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Zwei Agentinnen, zwei feindliche Fraktionen, ein Krieg durch die Zeit und eine Verbindung, die alles verändert. Verlorene der Zeiten von Amal El-Mohtar und Max Gladstone ist eine sprachgewaltige Novelle über Nähe, Identität und die Macht von Worten.

Verlorene der Zeiten wurde 2019 mit dem Nebula Award und 2020 mit dem Hugo Award als beste Novelle ausgezeichnet, zwei der wichtigsten Preise der phantastischen Literatur. Seitdem hat das Buch eine stetig wachsende Leser*innenschaft gefunden, nicht zuletzt durch einen unerwarteten Hype in den sozialen Medien.

Und doch bleibt dieses Buch ein Ausnahmefall. Es lässt sich weder als klassische Science-Fiction noch als reine Liebesgeschichte begreifen. Anstelle von Handlung im konventionellen Sinne oder klar umrissenen Welten entfaltet es seine Wirkung vor allem durch Sprache, Form und Atmosphäre. Was also macht Verlorene der Zeiten so besonders?

Triggerwarnungen

Tod von Hauptcharakteren

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Story

Amal El-Mohtar und Max Gladstone erzählen in Verlorene der Zeiten eine komplexe und faszinierende Geschichte zweier Agentinnen, Rot und Blau, die in einem Zeitkrieg gegeneinander antreten. Beide repräsentieren gegensätzliche Fraktionen, deren Ziel es ist, unterschiedliche Zukünfte sicherzustellen. Doch aus einer anfänglich rein strategischen Rivalität entwickelt sich eine persönliche Verbindung, die auf subtilen Briefwechseln basiert, versteckt und verschlüsselt, zwischen den Zeiten und Realitäten.

Verlorene der Zeiten interpretiert das Thema des Zeitreisekrieges auf […] anspruchsvolle Weise.

Die Handlung entfaltet sich auf mehreren Ebenen und springt zwischen Perspektiven und Zeitsträngen hin und her. Dabei nimmt die Spannung mit jedem Detail, das man über die Welt und die beiden Korrespondentinnen erfährt, langsam, aber stetig zu. Die Rollen der beiden Hauptfiguren sind tiefgründig, nachvollziehbar und emotional authentisch dargestellt. Selbst wenn das Ende nach einiger Zeit absehbar wird, schmälert das keineswegs den Genuss, sondern steigert vielmehr die Erwartung auf den emotionalen Höhepunkt.

Verlorene der Zeiten interpretiert das Thema des Zeitreisekrieges auf ungewohnte, literarisch anspruchsvolle Weise. Im Kern ist es eine Geschichte über Verbindung, getragen von Sprache, Erinnerung und der Sehnsucht, von anderen erkannt zu werden. Die Briefe zwischen Rot und Blau sind mehr als nur Kommunikation: Sie sind Kunstwerke, Rätsel, Geständnisse, Verlockungen und Spuren einer sich entwickelnden Beziehung, die jenseits von Raum und Zeit existiert. In einer fragmentarischen Welt entfaltet sich zwischen den beiden eine Beziehung, die sich über die Grenzen hinweg behauptet. Aus dem scheinbar klassischen Science-Fiction-Plot entsteht so eine dichte Erzählung über das, was Sprache zu bewahren vermag.

Schreibstil

Der Stil von Amal El-Mohtar und Max Gladstone ist das, was Verlorene der Zeiten so besonders macht. Eine poetische, beinahe lyrische Sprache durchzieht den gesamten Text, ungewohnt für das Science-Fiction-Genre, aber genau deshalb so fesselnd. Die Erzählweise ist experimentell und verlangt gerade am Anfang ein gewisses Maß an Geduld, um sich darauf einzulassen. Die wechselnde Perspektive, zwischen den Gedanken der beiden Protagonistinnen und ihren zunehmend intimer werdenden Briefen, schafft eine dichte Atmosphäre und emotionale Tiefe. Der Weltenbau bleibt oft fragmentarisch, aber gerade darin liegt sein Reiz. Die Welt erklärt sich nicht vollständig, sondern offenbart sich in den Details.

