Dieser Artikel wurde von Norbert Schlüter und Marc Thorbrügge verfasst.
Der Einstieg in ein Hobby ist oft die größte Hürde, bevor es danach einfacher wird: Man benötigt Ansprechpartner, Ausrüstung und besondere Kenntnisse. Für das Hobby LARP zählt dies genauso wie für Badminton oder Gitarre spielen. Zwei Redakteure berichten von ihrem „ersten Mal“ in der Welt des LARPs.
Inhaltsverzeichnis
Norberts Bericht
Als ich das erste Mal von Larpern hörte, waren das „Spinner, die mit Stöcken durch den Wald rennen und sich für Ritter und Zauberer halten“. So sehr ich dem Phantastischen zugewandt war, Tolkien las und Pen&Paper-Rollenspiele spielte – das war eine fremde Welt für mich, belastet mit einem schlechten Stigma.
Viele Jahre gingen ins Land und durch die Teilzeithelden lernte ich eine vielfältigere und professionell aufgezogene Art des LARPs kennen, so dass ich mich zumindest wieder als interessierter Beobachter diesem Thema zuwandte.
Die Entscheidung
Irgendwann überredete man mich dazu, es doch einmal zu probieren – danke, Ena! Als der Entschluss endlich gefallen war, steckte ich Mitredakteur und Freund Marc Thorbrügge mit meiner Vorfreude an und so machten wir uns beide als Frischlinge im Oktober zum cthulhu now&live auf, um als NSC unsere ersten LARP-Erfahrungen zu sammeln. Davon wollen wir hier berichten, um Neueinsteigern Hilfestellung zu geben und – sind wir ehrlich – die Erfahrungen zu verarbeiten.

Die Handlung, die wir am Wochenende durchlebten, sei an dieser Stelle zum besseren Verständnis zumindest kurz zusammengefasst: Eine Sturmflut im Norden und ein Strahlenunfall im Süden ließen zahlreiche Menschen in Deutschland über Nacht zu Flüchtlingen im eigenen Land werden. In Mitteldeutschland wurden durch die Bundeswehr Notfallunterkünfte eingerichtet, eine davon in einem alten Sanatorium für Geisteskranke. Zu den Patienten und dem Personal kamen also einige Soldaten und Flüchtlinge, die nun auf unbestimmte Zeit auf engstem Raum aufeinanderhockten. Hinzu kam noch ein cthuloider Mythos-Hintergrund, der nach und nach eskalierte, auf den aus Platzgründen aber nicht näher eingegangen werden soll.
Die Vorbereitung
Die erste Entscheidung, die man für ein LARP treffen muss, ist die, ob man Spieler oder NSC sein möchte. Von Freunden bekam ich zwar den Tipp, als erstes LARP eine Groß-Con als Spieler zu besuchen, doch ich fühlte mich dem nicht gewachsen. Das cthulhu now&live erschien mir ein niederschwelliger Einstieg: keine Fantasy-Kostümierung, keine lang gewachsenen Charaktere.

Bevor es losging, gab es ein Regelwerk zu lesen und, sofern man Spieler war, auch eine vorgegebene Rolle mit Leben zu füllen – ein Unterschied zum klassischen Fantasy-LARP, in dem die Rolle (in Rücksprache mit der SL) selbst entwickelt wird. Auch diese „vorgefertigten Charaktere“ erleichtern den Einstieg. Als NSC besprachen wir unsere Wünsche mit der SL – so landete ich beim Radio Aether 1. In dieser Rolle sollte ich Spieler*innen mit Ansagen und Musik in den Wahnsinn treiben, außerdem gab es wichtige Auslöse-Melodien für verschiede Wahnsinnsstufen.
Wenn das Radio nicht gebraucht werden würde, sollte ich als Springer verschiedene Aufgaben wahrnehmen. Ohne eine genaue Vorstellung davon, was mich erwarten sollte, legte ich mir keine Rolle zurecht und fuhr blauäugig an den Ort des Geschehens. Marc hatte da genauere Vorstellungen.
Der erste Tag
Bevor Spieler*innen zu einem LARP kommen, gibt es allerhand vorzubereiten. Für die letzten Handgriffe in diesem langen Prozess haben die früh angereisten NSC der SL unter die Arme gegriffen. Es wurden Räume gebaut, Technik angeschlossen und das ganze Gebäude zu dem gemacht, was es sein sollte: eine Klinik, die zur Notunterkunft umfunktioniert worden war.

