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Wahnsinnige Inquisitor*innen verbrennen Hexen, fanatische Gläubige bekämpfen sich gegenseitig, tödliche Seuchen überziehen das Land und mittendrin sind die Charaktere in Black Powder And Brimstone. Doch fern aller weltlicher Gefahren lauert noch etwas anderes Böses, das die Welt mit Schrecken überziehen will.

30-jähriger Krieg trifft auf Grimdark-Fantasy: Black Powder And Brimstone katapultiert die Spieler*innen in eine Welt voller Krieg, Gewalt und Dämonen. Das Tischrollenspiel beruht auf den Regeln von Mörk Borg von Ockult Örtmästare Games. Dementsprechend setzt Black Powder weniger auf ausgefeilte Regeln, sondern in erster Linie auf schnelle und brutale Kämpfe sowie ein überdrehtes Setting. In Black Powder stecken viele schöne Ansätze: Es erweitert die Mörk Borg-Regeln um einige Besonderheiten. Allerdings krankt das Regelwerk an vielen Stellen, insbesondere was die Verständlichkeit und das Layout angeht.

Triggerwarnungen

Krieg, Folter, Charaktertod, Körperhorror, religiöser Fanatismus

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Die Spielwelt

Die Welt von Black Powder And Brimstone ist voller Gefahren. Vaterland, das Land, in dem sich die Charaktere herumtreiben dürfen, befindet sich in einem endlosen Krieg zweier religiöser Gruppen: der Church of Holy Blood und den Puritaner*innen. Alle beide beten den God of Light an, doch seit Jahren kämpfen beide Gruppen, um die richtige Auslegung seiner Lehren. Black Powder nutzt als Setting im Grunde den 30-jährigen Krieg. Das war eine Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen im Europa des 17. Jahrhunderts, die unter Anderem aufgrund von Streitigkeiten zwischen der katholischen Kirche und Protestant*innen entbrannte.

Jedoch entwirft Black Powder eine abgedrehte Grimdark-Alternativversion Europas in der frühen Neuzeit. Zwischen eindrucksvollen gotischen Kathedralen lauern Monster, verbrennen Inquisitor*innen echte Hexen und wüten Berserker, die halb Mensch und halb Kanone sind. Statt der katholischen Kirche herrscht die Church of Holy Blood über Vaterland – und Protestant*innen sind als Puritaner*innen bekannt. Beide Fraktionen bestehen vollständig aus religiösen Fanatiker*innen, die sich unerbittlich bekämpfen. Natürlich gibt es auch ein Pest-Äquivalent: Die Staggering Pox raffen eine*n jede*n dahin, der*die sich damit ansteckt.

Mit den Puritaner*innen ist nicht zu spaßen.

Das Setting von Black Powder ist allgemein sehr spaßig und birgt viele schöne Ansätze. Besonders im Bestiarium zeigt sich das. Hier vermitteln die tollen Illustrationen einen guten Eindruck von den seltsamen Kreaturen, die es auf die Spielcharaktere abgesehen haben, von religiösen Fanatiker*innen, die sich selbst anzünden, bis hin zu lebendigen Henkersbäumen, die Reisende überfallen.

Allerdings bleiben die Beschreibungen der Welt an vielen Stellen eher oberflächlich und vor allem unübersichtlich. Das Regelwerk beginnt ohne irgendeine Einführung mit einer Karte von Vaterland, um dann sofort mit der Vorstellung der verschiedenen Städte loszulegen. Das ist ziemlich verwirrend, denn direkt zu Beginn tauchen die verschiedenen religiösen Fraktionen auf, die noch gar nicht eingeführt worden sind. Noch komplizierter wird der Text dadurch, dass die Fraktionen zum Teil mit verschiedenen Begriffen benannt werden, ohne dass klar ist, dass es sich um ein und dieselbe Fraktion handelt. Die Church of Holy Blood wird manchmal auch Church of Sacred Blood genannt, während ihre Anhänger*innen als Orthodoxe bezeichnet werden. Das erschließt sich jedoch erst aus dem Text zu den verschiedenen Fraktionen. Vorher müssen Lesende sich das selbst zusammenreimen.

