Im Keller des Hauses ihres Großvaters finden Kinder Apparaturen, Flaschen und seltsame Zutaten. Es dampft und qualmt, während blubbernde Flüssigkeiten vor sich hin kochen. Schnell wird es klar: Hier wird magische Limonade hergestellt. Und so werden aus den Kindern „Die kleinen Alchemisten“.
Vor elf Jahren veröffentlichte HeidelBÄR Games Die Alchemisten. Bei diesem vom Schwierigkeitsgrad her anspruchsvollen Deduktionsspiel aus der Feder des Autoren Matúš Kotry geht es darum, als Alchemist*innen Tränke zu brauen. Die Hauptaufgabe besteht darin, herauszufinden, welche Zutaten zu welchem Trank führen. Dabei bedient sich das Spiel, für damalige Verhältnisse revolutionär, einer Smartphone-App. Mithilfe der App werden Zutatenkarten eingescannt und das entsprechende Ergebnis angezeigt. Die Alchemisten erfreut sich bis heute eines gewissen Kultstatus.
HeidelBÄR Games hat im letzten Jahr mit Die kleinen Alchemisten eine Kinderspielvariante der großen Vorlage veröffentlicht. Wie sein Vorgänger nutzt auch dieses Spiel eine App als Spielelement. Erweitert wurde es, ganz modern, um ein Legacy-Element. Durch das Freispielen von Spielelementen wird das Spiel nach und nach um neue Inhalte erweitert.
Wie das Spiel bei Kindern ankommt, konnten wir im Rahmen des Brettspielprojekts „Bonameser Brettspiel Bande“ im Kinder- und Jugendhaus in Frankfurt-Bonames testen. Wie das Urteil der kleinen Alchemist*innen ausgefallen ist und ob das Spiel an die Qualitäten des Vorgängers anknüpfen kann, werden wir euch im folgenden Artikel näherbringen. Da es sich um ein Legacy-Spiel handelt, werden wir hierbei, um nicht zu spoilern, nur auf das Grundspiel eingehen.
keine besonderen Trigger
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
Eine Kinderspielvariante von Die Alchemisten klingt nach einer ambitionierten Aufgabe. Betrachtet man den Schwierigkeitsgrad auf BoardGameGeek, stellt man fest, dass das Spiel im oberen Kennerspielbereich angesiedelt ist.
Matúš Kotry ist diese Herausforderung, zu unserer Überraschung, hervorragend gelungen. Schon der Einstieg in das Spiel ist sehr gut realisiert. Die App führt vorbildlich an das Spiel heran. In einem kleinen Intro sieht man, wie die Kinder ahnungslos in den Keller des Großvaters steigen, um dort allerlei alchemistische Gerätschaften zu entdecken. Wenig später stehen sie an einem selbstgebauten Stand und verkaufen magische Limonade. Diese Gestaltung ist so ansprechend, dass sie die Kinder direkt in die Spielwelt eintauchen lässt; die Immersion ist perfekt.

Die Figur des Großvaters beginnt daraufhin, den Spielaufbau Schritt für Schritt per Video und Sprachausgabe über die App zu erklären. Dies hat einen enormen Aufforderungscharakter; die Kinder sind sofort voller Eifer dabei, das Spiel aufzubauen. Sie werden behutsam an die Hand genommen, alles wird in einem angemessen langsamen Tempo erklärt.

Nach dem Aufbau fährt der Großvater fort, den Spielablauf zu erklären. Neben einem offen ausliegenden Markt gibt es unterschiedliche Zutaten, die man über die App einscannt und so in Tränke verwandelt. Um festzuhalten, welche der beiden benötigten Zutaten zu welchem Trank führen, hat jede*r Spielende eine kleine Tabelle vor sich liegen, in der mit Spielchips festgehalten werden kann, was gebraut wurde. So sammeln alle nach und nach Informationen über die einzelnen Zutaten und die Tränke. Dies ist wichtig, weil nach einiger Zeit Kunden auf dem Markt erscheinen, denen die selbstgebrauten Elixiere verkauft werden können. Das bringt den Spielenden Geld ein, welches für gezielte Einkäufe von Zutaten auf dem Markt genutzt werden kann. Außerdem sind Goldmünzen am Ende Siegpunkte wert.
Haben alle Kunden den Markt verlassen, endet das Spiel mit einer weiteren Besonderheit. Nachdem die Spielenden geschaut haben, wer die meisten Münzen und damit die meisten Siegpunkte erlangen konnte, müssen alle Spielenden die Köpfe zusammenstecken, um eine finale Prüfung zu bestehen. In dieser Prüfung müssen alle gemeinsam eine Theorie darüber aufstellen, welche Zutaten zu bestimmten Tränken führen.

