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Im Mai hat Netflix seine schon lang angekündigte Superhelden-Serie Jupiter’s Legacy veröffentlicht. Die Serie beruht auf den Comics von Mark Millar und Frank Quitely. In der Serie sind Superheld*innen seit beinahe hundert Jahren in der Welt aktiv, jedoch mehr und mehr in Konflikte untereinander verstrickt.

Neben Shadow & Bone gab es von Netflix noch eine andere große Serienveröffentlichung dieses Frühjahr: Jupiter’s Legacy. Dabei handelt es sich um Netflix‘ eigenen großen Vorstoß in das aktuell beliebte Superhelden-Genre. In der Serie gibt es auf der Welt – oder zumindest in den USA – seit einer geraumen Zeit Superheld*innen, die gegen Kriminalität kämpfen, aber auch Verbrecher*innen mit Superkräften.

Bei der Serie handelt es sich um eine Umsetzung der gleichnamigen Comic-Reihe von Mark Millar und Frank Quitely, bei der es sich, wie unter anderem auch bei Invincible und The Boys bei Amazon, um eine Dekonstruktion des Genres handelt. Während die beiden Amazon-Serien die Frage „Was, wenn Superman böse wäre?“ stellen, fragt Jupiter’s Legacy: „Was, wenn Superman ein mieser Vater wäre?“

Story

Seit fast 100 Jahren ist die „Union of Justice“ in den USA aktiv. Zu ihr gehören die Superheld*innen, die nach der Weltwirtschaftskrise aufgestiegen sind und Superkräfte in die Welt gebracht haben. Seither sind viele weitere Superheld*innen dazu gekommen, doch auch Menschen mit weniger guten Absichten haben Kräfte bekommen, so dass es einen stetigen Kampf zwischen Superheld*innen und Kriminellen gibt.

Angeführt werden die Superheld*innen von Sheldon Sampson, dem Utopian. Dieser hat klare Regeln für die Held*innen erlassen: Sie töten nicht und sie greifen niemals in die Politik ein: zwei Regeln, hinter denen nicht alle stehen.

Eine*r der weiteren Held*innen ist der Paragon, Brandon, Sheldons Sohn. Während seine Schwester Chloe alles versucht, um sich von ihrer Familie zu distanzieren, will Brandon in die Fußstapfen seines Vaters treten. Dabei hat er es jedoch nicht leicht und fühlt sich als Enttäuschung. Zu einem richtigen Konflikt mit seinem Vater kommt es jedoch, als er bei einem Kampf gegen den ausgebrochenen Bösewicht Blackstar diesen tötet, um seine Eltern zu retten.

Gleichzeitig erzählt die Serie die Geschichte von Sheldon und seinem Bruder in den 1930ern und wie sie zusammen mit den ersten Superheld*innen ihre Kräfte bekommen haben. Dabei geht es zentral um Sheldon, der nach dem Tod seines Vaters eine Vision hat, in der er sich und die anderen der ersten Superheld*innen auf einer Insel sieht. Deswegen versucht er, die Menschen aus der Vision und diese Insel zu finden.

Das erste, was sich zu Jupiter’s Legacy sagen lässt, ist, dass die Serie viel will, aber wenig kann. Die Serie möchte das Superhelden-Genre dekonstruieren, hat aber zu viele Probleme in Bezug auf ihren Weltenbau, um dies erfolgreich zu schaffen. Zugegebenermaßen ist es an sich zu loben, dass die Serie diese Dekonstruktion versucht, ohne dabei auf übermäßige Gewalt oder Sexualität zurückzugreifen – in beiden Aspekten ist die Serie sehr zahm im Vergleich zu den beiden Shows auf Amazon – doch kann sie dennoch nicht liefern, was sie verspricht.

