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Booker-Prize-Gewinner Shehan Karunatilakas wirft die Lesenden mitten hinein in ein Jenseitsbüro voller Schrecken und bitterem Spott, während Sri Lanka im Bürgerkrieg versinkt. Zwischen Chaos, Kriegsgewalt und dämonischen Erscheinungen kämpft ein getöteter Kriegsfotograf um Gerechtigkeit. Ein tiefschwarzer Roman, der die Grenzen von Realität und Fantasie aufbricht – und dabei unwiderstehlich fesselt.

Die nahtlose Verschmelzung des Wunderbaren mit dem Wirklichen wird auch als magischer Realismus bezeichnet. Obwohl er genau genommen ein Zweig der phantastischen Literatur ist, wirkt er für viele Leser*innen keineswegs wie klassische Fantasy. Anders als in typischen High-Fantasy-Welten fügen sich magische Phänomene hier ungefragt in eine scheinbar reale Kulisse ein, ohne erklärende Vorrede, ohne epische Queste. Die übernatürlichen Elemente tauchen in den Alltag ein, als wären sie selbstverständlich, ohne die typische Weltenbau-Logik. Geprägt ist das Genre von einem häufig kritischen Unterton zu politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Themen. Gerade in der lateinamerikanischen Prosa hat der magische Realismus eine lange Tradition, angeführt von Gabriel García Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit, findet aber auch in anderen Weltgegenden immer mehr Anklang.

Vor diesem Hintergrund wird schnell klar, dass Die Sieben Monde des Maali Almeida sich nicht in einer rein surrealen Zauberwelt abspielt. Tatsächlich ist der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Sri Lanka (1980er- bis 2000er-Jahre), der bis heute schmerzliche Spuren in der Gesellschaft hinterlässt, das Herzstück der Handlung. Konflikte zwischen singhalesischer Mehrheit und tamilischer Minderheit, Machtkämpfe und Identitätsfragen fließen hier zusammen mit einer Parallelwelt aus Geistern. Gerade diese Verwebung des Alltäglichen mit dem Magischen dient zugleich als Kommentar auf die harte Wirklichkeit Sri Lankas, in der Bürokratie und Gewalt Hand in Hand gehen. Dank dieser doppelten Erzählebene, realer Bürgerkrieg und übersinnliche Zwischenwelt, entsteht ein facettenreiches Bild, das historische Fakten und übernatürliche Elemente organisch miteinander verbindet. Shehan Karunatilakas Roman, der 2022 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, geht damit weit über eine fantastische Geistergeschichte hinaus. Er beleuchtet Fragen von Menschenrechten, Machtmissbrauch und der Rolle internationaler Akteur*innen und schafft so einen originellen, mutigen Beitrag zur Gegenwartsliteratur, in dem sich Realität und Übernatürliches wie selbstverständlich durchdringen.

Triggerwarnungen

allgegenwärtige Kriegsatmosphäre, grafische Darstellungen von Gewalt und Folter, Tod und Jenseits, Homophobie

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Story

Shehan Karunatilaka entwirft mit Die sieben Monde des Maali Almeida eine vielschichtige Geschichte, in deren Zentrum der verstorbene Kriegsfotograf Maali steht. Gleich zu Beginn finden wir uns in einem Jenseits wieder, das an eine hektische Behörde erinnert: Überall wimmelt es von Verstorbenen, die in langen Schlangen Antworten auf ihren Tod suchen. Doch nicht nur dieser übernatürliche Schauplatz prägt die Handlung, auch die reale Welt Sri Lankas und ihre grausame Geschichte spielen eine zentrale Rolle. Immer wieder streut der Autor Rückblenden ein, die Maalis letzten Auftrag beleuchten, und wechselt zwischen verschlungenen Gängen im Totenreich und den Straßen Colombos. So entsteht ein Wechselbad aus Geisterwelt und Kriegsrealität, das eine zunehmend dichte Atmosphäre schafft. Inspiriert wurde Karunatilaka dabei von der Lebensgeschichte von Richard de Zoysa, einem sri-lankischen Nachrichtensprecher, Schauspieler, Dichter und Aktivisten, der 1990 entführt und getötet wurde und dessen brutaler Tod Colombo nachhaltig erschütterte.

Maali muss nicht nur klären, wer ihn ermordet hat, sondern auch seine brisanten Fotografien retten, die Kriegsverbrechen belegen könnten. Dieser doppelte Fokus verleiht dem Roman eine besondere Dynamik: Während im Jenseits Bürokratie, Skurrilität und surreale Begegnungen an der Tagesordnung stehen, enthüllt uns Karunatilaka im Diesseits das erschütternde Leid eines vom Bürgerkrieg zerrütteten Landes. Gerade diese Balance zwischen bitterem Ernst und magisch-absurden Momenten zieht die Lesenden in ihren Bann.

Obwohl manche Szenen auf den ersten Blick abgedreht wirken, bleibt die Handlung stets durchdacht und die Hauptfiguren glaubwürdig, seien es der zynische Maali selbst oder seine Gefährt*innen, die ihn zwischen Schalterchaos und Geisterfluren begleiten. Das Zusammenspiel aus humorvoll-ironischen Passagen und den brutalen Tatsachen des Konflikts gibt dem Roman einen unverwechselbaren Ton. Trotz vieler Charaktere, politischer Fraktionen und Zeitsprüngen behält man die Übersicht, weil jede Szene logisch auf die andere aufbaut und wichtige Fragen offenbleiben, ohne das Geschehen zu überfrachten. Am Ende treibt die Spannung immer weiter, bis Maali schließlich vor der Entscheidung steht, wie er seine dringendsten Anliegen erfüllt, ehe seine sieben Monde vergehen. So fügt sich ein intelligenter Plot, der ganz ohne aufdringliche Cliffhanger auskommt, zu einer mitreißenden Leseerfahrung zusammen.

