt, ob unsere vier Hexen sich ihre Charaktere auch innerhalb dieses Settings neu interpretiert vorstellen könnten, fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus.

Sind einerseits die Vorstellung von modischen Spitzhüten und fliegenden Besen schon sehr spannend und die Berichte und Fotos von entsprechenden Veranstaltungen faszinierend, so fällt es auch schwer, einen Mittelalter-Fantasy-Charakter in dieses so ganz andere Konzept zu übersetzen. Mit einem ganz neuen Charakter sähe es vielleicht anders aus, doch der müsste auch erst einmal gebaut und ausgestattet werden – dafür hängt das Herz dann schon zu sehr an der klassischen Fantasy.

Dazu kommt, dass die Wizarding World in den Letzten Jahren nicht nur für Liverollenspielende immer mehr zum Gewissenskonflikt geworden ist. J .K. Rowlings queerfeindliches Weltbild und ihre Äußerung, dass, wer ihr Werk konsumiert oder in irgendeiner Weise damit interagiert, diese unterstütze, schreckt mindestens ab. Auch wenn die Wizarding World für viele ein prägender Teil von Kindheit und Jugend war, der fade Beigeschmack bleibt.

Nachgefragt, ob vielleicht ein anderes Setting denkbar sei, ergibt sich aber schnell eine ganz andere spannende Richtung – Hexe im Endzeit-Larp. Das wäre doch mal was. Doch solange Urlaub und Con-Tage diktieren, wie viel Zeit wirklich in einen Charakter geht, bleiben unsere Hexen lieber bei dem Konzept, für das sie brennen. Halbe Sachen sind nichts für ganze Hexen.

Auf den Scheiterhau – …lasst euch was Neues einfallen!

Das Konfliktspiel, das Hexen-Darstellende erleben, kommt bisweilen dann doch ein wenig einfallslos daher. Klar, wenn der eigene Hintergrund vorgibt, dass Du die Hexen nicht am Leben lassen sollst, oder etwas ähnlich dogmatisch abgedroschenes, dann ist der Ruf nach Fackel und Forke gefühlt die nahegelegene Reaktion. Und es ist nicht so, dass eine Hexe ein schönes Konflikt-Angebot nicht zu schätzen weiß. Doch wie bei jedem Konzept, das gewohnheitsmäßig oft auf Gegenwind stößt, ist der fünfte wütende Mob des Tages irgendwann auch nur noch eingeschränkt bereichernd. Zumal sich hier auch durchaus Fallstricke auftun, die einen ernsten Hintergrund beleuchten. Denn wo im Liverollenspiel der Ruf nach dem Unschädlichmachen einer Hexe in, wenn auch aufgeladenes und gegebenenfalls emotionales, Spiel mündet, sollte man sich gelegentlich auch vor Augen führen, dass in der realen Historie – und leider auch der Gegenwart – der Hexenglaube kein Spaß war und ist. Denn das Prinzip Hexe, in der Phantastik mittlerweile als viel mehr als ausschließlich böse etabliert, hat in der Realität nicht eine einzige Hexe das Leben gekostet – sehr wohl aber tausende Frauen. Und wenn zur selben Zeit der akademische Magier mit Respekt behandelt, die Hexe aber zum Schweigen gebracht werden soll, dann ist der fade Beigeschmack von plattem Sexismus – wenn vermutlich auch unbeabsichtigt – nicht so sehr weit hergeholt.  Deshalb kann es nicht schaden, sich vor dem Start eines Konflikt-Angebotes, welches grundsätzlich ähnlich willkommen ist wie jedes andere Spielangebot, kurz Gedanken zu machen und vielleicht auch die Zeit für eine kurze Absprache zu nehmen, bevor man schädliche Stereotype reproduziert. Schöner Konflikt kann dagegen alle Beteiligten bereichern. Eine Hexe und ein*e Priester*in können sich beispielsweise über längere Zeit immer wieder begegnen, einander bis aufs Blut verabscheuen, und dennoch ihre Fehde pflegen, ohne direkt die Daumenschauben rauszuholen oder die ganz finsteren Flüche auszupacken. Das beschert allen Spielenden wahrscheinlich wesentlich mehr schöne Erfahrungen als mitten auf der Wiese umgeschnitten zu werden. Denn schließlich sind Hexen Spieler*innen wie alle anderen auch, und nicht des Hexenjägers persönliche NSC. Wichtig ist immer, sorgsam miteinander und den Charakteren aller Beteiligten umzugehen. Gerade im Konflikt steht der Spaß aller im Vordergrund.

Und ist ein Konflikt nicht gewünscht, so gibt es auch andere Wege, mit einer Hexe zu interagieren. Warum sich nicht einmal darauf einlassen, sich die Fähigkeiten der Hexe – ob mit Räucherwerk oder Zaubertränken – einmal ganz in Ruhe vorführen zu lassen; vielleicht warten auf der anderen Seite ja ganz neue Erkenntnisse?

Danke an Aedith Fuxfell, Clara, Liliana und Naevia für das wunderbare Gespräch! Wer mehr zu dem Thema hören möchte, kann einmal in diese Folge des Podcast Alles Larp hineinhören: https://alles-larp.podigee.io/57-hexen

Artikelbilder: Depositphotos © wie gekennzeichnet
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Laura Pascharat

1 Kommentar

  1. J.K. Rowling ist eine Triggerwarnung wert, nicht aber bspw. der im Text erscheinende Hinweis auf Voodoo oder die Nazi-Zeit?
    Seltsam, aber so steht es geschrieben.

    Und wo wir gerade dabei sind: wieso wird davor gewarnt, Voodoo, aufgrund realer Religionsanhänger, zu nutzen – nicht aber davor, generell Hexerei dazustellen, wo es doch auch selbst hierzulande einige Menschen gibt, die sich als Hexe/Hexer bezeichnen und darum – ähnlich wie Druiden – ein Glaubensskonstrukt errichtet haben? Sollte das – gerade auch von den Darsteller(innen) nicht auch reflektiert werden?

    Und ist es nicht eher das Problem jener, die (alle?) Runen nur im Kontext des Nationalsozialismus statt jener, die sich damit ernsthaft oder spielerisch mit einem völlig anderen Hintergrund und -gedanken beschäftigen?

    Und als allerletztes, aber mMn für einen journalistischen Artikel am (ge)wichtigsten: hat JKR tatsächlich behauptet, wer ihre Bücher kauft/liest, unterstütze ihre trans-kritische Sichtweise – oder ist dies „nur“ die Deutung einiger Kritiker(innen)?
    Eine, zugegeben kurze, Googlerecherche läßt letzteres vermuten und wahrscheinlicher erscheinen, doch sicher gibt es für die hier zugeschriebene Aussage Rowlings zumindest eine lautere Quelle, nicht wahr?

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