Die größten Probleme liegen dabei im Weltenbau und wie dieser präsentiert wird. Die Superheld*innen sind langweilig, weil die meisten von ihnen ähnliche Kräfte (übernatürlich stark, übernatürlich robust, langlebig, können fliegen) haben. Es wird nie wirklich klar, woher auf einmal so viele Menschen Superkräfte haben. Allen anderen Sachen voran ist jedoch der größte Fehler: Die Superheld*innen sind fast 100 Jahre aktiv und in der ganzen Zeit hat nie ein*e Superheld*in in einer Notsituation eine*n Bösewicht*in umgebracht? Das wirkt einfach nicht glaubwürdig.

Dies wird noch dadurch verschlimmert, dass die Serie versucht zu erzählen, dass die Superbösewicht*innen nun, da einer der Held*innen jemanden getötet hat, auf einmal viel brutaler vorgehen – als ob sich die Bösewicht*innen, bei denen es sich von allem was wir sehen, größtenteils um übliche Kriminelle mit Superkräften handelt, vorher an irgendwelche Moralvorstellungen gehalten hätten. Dies lässt den in der Gegenwart angesiedelten Teil der Serie unglaubwürdig erscheinen. Der einzige Handlungsstrang, der hier halbwegs überzeugen kann, ist jener, welcher sich um Chloe dreht. Dieser hat weniger mit dem Weltenbau zu tun und ist charaktergetrieben, was ihn interessanter macht.

Davon abgesehen ist das einzig wirklich interessante an der Serie der Teil, der in der Vergangenheit spielt. Dieser Teil erzählt zumindest eine Geschichte, die nicht andere Serien schon deutlich besser und durchdachter erzählt haben. Das Setting in der Weltwirtschaftskrise ist interessant, selbst wenn dieser Aspekt leider zu schnell in den Hintergrund rückt. Dennoch würde man sich auch in diesem Teil wünschen, dass ein wenig mehr anerkannt würde, in was für einer privilegierten Position Sheldon und sein Bruder sich aufgrund des familiären Status‘ befinden.

Das führt allerdings auch zu einem der größten Probleme mit der Serie: der schlechte Umgang mit dem Thema Diversität. Ja, die Serie beruht auf einem Comic, in dem beinahe das komplette Cast weiß ist, allerdings wäre es nicht die erste Show, die dergleichen abändert. Dies wird vor allem dadurch erschwert, dass zumindest bei dem Teil der Handlung, der in der Gegenwart spielt, zwar neue, nicht-weiße Figuren hinzuerdacht werden, diese aber ausnahmslos binnen einer Folge nach ihrem Auftauchen brutal ermordet werden. Das hinterlässt einen sehr faden Beigeschmack.

Figuren & Darsteller*innen

Die zentrale Rolle in der Serie ist fraglos Sheldon Samson, aka der Utopian. Dieser wird sehr überzeugend von Josh Duhamel dargestellt, dessen variantenreiche Darstellung der Rolle vom erhabenen, aber auch zerrissenen Utopian der Gegenwart bis zum beinahe manischen Sheldon der Vergangenheit reicht. Leider leidet die Serie darunter, dass sie eindeutig möchte, dass die Zuschauer*innen mit Sheldon sympathisieren, was jedoch immer wieder sehr schwer ist. Dies ist allerdings ein Problem des Drehbuchs und hat wenig mit Duhamels schauspielerischer Leistung zu tun.

Auch Ben Daniels weiß in der Rolle von Walter Samson/Brainwave, dem Bruder Sheldons, zu überzeugen. In seiner Rolle zeigt auch er sehr viel schauspielerisches Talent und einige Entwicklung vom verzweifelten und wütenden Walter der Vergangenheit zum verständnisvollen Onkel der Gegenwart.

Im Vergleich zu diesen beiden Schauspielern ist Andrew Horton, der Brandon Samson/Paragon spielt, leider eher blass. Er kann an vielen Stellen schauspielerisch nicht überzeugen, wirkt hölzern und macht es schwer, zu vergessen, dass man einen Schauspieler bei seiner Arbeit beobachtet, statt die dargestellte Figur.