Ist dies gelungen, ist das erste Level abgeschlossen. Nun darf einer der Schlüsselaufkleber auf die Schachtel der zweiten Stufe aufgeklebt und über die App eingescannt werden. Schon springen die neuen Spielelemente virtuell aus der Schachtel, der Erzähler beglückwünscht die Spielenden und erklärt die neuen Spielelemente. Das Siegel auf den bis dahin verschlossenen Seiten des Regelheftes darf ebenso gebrochen werden. Mit jedem Spieldurchgang werden weitere Schlüssel freigespielt, die auf die Schachteln geklebt werden. Ist die benötigte Anzahl erreicht, wird ähnlich wie bei Dorfromantik das Spielmaterial für die nächste Stufe freigeschaltet.
Das alles hat einen unglaublich großen Aufforderungscharakter. Die Kinder waren während des Spielens Feuer und Flamme. Die ersten Partien Die kleinen Alchemisten konnten über mehrere Stunden fesseln. Ein größeres Lob kann ein Spiel aus der Sicht von Kindern kaum erhalten. Auch, dass es mehrere Anläufe benötigte, um eine weitere Stufe freizuspielen, hielt sie nicht davon ab, weiterzumachen. Der kooperative Teil des Spiels führt vor allem dazu, dass alle am Tisch belohnt werden. Dies wiederum sorgt für Langzeitmotivation.

Der langsam ansteigende Schwierigkeitsgrad sorgt dafür, dass sich die Kinder behutsam an die neuen Aufgaben herantasten können. Es muss jedoch angemerkt werden, dass bei uns brettspielerfahrene Kinder Die kleinen Alchemisten getestet haben. Ab dem fünften Level zieht der Schwierigkeitsgrad merklich an, was an der einen oder anderen Stelle zu Beginn durchaus überfordern kann. Aber auch hier verhilft der hohe Aufforderungscharakter des Spiels dazu, am Ball zu bleiben und an der gestellten Aufgabe zu wachsen.
So wird im Spielverlauf ständig das Ausschlussverfahren genutzt, um Informationen zu erlangen. Es werden mit Unbekannten gerechnet und spielerisch „Wenn-Dann-Gleichungen“ gelöst. Wohlgemerkt, wir sprechen hier von einem Spiel, das ab sieben Jahren ohne Weiteres spielbar ist. Das ist Bildung pur, verkleidet in einem attraktiven Spiel. Häufig stand nicht der Sieg, sondern das Freispielen der Boxen im Vordergrund, immer in gespannter Erwartung, welche Aufgabe als Nächstes kommt. Genau so sieht positive Lernmotivation aus. Die neuen Spielelemente werden sehr gut nähergebracht. Dass dazu nicht stundenlanges Regelstudium nötig ist, macht den gesamten Spielablauf flüssig und rund. Kurzum: So sehen moderne Kinderspiele aus!
Außerdem sind aus unserer Sicht Spiele für Kinder immer dann besonders gut, wenn auch Erwachsene daran Freude haben. So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Spiel öfter auf dem Tisch landet. Das Spiel ist zudem ein hervorragendes Gatewayspiel, das viel Spieltiefe mit einem leichten Einstieg verbindet. Auf der Seite des Verlags wird es sogar als „großartige Einführung in die Konzepte von Alchemists“ (sic!) beschrieben. Daher können wir Die kleinen Alchemisten auch Erwachsenen ans Herz legen, vor allem wenn sie Kinder für Brettspiele begeistern wollen. Wir hatten eine Menge Spaß!
Ausstattung

Das Spiel ist hervorragend ausgestattet. Die doppelten Spielbretter mit Vertiefungen, die schön gestalteten Sichtschirme und die niedlichen Illustrationen tragen zu einem positiven Spielgefühl bei. Alles, was sonst auf Karten abgebildet wird, ist hier auf dicke Pappe gedruckt. Das sollte, besonders bei einem Kinderspiel, für Langlebigkeit sorgen.
Die Aufmachung des Legacy-Teils ist ebenfalls sehr gut umgesetzt worden. Das Aufkleben der Schlüssel nach den einzelnen Spielen ist so belohnend, dass gerne darauf hingearbeitet wird. Die Kinder hätten sich jedoch ablösbare Aufkleber gewünscht, sodass sich das Spiel vollständig wieder zurücksetzen lässt. Andere Legacy-Spiele bieten dies bereits an, hier wäre es eine willkommene Ergänzung.

