Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Du wachst in einem Raum auf, ohne irgendeine Erinnerung daran, wer du bist. Schnell stellst du fest, dass du in einer Albtraumwelt erwacht bist, aus der es kein Entkommen gibt. Alles, was bleibt, ist zu erforschen und herauszufinden, wer du warst – und sei die Antwort darauf auch noch so unerträglich.

Under Ashen Skies ist ein Solo-Horror-Rollenspiel, das aber auch zu zweit oder einer kleinen Gruppe gespielt werden kann. Der Fokus liegt allerdings auf der Solo-Erfahrung. Man erkennt deutlich die Inspirationen von Hellraiser, den Werken von Junji Itō und vor allem Silent Hill.

Der Horror-Aspekt ist hierbei ernst zu nehmen, denn schon die Spielwelt, die Kleinstadt Riverside, ist nichts für schwache Nerven. Doch der wahre Horror liegt in der Vergangenheit des eigenen Charakters. Je mehr man davon aufdeckt, desto mehr muss man feststellen, dass man nicht zu den Guten gehört hat. Vielleicht verdient man es sogar, hier gelandet zu sein?

Es werden viele Themen behandelt oder angesprochen, die zu Unbehagen führen können. Ein Disclaimer im Regelwerk macht dies deutlich. Under Ashen Skies ist definitiv nicht für Kinder und nur eingeschränkt für Jugendliche geeignet. 

Triggerwarnungen

(Waffen-)Gewalt, Krieg, Verstümmelung, Suizid, Bodyhorror, sexuelle Gewalt und Belästigung, Alkoholmissbrauch, Drogen, Kindesmissbrauch, Tierquälerei, Amoklauf, Trauma, psychische Krankheiten, Tod, Mord

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Die Spielwelt

Die Welt von Under Ashen Skies ist überschaubar: Alles spielt sich im Städtchen Riverside ab, gelegen an der US-amerikanischen Ostküste. Der Ort ist heruntergekommen und so gut wie verlassen, alle Geschäfte sind geschlossen. Ein paar arme Seelen befinden sich hier, aber sie sind entweder verloren oder mental instabil. Schnell wird ersichtlich, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Spätestens die Tatsache, dass ständig Asche vom Himmel fällt und alles mit einer grauen Schicht bedeckt, die unnatürliche Kälte, die sich nicht vertreiben lässt und der tückische Nebel, der die Sicht einschränkt, bestätigen diesen Eindruck. Noch dazu lauern Monster und Kreaturen in den Schatten, die direkt aus der Hölle stammen könnten. Doch all das war noch nicht das Schlimmste. Denn sollte man versuchen, diesen Ort zu verlassen, so muss man feststellen: Es ist nicht möglich. Jeder Weg hinaus führt nur wieder hinein. Es bleibt also nur eines: erforschen und Antworten finden.

Riverside ist eine verdrehte Horror-Variante der Realität.
Riverside ist eine verdrehte Horror-Variante der Realität.

Alle drei Zyklen (zehn Zyklen sind ein Tag) findet das sogenannte „Devouring“ statt, das einen Zyklus lang anhält. Es kündigt sich durch ein grelles Licht an, nur um von einer fast undurchdringlichen Dunkelheit abgelöst zu werden. Auch Riverside verändert sich dann: Der Boden ist mit verrottenden Blättern und kleinen Tieren bedeckt, Fenster an Gebäuden verschwinden, Türen und Wände bestehen nur noch aus verrostetem Metall und etwas, das vermutlich Blut ist, tritt daraus hervor. Gebäude verändern ihren Grundriss, die Decken ihrer Räume sind unnatürlich hoch, zerstückelte Körper liegen in den Ecken und immer wieder sind Schreie, mal nah, mal fern, zu hören. 

Der eigene Charakter wacht in dieser Welt auf, ohne irgendwelche Erinnerungen außer dem eigenen Namen. Ein kleines Ein-Zimmer-Apartment ist der einzig sichere Zufluchtsort, während man fünf verschiedene Orte der Stadt erkundet, auf der Suche nach Nützlichem und Antworten – aber vor allem Erinnerungen.    

