Die heutige Rezension dreht sich um eine spannende Neuinterpretation des Klassikers 20.000 Meilen unter dem Meer von Autor Jules Verne, geschrieben und gezeichnet von Thilo Krapp. Der reich bebilderte Abenteuercomic erzählt vom abenteuerlichen Unterfangen des Kapitän Nemo, der die Meere in seinem Unterwasserboot Nautilus befährt.
leichte Darstellung von verletzten Menschen
Inhaltsverzeichnis
Handlung
Wer die Geschichte rund um Kapitän Nemo und seine unfreiwillige Crew aus Professor Arronax, Conseil und Ned bereits kennt, dem sei dieser Klassiker dennoch ans Herz gelegt und ist eingeladen, mithilfe dieser Rezension die Neuinterpretation näher kennenzulernen. Für alle, die noch nie von den Abenteuern des Unterwasserboots Nautilus und Nemos tragischer Vorgeschichte gehört haben, sei hier die Handlung zusammengefasst:
Der spätere Kapitän Nemo muss ein schlimmes Ereignis mit ansehen, welches ihn dazu antreibt, sich von den Menschen und der Welt zu distanzieren. Der bekannte Tiefseeforscher Professor Arronax wird ein paar Jahre später dazu eingeladen, sich an der Jagd auf das unbekannte Tiefseemonster, das sein Unwesen im Nordatlantik treibt, zu beteiligen. Aus Forschungslust sagt der Professor der Expedition zu und begibt sich mit seinem Freund Conseil und einem Harpunier, Ned Land, an Bord des Schiffes. Doch sehr schnell wird auch dieses Opfer des (vermeintlichen) Seeungeheuers und die Crew kentert. Just in diesem Moment taucht ein seltsames Gefährt, ein Unterseeboot, auf. Die Gruppe wird entdeckt und in das Boot geholt, wo sie schließlich auch den mysteriös erscheinenden Kapitän des neuartigen Bootes kennenlernt.

Zunächst wenig begeistert, lassen sich die drei auf seine kühle Gastfreundschaft ein, da sich der Professor erhofft, Zugang zu weiterem, bisher unbekanntem Wissen zu erhalten. Er wird von der Faszination für das Wunderwerk der Nautilus und der Tiefseewelt angesteckt und bewundert den Kapitän für die Parallelwelt, die er sich in seinem weitläufigen Unterseeboot aufgebaut hat. Kapitän Nemo führt ihn peu à peu in die Technik und Ausstattung des Bootes ein, erzählt aber zunächst wenig von sich und seinen Überzeugungen.

Und so beginnt für die gerettete Crew eine abenteuerliche Weltreise mit einigen Tauchgängen, gefährlichen, aber auch einzigartigen Erlebnissen unter den Meeren und an Land. Sie sehen neue Tierarten, andere Kulturen, bereisen verschiedene Klimazonen, bergen Schätze und genießen fremdartige Speisen. Doch leider müssen sie wohl oder übel auch die Widrigkeiten des Lebens an Bord und unter Wasser kennenlernen: von Verletzungen unter Wasser bis zu Angriffen von Meerestieren, die ihren Lebensraum verteidigen. Das Leben in der Tiefsee birgt seine Gefahren und ist körperlich sehr herausfordernd.

Das Schiff ist ein autarkes System, das sich selbst versorgt. Einziges Problem: Ned, Arronax und Conseil werden festgehalten und sollen das Boot nie wieder verlassen, wenn es nach Kapitän Nemo geht. Doch insbesondere Ned schmiedet immer wieder Ausbruchspläne und auch Kapitän Nemo ist nicht der friedfertige Forscher, für den er auf den ersten Blick gehalten wird. Seine Wutausbrüche und sein oft tagelanges Verschwinden haben andere Gründe, die hier aber noch nicht verraten werden.
Die Handlung ist gut nachvollziehbar, auch das Ende birgt viel Spannung in sich, hier und da wurden auch historische Hintergründe mit eingestreut. Die Spannung zwischen Freiheitsliebe und der Drang zur Selbstjustiz wird hier sehr gut beschrieben.

Charaktere
Der Fokus dieser Interpretation liegt besonders auf den zwischenmenschlichen Beziehungen und Charakterzügen der Hauptpersonen. So sind Ned, Conseil und Professor Arronax in jeder Situation füreinander da und trotz Auseinandersetzungen, die unter diesen besonderen Umständen sicher realistisch sind, vertrauen sie sich und würden ihr Leben für den jeweils anderen geben. Der verantwortungsbewusste Conseil, der forschungslustige Professor Arronax und der misstrauische, etwas hitzköpfige Ned Land werden hier sehr authentisch dargestellt. Auch der kontrollierende, aber auch innerlich zutiefst verletzte Kapitän Nemo wird charakterlich sehr spannend skizziert. Dadurch wird zwar nach und nach auch seine faszinierende mysteriöse Erscheinung aufgedeckt, doch für das Verständnis der Story ist dies sehr nützlich.
Zeichenstil
Thilo Krapp benutzt insbesondere bei der Innenausstattung der Nautilus Jugendstil-Elemente, die es eigentlich damals noch gar nicht gab. Er begründet die Wahl aber im Bonusteil des Comics. Dieser Stil passt sehr gut zu den organischen Formen der Tiefseewelt und auch zur einzelgängerischen Person des Kapitäns. Die Farbtöne sind eher matt gehalten und haben allgemein eine niedrige Sättigung. Die Farbpalette bewegt sich zum Beispiel im Bereich jadegrün, hellrot und beige. Die Zeichnungen haben lockere, dickere Tinten-Outlines, die einem skizzenartigen Aquarell-Stil folgen.