Häufig rümpfen Spielende über Brettspiele mit App-Unterstützung die Nase, weil dies nicht analog genug sei. Bei Die kleinen Alchemisten ist die App-Einbindung, wie beim großen Vorgänger, auf herausragende Weise gelungen. Die liebevolle Gestaltung der Einführungsvideos, die das gute Regelbuch nahezu überflüssig erscheinen lassen, trägt zu einem sehr lockeren und motivierenden Spieleinstieg bei. Leider ist unverständlich, warum sich in einigen geschriebenen und sogar vorgelesenen Texten kleine grammatische Fehler eingeschlichen haben. Hier können wir den Verlag nur dringend auffordern, nachzubessern.

Zudem funktioniert das Scannen der Zutaten, je nach Lichtverhältnissen, nicht immer einwandfrei. Kinder werden dann gern ungeduldig. Hier wurde häufig der Wunsch geäußert, die Zutaten nicht zu scannen, sondern von Hand einzugeben, was allerdings hervorragend funktioniert. Eigentlich schade, da das Scannen der Zutaten Die kleinen Alchemisten so besonders macht.
- Verlag: HeidelBÄR Games
- Autor*in(nen): Matúš Kotry
- Illustrator*in(nen): David Cochard, Štěpán Drašťák, Dávid Jablonovský, František Sedláček
- Erscheinungsjahr: 2024
- Sprache: Deutsch
- Spieldauer: 20 – 40 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 2 bis 4 Personen (am besten zu viert)
- Alter: ab 7 Jahren
- Preis: circa 50 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel
Bonus / Download-Content:
Die Anleitung und weiteres Material findet man bei BoardGameGeek zum Download.
Fazit:
Wer das Spiel Die Alchemisten kennt, weiß um dessen Schwierigkeitsgrad. Eine Kinderspielvariante zu diesem Spiel erscheint daher zunächst etwas abwegig.
Mit Die kleinen Alchemisten ist Matúš Kotry jedoch ein passendes Konzept gelungen. Im Wesentlichen beinhaltet das Spiel alle bekannten Bestandteile und durch das Legacy-Element wurde es kindgerecht aufgepeppt. Das stufenweise Freischalten neuer Spielelemente steigert den Schwierigkeitsgrad nur langsam; Kinder fühlen sich nicht sofort überfordert und haben die Möglichkeit an den gestellten Aufgaben zu wachsen. Außerdem ist es äußerst motivierend und spornt zum Weiterspielen an. Da wird es fast nebensächlich, wer am Ende gewinnt.
Mit der sehr gut umgesetzten App-Unterstützung bietet das Spiel einen Einstieg ohne langes Regelstudium, was für ein Kinderspiel von immensem Vorteil ist. Die Spielenden werden förmlich an die Hand genommen und durch den Spielverlauf gelotst. Das bereitete den Kindern, die uns bei diesem Test unterstützt haben, große Freude und verhalf nach kürzester Zeit selbstständig zu spielen. Das Spiel hat durch die App einen sehr hohen Aufforderungscharakter. Da verzeiht man auch kleinere Flüchtigkeitsfehler und, dass das Scannen der Zutaten ab und an nicht optimal funktioniert.
Auch Erwachsenen macht Die kleinen Alchemisten Spaß, was grundsätzlich positiv für ein Kinderspiel ist. Denn so kommt es öfter auf den Tisch. Wir haben selten ein so motivierendes Spiel für Kinder gespielt, das rundum gelungen und nicht nur etwas für kleine Alchemisten ist.
Wir vergeben 5 von 5 Zauberlimonaden.

- Einstieg ohne Regelstudium
- Anstieg der Schwierigkeit
- Motivierendes Legacy-Element
- Kleine Flüchtigkeitsfehler in der App
- Scannen funktioniert nicht immer
Artikelbilder: © HeidelBÄR Games
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Susanne Stark
Fotografien: Andreas Memmert
Das Spiel wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.



