Besonders hervorzuheben ist die hervorragende Übersetzung von Simon Weinert, der es nicht nur schafft, die sprachliche Feinheit des Originals ins Deutsche zu übertragen, sondern dabei auch eine durchdacht genderneutrale Sprache verwendet, wo das Original offen bleibt. Die beiden Hauptfiguren behalten ihre weiblichen Pronomen und Identitäten, doch die Sprache um sie herum ist allgemein und nicht-binär lesbar. Das ist nicht nur stilistisch gelungen, sondern auch thematisch stimmig, denn das Buch spielt bewusst mit Zugehörigkeit und Rollenwahrnehmung.

Die Autor*innen

Amal El-Mohtar ist eine preisgekrönte Autorin, Lektorin und Kritikerin. Ihre Kurzgeschichte Seasons of Glass and Iron gewann zahlreiche renommierte Preise wie den Hugo- und Nebula-Award. El-Mohtar schreibt regelmäßig Kritiken für NPR Books und The New York Times. Derzeit arbeitet sie an ihrem Doktortitel und unterrichtet Kreatives Schreiben.

Max Gladstone ist ein amerikanischer Autor, der an der Schnittstelle von Fantasy, Science-Fiction und Rollenspielwelten schreibt. Neben seiner bekannten Romanreihe The Craft Sequence arbeitet er an Serienformaten wie Bookburners und The Witch Who Came in from the Cold sowie an Projekten für Pathfinder und Wild Cards. Gladstone studierte Chinesisch und lebte mehrere Jahre in China.

Erscheinungsbild

Das Cover von Verlorene der Zeiten ist hochwertig und durch seine haptischen Elemente, der fühlbar hervorgehobene Titel und Hintergrund, besonders gelungen. Es passt hervorragend zum Mix aus poetischer Sprache und Science-Fiction-Thematik des Kurzromans. Leider ist die Druckqualität im Buch schwankend. Es treten gelegentlich leicht verwischte Wörter oder schwächer gedruckte Passagen auf, was jedoch den Lesefluss nicht beeinträchtigt.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Piper Verlag
  • Autor*innen: Amal El-Mohtar und Max Gladstone 
  • Erscheinungsdatum: 01.09.2022
  • Sprache: Deutsch (Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Simon Weinert)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 192
  • ISBN: 978-3-492-70606-3
  • Preis: 18,00 EUR (Print) + 9,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (Englisch, Deutsch)

 

Bonus/Downloadcontent

Die besondere Gestaltung der Danksagung verdient Lob, da sie als Gespräch zwischen den Autor*innen gehalten ist. Dadurch erhält man interessante Einblicke in den kreativen Entstehungsprozess des Buches. Zusätzlich gibt es auf der Verlagsseite zum Buch noch ein kleines Interview mit den Autor*innen.

Fazit

Verlorene der Zeiten von Amal El-Mohtar und Max Gladstone ist ein Kurzroman, der sich allen Konventionen entzieht. In einem Krieg, der quer durch Zeitstränge und alternative Realitäten geführt wird, entdecken zwei Agentinnen die Kraft des geschriebenen Wortes und verlieren sich dabei in einer Verbindung, die stärker ist als jede Ordnung. Die Handlung ist fragmentarisch, die Welt entrückt, doch zwischen den Zeilen entsteht eine emotionale Klarheit, die berührt. Die Briefe zwischen Rot und Blau sind kunstvoll und zutiefst persönlich: eine Form der Kommunikation, die zur Offenbarung wird.

Verlorene der Zeiten verlangt Aufmerksamkeit und Vertrauen und belohnt beides mit sprachlicher Schönheit und erzählerischer Tiefe. Es ist eine Geschichte über Nähe trotz Distanz, über Intimität in einer Welt voller Masken und über das, was Worte zu bewahren vermögen. Dabei geht es weniger um klassische Spannung als um das, was bleibt, wenn das Buch längst beendet ist. Wer sich auf diesen ungewöhnlichen Text einlässt, wird ihn nicht so schnell vergessen.

  • Bildgewaltige poetische Sprache
  • Einzigartiges Konzept für einen Science-Fiction-Roman
  • Tiefe Emotionen
 

  • Vorhersehbares Ende

 

Artikelbilder: © Piper Verlag
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Nina Horbelt
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