Leider gab es einige Probleme mit der Technik, so dass das Radio im Folgenden eher sporadisch und nicht so wie geplant eingesetzt werden konnte. Langsam wuchs der Gedanke einer eigenen NSC-Rolle in mir: Pfleger Martin. Seine Prämissen waren: „Patienten zuerst“, „Ein bisschen Profit kann nicht schaden“ und „Bald ist alles vorbei“.
Meine größte Sorge war, dass es eine eingeschworene Gemeinschaft unter Larpern gibt, in die man sich erst hineinkämpfen muss. Zum Glück war dies gar nicht der Fall. Ich wäre zwar niemals hingefahren, wenn ich dort nicht schon jemanden gekannt hätte, aber sowohl der Mitfahrer, den wir unterwegs einsammelten, als auch nahezu alle anderen nahmen mich herzlich auf und halfen mir bei Nachfragen und – besonders wichtig – im Spiel.
Die SL
Ohne eine Spielleitung findet kein LARP statt. Als NSC hatte ich die Möglichkeit, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen. Jede Veranstaltung birgt Unvorhergesehenes und Unplanbares – je größer die Veranstaltung, desto mehr solcher Dinge gibt es.
Ich bin es vom Tischrollenspiel her gewohnt, dass Spieler*innen immer genau das machen, was man nicht erwartet und so das Improvisationstalent der SL auf die Probe stellen – das ist im LARP offensichtlich nicht anders. Ein bisschen Chaos gehört dazu und ich habe großen Respekt vor dieser Aufgabe.
Hinzu kommen die OT-Organisationen: Alle müssen etwas zu Essen haben, Material muss vorbereitet und wiedergefunden werden, besondere Fähigkeiten sind gefordert (zum Beispiel Verletzungen schminken, handwerkliches Geschick, usw.) oder Dekorationen und Technik sind aufzubauen und einzurichten.
Als SC und NSC muss man sich, wenn man IT ist, daran gewöhnen, dass die SL immer OT ist. Sie sind wie Geister, die die Maschine am Laufen halten – Stichwort: Deus ex Machina.

Die Action
Spieler*innen wurden durch eine Schleuse IT geholt, in der sie eine Art Zwischenwelt erlebten. Im verdunkelten Raum sprangen zwei Personen in Morph-Suites umher, stimmten die Spieler*innen auf ihre Rolle ein und erschreckten sie. Mit Vivien zusammen machte ich dies einige Stunden, während Michael die Musik dazu beisteuerte. Das war unfassbar anstrengend, aber auch witzig. Man lernte die Spieler*innen so auch kennen und konnte sich für spätere Kontakte in der NSC-Rolle ein paar Gedankennotizen machen.
Es kommt der Punkt, da es einen (hoffentlich) packt, man den Überblick verliert und in seiner Rolle aufgeht. Ich hätte, das ist mir im Rückblick klar, einige Situationen anders lösen können, vielleicht besser. Ich will nicht von Fehlern im LARP sprechen. Ich hatte aber vor allem auch einige Momente, in denen ich in der Rolle aufging, SCs gute Momente beschaffte oder einfach genoss, was gerade geschah. Einige Beispiele:
- Mehr als einmal steckte ich Personen ohne deren Wissen Waffen zu, damit sie Bedrohungen für „meine“ Patienten ausschalteten. Dies gelang ab und an, manchmal ergaben sich daraus witzige Momente und es war sogar mal für den Plot hilfreich.
- Ich bot die körperlichen Dienste einer anderen NSC an – in Absprache mit ihr, denn wir wollten SCs damit in moralische Nöte bringen. Das führte zu einer Konfrontation, die mir lange in den Knochen saß. Das erste Mal, dass ich so richtig drin war.
- Traumszenen für SCs können einen ordentlich fertig machen – besonders, wenn man kleine Mädchen verprügeln soll, damit der Priester durchdreht.
- Eine Spielerin hat sich mit einem Elektroschocker das Hirn gebrutzelt und dann stundenlang nur noch mit „baaaah“ und „oooh“ kommuniziert. Großen Respekt fürs Durchhalten.
- Grundregel: Lege niemals Waffen aus der Hand, wenn ein durchgeknallter Patient mit aufgekratzten Armen neben dir sitzt. Du könntest schwer verletzt werden.
- Es ist scheinbar ein probates Mittel, Untote mit einem Zauberspruch zu besiegen: „Das ist kein normales Verhalten! Hören Sie auf damit!“ Ich habe sehr gelacht!
- Der Cantina-Song eignet sich durchaus, um SCs damit eine Stunde in Dauerschleife zu nerven. „Spielt denselben Song nochmal!“
Das Ende

