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Die Kathedrale des Abgrunds gehörte in den letzten Jahren zu einer der visuell beeindruckendsten Graphic Novels. Der dritte und vierte Band der epischen Geschichte hatten somit einige Erwartungen zu erfüllen. Warum diese sogar übertroffen werden konnten, zeigt sich in diesem Kurzcheck.

Die ersten beiden Teile dieser Graphic Novel-Reihe wirken auf den ersten Blick wie klassische Fantasy-Geschichten. Wenngleich das hinsichtlich der Rahmenhandlung in Phasen zutrifft, schafft es der Einstieg von Die Kathedrale des Abgrunds mehr und mehr aufgrund seiner entfaltenden Welt und Entwicklung der Charaktere zu fesseln. Die opulente Inszenierung tut ihr Übriges, um für ein unterhaltsames Leseerlebnis zu sorgen. Der dritte und vierte Teil haben somit große Fußstapfen zu füllen. Gelingt es Der Weg des Weisen und Der Glanz von Soo, an den Stärken der ersten beiden Bände anzuschließen? Finden wir es gemeinsam heraus.

Triggerwarnungen

Explizite Gewaltdarstellung, sexuelle Erniedrigung

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Handlung & Charaktere

Doch zunächst geht es nochmals einen Schritt zurück, um die Ausgangssituation zu verstehen. Die Reiche des Südens und des Nordens sind durch einen gewaltigen Abgrund getrennt, welchen die Gottheiten der Welt selbst geschaffen haben. Dieser Graben und seine Wächter bewahren den fragilen Frieden der Welt, da Konflikte zwischen den Reichen unmöglich scheinen. Doch dieser Zustand wird nicht von Dauer sein. Die Prophezeiung des Evangeliums von Ariathie spricht von der Ankunft eines Messias, der die Reiche wieder vereinen wird. Sein Erscheinen, angekündigt durch den Bau einer gewaltigen Kathedrale über dem Abgrund, verspricht den Beginn eines goldenen Zeitalters. Doch nicht alle sehen dieser heilsbringenden Figur positiv entgegen. Besonders die Eliten der beiden Reiche versuchen die Prophezeiung nach allen Mitteln zu verhindern, um an ihrer Macht festzuhalten.

Die Geschichte von Die Kathedrale des Abgrunds dreht sich um diese Prophezeiung und folgt hierfür den Lebenswegen verschiedener Personen. Im Zentrum stehen besonders die Templerin Sinead und der Baumeister Pier de la Vita. Erstgenannte ist eine kampfstarke Frau mit einer komplexen Vergangenheit, welche schnell im Zentrum des möglichen Erscheinens des Messias zu stehen scheint. Letztgenannter wirkt zu Beginn losgelöst von der Rahmenhandlung, bis er in einen folgenschweren Konflikt mit einem finsteren Magier gerät.

Der Weg des Weisen setzt die Handlung nahtlos fort und sieht sowohl Sinead als auch Pier mit großen Gefahren konfrontiert. Außerdem erfährt man als Leser*in mehr über die Hintergrundgeschichte des Druiden Brahnann, welcher im zweiten Teil als Verbündeter von Sinead in Erscheinung getreten ist. Somit liegt auch im dritten Band der Reihe ein starker Fokus auf die Etablierung von mehr Tiefgang der Charaktere und der zugrundeliegenden Welt. Jedoch kommen dank der imposanten Schlachtenszenen und dem Werdegang von Pier Action und Dramatik nicht zu kurz.

In Der Glanz von Soo beginnt sich zu offenbaren, wie die Geschichten dieser scheinbar unzusammenhängenden Personen zusammengehören. Im fernöstlichen Land Assany finden jene zueinander, die vom Schicksal dazu bestimmt scheinen, die Kathedrale des Abgrunds zu errichten. Neue Feindschaften und Bündnisse zeigen sich auf, während alte Gegenspieler*innen an Bedrohung gewinnen.

Ehrlicherweise gibt es wenig, was an der Handlung dieser beiden Bände oder der Reihe insgesamt ausgesetzt werden kann. Zugegeben, es werden an vielen Stellen Stereotypen aus der Phantastik aufgegriffen. Doch die Charaktere sind abwechslungsreich, glaubwürdig und interessant gestaltet und treiben im Zusammenspiel die spannende Geschichte. Das Wechselspiel aus Schlachtengetümmel, Rückblenden, politischen Intrigen, emotionalen Momenten und unerwarteten Wendungen sorgt zudem für außerordentliche Kurzweil.

