Die Hugo-Awards, die seit 1953 jährlich die herausragendsten Werke der Science-Fiction-Literatur ehren, stehen im Jahr 2024 vor einer Krise. Nachdem im vergangenen Jahr erstmals die Preisverleihung in China stattfand, wurden im Frühjahr 2024 brisante Details über den Auswahlprozess bekannt, die einen tiefen Riss im Vertrauen der internationalen Science-Fiction-Community hinterlassen haben.
Im Jahr 2023 fand die Verleihung der Hugo-Awards zum ersten Mal in China statt, genauer gesagt in Chengdu. Diese Entscheidung wurde damals als Meilenstein in der internationalen Anerkennung der chinesischen Science-Fiction-Literatur gefeiert. Doch erste Unstimmigkeiten traten auf, als im Januar 2024, unverhältnismäßig spät, die offiziellen Nominierungsstatistiken des Vorjahres veröffentlicht wurden. Schnell wurde deutlich, dass mehrere namhafte Autor*innen, die genügend Stimmen erhalten hatten, um als Finalist*innen in die engere Auswahl zu kommen, überraschend disqualifiziert wurden. Zu den Betroffenen gehörten Größen wie Neil Gaiman, R.F. Kuang und Xiran Jay Zhao. Ihre Werke, die sowohl bei Kritiker*innen als auch bei Leser*innen hohe Anerkennung fanden, wurden ohne nähere Begründung als „nicht qualifiziert“ eingestuft.
Klarheit brachten dann geleakte E-Mails, die von Diane Lacey, einem ehemaligen Mitglied des Hugo-Award-Managementteams, an die Öffentlichkeit weitergegeben wurden. Die E-Mails zeigten, dass Teile des Auswahlkomitees des Hugo-Awards 2023 die Texte nach bestimmten Themen durchsuchten. Dabei ging es nicht nur um den Inhalt der Werke selbst, sondern auch um die politische Haltung der Autor*innen in den Sozialen Medien und ihre möglichen Verbindungen zu Themen, die in China als heikel gelten (zumindest in Augen der Jury-Mitglieder). Dies führte dazu, dass die betroffenen Werke, obwohl sie nach den üblichen Kriterien genügend Stimmen erhalten hatten, als „nicht qualifiziert“ markiert und aus dem Wettbewerb ausgeschlossen wurden.
Bis heute bleibt die Motivation hinter dieser Selbstzensur unklar. Eine klare Liste von Themen, die im Rahmen der Zensur ausgeschlossen wurden, gibt es nicht. Die Überprüfung betraf scheinbar alle Texte, die sich mit sensiblen Themen wie Taiwan, Tibet oder Hongkong befassten. Doch die Definition dessen, was als problematisch angesehen wurde, scheint äußerst vage und willkürlich zu sein. Die E-Mails vermitteln den Eindruck, dass die Entscheidungen auf Spekulationen über mögliche Reaktionen der chinesischen Behörden oder auch Unternehmen basierten.
Die betroffenen Autor*innen reagierten empört auf diese Enthüllungen. R.F. Kuang, deren Roman Babel bereits mehrere andere prestigeträchtige Auszeichnungen gewonnen hatte, äußerte sich kritisch über den Ausschluss ihres Werkes und bezeichnete den gesamten Prozess als illegitim. Xiran Jay Zhao kommentierte auf Social Media, dass es absurd sei, wie bereitwillig die westlichen Mitglieder des Komitees sich an dieser Zensur beteiligten, anstatt den guten Ruf des Preises zu wahren. Angesichts der Enthüllungen und des öffentlichen Drucks sah sich die Jury des Hugo-Awards 2024 in Glasgow gezwungen, Maßnahmen zur Wiederherstellung des Vertrauens zu ergreifen. In einer offiziellen Erklärung kündigte die Jury an, den Auswahlprozess transparenter zu gestalten und sicherzustellen, dass ähnliche Vorfälle in Zukunft vermieden werden. Zudem traten mehrere Mitglieder der Jury, die an den Entscheidungen des Vorjahres beteiligt waren, von ihren Ämtern zurück, darunter auch Dave McCarty, der als Vorsitzender der Jury 2023 fungierte.