Martin ist tot. Er warf sich vor Anna, um sie zu schützen, als in der Kantine alle versammelt waren und von einer magischen Frau mit fliegenden Schwertern und Schusswaffen angegriffen wurden. Es war ein aufregender Abschluss und die Nachbesprechung am Frühstückstisch war besonders schön: nochmal alle Leute außerhalb ihrer Rollen zu sehen, mit ihnen darüber zu sprechen, was man erlebt hat und Dinge in Relation zu setzen, die man vorher nicht verstanden hat. Ich war traurig, als ich abfuhr und hätte gerne noch länger mit allen geplaudert.
Der Conblues
Auf dem gesamten Heimweg unterhielten wir uns über all das Erlebte und man merkte schnell, dass dies nicht unser einziger Ausflug bleiben sollte. Die nächsten Tage waren aber keine Freude: Mich hatte der Conblues voll im Griff. Dieser war auch der Grund, sich sofort nach einer weiteren Möglichkeit umzusehen: Zwei LARPs für 2020 sind bereits geplant! Diesmal will ich auch bei einer Veranstaltung als Spieler irgendwo mitmischen.
Marcs Bericht
Ich hatte ähnliche Vorbehalte wie Norbert, bedingt durch negative Erfahrungen und Begegnungen als Teenager. Als das Interesse dann doch kam, war die höchste Einstiegshürde der fehlende Kontakt. Ohne die hier beschriebene Gelegenheit, die ich sehr spontan wahrnahm, hätte es vermutlich nie geklappt. Genau wie Norbert sah ich das Horror-Genre zum Einstieg etwas niederschwelliger, da dazu nur wenig Ausstattung vonnöten ist – doch dazu später mehr.
Auch ich meldete mich als NSC an. Im Vorfeld bekam ich die Rolle des Dorfpolizisten zugewiesen. Also machte ich mir vorab Gedanken, was für ein Typ das wohl sein könnte. Gängige Klischees des konservativen Dorfbullens im Hinterkopf, überlegte ich mir, wie man diese Figur vorstellen könnte. Natürlich gab ich auch meine Maße durch, um eine perfekt sitzende Uniform bereit zu haben.
Gute Ausstattung ist nicht zu unterschätzen
Vor Ort stellte sich aber heraus, dass die Uniform viel zu klein ausfiel. Lediglich das Hemd saß perfekt. Da waren die Maße wohl richtig angekommen, aber selbst die Mütze war viel zu klein. Der Ausstatter hatte mir die – zugegebenermaßen – abnorm großen Maße meines Kopfes wohl nicht geglaubt. Ein Polizist ohne Uniform ist natürlich viel schwerer darzustellen. Zum Glück fand sich eine andere NSC, die bereit war, zu tauschen: Auf einmal war ich Bundeswehrsoldat.