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Die Beschreibungen der verschiedenen Orte und Fraktionen in Vaterland sind sehr stimmungsvoll und versprühen einen düsteren Charme. Allerdings sind sie insgesamt zu kurz. In jeder der drei vorgestellten Städte gibt es circa vier Orte, die in zwei bis drei Sätzen beschrieben werden. Außerdem sind die Karten zu den Städten nicht beschriftet, was es schwierig macht, sich darauf zu orientieren.

Das Worldbuilding in Black Powder ist leider nicht besonders ausgefeilt. Offensichtlich steckt viel Kreativität in den verschiedenen Aspekten der Welt, die besonders durch ihre düstere und dreckige Atmosphäre überzeugt. Allerdings überwiegt die Atmosphäre den tatsächlichen Inhalt um einiges. Die Bilder und Beschreibungen vermitteln zwar ein Gefühl für die Welt, darin zurecht finden kann man sich nach dem Kapitel über die Spielwelt trotzdem nicht.

Die Regeln

Black Powder nutzt die Regeln von Mörk Borg, die es jedoch um einige Eigenheiten erweitert. Insgesamt gibt es nur wenige Regeln, die zudem schnell zu begreifen sind. Fähigkeitenchecks werden Tests genannt. Bei jedem Test werfen die Spieler*innen einen W20 und addieren die Modifikatoren des passenden Attributs (Agility, Presence, Strength und Toughness) dazu. Wenn sie einen Schwellenwert treffen oder überbieten, den die Spielleitung vorher festgelegt hat, ist der Test bestanden. Die Spielleitung gibt zudem an, was Position und Impact des Wurfes sind. Impact bezieht sich darauf, was ein Erfolg überhaupt erreichen kann, also ob genau das geschieht, was der Charakter wollte, nur ein Teilerfolg eintritt oder aber ob sogar mehr passiert als erhofft. Die Position wiederum gibt an, wie gravierend ein Misserfolg wäre: weniger schlimm als gedacht, genauso wie erwartet oder noch viel schlimmer. Diese Konzepte sind im Endeffekt gleichzusetzen mit Position und Effect aus Blades in the Dark.

Ein Test ist ein Würfelwurf gegen einen Schwellenwert.

Dazu kommen einige Regelergänzungen, die die Mörk Borg-Regeln an das Black Powder-Setting anpassen. Zum Beispiel gibt es Regeln zum Gründen und Aufrechterhalten einer Kompanie, sowie den Einsatz von Söldner*innen. Es gibt spezifische Regeln für Waffen und für Schwarzpulverwaffen. Außerdem haben die Charaktere pro Tag drei Devil’s Luck Punkte mit denen sie bestimmte Boni erkaufen können, wie zum Beispiel bei einem Schadenswurf direkt maximalen Schaden auszuüben. Diese Kräfte haben jedoch ihren Preis und können zu körperlichen Mutationen des Charakters führen. Die meisten davon sind rein kosmetischer Natur: Eventuell wachsen dem Charakter Hörner oder ein elfter Finger. Eine Mutation hat allerdings tatsächlich mechanische Auswirkungen. Diese führt dazu, dass ein Charakter in direktem Sonnenlicht minütlich Schaden nimmt.

Die Regelneuerungen, die Black Powder einführt, sind an manchen Stellen vage und zwar auf verschiedenen Ebenen. Bei den Devil’s Luck Punkten bleibt beispielsweise unklar, warum die Charaktere darauf Zugriff haben. Nur ganz kurz wird erklärt, dass etwas Dunkles die Charaktere immer beobachtet und ihnen gegen einen Preis einen Gefallen tut. Wer genau den Charakteren hilft wird nicht erklärt. Andere Regeln hingegen sind mechanisch nicht ganz ausgereift. Es gibt beispielsweise bestimmte Regeln zu Verhandlungen. Hier wird nicht deutlich, was im Gegensatz zu einer normalen Interaktion, bei der ein Nichtspielercharakter überzeugt werden soll, genau als Verhandlung gilt. Zu Beginn einer solchen nicht näher definierten Situation soll die Spielleitung die Ausgangsposition des zu überzeugenden NSC festlegen. Diese können die Spieler*innencharaktere wiederum versuchen, durch Einschüchterungen oder Bestechung zu verändern. Ob das als Test, also durch Würfelwurf, oder rein auf narrativer Ebene geschieht, bleibt jedoch offen. Auch an anderen Stellen sind die Formulierungen im Regelwerk ungenau und werfen einige Fragen auf.