Die Regeln

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Die grundlegenden Regeln sind einfach zu verstehen. Es wird ein W20 gewürfelt und je nach Probe der Wert eines entsprechenden Attributs oder Skills addiert, der zu Beginn bei 10 ist, beziehungsweise zwischen 0 und 10 liegt. Ist das Ergebnis größer gleich zwanzig, so ist der Wurf gelungen. Eine 1 und 20 bedeuten immer den schlecht- beziehungsweise bestmöglichen Ausgang einer Probe. Für die Zufallstabellen werden zusätzlich W6, W8, W10, W12 und W100 benötigt.

Im Kampf wird ebenfalls mit einem W20 gewürfelt und der Wert in Nah- oder Fernkampf addiert. Ist das Ergebnis größer gleich dem Verteidigungswert des*der Gegner*in, so hat man getroffen und verursacht entweder Wunden oder Zustände, die verschiedene Nachteile mit sich bringen. Der Charakter selbst besitzt keinen Verteidigungswert, kann aber durch Deckung, Rüstung und Ausweichen dafür sorgen, dass er nicht getroffen wird. Der Kampf ist zu Ende, wenn eine Seite mehr Wunden erlitten hat, als sie verkraften kann. Beim SC sind das zu Beginn drei. Für verschiedenste erlittene Verletzungen gibt es selbstverständlich auch Zufallstabellen.

Stirbt der Charakter, ist das nicht zwingend das Ende. Stattdessen wacht man wieder im Apartment auf und hat entweder eine Erinnerung verloren oder tatsächlich eine neue hinzubekommen. Nur mit sehr viel Pech ist die Seele des Charakters unwiederbringlich verloren. Stirbt man während des „Devouring“ erwacht man mit einem Makel, der sowohl Fluch als auch Segen ist.

Konflikte gilt es zu lösen – auf die eine oder andere Art.
Konflikte gilt es zu lösen – auf die eine oder andere Art.

Zusätzlich muss noch auf weitere Dinge geachtet werden, wie regelmäßiges Essen und Trinken, das Voranschreiten der Zeit und den aktuellen emotionalen Zustand. All das hat positive oder negative Auswirkungen auf das Spiel.

Eine besondere Form von Gegner ist die Nemesis. Hierbei handelt es sich um eine Horror-Version des SC, welche diesen ständig verfolgt, aber im Hintergrund bleibt. Zumindest so lange, bis der „Nemesis-Tracker“, der sich durch verschiedene Handlungen und Begegnungen erhöht, einen Wert von 100 erreicht – dann ist ein Kampf nicht zu vermeiden.

Charaktererschaffung

Die Erschaffung eines Charakters ist schnell abgeschlossen. Die sechs Hauptattribute (Strength, Dexterity, Constitution, Will, Intelligence und Charisma) starten auf einem Wert von zehn. Weitere Attribute sind Stamina, das im Kampf benötigt wird und ebenfalls mit einem Wert von 10 beginnt, und Fate, mit dem ein Wurf wiederholt werden kann und mit fünf anfängt. Trauma beginnt bei null und erhöht sich, wenn der Charakter schreckliche Dinge sieht und erlebt. Erreicht der Wert 100, fällt man dem Wahnsinn anheim.

Zusätzlich verfügt man über verschiedene Skills wie First Aid, Perception und Scavenge. Auf diese werden 50 Punkte in beliebiger Menge verteilt, dürfen aber einen Wert von 10 nicht überschreiten. Die Vergabe eines Namens rundet den Prozess ab.

Im Laufe des Spiels erhält der Charakter, etwa durch Erkunden oder Kampf, Mneme, was sich als Erfahrungspunkte interpretieren lässt. Sind 100 davon angesammelt, kann man ein Level aufsteigen. Das bedeutet, dass sowohl ein Attributspunkt oder zwei Skillpunkte vergeben werden können als auch eine Erinnerung aus der Vergangenheit erlangt wird – hierbei kann auch ein dunkles Geheimnis wieder zu Tage kommen. Und diese haben es in sich. So ist es möglich, dass man eine*n frühere*n Partner*in des Fremdgehens verdächtigte, was diese*r allerdings immer leugnete und schließlich dazu führte, dass man ihn*sie mit einem Messer, ein Hochzeitsgeschenk, tötete.

Der erlebte und erinnerte Horror wirkt sich auch auf den Geist aus.
Der erlebte und erinnerte Horror wirkt sich auch auf den Geist aus.