Für die Bundeswehrsoldaten war zum Glück genügend Ausstattung in meiner Größe da. Lediglich die Schuhe passten nicht ins Bild. Schnell war der Gefreite Claus („Wer hat Ihnen erlaubt, mich zu Duzen? Das ist mein Nachname!“) geboren, der schließlich die Flüchtlinge und Insassen der Anstalt nach der Anmeldung in ihre Zimmer führte. Der nützliche Nebeneffekt war, dass ich dadurch fast alle SC direkt kennenlernte und ihre Namen für das restliche Wochenende präsent hatte.
Eine besondere Herausforderung für uns Bundeswehrsoldat*innen war sicherlich, Autorität und andere soldatische Eigenschaften zu präsentieren. Denn kaum einer von uns hatte wirklich gedient, weswegen wir von unseren vagen Kenntnissen des deutschen Militärs zehrten. Ich entschied mich, dass der Gefreite Claus in der Situation mit vorgeschobener Höflichkeit gegenüber den Flüchtlingen die ganze Sache einfach nur rumbekommen möchte. Vor allem die Patient*innen gingen ihm auf die Nerven, weswegen er sie meistens herablassend behandelte oder an das Personal verwies. Das Personal hingegen sah er teilweise als Verbündete, teilweise als inkompetente Wichtigtuer. Norberts NSC, den Pfleger Martin, nahm er zunächst als Querulanten und Meckerkopf wahr, erkannte in ihm aber gegen Ende des Wochenendes aufgrund dessen Skrupellosigkeit einen guten Zweck-Verbündeten.
Allesamt waren wir Soldaten NSCs, wurden aber gegen Ende auch noch von einem Spieler verstärkt, dessen SC schon verstorben war. Im Laufe des Wochenendes wurden wir tatsächlich zu einer verschworenen Einheit, die viel Raum für eigenes Spiel bekam, wodurch unsere zunehmend eskalierenden Gruppendynamiken für die Spieler hoffentlich authentisch wirkten. So wurden einige von uns, darunter auch der Gefreite Claus, im späteren Verlauf von einem Spieler magisch kontrolliert, was bei mir für einigen Nervenkitzel sorgte. Was, wenn der Zauber noch wirkt und ich gerade das Schnellfeuergewehr habe? Zum Glück kam es nicht so weit.
Das Ende und der Blues
Der Gefreite Claus hat überlebt. Zumindest konnte er aus der Anstalt entkommen. Zuletzt wurde er immer verzweifelter und überforderter. Seine Kamerad*innen wurden entweder wahnsinnig oder starben, bis nur noch er bei der letzten Gruppe Überlebender war. Da hörte aber schon keiner mehr auf ihn und seine vergeblichen Bemühungen, doch noch etwas Autorität auszustrahlen, scheiterten kläglich. Am Ende schlug er sich alleine in die Büsche, in der Hoffnung, den nächsten Stützpunkt zu erreichen.
Und nach dem Ende saßen wir Bundeswehr-NSC kameradschaftlich beisammen, um das Wochenende feucht-fröhlich ausklingen zu lassen. Es war eine wertvolle Erfahrung und es wird sicher nicht mein letztes LARP gewesen sein. Am nächsten Tag, auf der SPIEL 2019, war ich noch voll im Conblues. Noch halb in der Rolle, war ich stets kurz davor, Leute anzupflaumen, dass sie gefälligst Platz machen sollen.
Wie es weitergeht? Wieder einmal hängt es von Zeit und Möglichkeit ab. LARP als nächstes unter ohnehin schon vielen Hobbys? Werde ich überhaupt einen Termin finden, an dem ich kann? Würde ich auch fahren, ohne jemanden zu kennen? Zumindest diese Frage kann ich mit „Ja“ beantworten. Schließlich waren wir anfangs fast alle nur Fremde, fanden im Laufe der Veranstaltung aber dann doch zusammen. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen.
Artikelbilder: © Cthulhu Now & Live, Fotografien: Verena Bach, Bearbeitet von Verena Bach



















Heyho,
sehr schöner und interessanter Bericht! Vor allem da ich seit Oktober auch Neueinsteiger im LARP (Tales Inside 3 und 4) bin. Das ganze mal aus eurer Perspektive zu betrachten.
Als Einsteiger kann ich euch Tales Inside (im Oktober) uneingeschränkt empfehlen. Bin damals auf Run 3 als „Single“ angereist und kannte niemanden. Ich fühlte mich aber sofort durch die Mitspieler super aufgehoben.
Hallo Tim,
danke dir für dein freundliches Feedback! Ich freue mich, dass auch du so positive Erfahrungen gemacht hast. Vielleicht wage ich mich ja auch mal ans Tales Inside. :)
Liebe Grüße
Norbert