Schwarzpulverwaffen bergen für die Charaktere ein großes Risiko.

Schwarzpulver taucht zwar sogar im Namen des Regelwerks auf und bekommt eigene Regeln spendiert. Aber ob Spieler*innen dieses dann tatsächlich im Spiel nutzen, ist fragwürdig. Denn leider macht das System Schwarzpulver für die Charaktere enorm gefährlich. Das System ist darauf ausgelegt, dass Charaktere eher früher als später das Zeitliche segnen. Schwarzpulverwaffen sind daher ein unnötiges Risiko in diesem bereits recht tödlichen Spiel. Mit einer Chance von 25 Prozent (bei einer speziellen Waffe sogar 50 Prozent) erleidet der schießende Charakter nämlich selbst Schaden oder richtet gar keinen Schaden an. Zudem gibt es im Regelwerk auch nur 4 verschiedene Schwarzpulverwaffen, was in Anbetracht des Titels Black Powder And Brimstone unerwartet wenig ist.

Charaktererschaffung

Charaktere in Black Powder haben vier Attribute: Strength, Agility, Presence und Toughness. Wie hoch diese sind wird zunächst mit 3W6 ausgewürfelt, zumindest wenn man sich nach den Schritten im Regelwerk richtet. Als nächstes kann man sich einen Archetyp aussuchen, der bestimmte Fähigkeiten erhält. Allerdings verändert dieser Archetyp ebenfalls die Würfel, die man zum Auswürfeln der Charakterattribute braucht. Dementsprechend wäre es sinnvoller, diesen Schritt, anders als im Regelwerk beschrieben, als erstes auszuführen.

Als Archetypen stehen zum Beispiel Söldner*innen, Hexen und Kopfgeldjäger*innen, die sich alle noch mal in Unterklassen aufteilen, zur Verfügung. Theoretisch ist es auch möglich ohne Klasse zu spielen, was allerdings keinen spielmechanischen oder narrativen Mehrwert hat. Gelevelt werden die Charaktere, wenn sie bestimmte Meilensteine in der Geschichte erreichen, wie zum Beispiel das Ende eines Abenteuers. Das Leveln besteht darin, ein Attribut um eins und ein zweites um zwei zu erhöhen. Außerdem können Charaktere Feats (Spezialfähigkeiten) dazugewinnen, wie zum Beispiel die Fähigkeit Demon Hunter, die den Schaden gegen Dämonen automatisch um 2 erhöht, oder Fury Strikes, welche dem Charakter zwei Nahkampfangriffe pro Runde erlaubt.

Vom Trickster bis zum Deserteur: Black Powder bietet verschiedene Archetypen.

Die Charaktererstellung ist, wenn man durch die etwas verwirrende Darstellung durchgestiegen ist, relativ einfach und schnell. Mit den Archetypen und den dazugehörigen Unterklassen bietet Black Powder einige Möglichkeiten zur Individualisierung, die sich gut in das Setting einfügen. Jedoch werfen auch hier die Beschreibungen zum Teil Fragen auf: Was genau ist der spielmechanische Effekt der Rauchbomben des Sneak Thiefs? Wie viele Kugeln kann der Rifleman während einer Rast fertigen? Wie viele Kerzen bekommt eine Hexe zu Beginn? Diese Fragen ergeben sich vor allem daraus, dass an anderen Stellen spielmechanische Effekte von Gegenständen sowie Munitionsanzahl angegeben werden, an den genannten Stellen jedoch nicht. Ähnlich wie beim Worldbuilding fehlt Black Powder zum Teil die Tiefe.

Spielbarkeit aus Spielleitungssicht

Die Spielregeln von Black Powder sind für die Spielleitung schnell zu begreifen. Das Spiel besitzt keine schwierigen Mechaniken. Zudem sind die Schwellenwerte, die man für Standardaufgaben wie Nahkampf- oder Fernkampfangriffe überbieten muss, festgelegt. Das heißt, die Spielleitung muss sich darüber keine Gedanken machen.

Beim Worldbuilding muss die Spielleitung einiges selbst erdenken.