Je länger der Charakter überlebt und erkundet, desto wahrscheinlicher ist es, dass er irgendwann ein Talent erwirbt. Das sind starke Vorteile wie mehr Schaden im Nahkampf zu verursachen oder mehr Ausrüstung tragen zu können.

Spielbarkeit

Im Text wird versprochen, dass man sofort loslegen kann, nachdem man sich die grundlegenden Regeln und Mechaniken angeschaut hat – und das stimmt auch. Es wird eine Liste zur Verfügung gestellt, die man Punkt für Punkt abarbeitet und so einen Ort erkundet. Hierzu werden verschiedene Zufallstabellen zu Rate gezogen, die etwa bestimmen, wie ein bestimmter Raum an einem Ort aussieht und was sich darin befindet.

Insbesondere der Kampf ist recht kompliziert und es dauert etwas, bis man an alle nötigen Regeldetails denkt. Aber mit etwas Übung spielt sich das nach und nach ein. Durch die vielen Zufallstabellen wird sehr viel gewürfelt und geblättert beziehungsweise gescrollt, aber es ist jedes Mal spannend zu erfahren, wie der nächste Raum aussieht und was sich darin befindet.

Etwas umständlich ist die Tatsache, dass viele Werte während des Spielens beachtet und immer auf dem neuesten Stand gehalten werden müssen. Es kann leicht passieren, dass man durcheinanderkommt und etwas vergisst, vor allem, wenn dann noch temporäre Modifikatoren hinzukommen.

Spielbericht

Für den Spielbericht wurde Claire erschaffen, eine der verlorenen Seelen in Riverside ohne Erinnerungen. Zwei Einträge aus ihrem Tagebuch sollen beispielhaft für ihre Erlebnisse in der Stadt, aus der es kein Entkommen gibt, dienen.

Claires Tagebuch – Tag 1

Nachdem ich heute Morgen aufgewacht bin, war ich einfach nur verwirrt. Eigentlich bin ich es jetzt auch noch. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Wer bin ich? Wo komme ich her? Ist das Apartment, in dem ich lag, meins? Zumindest scheint es sonst niemand zu beanspruchen, also bleibe ich erst einmal hier. Es ist zwar nur ein Raum ohne Strom und Wasser, aber davon abgesehen scheint es hier sicher zu sein.

„Finde die anderen.“ Das stand auf einem Zettel, der unter der Tür hindurchgeschoben wurde – in meiner Handschrift. Das ergibt alles keinen Sinn. Aber es hat mich neugierig genug gemacht, um nach draußen zu gehen und diese seltsame Stadt zu erkunden. Irgendwie hat es mich zur Brooks High School gezogen und ich habe angefangen, sie zu erkunden. Aber mit einer High School hat dieses Gebäude nicht mehr viel gemein. In einem Raum haben Verrückte unzählige Frösche und kleine Vögel an die Wand genagelt. Wer macht so etwas? Ein anderer stand voll mit brennenden Kohlepfannen. Hat mich an einen Ritualplatz oder so erinnert. Und in einem dritten Raum, ich mag es fast nicht niederschreiben, standen in einem Regal mit einer Flüssigkeit gefüllte Gläser und darin schwammen Föten. Manche der Gläser waren leer. Ich will mir gar nicht ausmalen, was mit ihrem Inhalt geschehen ist.

So seltsam und widerlich die erkundeten Räume waren, so konnte ich doch ein paar nützliche Sachen finden: Batterien, einige medizinische Vorräte und ein paar Schmerzmittel.

Claires Tagebuch – Tag 9

Endlich habe ich die High School fast vollständig durchsucht und ich merke, wie dieser Ort an meinem Geist zerrt. Alles hier ist…falsch. In einem der Räume stand ein kleines Mädchen und ich hätte sie beinahe angesprochen, um zu fragen, ob sie Hilfe braucht. Ein Glück, dass mir vorher ihre Augen aufgefallen sind! Nichts als unendliche, schwarze Leere. Und ihr Mund…es hätte ihr eigentlich unmöglich sein sollen, ihn so weit zu öffnen. Das Geräusch ihrer aufeinander mahlenden Zähne wird mich heute Nacht vermutlich verfolgen. Als sie dann auf alle Viere ging, habe ich schnell das Weite gesucht, aber ich habe noch gesehen, wie sie viel zu schnell den Gang entlanggehuscht ist. Gut, dass sie mich nicht bemerkt hat. Morgen werde ich mir einen anderen Ort ansehen, vielleicht das Krankenhaus? Hoffentlich finde ich dort ein paar Antworten.