Doch auch die Hugo-Awards 2024 haben bereits mit Problemen zu kämpfen. In einem offiziellen Statement gab das zuständige Administrationsteam bekannt, dass während der Auszählung der Stimmen auf dem finalen Wahlzettel für die Hugo-Awards 2024 ungewöhnliche Datenmuster entdeckt wurden. Eine Analyse zeigte, dass eine große Anzahl von Stimmen durch Konten abgegeben wurde, die nicht den Kriterien „natürlicher Personen“ entsprachen. Auffällige Muster, wie eine Serie von Wähler*innen mit nahezu identischen Nachnamen oder Namen, die Übersetzungen aufeinanderfolgender Zahlen waren, deuteten auf gefälschte Stimmen hin.
Diese unzulässigen Stimmen, die hauptsächlich einer Person zugutekamen, wurden aufgedeckt, nachdem das Team auch einen vertraulichen Bericht erhielt, der bestätigte, dass mindestens eine Person die Mitgliedschaft in der World Science Fiction Society für mehrere Personen gesponsert hatte. Da davon auszugehen ist, dass sogenannte „Finalist*in A“ von den unzulässigen Stimmen wusste, wurde der Name nicht veröffentlicht. Insgesamt wurden 377 von 3.813 Stimmen als ungültig identifiziert und aus der finalen Auswertung ausgeschlossen.
Die diesjährige Verleihung in Glasgow steht somit im Zeichen der Wiedergutmachung und des Bemühens, die Integrität des Hugo Awards wiederherzustellen. Doch die Narben, die vor allem der Skandal um die Hugo-Awards 2023 hinterlassen hat, werden nicht so schnell heilen. Viele Mitglieder der Science-Fiction-Gemeinschaft fordern grundlegende Reformen, um sicherzustellen, dass der Preis in Zukunft wieder als unabhängige und unpolitische Anerkennung der besten Werke der Science-Fiction und Fantasy wahrgenommen wird. Einige Stimmen innerhalb der Community plädieren sogar dafür, die Hugo-Awards von der direkten Verbindung zur jeweiligen Worldcon-Veranstaltung zu trennen, um politischen Einflussnahmen in Zukunft vorzubeugen. Andere sehen in der verstärkten internationalen Ausrichtung des Preises, wie sie durch die Verleihung in Chengdu erstmals realisiert wurde, eine Chance, allerdings nur unter der Bedingung, dass der Preis seine Unabhängigkeit bewahrt.
Die Hugo-Awards 2024 in Glasgow sind nicht nur eine Preisverleihung, sondern auch eine Bewährungsprobe für die gesamte Science-Fiction-Gemeinschaft. Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben gezeigt, wie zerbrechlich das Vertrauen in kulturelle Institutionen ist und wie wichtig es ist, dieses Vertrauen durch Transparenz und Integrität zu bewahren.
keine üblichen Trigger
Inhaltsverzeichnis
Die Nominierten:
The Adventures of Amina al-Sirafi – Shannon Chakraborty (Harper Voyager)
Mit The Adventures of Amina al-Sirafi (dt. Die Abenteuer der Piratin Amina al-Sirafi) beweist Shannon Chakraborty einmal mehr, dass sie zu den herausragenden Stimmen der modernen Phantastik gehört. Die Bestseller-Autorin hat sich mit ihrer einzigartigen Mischung aus islamischer Geschichte, Mythologie und phantastischen Elementen einen festen Platz in der Literaturwelt erobert. Diesmal nimmt sie die Leser*innen mit auf eine abenteuerliche Reise in den mittelalterlichen Orient. Amina al-Sirafi, einst eine gefürchtete Piratin, hat sich nach einem bewegten Leben auf hoher See zurückgezogen, um etwas Ruhe mit ihrer Tochter zu finden. Doch das Verlangen nach dem Meer und ein lukrativer Auftrag, der gleichzeitig eine alte Schuld begleichen könnte, locken sie zurück in ein letztes, gefährliches Abenteuer. Magische Artefakte, tödliche Monster und unberechenbare Gewässer stellen Amina und ihre Mannschaft vor ungeahnte Gefahren, während sie gegen einen skrupellosen Entführer kämpft, der dunkle Pläne verfolgt.
Das Besondere an The Adventures of Amina al-Sirafi ist die geschickte Verbindung von historischen und phantastischen Elementen. Shannon Chakraborty nutzt den realweltlichen Schauplatz des Indischen Ozeans, in dem sich mächtige Artefakte, gefährliche Seeungeheuer und Dschinns befinden. Sie versteht es, das mittelalterliche Setting mit lebendigen Charakteren und einer spannenden Handlung zu verweben. Amina al-Sirafi ist eine erfrischend untypische Heldin: eine erfahrene Frau, Mutter und ehemalige Piratin, die sowohl physische als auch emotionale Stärke zeigt. Die reiche Vielfalt der Charaktere, die Amina auf ihrer Reise begleiten, verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe, und die Dynamik zwischen den Mitgliedern der Crew ist von vergangenem Schmerz und unausgesprochenen Geheimnissen geprägt. Zur vollständigen Teilzeithelden-Rezension geht es hier.
