Great Western Trail ist ein Klassiker der Brettspiele, bei dem man als Viehzüchter*in Rinder nach Kansas City treiben muss. In El Paso ist der Zielort, wie der Name verrät, ein anderer und es soll eine kürzere GWT-Erfahrung warten. Ist der kleine Bruder das versprochene Reisespiel, als das er beworben wird?
Inzwischen ist Great Western Trail kein Einzelkind mehr, sondern hat neben einer Erweiterung mit GWT: Argentinien und GWT: Neuseeland auch zwei Geschwisterspiele erhalten, die eine ähnliche Komplexität an den Tag legen wie das Original. Western-Settings sind charmant und bieten Sehnsuchts-Flair – oft mit einem besonderen Kniff.
El Paso ist nun eine Art kleiner Bruder, mit dem eine ähnliche Spielerfahrung erzeugt, gleichzeitig aber ein bisschen Komplexität zurückgeschraubt werden soll. Dazu kommt das Bewerben als Reisevariante. GWT im Zug oder am Campingtisch klingt natürlich verlockend, aber funktioniert das?
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
In El Paso übernimmt man die Rolle eines Ranchers, der Ende des 19. Jahrhunderts Rinder in die Sonnenstadt El Paso in Texas bringen muss, um reich und erfolgreich zu werden, sprich: Siegpunkte zu erhalten. Dabei helfen Cowboys, Ingenieure und Baumeister (sowie Joker).
Die Züge unterscheiden sich kaum vom Klassiker: Man bewegt sich über den Spielplan und führt die auf den Zielorten zur Verfügung stehenden Aktionen aus. Dabei können Rinder gekauft und verkauft oder neue Arbeiter*innen angeheuert werden. Neben den neutralen Gebäuden, die allen Spieler*innen zur Verfügung stehen, können eigene Gebäude errichtet oder durch höherwertige ersetzt werden. Diese Gebäude heißen öffentliche Gebäude. Die Möglichkeit der Aufwertung ist wichtig, da jede*r Spieler*in nur zwei Eigentumsmarker besitzt.
Gebäude verlängern den Weg nach El Paso und ermöglichen neue und stärkere Aktionen für ihre Besitzer*innen. So können an verschiedenen öffentlichen Gebäuden zum Beispiel Rinder mit einem Wert von 2 und der entsprechend angegebenen Farbe für je zwei Dollar verkauft werden. An einem der öffentlichen Gebäude (2b) können Rinder mit dem Wert 2 von beliebiger Farbe für fünf Dollar das Stück verkauft werden. Ein anderes öffentliches Gebäude (5a) ermöglicht es, drei Zertifikatsmarker zu erhalten statt nur einen. Die teuersten Gebäude, für die man neun Baumeisterinnen braucht, sind extrem schwierig in der Spielzeit zu erwerben. Spieler*innen, die ein Gebäude nicht besitzen, dürfen nur Hilfsaktionen durchführen, die bei weitem nicht so stark sind.

Es gibt die Möglichkeit, durch Ingenieure auf den Zug zuzugreifen, welcher unterschiedliche Boni gibt, oder die Rinder auszeichnen zu lassen und so Zertifikate zu erhalten. Alles, um in El Paso verschiedene Rinder auf den Markt zu bringen und damit viele Siegpunkte einzuheimsen. Mit Ziel- und Bonusplättchen können bei Erfüllen der Aufgaben noch weitere Siegpunkte am Ende des Spiels erhalten werden.
Die Mischung aus Deckbuilding und Track Movement funktioniert. Es fehlen die Finessen der großen Varianten des Viehtreibens und tatsächlich lässt sich früh im Spiel absehen, wer Sieger*in werden kann und wer kaum Chancen auf eine Trophäe hat.
Ausstattung
El Paso versteht sich als Reisespiel und hat aus diesem Grund eine kleinere Schachtel als die anderen Great Western Trail-Spiele. Darin finden sich der Baumwollplan, die Karten und zahlreiche Spielmarker. Das Material fällt sofort negativ auf: Spieler*innentableaus aus Papier und Spielmarker aus Pappe, die auf dem welligen Baumwollplan durch die Gegend fliegen, wenn auch nur das geringste Lüftchen weht, sind dabei nur der Anfang. Es entsteht der Eindruck, dass hier viel gespart wurde. Das Einzige, was dann noch steht, sind die soliden Holz-Meeple.