Bei Elena Kampouris, die Sheldons Tochter Chloe spielt, ist es sehr gemischt. In einigen Folgen kann sie überzeugen, in anderen nicht. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass es für sie sehr auf die Regie der jeweiligen Folge ankam oder gegebenenfalls den Showrunner, der in der Mitte der Produktion gewechselt wurde. Während ihr Handlungsstrang noch immer der interessanteste aus der Gegenwartserzählung ist, wirkt die Figur leider ein wenig übertrieben in den Klischees des drogenabhängigen Models, das sie darstellt.

Zuletzt sei noch Matt Lanter in der Rolle von George Hutchense/Skyfox genannt, der nur in der Vergangenheitserzählung vorkommt. In dieser wirkt er sehr charmant, zeigt jedoch nicht dieselbe schauspielerische Tiefe wie Duhamel und Daniels. Dies mag bei ihm jedoch auch am Drehbuch liegen, das ihn fraglos als eine meist optimistische Figur darstellt.

Die anderen Figuren werden leider von diesen in den Hintergrund gedrängt. Leslie Bibb hat als Grace Kennedy-Sampson/Lady Liberty keine besonders tragende Rolle und wird vorrangig als Unterstützung ihres Mannes – Sheldon – dargestellt. Auch Mike Wade als Fitz Small/The Flare wird eher in den Hintergrund gedrängt. Dies ist schade, da diese Figuren durchaus interessant wirken, aber wenig Möglichkeiten haben, auch mal im Rampenlicht zu stehen.

Inszenierung

Die Inszenierung ist leider ein weiterer Aspekt, in der Jupiter’s Legacy nicht punkten kann. Sie ist nicht auf dem Niveau, das man mittlerweile eigentlich von Netflix-Produktionen erwartet.

Das fängt bei den Kostümen an, die ein wenig den Eindruck erwecken, dass man sie so aussehen lassen wollte, wie es von aktuellen Superheldenproduktionen üblich ist, aber nicht die richtigen Materialien gefunden hat. Gerade die Superheldenkostüme wirken billig und gummiartig und nicht, wie man es mittlerweile vom Genre gewohnt ist.

Selbst viele der Kostüme aus dem Vergangenheitssetting können nicht wirklich überzeugen und sehen aus, wie das, was sie eben sind: Kostüme. Einzig die Kleidungsauswahl im Alltag der Gegenwart wirkt überzeugend – sie ist allerdings auch nur aus normaler Kleidung zusammengestellt.

Auch in Sachen der Spezialeffekte wirkt die Serie nicht überzeugend und kann nicht mit den Fantasy-Produktionen von Netflix, wie The Witcher oder Shadow & Bone, mithalten. Effekte fügen sich nicht in das Gesamtbild ein, wirken künstlich und sind häufig nicht auf dieselbe Art ausgeleuchtet wie die eigentliche Szene.

Das einzige Department, das in Sachen Inszenierung überzeugen kann, ist das Make-Up-Department. Sowohl die effektaufwändigeren Antagonisten wirken überzeugend, als auch das Make-Up der Hauptfiguren. Davon gibt es auch eine Menge, da die Vergangenheitsversionen der Protagonist*innen von den selben Darsteller*innen gespielt werden, wie die deutlich älteren Gegenwartspersonen. Dieses Alterungs-Make-Up ist komplett überzeugend und gut dargestellt.

Erzählstil

Wie schon aus der Beschreibung hervorgeht, wird die Handlung in zwei verschiedenen Geschichten erzählt: zum einen der in den 1930ern angesiedelten Geschichte, die von Sheldon, seinen Visionen und der Suche nach dem Ort, den er in diesen sieht, handelt, zum anderen die in der Gegenwart angesiedelte Geschichte. Dies ist am Anfang der Handlung ein wenig verwirrend, da der Settingwechsel zwischen den Szenen plötzlich kommt. Sobald man jedoch einmal verstanden hat, worum es geht, ist es verständlich. Nur wenige Male war bei einem der Schnitte nicht deutlich, dass man sich nun in der anderen Zeitebene befindet – immer dann, wenn in einer Zeitebene auf einmal ein neuer Charakter auftaucht.