Die harten Fakten:
- Verlag: Panini
- Autorin: Shannon Chakraborty
- Erscheinungsdatum: 31. Oktober 2023
- Sprache: Deutsch
- Format: Paperback
- Seitenanzahl: 576
- ISBN: 978-3-8332-4396-7
- Preis: 19,00 EUR (Print) + 13,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon Deutsch, Amazon Englisch, idealo
The Saint of Bright Doors – Vajra Chandrasekera (Tor)
Vajra Chandrasekera hat mit The Saint of Bright Doors eine faszinierende Mischung aus magischer und alltäglicher Welt geschaffen. Der Roman begleitet den Protagonisten Fetter, der eine düstere Bestimmung zu erfüllen hat. Von seiner Mutter, einer mächtigen Magierin, wird er seit seiner Kindheit darauf vorbereitet, seinen Vater zu töten. Doch Fetter entscheidet sich, diesem schicksalhaften Pfad zu entfliehen und in der Stadt Luriat ein neues Leben zu beginnen. Dort gerät er jedoch bald in den Strudel von Revolutionen und göttlichen Mächten, die ihn erneut in ihre Welt aus Gewalt und Machtkämpfen ziehen. Denn Luriat, die Stadt der leuchtenden Türen, ist ein Ort voller Mysterien, in dem nichts so ist, wie es scheint. Therapiegruppen entpuppen sich als Rekrutierungsstätten für revolutionäre Bewegungen, und selbst banale Dinge wie Junk-E-Mails könnten die Ankunft eines Gottes ankündigen. In dieser Stadt, in der jede Tür unendliche Möglichkeiten birgt, muss Fetter herausfinden, wer er wirklich ist. Schließlich macht er eine Entdeckung, die nicht nur sein Leben, sondern die gesamte Welt verändern könnte.
Chandrasekera gelingt es meisterhaft, eine Welt zu erschaffen, die zugleich fremd und vertraut wirkt. Die Vermischung von realen Elementen aus dem modernen Alltag, wie Dating-Apps und Crowdfunding-Kampagnen, mit einer tief in der Mythologie verwurzelten Geschichte, mag auf den ersten Blick absurd erscheinen. Doch der Kontrast zwischen diesen Welten wird nicht humoristisch oder ironisch dargestellt. Vielmehr fühlt sich alles organisch und natürlich an, was dem Roman eine dichte, träumerische Atmosphäre verleiht. Was The Saint of Bright Doors besonders auszeichnet, ist die Art und Weise, wie der Autor komplexe gesellschaftliche Themen in die Handlung einfließen lässt. Die Revolution, in die Fetter hineingezogen wird, ist nicht einfach eine Frage von Gut gegen Böse. Stattdessen wird die komplexe Natur staatlicher Gewalt und die moralischen Grauzonen, in denen sich die Figuren bewegen, realistisch und vielschichtig ausgearbeitet.
Die harten Fakten:
- Verlag: Tor
- Autor: Vajra Chandrasekera
- Erscheinungsdatum: 11. Juli 2023
- Sprache: Englisch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 368
- ISBN: 978-1-250-84738-6
- Preis: 12,45 EUR (Print) + 9,82 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Translation State – Ann Leckie (Orbit US)
In Translation State kehrt Ann Leckie in das Universum der Radch zurück, das sie in ihrer preisgekrönten Imperial Radch-Trilogie erschaffen hat. Der Roman verknüpft die Geschichten dreier Figuren, deren Schicksale sich in einer Welt voller politischer Intrigen, biologischer Geheimnisse und Fragen der Identität und Selbstbestimmung kreuzen. Im Zentrum des Romans steht zum einen Qven, ein*e Presger-Übersetzer*in. Qven lehnt sich gegen die vorbestimmte Rolle als Vermittler*in zwischen Menschen und den fremdartigen Presger auf. Denn um die Reife zu erreichen, muss Qven sich mit einer anderen Person verschmelzen. Dann ist da noch Reet, ein Techniker mit einer mysteriösen genetischen Herkunft, der von einer Gruppe politischer Aktivist*innen ins Visier genommen wird. Da seine genetischen Anomalien ihn von den Menschen um ihn herum unterscheiden, muss Reet sich der Tatsache stellen, dass seine Herkunft und Identität möglicherweise weit komplexer sind, als er je geahnt hat. Und als letztes Enae, ein*e diplomatische Außenseiter*in. Nach Jahrzehnten der Unterordnung unter die Launen der Großmutter, macht sich Enae auf zu einer Mission, die nicht nur Enaes eigenes Leben, sondern das Schicksal ganzer Zivilisationen beeinflussen könnte. Während Enae und Reet in der dritten Person erzählt werden, wird Qvens Geschichte aus der Ich-Perspektive geschildert. Diese Wahl ermöglicht es den Leser*innen, Qvens komplexe und fremdartige Welt aus einer unmittelbaren und intimen Perspektive zu erleben.