Erscheinungsbild

Die PDF ist in schwarz-weiß, maximal hier und da Sepia, gehalten, was sehr gut zur Atmosphäre passt. Auch die Illustrationen sind sehr stimmungsvoll.

Der Text wirkt nie überladen und ist in zwei Spalten aufgeteilt, was zusätzlich auflockert. Da das Spiel hauptsächlich mit Zufallstabellen arbeitet, sind entsprechend viele davon zu finden. Sie sind übersichtlich gestaltet, nur bei kleineren Überschriften ist der „wie mit einer alten Schreibmaschine“ geschriebene Text schwerer zu lesen. Ein Index ist vorhanden, könnte aber ausführlicher sein.

Besonders sind die vielen, stilvollen Kapitelüberschriften. So heißt der Teil mit den Waffen nicht einfach „Weapons“, sondern „Instruments of Harm“ oder das Kapitel zur Charaktererschaffung und -entwicklung „Of Personal Growth and the Search for the Self“.

Neben dem Regelwerk sind Charakterblatt und Pläne der erkundbaren Orte vorhanden.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Blackoath Entertainment
  • Autor*in(nen): Alan Bahr, Alex T.
  • Illustrator*in(nen): Alan Bahr, LF OSRCover
  • Erscheinungsjahr: 2023
  • Sprache: Englisch
  • Format: PDF, Softcover, Hardcover
  • Seitenanzahl: 135
  • ISBN: /
  • Preis: Pay what you want, vorgeschlagen: 0,86 EUR (PDF), 11,19 EUR (Softcover), 15,50 EUR (Hardcover)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG

 

Bonus/Downloadcontent

Auf der Seite von Blackoath stehen Charakterbogen und die Regeln zur Charaktererschaffung kostenlos zum Download zur Verfügung.

Fazit

Under Ashen Skies behandelt Horrorthemen, mit denen sich nicht jede*r wohlfühlen wird. Wenn man sich mit diesem Wissen darauf einlässt, kreiert das Solospiel eine bedrückende Atmosphäre mit verschiedensten Horrorelementen, bei denen die Inspirationen von Horrorspielen und -filmen wie Silent Hill deutlich werden und gut umgesetzt sind. Insgesamt ist es ein längeres Projekt, da es viel zu erkunden gibt und dies seine Zeit dauert – vor allem, da für alle Geschehnisse und Begegnungen Zufallstabellen benutzt werden. Zudem ist der Erfahrungs- und somit Erinnerungsgewinn eher langsam. Bis dahin geht es mitunter ums nackte Überleben. Dafür kann man eine Sitzung jederzeit unterbrechen und zu einem anderen Zeitpunkt fortfahren.

Spannend ist die Tatsache, dass der Hintergrund des eigenen Charakters im Mittelpunkt steht. Dieser wird jedoch nicht zu Beginn festgelegt, sondern kristallisiert sich nach und nach heraus, indem verlorene Erinnerungen wiedererlangt werden – und die wenigsten davon sind gut.

Wer bin ich? Dieser Frage gilt es, nachzugehen.
Wer bin ich? Dieser Frage gilt es, nachzugehen.

Die Regelerklärung baut meist gut aufeinander auf oder verweist auf die entsprechende Seitenzahl. Dennoch sind viele der kleinen Informationen über den gesamten Text verteilt. Hier ist es ratsam, sich diese auf einem Blatt oder in einem Dokument zu notieren, um beim Spielen nichts zu vergessen. Wenn man das einmal gemacht hat, ist die Orientierung deutlich leichter. Alternativ kann man die PDF mehrfach, mit den jeweils wichtigsten Seiten, öffnen.

Under Ashen Skies ist keine fröhliche, unbeschwerte Erfahrung. Aber genau darin liegt der Reiz.

 

  • Paradies für Zufallstabellen
  • Bedrückende Horror-Atmosphäre
  • Charakterhintergrund wird erst durch das Spielen erforscht
 

  • Infos stark verteilt und teilweise vage
  • Viel Buchführung nötig

 

 

Artikelbilder: © Blackoath Entertainment
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Alexa Kasparek
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