Davon abgesehen gibt es auch in der Gegenwartserzählung ab und an Rückblenden auf die Kindheit von Brendon und Chloe, doch dies sind nur wenige und sind relativ leicht, als das, was sie sind, zu erkennen.

Aus der Aufteilung der Handlung ergibt sich allerdings das Problem, dass beide Geschichten zum gleichen Zeitpunkt ihr Finale haben müssen. Dies ist problematisch, da in der Vergangenheitshandlung weitaus mehr passiert, beiden Zeitsträngen aber die gleiche Zeit in den Folgen zugemessen wird. Das führt dazu, dass sich die Handlung in der Vergangenheit speziell in den letzten drei Folgen teilweise gehetzt anfühlt, während sich die Handlung in der Gegenwart teilweise unnötig in die Länge zieht, ohne, dass etwas Neues passiert.

Die harten Fakten:

  • Regie: Steven S. DeKnight, Christopher J. Byrne, Charlotte Brändström, Marc Jobst
  • Darsteller*in(nen): Josh Duhamel, Ben Daniels, Leslie Bibb, Andrew Horton, Elena Kampouris, Mike Wade, Matt Lanter
  • Erscheinungsjahr: 2021
  • Sprache: Englisch (OV), Deutsch
  • Format: Serie
  • Preis: Im Netflix-Abo enthalten
  • Bezugsquelle: Netflix

 

Fazit

Jupiter’s Legacy ist eine Serie, die mehr will, als sie liefern kann. Die Serie möchte deutlich mit Amazons The Boys konkurrieren, kann allerdings in keinem Aspekt mit der Serie mithalten. Auf der Seite der Story liegt dies in erster Linie daran, dass der Weltenbau von Jupiter’s Legacy nicht besonders gut ist und viele Fragen aufbringt, die nicht beantwortet werden. Wie kann es sein, dass in fast 100 Jahren nie eine*r der vielen Superheld*innen eine*n Bösewicht*in umgebracht hat? Wieso haben die Bösewicht*innen bis dahin die Superheld*innen respektiert? Das ergibt alles wenig Sinn und ist leider genau der Punkt, aus dem sich der Konflikt in der einen Zeitebene ableitet.

Aus diesem Grund ist die andere Zeitebene – die Vergangenheit – wesentlich interessanter. Immerhin erzählt diese eine Geschichte, die vielleicht nicht wirklich neu ist, aber zumindest in der dekonstruierten Version des Genres selten erzählt wird. Das macht diesen Teil der Handlung spannender als die Gegenwart, zumal hier auch deutlich mehr passiert.

Leider kann die Serie auch in Sachen Kostüme und Effekte nicht besonders überzeugen. Beides bleibt deutlich unter dem Niveau anderer Netflix-Produktionen und auch genreähnlicher Serien zurück. Einzig das Make-Up weiß zu überzeugen. Dies gilt gerade für die in der Gegenwart auf älter gestylten Hauptfiguren.

Ein Aspekt, mit der die Serie allerdings punkten kann, sind die Schauspieler*innen. Gerade Josh Duhamel ist in der Hauptrolle wirklich eindrucksvoll. Dies reißt in seinen Szenen sehr viel heraus. Auch Ben Daniels ist in seiner Rolle sehr überzeugend. Leider ist dies nicht genug, um den Gesamteindruck der Serie zu retten.

Wer also nicht unbedingt die ganze Zeit neue Superheld*innen in den Medien braucht, kann auf diese Serie wirklich gut verzichten – umso mehr, da die offenen Fragen wohl nie aufgeklärt werden, da es wahrscheinlich keine zweite Staffel geben wird.

 

  • Überzeugende Hauptdarsteller
  • Gutes Make-Up
 

  • Unklarer Weltenbau
  • Schlechte Effekte
  • Unsaubere Aufteilung der Handlung

 

Artikelbilder: © Netflix
Layout und Satz: Verena Bach
Lektorat: Alexa Kasparek
Dieses Produkt wurde privat finanziert.

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