Eine hervorragende Entscheidung ist die Erweiterung der Handlung in die Stadt Soo im fernöstlichen Assany gewesen, was zum einen die Welt größer wirken lässt und zum anderen neue narrative Optionen gestattet. Der fernöstliche Charakter von Soo erhöht den wahrgenommenen Abwechslungsreichtum zusätzlich, da die Geschichte um die Kathedrale nun nicht mehr hauptsächlich in einer europäisch inspirierten Welt stattfindet.

Zeichenstil & Erscheinungsbild

Wie bereits die Vorgänger sind Der Weg des Weisen und Der Glanz von Soo opulent illustriert. Die Charaktere sind ohne Ausnahme hochwertig gestaltet und überzeugen mit grandioser Mimik und natürlich wirkender Gestik. Die Darstellung der Schauplätze, seien es Landschaften oder Städte, lädt zum Staunen und Eintauchen in die Welt ein. Grenier gelingt es in den Zeichnungen der Schlachten zudem, selbst bei Szenen mit vielen Beteiligten den Fokus auf die Charaktere zu legen, ohne das Gefühl von Epik zu verlieren.

Besondere Höhepunkte sind die doppelseitigen Illustrationen von Schlüsselszenen. Man muss für einen kurzen Moment innehalten und all die Details wertschätzen, wenn sich plötzlich riesige Armeen oder imposante Gegenden offenbaren. Hier gelingt es speziell Der Weg des Weisen, Eindruck zu hinterlassen.

Die visuelle Stärke des vierten Bandes liegt dagegen in der Abwechslung, die durch die Handlung in Soo in Kombination mit den anderen Schauplätzen erzeugt wird. Das schneebedeckte Reich ist deutlich von asiatischen Kulturen beeinflusst, welche ihren Weg in die visuelle Darstellung gefunden haben. Krieger in mächtigen Samurai-Rüstungen und gigantische Drachenboote sind nur einige Beispiele für diese Inspirationen.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Splitter Verlag
  • Autor: Jean-Luc Istin
  • Zeichner: Sébastien Grenier
  • Erscheinungsjahr: 2020 (Der Weg des Weisen) & 2023 (Der Glanz von Soo)
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: jeweils 48
  • Preis: 15 EUR (Der Weg des Weisen) & 16 EUR (Der Glanz von Soo)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Fazit

Die Reihe Die Kathedrale des Abgrunds gehört weiterhin zu den besten Graphic Novels, welche ich die letzten Jahre lesen durfte. Die epische Geschichte zweier getrennter Reiche, die durch eine göttlich geschaffene Kluft und prophezeite Wiedervereinigung verbunden sind, überzeugt mit einer fesselnden Erzählweise, interessanten Charakteren, Abwechslungsreichtum und aufwändiger Inszenierung. Die Handlung wechselt dabei zwischen Schlachten, Intrigen und persönlichen Konflikten und entfaltet sich durch geschickt platzierte Wendungen und Rückblicke.

Eine bedeutende Entwicklung ist die Erweiterung der Geschichte in das fernöstlich inspirierte Soo im vierten Band, was die Welt der Saga noch facettenreicher und größer erscheinen lässt. Die erzählerischen Stärken werden durch opulente Illustrationen ergänzt, die sowohl die emotionale Tiefe der Charaktere als auch die atemberaubenden Landschaften und Kampfszenen hervorheben. Besonders sind die doppelseitigen Schlüsselszenen, die stets Momente des Staunens schaffen.

Zwei Bände fehlen noch, bis die Geschichte um die Kathedrale des Abgrunds zum Ende kommen soll. Wenn man die fast dreijährige Wartezeit zwischen dem dritten und vierten Band bedenkt, könnte das noch einige Geduld erfordern. Wenn das Ende der Serie jedoch die bisherige Qualität beibehält, ist es diese Wartezeit auf jeden Fall wert.

 

  • Spannend gestaltete Geschichte mit tiefgehenden Charakteren
  • Opulent und detailliert inszeniert
  • Abwechslungsreich voller Action & Dramatik
 

  • Bedient stellenweise altbackene Fantasy-Stereotypen

 

Artikelbilder: © Splitter Verlag
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Alexa Kasparek
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