Es hätten gerne noch eindrucksvollere Landschaftsszenerien sein dürfen, die atemberaubende Unterwasser-Atmosphäre, beziehungsweise eigentlich eindrucksvolle Landschaftspanoramen, kommen nicht ganz zur Geltung. Hier merkt man, dass der Fokus auf die Charaktere und die Nautilus gelegt wurde.
Erscheinungsbild
20.000 Meilen unter dem Meer ist ein Hardcover-Band mit leicht glänzenden Seiten und einem Format, das etwas kleiner als DINA4 ist. Er ist hochwertig in Farbe gedruckt. Die Sprechblasen haben nicht zu viel Text und fügen sich stimmig in die Bildpanels ein. Das Cover ist durch die Jugendstil-Deko sehr ansprechend, könnte meiner Meinung nach aber besser wirken, wenn der Kapitän ohne Tauchhelm abgebildet wäre, da er schließlich eine wichtige Person ist und nicht nur ein Taucher.
Die Nautilus ist auch eher ein Hintergrundobjekt auf dem Cover, was schade ist, da viel Arbeit in die Ausgestaltung gesteckt wurde: Krapp hat hier ein neues, eigenes Design für das bekannte Unterseeboot geschaffen.
- Verlag: Carlsen-Verlag
- Autor*in(nen): Thilo Krapp nach Jules Verne
- Zeichner*in(nen): Thilo Krapp
- Erscheinungsjahr: 2022
- Sprache: Deutsch
- Format: 198 mm x 265 mm, Hardcover
- Seitenanzahl: 256
- Preis: 26 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo
Bonus
Thilo Krapp hat im Bonusteil einige Skizzen, Charakterdesigns und Hintergedanken zur Entstehung des Comics, Zeichenstils und Studien, sowie eine komplette Außen- und Innenbeschreibung der Nautilus beigefügt. Die Skizzen sind sehr spannend und beeindruckend.
Fazit
Insgesamt ist die Comic-Umsetzung nah am Original. Ich habe jenes vor einigen Jahren gelesen und war sehr neugierig auf eine grafische Umsetzung der Geschichte, ob diese Neuinterpretation den Bildern, die beim Lesen im Kopf entstehen, gerecht würde. Dies ist zum Teil gelungen, die Geschichte ist nochmal deutlich besser nachvollziehbar, verliert aber auch ein klein wenig vom Reiz des Geheimnisvollen. Positiv in Erinnerung bleiben auch hier die engen Freundschaftsbande von Arronax, Ned und Conseil, die im Original natürlich auch eine wichtige Rolle spielten.
Wichtig zu wissen ist, dass in der Zeit, in der 20.000 Meilen unter dem Meer spielt, zwar Unterwasserboote ein Begriff waren, diese aber längst nicht so technisch raffiniert waren, wie die Nautilus. Daher mischt sich in die Geschichte auch etwas Science-Fiction, was der Story noch mehr Spannung verleiht. Die faszinierenden, aber auch die schrecklichen Seiten dieser Tiefseereise sind überzeugend ausgearbeitet. Die technischen und dekorativen Elemente der Nautilus fand ich zudem besonders gelungen. Die verwendete Farbpalette hätte stellenweise gerne kräftiger sein dürfen, die Charaktere hingegen sind wunderbar dynamisch und lebendig in ihrer Mimik, Bewegung und Gestik gestaltet.
Wer ein actiongeladenes Abenteuer sucht, das auch noch Klassikerstatus hat, kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten.

- Spannende grafische Umsetzung des Klassikers
- Nah am Original von Jules Verne
- Jugendstil-Elemente in den Zeichnungen, die zur Welt passen
- Die Möglichkeit für beeindruckende (Tiefsee-) Landschaftsbilder wurde nicht genutzt
- Durch die Comic-Umsetzung geht für Kenner*innen viel Interpretationsspielraum verloren
- Die Farben sind eher entsättigt, das Dunkle und Mysteriöse der Original-Story kommt nicht zur Geltung
Artikelbilder: © Carlsen
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Giovanna Pirillo
Fotografien: Verena Tribensky
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