An anderen Stellen wird die Spielleitung dafür umso mehr gefordert. Da das Setting nur in gröbsten Zügen dargestellt wird, bleibt es der Spielleitung überlassen dieses auszuschmücken. Das Spielleitungskapitel gibt einige grundlegende Tipps zum Leiten von Rollenspielen und Konstruieren von Abenteuern, bleibt dabei ebenfalls unspezifisch und nicht explizit auf das Setting abgestimmt. Ähnliches gilt auch für den Abenteuergenerator, einige Zufallstabellen, die genauso einem generischen Fantasy-Setting statt einer durchgedrehten Grimdark-Welt entstammen könnten. Immerhin gibt das Regelwerk dafür ein großes und abwechslungsreiches Bestiarium an die Hand.

Spielbarkeit aus Spieler*innensicht

Auch für Spieler*innen sind die Regeln schnell erlernt. Alle Tests werden mit einem W20 gewürfelt. Es gibt keine Skills, sondern nur Attribute, was den Charakterbogen übersichtlich und die Charaktererstellung einfach macht. Allerdings ergeben sich mit verschiedenen Archetypen aufgrund unklarer Formulierungen Fragen. Auch das Leveln ist nur bedingt spannend. In erster Linie werden Attribute erhöht. Dazu kann man noch drei Spezialfähigkeiten erlernen.

Schade ist auch, dass die Schwarzpulverwaffen im Regelwerk so anfällig für Fehlfunktionen sind, denn dadurch eignen sie sich nicht für den regelmäßigen Gebrauch.

Erscheinungsbild

Die Bilder in Black Powder sind sehr gut gelungen und tragen sehr viel zur Atmosphäre des Settings bei. Es macht Spaß durch das Buch zu blättern und sich Bilder von fanatischen Inquisitor*innen oder lebendig gewordenen Leichenhaufen anzuschauen.

Weniger gelungen hingegen ist das Layout. Im Mittelpunkt stehen eindeutig die Bilder und der Text wurde teils mehr teils weniger passend darum herum arrangiert. Das führt an einigen Stellen zu etwas seltsamen Anordnungen insbesondere auf den Seiten, auf denen die verschiedenen Städte des Settings beschrieben werden. Zudem sind im Text immer wieder Rechtschreibfehler.

Das Buch hat kein Inhaltsverzeichnis, sondern lediglich einen Index, der die verschiedenen Unterkapitel erst thematisch und dann alphabetisch sortiert. Dadurch lassen sich Stichwörter schnell nachschlagen, ein Inhaltsverzeichnis hätte das Buch jedoch noch einmal übersichtlicher gemacht. Dazu kommt, dass die PDF weder Lesezeichen enthält noch durchsuchbar ist.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Free League
  • Autor*in(nen): Benjamin Tobitt
  • Illustrator*in(nen): Benjamin Tobitt
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Sprache: Englisch
  • Format: Hardcover / PDF
  • Seitenanzahl: 190
  • ISBN: /
  • Preis: 47,59 EUR (Hardcover) / 21,50 EUR (PDF-Datei)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, DriveThruRPG, Sphärenmeister

 

Fazit

Black Powder And Brimstone wartet in erster Linie mit tollen Illustrationen und einem in Ansätzen spannenden Setting auf. Die Grimdark-Version des 30-jährigen Krieges, die im Regelwerk beschrieben wird, ist sehr atmosphärisch, bleibt aber leider zu oberflächlich. Dazu kommt, dass der Text an einigen Stellen verwirrend strukturiert ist. Das erschwert vor allem den Einstieg in das Regelwerk. Gleichzeitig schafft es Black Powder nicht, die Mörk Borg-Regeln, die es als Grundlage nimmt, sinnvoll zu erweitern. Einige Ideen wie das Gründen einer eigenen Kompanie sind nett, aber an anderen Stellen werfen die Regelbeschreibungen diverse Fragen auf.

Auch beim Layout gibt es einige Abzüge, insbesondere die Abwesenheit eines Inhaltsverzeichnisses und die wenig komfortable Handhabung in der PDF-Datei. Black Powder hat, vor allem wenn es um Settings geht, viel Potenzial ein tolles Spielerlebnis zu bieten. Allerdings wird dieses Potenzial leider durch die zum Teil oberflächlichen und verwirrenden Beschreibungen und Regelerläuterungen verschenkt.

  • Atmosphärisches Setting
  • Einfache grundlegende Regeln
 

  • Schwaches Worldbuilding
  • Verwirrende Strukturierung
  • Unausgegorene Regeln


Artikelbilder: © Free League

Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Susanne Stark
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