Schreibstil

In Die sieben Monde des Maali Almeida sind die Lesenden selbst die Protagonist*innen des Romans. Konsequent verwendet Shehan Karunatilaka die, durchaus umstrittene, Du-Perspektive und verwandelt die Lesenden damit gewissermaßen in die Hauptfigur. Die unmittelbare, manchmal fast schon anklagende Ansprache erzeugt eine besondere Nähe, die den Lesenden keine Atempause gönnt.

Karunatilakas Sprache ist eine einzigartige Mischung aus lakonischem Witz und harschen Bildern. Die schnodderigen, teils vulgären Dialoge prallen ungebremst auf Szenen von Folter, Mord und Korruption, ein schmerzhafter Kontrast, der das Grauen des sri-lankischen Bürgerkriegs umso deutlicher spürbar macht. Besonders die Mischung aus Sarkasmus und dramatischen Gewaltszenen verleiht der Sprache einen aufwühlenden, aber auch sehr menschlichen Klang. Trotz der verschiedenen Ebenen wirkt der Stil nie überfrachtet. Vielmehr führt die Verschmelzung von Zynismus und Tragik zu einer dichten Erzählatmosphäre, bei der sich schwarzer Humor und tiefes Entsetzen immer wieder ablösen. Hannes Meyer gelingt es großartig, diesen unverwechselbaren Tonfall in die deutsche Übersetzung zu überführen. Er fängt die Stimme des Autors in ihrer Vielschichtigkeit ein: die flapsigen Dialoge, die poetischen Metaphern und die nüchternen Schilderungen von Gewalt. Die Übersetzung wahrt sämtliche Nuancen des Originals, inklusive der lokalen Ausdrücke und Wortspiele. Dadurch bleibt der Text trotz aller sprachlichen Intensität flüssig lesbar. So ist Die sieben Monde des Maali Almeida auch stilistisch ein Roman der Gegensätze. Einerseits ungemein lebendig und direkt, andererseits schimmert immer wieder eine melancholische Note durch, wenn der Autor das Leid seiner Heimat beleuchtet. Genau diese Ambivalenz macht das Buch zu einem Erlebnis.

Der*die Autor*in

Shehan Karunatilaka, 1975 in Galle (Sri Lanka) geboren, pendelt zwischen seiner Heimat und Singapur. Mit seinem Roman Chinaman: The Legend of Pradeep Mathew gewann er 2011 unter anderem den Commonwealth Writers’ Prize. Für Die sieben Monde des Maali Almeida erhielt er 2022 den Booker Prize. Neben Romanen schreibt Karunatilaka Rocksongs, Drehbücher und Reiseliteratur.

Erscheinungsbild

Auf den ersten Blick fällt das Cover zu Die sieben Monde des Maali Almeida durch seine kräftigen Farben und den durch die abgebildete Maske unverkennbar sri-lankischen Einschlag ins Auge. Auch von innen macht das Buch eine gute Figur. Die Verarbeitung fühlt sich wertig an, das macht sich besonders bei häufigem Blättern bemerkbar, denn weder Buchblock noch Umschlag wirken empfindlich. So wird der Roman nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch zu einem stimmigen Gesamtpaket.

 Die harten Fakten:

  • Verlag: Rowohlt Buchverlag
  • Autor: Shehan Karunatilaka
  • Erscheinungsdatum: 28. November 2023
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Hannes Meyer)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 544
  • ISBN: 978-3-498-00369-2
  • Preis: 30,00 EUR (Print) + 24,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon Englisch, Amazon Deutsch

 

Bonus/Downloadcontent

Im Anhang des Romans findet man eine kleine Karte von Colombo Anfang der 1990er-Jahre, die hilfreich ist, um sich in den beschriebenen Schauplätzen besser zurechtzufinden. Außerdem gibt es ein Personenregister, in dem die vielfältigen Charaktere nochmals aufgelistet sind, sowie ein kurzes Glossar mit wichtigen Begriffen aus dem Singhalesischen und Tamilischen. Beide Ergänzungen sorgen für eine bessere Orientierung und erleichtern das Verständnis der politischen, kulturellen und geografischen Anspielungen.

Fazit

Die sieben Monde des Maali Almeida ist ein ungewöhnlicher Roman, der Phantastik und realen Schrecken eindrucksvoll verbindet. Der surreale Blick ins Jenseits dient zugleich als scharfe Satire auf die realen Abgründe des sri-lankischen Bürgerkriegs. Durch den direkten Schreibstil geraten Lesende schnell mitten ins Geschehen und erleben den inneren Konflikt Maalis aus nächster Nähe. Die abwechslungsreichen Episoden sorgen für eine packende Spannungskurve. Die 30 Euro für die gebundene Ausgabe sind daher gut investiert, wenn man Lust auf eine intensive, originelle Lektüre hat. Wer ein Faible für magischen Realismus und komplexe Gesellschaftskritik mitbringt, dürfte auf seine Kosten kommen. Wer aber zuerst sichergehen will, sollte in die Leseprobe reinschnuppern: Sie vermittelt schnell, ob der sarkastische Ton und die skurrilen Ideen den eigenen Geschmack treffen. Für alle, die nach anspruchsvoller, experimentierfreudiger Literatur suchen, lohnt sich der Griff zum Buch auf jeden Fall.

 

  • Gelungene Verbindung von phantastischen Elementen und Realität
  • Ungewöhnlicher und erfrischender Stil
  • Gesellschaftskritisch mit historischem Bezug
 

  • Die Fülle an Figuren und Handlungsebenen kann anfangs verwirrend sein

 

Artikelbilder: © Rowohlt Buchverlag
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Laura Pascharat

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