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Eveen, eine Wiederauferstandene, die im Namen ihrer Gilde als Assassinin tätig ist, scheiterte noch an keinem Auftrag. Bis zur verhängnisvollen Nacht des Festes des Räderwerkkönigs, bei dem sie auf ihre verloren geglaubte Vergangenheit stößt. Sie muss schnell handeln, um das Rätsel zu lüften, ohne selbst unter die Räder zu kommen.

Mit Die toten Katzen-Assassinen veröffentlicht P. Djèlí Clark erstmals eine reine High-Fantasy-Lektüre. Die Geschichte wird in nur 240 Seiten vollumfänglich in Form einer Novelle erzählt. Protagonistin ist Eveen, eine Assassine, die sich zu ihren Lebzeiten der Göttin Aeril verschrieben hat. Doch das ist auch das Einzige, das Eveen von ihrem früheren Leben weiß. Ihr Alltag wird nun davon bestimmt, als Wiederauferstandene für 100 Jahre der Göttin Aeril als Assassine zu dienen, ohne Erinnerungen an ihr früheres Leben und eingeengt von engen Regeln. Dass weltliche Genüsse wie Alkohol oder Sex nicht dieselben Effekte auf sie haben wie auf Sterbliche, ist da noch ihr kleinstes Problem. Denn ein Auftrag in der Nacht des Festes des Räderwerkkönigs, der einfach sein sollte, entpuppt sich als Falle. Dieser gilt es nun, die Zeit im Nacken sitzend, zu entkommen.

Triggerwarnungen

Gewalt

Tod

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Story

Eveen ist eine Assassine der Göttin Aeril. Als solche muss sie sich zu ihren Lebzeiten dieser verschrieben haben, auch wenn sie selbst sich daran nicht mehr erinnern kann. Einen Vertrag hat sie zwar gesehen, doch sämtliche ihrer Erinnerungen an ihr früheres Leben, ihren Namen eingeschlossen, wurden ihr im Zuge des Wiederauferstehungsprozesses genommen. Als Wiederauferstandene obliegt es ihr für ein Jahrhundert, die Wünsche ihrer Gilde, der Gilde der toten Katzenschwanz-Assassinen, zu erfüllen. Damit alles seine Ordnung hat, unterliegen Gilden wie ihre drei elementaren Grundregeln: Aufträge müssen rechtmäßig sein, niemand darf ohne Vertrag töten und jeder Auftrag ist auszuführen – andernfalls droht der Tod oder Schlimmeres. Eveen ist gut in ihrem Tun und ist noch an keinem ihrer Aufträge gescheitert. Ein Umstand, der ihr sonst die Rache ihrer Göttin in Form von Höllenhunden oder Schlimmerem einbringen könnte. Doch in der Nacht des Festes des Räderwerkkönigs ändert sich alles.

Zunächst erscheint ihr alles leicht wie gewohnt. Sie überspringt ein paar Mauern, umschleicht Wachen und erklettert einen Turm. Doch als sie dem Mädchen, das sie im Turmzimmer umbringen soll, ins Gesicht blickt, ist es, als würde sie in ein jüngeres Ich ihrer selbst blicken. Kurzerhand rettet sie Cyanna, von allen Himmel genannt, aus dem Turm vor ihren, wie sie nun erfährt, Entführenden und flieht. Diese Entscheidung zieht jedoch einige Komplikationen nach sich, muss doch jeder angenommene Auftrag bis zum Ende erfüllt werden. Noch vor der Reaktion ihrer Göttin haben es Eveen und Himmel nun mit Mitgliedern ihrer eigenen Gilde zu tun, denn die Oberste lässt es nicht auf sich sitzen, dass ein einmal angenommener Auftrag unerfüllt bleibt und am Ende womöglich ihre Gesamte Gilde dem Verdammen anheim fällt. Nach und nach müssen sich Eveen und Himmel der jeweiligen und in ihrem Tun sehr verschiedenen Assassin*innen erwehren, mehr über die Gesetze Aerils herausfinden, um den zugrunde liegenden Vertrag zu annullieren und die Drahtzieher*innen zu ermitteln – und das alles in nur einem Tag.

Die Spannung kommt bei diesem Abenteuer nicht zu kurz. Gemeinsam werden Eveen und Himmel von einer Seite der Stadt Tal Abisi zur anderen gejagt, stets nur einen Schritt vor ihren Verfolgenden. Gerade die unterschiedlichen Kämpfe mit den weiteren Assassin*innen machen einen besonderen Reiz des Buches aus. Alle Widersacher*innen bringen eigene Fertigkeiten und Spezialisierungen mit, sodass Eveen tief in ihre Trickkiste greifen muss, um Himmel und sich am Leben zu erhalten.

Nach und nach entfaltet sich das zugrunde liegende Geflecht an Intrigen, sodass sich für Protagonistinnen wie auch Lesende das Gesamtbild nach und nach zusammensetzt. Herauszuheben hierbei ist, dass es der Autor trotz der Kürze des Romans schafft, einen umfangreichen Hintergrund zu erarbeiten und einfließen zu lassen. Tal Abisi als Metropole weist nicht nur verschiedene, teils magisch verseuchte, Stadtteile auf, sondern ist selbst nur Teil einer größeren Welt mit eigener Religion und Hintergrundgeschichte. Der Räderwerkkönig, dessen Fest in der Nacht der Handlung gefeiert wird, wird ebenso in Form von Geschichten und Legenden thematisiert.