Translation State verbindet die epischen Dimensionen Ann Leckies früheren Werke mit einer intimen, charaktergetriebenen Erzählung, die sich mit grundlegenden Fragen des Menschseins auseinandersetzt. Für Leser*innen, die bereits mit Leckies Universum vertraut sind, bietet Translation State reichhaltige neue Einblicke und Verbindungen zu früheren Geschichten, während Neulinge in eine faszinierende und vielschichtige Welt eingeführt werden.
Die harten Fakten:
- Verlag: Orbit US
- Autorin: Ann Leckie
- Erscheinungsdatum: 08. Juni 2023
- Sprache: Englisch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 422
- ISBN: 978-0-356-51792-6
- Preis: 14,70 EUR (Print) + 6,49 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Starter Villain – John Scalzi (Tor)
Mit Starter Villain setzt John Scalzi, der bereits mehrere Hugo-Awards gewonnen hat, seine beeindruckende Karriere fort. In typischer Scalzi-Manier präsentiert der Autor, der unter anderem für seine Space Opera Das Imperium der Ströme bekannt ist, eine Geschichte, die ebenso zeitgenössisch wie unterhaltsam ist und dabei Themen wie Einkommensungleichheit, Tierrechte und Gewerkschaftskämpfe in einer postmodernen, satirischen Erzählung verpackt.
Die Handlung von Starter Villain dreht sich um Charlie, einen geschiedenen Aushilfslehrer, dessen Leben in einer Sackgasse steckt. Während er von einer Karriere als Pub-Besitzer träumt, ihm jedoch die nötigen finanziellen Mittel fehlen, ändert sich alles, als er das Geschäft seines kürzlich verstorbenen Onkels Jake erbt. Doch dieses Geschäft ist keineswegs gewöhnlich. Es handelt sich dabei um das Superschurken-Imperium seines Onkels. Charlie sieht sich plötzlich mit den Feind*innen seines Onkels konfrontiert, die nun auch ihn ins Visier nehmen. Mit Unterstützung von gewerkschaftlich organisierten Delfinen, hyperintelligenten Spionagekatzen und einem furchteinflößenden Handlanger muss Charlie lernen, sich in dieser neuen, gefährlichen Welt zu behaupten.
Was Starter Villain besonders auszeichnet, ist Scalzis satirischer Blick auf das moderne Bösewicht-Handwerk. Die Feind*innen der Geschichte erinnern stark an reale Figuren unserer Zeit, von milliardenschweren Unternehmer*innen bis hin zu selbstverliebten Krypto-Expert*innen.
Während die Geschichte voller skurriler Wendungen steckt, scheint sie gleichzeitig schon fast zu dialoglastig zu sein. Die Handlung findet da größtenteils zwischen den Zeilen statt. Dennoch bleibt das Buch ein typischer Scalzi: leichtfüßig, unterhaltsam und mit einem guten Gespür für das, was die Leser*innen zum Lachen bringt.
Die harten Fakten:
- Verlag: Tor
- Autor: John Scalzi
- Erscheinungsdatum: 19. September 2023
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 264
- ISBN:978-0-765-38922-0
- Preis: 28,45 EUR (Print) + 9,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Witch King – Martha Wells (Tor)
Witch King, der neueste Roman von Martha Wells, markiert eine Rückkehr zur Fantasy nach einer Dekade des Erfolgs in der Science-Fiction, unter anderem mit dem Science-Fiction Thriller All Systems Red, für den sie bereits einen Hugo-Award gewonnen hat.