Das Spielmaterial ist sehr klein, was dem Mobilitätsgedanken entgegenkommt, aber bei mehr als zwei Spieler*innen zur Anstrengung wird. Gleichzeitig hat nichts einen richtigen Platz, muss aber irgendwo hin. Auf dem Spielplan selbst liegen die Gebäude und ein Stapel Rinder, aus denen bei jedem Stopp in El Paso eines in das eigene Kartendeck kommt.
Die einzelnen Spielmaterialien werden um den Baumwollplan verteilt.
Der Rest muss um den Plan gelegt werden: Arbeiter*innen, Zug, Gebäudeauslage, Rindermarkt, Plättchen und Ressourcen. Dazu kommt das eigene Spieler*innentableau mit allem, was da so zugehört. Und auch darauf fliegen Pappmarker herum. Ein Reisespiel, dass zwei Drittel der Fläche der Ursprungsvariante braucht, ist zumindest während einer Zugfahrt nicht zu gebrauchen, obwohl es da immerhin windstill ist.
In den Regeln fehlt ein Anhang mit der Erklärung aller Gebäude und Symbole auf Ziel- und Bonusplättchen. Dafür gibt es dann nur einen QR-Code. Man hätte sich hier entscheiden müssen, eine günstige Reisevariante und damit die Spielbox halb so groß zu machen, oder einen soliden Mittelweg zu gehen, wofür ein faltbarer Papp-Plan dann aber unabdingbar gewesen wäre, und anständige Marker.
Die harten Fakten:
- Verlag: Lookout Spiele
- Autor*in(nen): Alexander Pfister, Johannes Krenner
- Illustrator*in(nen): Chris Quilliams
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: deutsch
- Spieldauer: 60 min. bei zwei Spieler*innen und 30 min. pro weitere Person
- Spieler*innen-Anzahl: 1 bis 4 Personen (am besten zu zweit oder dritt)
- Alter: ab 12 Jahren
- Preis: ca. 27 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Bonus/Downloadcontent
Der erwähnte QR-Code führt auf die Lookout Spiele-Seite, auf der es einen Anhang gibt, der hilft, gewisse Symbole zu entschlüsseln.
Fazit
Wer Great Western Trail mag, mag eine Mischung aus klugen Spielzügen und Deckbuilding, um dem Glück ein Schnippchen zu schlagen. Dabei ist alles in ein interessantes und stimmiges Setting eingebunden. Auf der Box von El Paso bezeichnet man das so: „Das Spielgefühl von Alexander Pfisters Meisterwerk Great Western Trail in nur der Hälfte der Spielzeit.“ und „Klein, aber oho!“. Gewichtige Aussagen, denen man nicht gerecht wird.
Zwar ist das Spielgefühl ähnlich und das kompetitive Viehtreiben macht auch in dieser Variante Spaß, doch das war es dann auch. Man hat sich einfach nicht auf eine Zielgruppe festgelegt, sondern ein vermeintliches Reisespiel geschaffen, das nur durch die Gegend fliegt, wenn man nicht im heimischen Wohnzimmer sitzt. Es benötigt zu viel Platz, und ist abgesehen von den Holz-Meeplen minderwertig aus Papp- und Papiermaterialien produziert.
Der Baumwollplan ist dabei auch keine Hilfe, da er keinen soliden Untergrund bildet. Die Box ist auch nicht klein genug für ein Reisespiel, repräsentiert aber gut das Verhältnis zu Great Western Trail: Circa zwei Drittel der Größe des Klassikers macht die Box aus und im Verhältnis etwas genauso viel verbraucht es auch auf dem Tisch.
Die Idee, GWT etwas zu vereinfachen und so Fans von Spielen mit geringerer Komplexität auch die Möglichkeit zu geben, das durchaus gelungene Ambiente zu erleben und erfolgreiche Viehzüchter*innen zu werden, ist natürlich gut. Aber für knapp 30 Euro rutschige Papier- und Pappmaterialien zu erhalten und das als Reisespiel anzupreisen, ist weniger gut.
Deshalb geben wir El Paso ein Galloway-Rind im Wert von 2 Siegpunkten ohne Zertifikat

- GWT-Spielgefühl trotz schlankerer Regeln
- Kürzere Spielzeit als der Klassiker
- Billiges Spielmaterial
- Alles ist sehr klein und unkenntlich
- Erfüllt eigenen Anspruch nicht
Artikelbilder: © Lookout Spiele
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Sabrina Plote
Fotografien: Norbert Schlüter
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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