Kern der Geschichte ist die Handlung um Eveen und Himmel, doch auch die Nebenfiguren kommen in Handlung und Charakterisierung nicht zu kurz. Im Verlaufe der Handlung muss Eveen alle Register ziehen, um ihren mächtigen Gegner*innen zu entgehen und Gefechte für sich zu gewinnen, sodass den Lesenden allerhand Kontakte Eveens vorgestellt werden. All diese haben ihre ganz eigenen Antriebe und wirken nachvollziehbar und lebensnah dargestellt. Auch ihre Widersacher*innen stellen würdige Gegner*innen dar, sodass sich für Lesende am Ende der Novelle nur eine Frage stellt: Wird es eine Fortsetzung in der Welt Eveens geben?

Schreibstil

Die Übersetzung der Novelle stammt aus der Feder Bernd Sambales. Eine Besonderheit bezüglich der Übersetzung wird in einem kurzen Nachwort der Lektorin erläutert. Der Autor P. Djèlí Clark nutzte für die Sprache der Gottheiten die auf Jamaika verbreitete Kreolsprache mit englischen Wurzeln. In der französischen Übersetzung war es möglich, dieses durch eine Kreolsprache zu übersetzen, die im französisch-karibischen Reggae verwendet wird. Zwar gibt es deutsche Kreolsprachen, doch werden diese nicht im deutschen Reggae verwendet, sodass eine Reproduktion des Leseerlebnisses nicht möglich war. In Absprache mit dem Autor verwendete Bernd Sambale Hochdeutsch unter Beibehaltung bestimmter Wörter des Patwa wie beispielsweise „bumaya bumaya“ als Begrüßungsformel. Insgesamt wirkt die Übersetzung stimmig und passend für die Geschichte. Mit Bernd Sambale hat hier der Cross Cult Verlag eine gute Entscheidung getroffen.

Die Ausdrucksweise des Autors ist angenehm, sodass der Handlung leicht zu folgen ist. Die Geschichte begleitet stets Eveen. Lesenden liegen die Gedanken als auch Wahrnehmungen Eveens offen. Sie sind somit stets auf Eveens Wissensstand und können mit dieser sowohl miträtseln als auch mitfiebern.

Der Autor

P. Djèlí Clark ist das auf westafrikanische Erzähltraditionen anspielende Pseudonym des Historikers Dexter Gabriel, der an der University of Connecticut lehrt. Geboren 1971 in New York City, wuchs er unter anderem in Trinidad und Tobago auf. Der Durchbruch als Autor gelang ihm 2016 mit der Novelette A Dead Djinn in Cairo. Deren Fortsetzung A Master of Djinn, zu Deutsch Meister der Dschinn, wurde schließlich sein Debütroman und gewann 2022 den Nebula-Award. In seiner Fiktion setzt sich Clark intensiv mit afroamerikanischer Geschichte wie beispielsweise in seinem Roman The Ring Shout auseinander, zieht aber auch Inspiration aus der Popkultur der Gegenwart. Aktuelle Informationen finden sich auf seiner Homepage sowie seinem BlueSky-Account.

Erscheinungsbild

Das Cover des Werkes stammt von der slowakischen Künstlerin Martina Fačková, die bereits bekannte Werke wie beispielweise Rise of the Dragon von George R.R. Martin illustrieren durfte. Es bildet die Protagonistin Eveen, wie in der Geschichte beschrieben, mit ihrer Maske und ihren Dolchen originalgetreu ab. Die Illustration wirkt lebensecht und ist gleichzeitig ein Hingucker. Insgesamt kann der Buchumschlag nur positiv hervorgehoben werden.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Cross Cult Entertainment
  • Autor: P. Djèlí Clark
  • Erscheinungsdatum: 1. September 2025
  • Sprache: Deutsch (Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Bernd Sambale)
  • Format: Taschenbuch
  • Seitenanzahl: 240
  • ISBN: 978-3986667320
  • Preis: 16,00 EUR (Print) + 10,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (Deutschund Englisch)

 

Fazit

Mit Die toten Katzen-Assassinen gelingt P. Djèlí Clark eine atmosphärisch dichte und originelle High-Fantasy-Novelle, die auf nur 240 Seiten eine erstaunlich komplexe Welt mit einer fesselnden Handlung entfaltet. Im Mittelpunkt steht die Assassine Eveen, deren Suche nach ihrer eigenen Vergangenheit geschickt mit einem temporeichen und kampflastigen Plot verwoben ist. Die Geschichte überzeugt durch eine gelungene Balance aus Spannung, Weltenbau und durch die mittels detaillierter Charakterbeschreibungen erzeugte emotionale Tiefe.

Besonders hervorzuheben ist Clarks Fähigkeit, trotz der Kürze der Erzählung eine vielschichtige Welt mit eigenen Gottheiten, Gesetzen und passender Folklore zu erschaffen, die Lust auf mehr macht. Die Figuren, allen voran Eveen und die geheimnisvolle Himmel, sind glaubwürdig und facettenreich gestaltet. Selbst Nebencharaktere, die entweder als Eveens Verbündete oder ihre Gegenspieler*innen auftreten, erhalten erkennbares Profil.

Die deutsche Übersetzung von Bernd Sambale transportiert den Ton des Originals gelungen, auch wenn die Wiedergabe der kreolisch geprägten Sprache der Gottheiten eine besondere Herausforderung darstellte. Sprachlich ist die Novelle flüssig und gut zugänglich. Abgerundet wird das Gesamtwerk durch das eindrucksvolle Cover von Martina Fačková, das die Protagonistin perfekt einfängt.

  • Spannender Weltenbau
  • Vielschichtige Charaktere
  • Hoher Spannungsbogen
 

  • Kürze der Geschichte

 

Artikelbilder: © Cross Cult Entertainment
Layout und Satz: Mika Eisenstern

Lektorat: Laura Pascharat
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