In Witch King folgt die Geschichte Kaiisteron, einem Dämonen und ehemals gefürchteten Hexenkönig, der nach einer langen Gefangenschaft erwacht und feststellt, dass sich die Welt um ihn herum radikal verändert hat. Kaiisteron, oder Kai, wird aus einem tiefen, magischen Schlaf erweckt, als ein Magier versucht, seine Macht zu stehlen. Er findet sich in einer Welt wieder, die nach der Revolution, an der er selbst mitgewirkt hat, tief gespalten ist und muss nun herausfinden warum er verraten und eingesperrt wurde. An der Seite seiner treuen Freundin Ziede begibt er sich auf eine gefährliche Suche, um Ziedes verschwundene Frau Tahren zu finden und die Kräfte aufzuspüren, die die fragile Ordnung der Nachkriegswelt destabilisieren wollen.
Martha Wells kann sowohl große Landschaften als auch kleine, intime Szenen lebendig beschreiben und zieht die Leser*innen tief in ihre Geschichte hinein. Die Handlung ist zwar erstaunlich geradlinig, doch der wahre Reiz des Romans liegt in der Reise selbst. Die Erzählung springt zwischen Kais Vergangenheit und Gegenwart hin und her, und die Ereignisse von damals beeinflussen direkt sein heutiges Handeln und seine Entscheidungen. Fans der Murderbot Diaries werden in Witch King einige vertraute Elemente wiederfinden. Beide Geschichten beschäftigen sich mit Charakteren, die sich in einer brutalen Welt behaupten müssen und dabei nicht davor zurückschrecken, Gewalt einzusetzen, wenn es nötig ist. Wie bei Murderbot liegt auch in Witch King ein Fokus auf einer großen Anzahl von Charakteren und einem komplexen Netz von Beziehungen. In der von Wells geschaffenen Welt sind queere Beziehungen und flexible Geschlechtsidentitäten selbstverständlich. Kai selbst wechselt Körper und damit auch Geschlechter, ohne dass dies in irgendeiner Weise problematisiert wird, es ist einfach Teil der Welt, in der er lebt.
Die harten Fakten:
- Verlag: Tor
- Autorin: Martha Wells
- Erscheinungsdatum: 20. Mai 2023
- Sprache: Englisch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 414
- ISBN: 978-1-250-82679-4
- Preis: 15,54 EUR (Print) + 9,82 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Die Gewinnerin
Some Desperate Glory – Emily Tesh (Tor)
Emily Tesh, die bereits mit ihrer Greenhollow-Novellenreihe beeindruckte, hat mit Some Desperate Glory (dt. Die letzte Heldin) ein weiteres Meisterwerk geschaffen. In der düsteren Space Opera folgen wir der Protagonistin Kyr. Sie ist eine der besten Kriegerinnen ihrer Generation, die auf der Raumstation Gaea lebt, dem letzten Überbleibsel der Menschheit, die sich nach der Zerstörung der Erde durch die Alienrasse Majoda an einem Ort des Widerstands verschanzt hat. Kyr wurde darauf trainiert, die Menschheit zu rächen und die Majoda zu vernichten. Doch mit der Zeit beginnt sie, die Motive ihrer Anführer*innen zu hinterfragen.
Was Some Desperate Glory so besonders macht, ist die meisterhafte Darstellung von Kyr’s Weg der Deradikalisierung. Emily Tesh gelingt es, diese komplexe und oft schmerzhafte Reise auf packende und überraschende Weise darzustellen. Kyr muss sich nicht nur den Lügen stellen, die ihr seit ihrer Kindheit eingetrichtert wurden, sondern auch ihren eigenen Platz in einer Welt neu definieren, die sie bisher nur als Feind*in betrachtete. Tesh zeigt in Some Desperate Glory ein tiefes Verständnis der klassischen Science-Fiction-Tropen und dekonstruiert sie auf geniale Weise. Besonders hervorzuheben ist die Art und Weise, wie sie mit Themen wie Rassismus, Sexismus und Militarismus umgeht, die in vielen traditionellen Scifi-Werken oft unreflektiert bleiben. Some Desperate Glory ist somit nicht nur eine Hommage an das Genre, sondern auch eine bewusste Kritik an seinen problematischen Aspekten.
Die harten Fakten:
- Verlag: Heyne
- Autorin: Emily Tesh
- Erscheinungsdatum: 12. Juni 2024
- Sprache: Deutsch
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 560
- ISBN: 978-3-453-32319-3
- Preis: 18,00 EUR (Print) + 9,99 EUR (E-Book)
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Artikelbilder: © Heyne, Tor, Orbit US, Panini
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Nina Horbelt
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